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Happy Times – Ein blutiges Fest: Gesellschaftskritik, die nach hinten losgeht

18 Nov

Happy Times

Von Lucas Gröning

Horrorkomödie // Es sind definitiv schwierige Zeiten in der gegenwärtigen westlichen Welt und vor allem in den Vereinigten Staaten von Amerika. Ein Auseinanderdriften von Arm und Reich, anhaltende Diskussionen um Rassimus bei der Polizei und ein sich immer weiter verschärfender Rechtsruck. Zugleich bieten Probleme dieser Art einen umso größeren Raum für die Kunst, welcher dabei stets die Aufgabe zufällt, die gegebenen Verhältnisse und Widersprüche kritisch zu betrachten. Ein Selbstläufer, sodass in Folge dieser Schaffensprozesse auch kluge Debattenbeiträge herauskommen, ist das erfahrungsgemäß noch lange nicht. Einen Beleg dafür liefert Michael Mayer mit seinem zweiten Langfilm „Happy Times – Ein blutiges Fest“ (2019), welcher beim Haifa International Film Festival 2019 den Preis für das beste Drehbuch gewinnen konnte und zugleich im Wettbewerb um den besten Film vertreten war. Sein Langfilmdebüt hatte Michael Mayer sieben Jahre zuvor mit dem Drama „Out in the Dark – Liebe kennt keine Grenzen“ gefeiert, darüber hinaus war er als Regisseur einiger Episoden der Fernsehserie „The Decameron“ (2020) tätig und inszenierte den Kurzfilm „Fireworks“ (2011). Seine jüngste Regiearbeit „Happy Times“ bietet zunächst viel Potenzial, fügt sich jedoch schlussendlich in jene Tradition vermeintlich gesellschaftskritischer Filme der vergangenen Jahre, deren Intention schlussendlich nach hinten losgeht.

Sigal (M.) lädt verschiedene Freunde und Verwandte zum Abendessen ein

Zunächst einige Worte zur Geschichte, auch weil die Ausgangslage durchaus vielversprechend ist: Der Film handelt von dem jüdischen Ehepaar Yossi (Ido Mor) und Sigal (Liraz Chamami), das verschiedene Freunde und Familienangehörige in seine riesige Villa in Los Angeles zum Shabbat-Dinner einlädt. Auffällig dabei: Die Menschen sind teils enorm unterschiedlich hinsichtlich ihres Glaubens, ihrer Ethnien und ihrer Standpunkte zu ganz verschiedenen Themen. Der Abend verläuft zunächst gut, im Lauf der Zeit eskaliert die Situation jedoch: In Gesprächen über Religion, Reichtum, Politik, Liebe und andere Dinge sehen sich die Beteiligten mit zum Teil fundamental verschiedenen Vorstellungen konfrontiert und auch bestimmte Handlungen, beispielsweise religiöse Riten, stoßen bei den jeweils anderen auf wenig Verständnis. Die Auseinandersetzungen werden immer heftiger, gehen teils stark ins Persönliche. Als es zum ersten Mal zu einem versehentlichen Blutvergießen kommt, lässt das jegliche Hemmungen von der Gesellschaft abfallen – Startschuss für ein kompromissloses Blutvergießen.

Vermeintlicher Bruch mit Stereotypen

Interessant sind hierbei zunächst gar nicht mal die Konflikte selbst, sondern die Charakterisierungen der gezeigten Personen, fällt doch bei einer zunächst oberflächlichen Betrachtung auf, dass die Unterschiede zwischen den Menschen doch eigentlich marginal sind. Gezeigt bekommen wir hier vor allem eine gesellschaftliche Oberschicht der Reichen und Schönen, in der so gut wie jede einzelne Person mit enorm negativen Eigenschaften belegt ist. So sind fast alle der geladenen Personen latent rassistisch und zeichnen sich durch ausgeprägte Eitelkeit und Arroganz aus. Vorurteile gegenüber anderen Ethnien, Religionen oder auch politischen Positionen, beispielsweise zur Rettung des Klimas, stehen im Vordergrund. Sigal sehen wir in einer Szene zudem, wie sie ihre mexikanische Haushälterin mies behandelt und sie gleich in doppelter Hinsicht diskriminiert, nämlich rassistisch und klassistisch. Allen Personen haftet zudem eine vulgäre Ausdrucksweise an, mit der sie ihre Standpunkte vertreten. Es vergehen wirklich keine zwei Minuten, ohne dass eine der Personen mit irgendwelchen Beleidigungen um sich wirft. Die Figuren sind dabei stark überzeichnet und haben tatsächlich recht wenig mit unserer Realität zu tun. Schnell wird dadurch klar, dass eine mangelnde Identifikationsmöglichkeit mit den Figuren und ihren Positionen durchaus intendiert ist. Auch der, ohne zu viel zu verraten, durchaus unangenehme Verlauf der Geschichte für die Personen trägt zu der Annahme bei, dass man den Film zunächst eher als Statement gegen all diese schändlichen Äußerungen betrachten könnte. Doch ist dem damit wirklich Genüge getan?

Das Essen verläuft zunächst recht harmonisch …

Ich möchte da widersprechen. Auffällig ist nämlich, dass die angesprochenen Stereotype nicht nur in den Köpfen der einzelnen Personen existieren, sie werden auch von jenen bestätigt. Ein Film, welcher sich gegen Rassimus, Antisemitismus, Sexismus und klassenbezogene Diskriminierung aussprechen würde, müsste an irgendeiner Stelle eben auch mit den gezeigten Stereotypen brechen und zeigen, dass diese schlussendlich nicht den bisher transportierten Eindrücken entsprechen. „Happy Times“ jedoch bricht an keiner Stelle mit dem anfangs Gesehenen. Der reiche, jüdische Unternehmer, die dunkelhäutige, kulturell interessierte Ökofrau, die attraktive, untreue Ehegattin, die wenig sprachbegabte mexikanische Haushälterin – sie alle machen überhaupt keine Entwicklung durch und spielen ihre anfänglichen Rollen bis zum Schluss. Darüber hinaus muss man sich fragen, woraus der Film überhaupt seinen Unterhaltungswert zieht. Selbstverständlich ist da die zum Teil durchaus unterhaltsame Brutalität zu nennen – einhergehend mit einer Menge Kunstblut –, hinzu kommen die eher mäßig amüsante Situationskomik und die inflationär gebrauchte Fäkalsprache. Im Vordergrund stehen jedoch, gerade zu Beginn, politisch inkorrekte und ideologisch enorm problematische Aussagen der Figuren. Diese werden jedoch, genauso wie die Stereotype der Figuren, in keiner Weise gebrochen.

„Bloß nicht überbewerten!“

Ganz im Gegenteil: Sie sind elementarer Bestandteil des angestrebten Unterhaltungswertes und wir werden dramaturgisch dazu eingeladen, über diese Aussagen zu lachen und uns zu amüsieren. Die Figuren erscheinen dadurch paradoxerweise fast schon ein bisschen sympathisch. Man könnte leichtfertig sagen; die Menschen haben zwar ihre Fehler, aber solche Aussagen rutschen doch jedem mal heraus und man sollte das nicht überbewerten. Die politische Tragweite ihrer Äußerungen wird dadurch jedoch verdeckt und der Status quo hinsichtlich dessen was als „sagbar“ angesehen werden kann, bleibt unverändert, womit etwaigen rassistischen Zuschauern eine Ausrede geliefert wird.

… doch bald schon eskaliert der fröhliche Abend

An einer ernsthaften Auseinandersetzung mit Diskriminierungen verschiedener Art scheint „Happy Times“ aber auch anderweitig nicht interessiert. Besonders hervorgehoben sei an dieser Stelle eine Szene, in welcher zwei Polizisten an der Tür der Villa klopfen und die Figuren in der Folge versuchen, diese abzuwimmeln und sie am Betreten des Hauses zu hindern. Als die Beamten, übrigens mit einem begründeten Verdacht ausgestattet, kurz vorm Betreten der Villa stehen, zieht einer der Gäste die berüchtigte Rassismuskarte und wirft den Polizisten vor, lediglich aus Gründen rassistischer Diskriminierung derart hartnäckig zu sein. Der Rassismus in der US-amerikanischen Gesellschaft wird damit zu einem billigen Gag heruntergebrochen und das wirklich Traurige dabei ist eben, dass die Polizeibeamten innerhalb des Films, wie erwähnt, einen berechtigten Grund gehabt hätten, das Haus genauer zu untersuchen. Selten habe ich mich angesichts von seit Jahren real existierenden Diskussionen rund um das Thema Polizeibrutalität gegenüber Schwarzen derart angeekelt von einem Film gefühlt. Man muss sich an der Stelle auch die Frage stellen, was einen naiveren Zuschauer davon abhält, eine ähnlich abscheuliche Instrumentalisierung des Rassismus in den USA auch beispielsweise bei anderen, tatsächlich betroffenen Afroamerikanern zu unterstellen?

Eine Ästhetik der Gewinner

Aber nicht nur auf der Handlungsebene und hinsichtlich der gesprochenen Dialoge ist „Happy Times“ problematisch, auch die gewählte Ästhetik unterstützt die bisher dargelegten Eindrücke. So haben wir es durchgängig mit sehr hell ausgeleuchteten Bildern zu tun, die uns eine heile, apolitische und vollkommen harmlose Welt suggerieren. Selbstverständlich wird damit durch den Verlauf der Handlung und die immer weiter eskalierende Situation ein Stück weit gebrochen, ein ästhetischer Bruch findet jedoch interessanterweise nicht statt. Diese Eindrücke hinsichtlich der ästhetischen Gestaltung lassen sich auch bezüglich der Figuren feststellen. Über den gesamten Film hinweg sehen wir eben keine Durchschnittsmenschen, sondern hauptsächlich Personen, die den gesellschaftlich vorherrschenden Schönheitsidealen entsprechen, und wenn sie das mal nicht tun, wird dieser Punkt eben durch einen besonders hohen monetären Reichtum ausgeglichen. Die teils brutale Eskalation des Films scheint dann auch den Figuren absolut nichts auszumachen. Gerade die attraktiven Frauen werden trotz partieller Bedeckung mit Kunstblut weiterhin enorm ansprechend inszeniert.

Zunächst werden durchaus noch Gefangene gemacht …

Ein einziges Mal nur traut sich „Happy Times“, tatsächlich etwas weiter zu gehen und durchaus schwere Verstümmelungen als Folge der brutalen Auseinandersetzungen zu präsentieren. Ironischerweise zielt diese Präsentation dann jedoch ausgerechnet auf jenen Gast ab, welcher im Kontext des Films noch am ehesten als „Verlierer“ angesehen werden kann. Eine tatsächliche Falsifikation der hier transportierten Ideologie kommt dabei also ebenfalls nicht heraus und die Ästhetik des Films verkommt somit vor allem zu einer Ästhetik der gesellschaftlichen Oberschicht, oder ideologisch gesagt, einer Ästhetik der Gewinner. Selbstverständlich könnte man den Film, unter Berücksichtigung aller aufgezählten Aspekte auch als Konfrontation mit den Stereotypen im Kopf des Zuschauers betrachten, gleichkommend einer Demaskierung des ideologischen Weltbildes desselben. Dafür müsste „Happy Times“ aber noch einiges mehr tun.

In unrühmlicher Tradition

Wer nämlich nach all den zweifelhaften Äußerungen und der idealisierenden Ästhetik des Werkes gegen Ende einen Bruch erwartet, einen filmischen Kniff oder eine Figurenrede, die das bis dato Gesehende ad absurdum führt und uns Zuschauern den Spiegel vorhält, der wird enttäuscht werden. Natürlich gibt es ein unrühmliches Ende, doch reicht das wirklich, um all das bis dato Gesehene ins Gegenteil umzukehren? Zwar müssen wir eventuell kurz schlucken, aber letztlich regt der Film zu keiner weiteren Auseinandersetzung mit den angeschnittenen Themen an. Vielmehr kann man das Gesehene leicht von sich abwaschen und schnell wieder zur Tagesordnung übergehen. Ein politischer Auseinandersetzungsrahmen wird somit nicht geschaffen, eher verfestigt der Film jene Stereotype, welche eine breite Zuschauerschaft vielleicht schon vorher hatte. Alle anderen Betrachter sind dazu eingeladen, sich in jeglicher Hinsicht intellektuell unterfordert und ideologisch angeekelt zu fühlen. Es zeigt sich hier schlussendlich das gleiche Problem, was auch andere Filme in den letzten Jahren zur Genüge demonstriert haben, allen voran die zahlreichen französischen Integrationskomödien wie „Monsieur Claude und seine Töchter“ (2014), „Ziemlich beste Freunde“ (2011) und „Ein Dorf sieht schwarz“ (2016). Man versucht hier einem real immer weiter expandierenden Rechtsextremismus entgegenzuwirken, indem man zeigen will, dass doch eigentlich alle Menschen nichts Böses wollen und wir uns nur etwas mehr Liebe und Zuneigung schenken müssten.

… bald jedoch gehen die Gäste einander an den Kragen

Doch statt die Stereotype aufzubrechen, bestätigt man sie. Man sagt mit Filmen dieser Art aus, dass es zwar real existierende Unterschiede gibt, wir uns doch aber einfach mal zusammenraufen und über jene Unterschiede hinwegblicken sollten. Die dargestellten Stereotype werden somit zu einem Teil der Realität erhoben, lediglich ihre Wichtigkeit wird entkräftigt. Zu einer Auflösung eben jener Bilder führt dies freilich nicht, was die eigentliche Intention dieser Filme, nämlich eben die Bekämpfung gruppenbezogener Diskriminierung und Andersbehandlung wie Rassismus, ins Leere laufen lässt. Ein anderer, ein richtiger Weg wäre es jedoch, die Stereotype gar nicht erst zu verfestigen und stattdessen zu schlussfolgern, dass die Unterschiede vielleicht tatsächlich nur in unseren Köpfen stattfinden und eben nicht der Realität entsprechen. Statt also die Unterschiede zwischen den Menschen zu betonen und deren Wichtigkeit als zweitrangig zu betrachten, wäre eine generelle Falsifizierung dieser der vermutlich deutlich stärkere Weg, um Vorurteile tatsächlich zu bekämpfen. Auch „Happy Times“ trägt keinen Deut dazu bei, an falschen, ideologischen Weltbildern irgendetwas zu ändern. Filme dieser Art helfen beim Beschreiten des Weges zu einem harmonischen, gesellschaftlichen Zusammenleben in keiner Weise, vielmehr stellen sie einen teils gut gemeinten Schuss in die richtige Richtung dar, der leider nach hinten losgeht.

Veröffentlichung: 9. Oktober 2020 als Blu-ray und DVD

Länge: 93 Min. (Blu-ray), 89 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch/Hebräisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Happy Times
USA/IT/ISR 2019
Regie: Michael Mayer
Drehbuch: Guy Ayal, Michael Mayer
Besetzung: Shani Atias, Michael Aloni, Stéfi Celma, Irirs Bahr, Kevin Thoms, Liraz Chamami, Sophia Santi, Guy Adler, Alon Pdut, Rigo Obezo, Mike Burstyn, Ido Mor
Zusatzmaterial: entfallene Szenen, Outtakes, alternative Szene, Originaltrailer, deutscher Trailer, Wendecover
Label: Meteor Film GmbH
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2020 by Lucas Gröning

Szenenfotos, Packshot & Banner: © 2020 Meteor Film GmbH,
Szenenfotos auch: Your People LLC., Ziv Berkovich

 

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