RSS

Bound – Gefesselt: Geschlechterfragen

06 Dez

Bound

Von Lars Johansen

Erotikthriller // Es ist ein gutes Vierteljahrhundert her, als die Wachowskis noch zwei unbekannte Brüder waren, die sich durchs Leben schlugen, indem sie Wohnungen sanierten und Drehbücher verfassten, die niemanden so recht interessieren wollten. Aber dann konnten sie doch ein Skript verkaufen: Richard Donner verfilmte es als „Assassins – Die Killer“ (1995), ließ das Buch zuvor aber von Brian Helgeland so lange überarbeiten, bis die beiden mit dem Ergebnis nichts mehr zu tun haben wollten. Da war aus Sean Connery schon Sylvester Stallone geworden und aus einem möglicherweise intelligent verwickelten Thriller ein mittelmäßiges, überraschungsarmes und rundum unwichtiges Actionfilmchen.

Erste Blicke

Es hätte schlimmer kommen können, aber die Wachowskis durften nicht einmal ihren Namen aus dem fertigen Produkt entfernen lassen, und so beschlossen sie, ihr nächstes Drehbuch selber zu verfilmen. Es kursierte bereits ein erster Entwurf für „Matrix“ (1999), aber man wollte, dass sie vorher an einem kleineren Film beweisen, dass sie tatsächlich Regie führen können. So boten sie Dino de Laurentiis ein Paket an, bei dem sie Drehbuch und Regie lieferten. Der lehnte erst einmal ab, sie bekamen auf dem freien Markt drei Angebote, woraufhin er drohte, die beiden zu verklagen, wenn er es nicht produzieren dürfe. Die Wachowskis akzeptierten, auch ein eher überschaubares Budget schreckte sie nicht ab. 1996 kam „Bound – Gefesselt“ in die Kinos. Er wurde kein großer Erfolg, machte dafür aber auf dem Heimkinomarkt auf längere Zeit einen guten Schnitt.

Paare, Passanten

Vor allem kam dieser kleine Thriller bei der Kritik sehr gut weg, und, so viel sei gesagt, nicht zu Unrecht. Es war, als hätte der gute alte schwarz-weiße Film noir seine Auferstehung gefeiert. Ein bisschen versetzt mit dem Kino der 70er und der Erotik der 90er entstand hier ein Film, der für die lesbische Community mindestens die gleiche Bedeutung wie William Friedkins „Cruising“ (1980) für das schwule Selbstverständnis hatte. Es gab das gleiche Personal wie in jedem guten Gangsterfilm der 40er-Jahre, die Femme fatale, den naiven Ehemann, den großen Coup, das von allen gejagte Liebespaar und natürlich böse Gangster. Die Handlung ist überschaubar, wie bei allen guten Filmen: Femme fatale Violet (Jennifer Tilly) lebt mit Caesar (Joe Pantoliano) zusammen, einem kleinen Mafioso. Dann begegnet sie der frisch aus dem Gefängnis entlassenen Corky (Gina Gershon), die in der Nachbarwohnung Klempnerarbeiten verrichtet. Die beiden Frauen beginnen eine Affäre und verlieben sich ineinander. Caesar hat den Auftrag, (im Wortsinne) blutiges Geld, immerhin über zwei Millionen Dollar, zu reinigen und seinen Chefs zu übergeben. Die beiden Frauen überlegen sich einen Plan, an das Geld heranzukommen. Alles scheint gut zu gehen, aber dann reagiert Caesar anders als erwartet.

Blutgeld …

Wenn eine Figur Caesar heißt, dann kommt dem Genrekenner natürlich gleich Edward G. Robinson als „Der kleine Cäsar“ (1931) in den Sinn, dessen Aufstieg scheitern muss, weil er zu rücksichtslos vorgeht und am Ende viel zu leicht gekränkt reagiert. Auch er scheitert eigentlich an einer Frau, die sein bester Freund liebt und wegen der dieser ein bürgerliches Leben beginnen will. Nur besteht das Paar in „Bound“ aus zwei Frauen. Es ist Violet, die Corky verführt. Die Frau, die sich in einer konventionellen Beziehung mit einem Mann zu befinden scheint, verführt die offen lesbisch lebende Klempnerin. Diese mag ihr darin am Anfang nicht vertrauen, weil sie durch die dünnen Wände die sexuellen Aktivitäten des Paares in der Nachbarwohnung hört. Aber Violet versichert ihr, diese seien nur Arbeit für sie. So wie Corky gut beim Klempnern sei, habe sie auf diesem Gebiet ihre Fähigkeiten. Diese offen und selbstverständlich gelebte gleichgeschlechtliche Beziehung stellte 1996 eine Neuheit dar, und die Produktion verlangte anfangs auch, aus Corky einen Mann zu machen. Aber das lehnten die Wachowskis ab. Denn eine konventionelle Konstellation gab es zum einen schon oft genug auf der Leinwand und zum anderen stellte gerade die homosexuelle Komponente die Essenz ihrer Geschichte dar.

… nach der Geldwäsche unter das Bügeleisen …

An dieser Stelle wird möglicherweise das Privatleben der Wachowskis relevant für eine Analyse des Films. Beide wurden biologisch als Männer geboren, was sie auch zum Zeitpunkt des Drehs von „Bound“ noch waren. Larry Wachowski nannte sich ab 2010 Lana und bekannte, Transgender zu sein. Ihr Bruder Andy nannte sich ab 2016 Lilly und ordnete sich ebenfalls als Transgender ein. Ob sie nun ganz und gar Transfrauen sind oder eher indifferent, ist letztlich nicht wirklich wichtig, aber es zeigt vor allem, dass sie konventionelle Geschlechterzuschreibungen überwunden haben. Genau das macht ihren Film so interessant, da er als einer der ersten Mainstreamfilme die Grenzen geschlechtlicher Zuordnung weit verschob. Heteronorme Sexualität wird weitgehend ersetzt. So wurden die Dreharbeiten von der feministischen Aktivistin Susannah „Susie“ Bright begleitet und unterstützt, die auch als Susie Sexpert bekannt ist. Die erstaunlich explizite Sexszene zwischen den beiden Frauen beispielsweise wurde von ihr choreografiert. Das sicherte einen angemessen behutsamen Umgang mit der komplexen Thematik (zumal männliche Vorstellungen von lesbischer Liebe meist doch eher Männerfantasien bedienen). Die Aufnahmen gestalteten sich als technisch schwierig, weil während der Kamerafahrt die Wände ab- und wieder aufgebaut werden mussten, damit der Platz reichte.

… und auf die Wäscheleine

Doch genug von der Sexualität im Film. Noch etwas anderes zeigt sich deutlich: Die Wachowskis sind exzellente und akribische Regisseure. Schon ihr Drehbuch ist klug und effektiv geschrieben. Es gibt eine Konzentration auf wenige Räume, eigentlich haben wir es mit einem Kammerspiel zu tun. Bis auf wenige Ausnahmen spielt „Bound – Gefesselt“ nur in den beiden benachbarten Wohnungen. Diese werden präzise und aufwendig inszeniert. Vor allem die Schwarz-Weiß-Kontraste sind genau herausgearbeitet. Wenn Caesar rücklings in die weiße Farbe fällt, die auf dem Boden zerlaufen ist, dann wirkt dieser Fall wie ein Gemälde, dem die Farbigkeit durch das alles vereinnahmende Weiß geradezu ausgetrieben wird. Wenn eine Kugel in Superzeitlupe ein Bild an der Wand trifft und das Glas zersplittern lässt, dann ist an diesem Vorgang nichts Natürliches mehr, sondern es ist die reine Kinetik, die auch schon das Ende von „Matrix“ erahnen lässt. Und wenn der alte Mafiaboss Gino Marzzone (Richard C. Sarafian) erschossen wird, dann wird sein Sturz so kunstfertig und antirealistisch verlangsamt, dass die ganze Szene gleichsam zu einem Zitat mutiert. Denn Sarafian arbeitete nicht nur als Schauspieler, sondern auch als Regisseur und sein bekanntester Film ist vermutlich „Fluchtpunkt San Francisco“ (1971), wo am Ende der Fahrer Kowalski (Barry Newman) in den Tod fährt. Hier gibt es durchaus Parallelen, denn Caesar macht nichts anderes als Kowalski. In dem Moment, in welchem er den großen Boss erschießt, ist er eigentlich tot. Dazu muss er nicht lächelnd explodieren, aber an der Stelle ist klar, dass es für ihn nicht gut ausgehen kann.

Waffen und Spiegel

Zusammenfassend kann man sagen, dass dieser eher kleine Film, der immerhin ein Regiedebüt darstellt, schon so abgeklärt und klug inszeniert wurde, dass man deutlich erkennt, was für große Talente hier am Start waren. Mich erinnert die Arbeit ein wenig an die frühen Arbeiten der Coen-Brüder, die beispielsweise mit ihrem Gangsterdrama „Miller’s Crossing“ (1990) in ähnlicher Thematik unterwegs waren. Auch diese Geschwister zitieren gern die Filmgeschichte rauf und runter. Und weil ich gerade Miller schrieb, da kommt man natürlich nicht an Frank Millers bahnbrechender Graphic-Novel-Reihe „Sin City“, vorbei, in denen Sexualität ähnlich lustvoll und mit ähnlichen Bildkontrasten inszeniert wird. „Bound“ erschien mir beim Wiedersehen als postmodernes Meisterwerk, das bis heute zu Unrecht ein wenig unterschätzt wird. Damals im Kino hatte es bei mir keinen so bleibenden Eindruck hinterlassen. Das hat sich jetzt grundlegend geändert.

Weiß …

Die Veröffentlichung im Mediabook ist vorbildlich geworden, nicht weiter verwunderlich bei einem soliden Label wie capelight pictures. Das Booklet wurde von Daniel Wagner kompetent verfasst und bringt alles Wissenswerte zum Film auf den Punkt. Die Featurettes mit den Interviews sind angenehm informativ, ohne überbordend zu werden. Man erfährt eine Menge Insiderinformationen, die zum Verständnis des Films einiges beizutragen vermögen. Der Audiokommentar ist von einer seltenen Vielfalt, das halbe Filmteam war wohl daran beteiligt, und stellt ebenfalls einen echten Mehrwert dar. Kurz, das Mediabook ist uneingeschränkt zuzuraten.

Alle in „Limited Collector’s Edition” von capelight pictures veröffentlichten Filme haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet, Filme mit Gina Gershon unter Schauspielerinnen.

… und schließlich schwarz

Veröffentlichung: 20. September 2019 als 2-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD) und DVD, 4. September 2008 als DVD

Länge: 109 Min. (Blu-ray), 104 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Bound
USA 1996
Regie: Die Wachowskis
Drehbuch: Die Wachowskis
Besetzung: Jennifer Tilly, Gina Gershon, Joe Pantoliano, John P. Ryan, Christopher Meloni, Richard C. Sarafian, Mary Mara, Susie Bright
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit den Wachowskis, Jennifer Tilly, Gina Gershon, Joe Pantoliano, Editor Zach Staenberg und Beraterin Susie Bright, Interviews mit Gina Gershon und Jennifer Tilly, Joe Pantoliano, Christopher Meloni, Kameramann Bill Pope, Editor Zach Staenberg und Komponist Don Davis, Trailer, Featurette, Booklet mit einem Text von Daniel Wagner
Label 2019: capelight pictures
Vertrieb 2019: Al!ve AG
Label/Vertrieb 2008: Constantin Film / Highlight

Copyright 2020 by Lars Johansen

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2019 capelight pictures

 

Schlagwörter: , , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

 
%d Bloggern gefällt das: