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In der Hitze der Nacht – Sie nennen mich Mister Tibbs!

16 Dez

In the Heat of the Night

Von Andreas Eckenfels

Krimidrama // Fragt man Filmfreunde, welcher afroamerikanische Schauspieler der erste war, der einen Oscar in der Kategorie „Bester Hauptdarsteller“ gewann, fällt die Antwort nicht schwer: Sidney Poitier! Doch für welchen Film erhielt er den Goldbuben? Nein, nicht für den populären „In der Hitze der Nacht“ (1967) nach der Romanvorlage von John Ball, sondern für seine Leistung in dem Drama „Lilien auf dem Felde“ (1963). Dabei hätte Sidney Poitier als Detective Virgil Tibbs durchaus eine weitere Auszeichnung verdient gehabt. Stattdessen triumphierten andere für „In der Hitze der Nacht“. Immerhin konnte der am 20. Februar 1927 in Miami/Florida geborene Hollywood-Star durch seinen vorherigen Oscar-Gewinn maßgebliche Forderungen stellen, darunter wichtige Drehbuchänderungen, die auch die Rezeption der Figur Virgil Tibbs bedeutend prägten und schließlich zu einer Kultfigur werden ließen.

Der Schwarze muss der Mörder sein!

Sparta, eine Kleinstadt im US-Bundesstaat Mississippi: Auf nächtlicher Streife findet der Polizist Sam Wood (Warren Oates) eine Leiche auf der Straße. Bei dem Mann handelt es sich um Phillip Colbert, einen reichen Industriellen aus Chicago, der in Sparta eine Fabrik aufbauen und in der ärmlichen Region Arbeitsplätze schaffen wollte. Da Colbert laut Arzt noch nicht lange tot ist, vermutet der Polizeichef Bill Gillespie (Rod Steiger), der Täter sei noch nicht weit gekommen, und beauftragt eine Suche. Kurz darauf entdeckt Wood in der Bahnhofshalle den auf seinen Anschlusszug wartenden Virgil Tibbs (Sidney Poitier). „Ein Schwarzer im schicken Anzug im tiefsten Süden? Das passt nicht zusammen: Das muss der Mörder sein!“, denkt sich Wood und verhaftet Tibbs ohne Nachfrage.

Auf der Polizeiwache beteuert Tibbs seine Unschuld und hält dem ungläubigen Gillespie als Beweis schließlich seine Polizeimarke unter die Nase. Auch ein Anruf an seinen Chef bestätigt: Virgil Tibbs ist Detective in Philadelphia und soll den Kollegen als Mordexperte bei den Ermittlungen behilflich sein. Sowohl Gillespie als auch Tibbs sind von dieser Idee nicht sonderlich begeistert, dennoch raufen sich beide zusammen und suchen gemeinsam nach dem Mörder von Phillip Colbert.

Haltung bewahren

Ob „Flucht in Ketten“ (1958), „Ein Fleck in der Sonne“ (1961) oder „Rat mal, wer zum Essen kommt“ (1967): Viele Filme mit Sidney Poitier befassen sich mit dem Thema Rassismus in den USA, doch nur wenige bringen diesen tiefverwurzelten Hass, wie er damals besonders in den Südstaaten verbreitet war, zum Ausdruck, wie „In der Hitze der Nacht“. Die Ausgangssituation des packenden Krimis ähnelt dabei fast dem eines Westerns: Das Eintreffen eines Fremden in einer ihm fremden Stadt, dessen Einwohner ihm mit großem Argwohn begegnen. Tibbs merkt natürlich sofort, dass er besonders wegen seiner Hautfarbe in Sparta nicht erwünscht ist. Doch anders als in „Flucht in Ketten“, wo er mit dem von Tony Curtis dargestellten Sträfling Joker per Handschelle eine Zwangsehe eingehen muss und sich seinen Sprüchen nicht entziehen kann, hat Tibbs mehrere Male die Möglichkeit, die Kleinstadt per Zug zu verlassen. Aber er nimmt die Gelegenheit nicht wahr, denn den Mordexperten aus Philadelphia treibt die Suche nach der Wahrheit voran: Er ist seinem Job verbunden, ehrgeizig, bewahrt seine Haltung, weil er den Mörder unbedingt dingfest machen will. Dafür erträgt Tibbs sogar nicht nur die verbale, sondern auch die physische Gewalt gegen ihn, wenn er sich vor ein paar Halbstarken verteidigen muss.

Es sind altertümliche polizeiliche Methoden, die in Sparta vorherrschen – und sicher auch ein Spiegelbild der damaligen Zeit waren: Ohne jegliche Beweise wird Tibbs verhaftet. Als er seine Unschuld beweisen kann, wird Harvey Oberst (Scott Wilson) nach misslungener Flucht als Mörder vorgestellt. Während die Polizisten aufgrund ihres Erfolgs schon feiern wollen, erfasst nur Tibbs die Lage – dank seiner Großstadterfahrung und moderner Kriminalistik: Oberst stahl zwar das gut gefüllte Portemonnaie von Colbert, brachte ihn aber nicht um. Denn: Der Dieb ist Linkshänder, der für Colbert tödliche Schlag, muss aber von einem Rechtshänder stammen, wie Tibbs Polizeichef Gillespie und seinen verdutzten Kollegen erklärt. Dieses forensische Grundwissen, welches Tibbs auch bei der Leichenbeschau detailliert vermittelt, ist uns heute durch zahlreiche Kriminalfilme oder -serien wie „CSI: Vegas“ oder „Dexter“ allgegenwärtig. Für das zeitgenössische Publikum muss Tibbs’ Gabe, wie Sherlock Holmes kleinste Spuren lesen zu können, eine weitere faszinierende Facette für diese standhafte, selbstbewusste, kultivierte und auch noch afroamerikanische Filmfigur gewirkt haben.

Auch Polizeichef Gillespie – wunderbar bärbeißig, aber mit Herz dargestellt von Method-Actor Rod Steiger – erkennt bald, dass Tibbs ihm und seinen verschlafenen Kleinstadtpolizisten meilenweit überlegen ist und ihm bei der Mördersuche eine große Hilfe sein wird. Doch er möchte nur Ruhe und keinen Ärger in seiner Stadt, weshalb er Tibbs immer wieder loswerden will. Nur die trauernde Witwe Mrs. Colbert (Lee Grant) betont nachdrücklich, dass der Detective aus Philadelphia mit seinen Fähigkeiten federführend die Ermittlungen übernehmen soll. Sie stammt wie Tibbs aus der Großstadt, ihr ist die Hautfarbe egal, vielleicht ein Zeichen dafür, dass der damalige Rassismus stärker im ländlichen Süden der USA verbreitet war. Auch Gillespie besinnt sich schließlich durch das Vorbild Tibbs wieder darauf, warum er den Berufsweg des Ordnungshüters einmal eingeschlagen hat. Er überwindet seine Vorurteile, bekennt sich auch zu seinen Schwächen, wenn er Virgil Tibbs darum bittet, dass er sich den Leichnam anschauen soll, und hält ihm bei der Tätersuche so gut es geht den Rücken frei.

Zeit für einen afroamerikanischen Helden

„In der Hitze der Nacht“ traf den damaligen Puls der Zeit. Es war die Zeit für eine afroamerikanische Heldenfigur, zu der alle Zuschauer und Zuschauerinnen aufblicken konnten. 1954 wurde in den USA die Rassentrennung aufgehoben, die Bürgerrechtsbewegung setzte sich in den folgenden Jahren immer stärker gegen die Diskriminierung von Afroamerikanern ein. 1964 erhielt Martin Luther King wegen seines Engagements für soziale Gerechtigkeit den Friedensnobelpreis. Dass aber Mitte der 1960er-Jahre noch lange nicht alles in Butter war – das ist es ja heute auch nicht – zeigt auch, dass Sidney Poitier darauf bestand, dass nicht in den Südstaaten gedreht werden sollte. Zwar diente Sparta als Drehort, allerdings nicht im Bundesstaat Mississippi, sondern Sparta in Illinois. Lediglich die Aufnahmen auf der Baumwollfarm von Eric Endicott (Larry Gates) entstanden im Süden, in Dyersberg, Tennessee. Wie sich Regisseur Norman Jewison erinnert, hatte Poitier beim dortigen Dreh aus Sicherheitsgründen eine Pistole mitgeführt.

Eine Ohrfeige und ein Zitat für die Ewigkeit

Im Gewächshaus von Eric Endicott ereignet sich dann auch die Szene, die jedem Zuschauer und jeder Zuschauerin von „In der Hitze der Nacht“ im Gedächtnis bleiben wird: Als Tibbs den reichen Baumwollunternehmer Endicott des Mordes an Konkurrent Colbert bezichtigt, erhält er eine Ohrfeige, die Tibbs ohne zu zögern erwidert. Nicht nur Sheriff Gillespie bleibt da der Mund offen stehen, auch Endicotts afroamerikanischem Hausangestellten, der gerade Limonade bringt. Ein Schwarzer schlägt zurück – unerhört! Was mag das zeitgenössische Publikum bei diesem Affront empfunden haben?

Laut Sidney Poitier habe er die Idee für die Ohrfeigenszene gehabt und ins Drehbuch von Stirling Silliphant hinzufügen lassen: Er habe zudem gegenüber Produzent Walter Mirisch darauf bestanden, dass diese Szene nicht herausgeschnitten wird. Davon machte der Oscar-Preisträger auch sein Mitwirken bei dem Film abhängig. Im Interview betont Poitier aber, dass er diese Szene nicht als sozialen Kommentar zur Rassismusdebatte verstanden wissen wolle, sondern er sah Endicotts Ohrfeige als einen generellen Angriff auf die Würde des Menschen, egal welcher Hautfarbe. Jeder müsse sich dagegen verteidigen dürfen.

Ebenfalls unvergessen ist das berühmte Filmzitat, welches immer wieder in Bestenlisten auftaucht: Gillespie und die anderen Polizisten nennen Virgil Tibbs wechselnd entweder lediglich bei seinem Vornamen oder einfach nur „Junge“ oder „Nigger“. Sie bringen ihm keinerlei Respekt entgegen, obwohl er ein Kollege ist. Als dann Gillespie bemerkt, dass er mit Dieb Harvey erneut den falschen Täter verhaftet hat, macht er sich zornig erneut über Virgils Vornamen lustig und fragt ihn unsanft, wie er als „Niggerjunge“ in Philadelphia genannt werde. Woraufhin Virgil Tibbs mit voller Inbrunst entgegegnet: „Sie nennen mich Mister Tibbs!“

Große Konkurrenz bei den Oscars

Bei der Oscar-Verleihung 1968 wurde „In der Hitze der Nacht“ für sieben Auszeichnungen nominiert, fünf Goldbuben nahm der Film mit nach Hause: für den besten Film, Rod Steiger als bester Hauptdarsteller, das beste adaptierte Drehbuch, den besten Ton und den besten Filmschnitt. Regisseur Norman Jewison musste sich geschlagen geben, auch den ebenfalls nominierten Toneffekten blieb der Academy Award verwehrt. Dagegen hätte auch die dynamische Kameraarbeit von Haskell Wexler, der im Jahr zuvor für seine Arbeit an „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ (1966) seinen ersten von zwei Oscars gewann, der jazzige Score von Quincy Jones und der Titelsong von Ray Charles ebenso eine Nominierung verdient gehabt wie Sidney Poitier in der Hauptrollen-Kategorie. Poitier wird es verschmerzen können. Er hatte seinen Oscar bereits zu Hause.

In der „Bester Film“-Kategorie setzte sich „In der Hitze der Nacht“ gegen hochklassige Konkurrenz durch, was seinen besonderen Stellenwert zeigt: „Die Reifeprüfung“, „Bonnie und Clyde“, „Doctor Dolittle“ sowie „Rat mal, wer zum Essen kommt“ – ebenfalls mit Poitier – standen noch zur Wahl. „Die Reifeprüfung“ war im US-Kinojahr 1967 der mit Abstand erfolgreichste Film, aber mit „In der Hitze der Nacht“, „Rat mal, wer zum Essen kommt“ und „Herausgefordert“ waren gleich drei Filme mit Sidney Poitier in den Top 13 vertreten. Er war ein Kassenmagnet!

Mehr Fälle für Virgil Tibbs

„In der Hitze der Nacht“ hat auch heute nichts von seiner Klasse verloren, das Thema ist leider noch immer aktuell. Hierzulande ist die Blu-ray des Film aktuell nur noch schwer zu finden, die Version aus dem Vereinigten Königreich hingegen ist mühelos zu bekommen und soll auch deutschen Ton enthalten. Die DVD wiederum erschien in mehreren Editionen und sollte problemlos zu günstigem Kurs zu finden sein. Wer einen Code-A-Player sein Eigen nennt, greift zur US-Blu-ray aus der Criterion Collection.

Die Abenteuer von Virgil Tibbs gingen mit zwei Fortsetzungen weiter: „Zehn Stunden Zeit für Virgil Tibbs“ (1970) wird am 18. Dezember als deutsche HD-Premiere innerhalb der neuen „Black Cinema Collection“ der Wicked Vision Distribution GmbH veröffentlicht. 1971 schlüpfte Sidney Poitier in „Die Organisation“ ein letztes Mal in seine Paraderolle. Von 1988 bis 1995 entstand „In der Hitze der Nacht“ als TV-Serie, die es auf acht Staffeln und 145 Folgen brachte. Darin kehrt Howard E. Rollins Jr. als Virgil Tibbs nach Sparta zurück und ermittelt gemeinsam mit Carroll O’Connor als Polizeichef Gillespie. In Deutschland wurde die Serie von 1992 bis 1997 in der ARD ausgestrahlt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Norman Jewison haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Sidney Poitier und Rod Steiger unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 14. Februar 2014 als Blu-ray, 14. März 2008, 3. September 2007 und 6. März 2003 als DVD, 30. Juni 2003 in der „Sidney Poitier als Virgil Tibbs Collector’s Box“ (mit „Zehn Stunden Zeit für Virgil Tibbs“ und „Die Organisation“)

Länge: 110 Min. (Blu-ray), 106 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte u. a.
Originaltitel: In the Heat of the Night
USA 1967
Regie: Norman Jewison
Drehbuch: Stirling Silliphant, nach einem Roman von John Ball
Besetzung: Sidney Poitier, Rod Steiger, Lee Grant, Waren Oates, Larry Gates, Scott Wilson, James Patterson, William Schallert
Zusatzmaterial Blu-ray: Audiokommentar von Norman Jewison, Lee Grant, Rod Steiger und Haskell Wexler, „Filmemachen in der Hitze der 60er“ (21 Min.), „Ein Schlag geht um die Welt“ (7 Min.), „Quincy Jones: Brandneuer Sound“ (13 Min.), Original-Kinotrailer
Label/Vertrieb: MGM / Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2020 by Andreas Eckenfels
DVD-Packshots: © MGM / Twentieth Century Fox Home Entertainment

 

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