Igby Goes Down
Von Lucas Knabe
Tragikomödie // Der 17-jährige Jason jr. (Kieran Culkin) wird von jedem nur Igby genannt. Seine Mutter Mimi (Susan Sarandon) ist eine wohlhabende Furie, sein älterer Bruder Ollie (Ryan Phillippe) ein elitärer und schnöseliger Emporkömmling, sein gleichnamiger Vater Jason (Bill Pullman), ein dem Leben gegenüber gleichgültiger und ausgebrannter Starkraucher, während Igbys Patenonkel D. H Banes (Jeff Goldblum), ein in den Hamptons wohnender Sonnyboy und Geschäftsmann im Anzug, seine Frau betrügt. Mit dieser chaotischen Konstellation, die von einem auf dem Papier vielversprechenden Ensemble verkörpert wird, schickt uns Regisseur Burr Steers auf eine knapp zweistündige Reise mit dem rebellischen Taugenichts Igby auf der Suche nach einem Platz in der Gesellschaft, umringt vom Ruf der Freiheit und dem Druck, familiäre Erwartungen zu erfüllen.
Motive zeitloser Familienklischees
Die Grundkonstellation des Films ist bereits durch diese kurze Einleitung weitgehend erschlossen und vertraut. Ein vermeintlich privilegierter Jugendlicher, gleichzeitig das Subjekt der Handlung, will nicht den Weg gehen, der wahrscheinlich schon vor seiner Geburt vorbestimmt war. Die Erwartungshaltungen und der Druck, den Idealen der Familienmitglieder zu entsprechen, die sich darüber hinaus selbst nicht einig sind und ihre Maxime in einem Tauziehen verhandeln, erzeugen beim Spross eine immunisierte Abneigung gegen alle Bitten und Forderungen seiner Ernährer. Sein Betragen und die Leistungen in der Schule sind dürftig, verbale Gefechte mit Lehrern und Vorgesetzten stehen auf der Tagesordnung, der Rausschmiss droht, Hobbys, Vorlieben und Freunde sind alles andere als karriereförderlich und der Konsum von Drogen – zu der ich auch körperliche Akte der Liebe zählen möchte – ist nicht weit. Kurzum karikiert der Film alltägliche und unpolitische wie zeitlose Konflikte von Familien und Jugendlichen, die wohl von noch keiner Generation gänzlich vermieden werden konnten.
Zu dieser Art des rebellischen Coming-of-Age-Films könnte man „Igby Goes Down“ auf den ersten Blick ohne Weiteres zuordnen. Man könnte behaupten: „Frei von jeder Innovation oder gesellschaftlichem Zeitgeist zeigt sich ein generisches Teenie-Drama in einer bekannten und vielfach reformierten Grundkonstellation der Liebe, Wut, Hoffnung und des Verlusts, die nicht zuletzt mit einem realistischeren und kühleren Weltbild an die Gaunerkomödien seines Bruders Macaulay Culkin erinnert.“ Dazu später mehr. Zentral sei erstmal die rhetorische These, ob dem Film mit dieser profanen und von Rezipienten durchaus gebräuchlichen Aussage Genüge getan wird.
Es ist schwer, ein Teenager zu sein
Der eine Teil der Wahrheit muss der These beipflichten, dass sich der Film durchaus einem erprobten Repertoire des Coming-of-Age-Films bedient, weswegen er seit seiner Veröffentlichung nicht unbedingt dazu beitrug, seine Genres oder die Sehgewohnheiten westlicher Konsumenten zu erweitern oder prägend zu gestalten, was an dieser Stelle lediglich sein Schattendasein erklären und nicht die Qualität absprechen soll, die nun der zweite Teil der Wahrheit verkünden kann. Denn so bekannt Motive, Figurenbilder und die Performance auch sind, es muss gleichfalls konstatiert werden, dass „Igby Goes Down“ diese Instrumente zu einem erfrischenden und kurzweiligen Stück einfädelt, das unterhält und durch die stimmige Berg- und Talfahrt einer Taugenichts-Komödie aus der Perspektive des charismatischen und originellen Charakters Igby besticht.
Darüber hinaus schafft es Burr Steers Werk, elegant zwischen komischen und ernsten, zwischen glückerfüllten und trostlosen Stimmungen zu wechseln, etwa wenn Igby und dessen Bruder ihrer todkranken Mutter Sterbehilfe leisten und sich dabei Situationskomik und Mimis Vergänglichkeit in authentischem Stil die Hand reichen, ohne albern oder absurd zu wirken. Damit werden eindrucksvolle Momente kreiert, die den Film für mich zu einem Geheimtipp gemacht haben. Gleiches gilt, wenn Igby erfährt, dass sein amouröses Abenteuer mit Sookie (Claire Danes) ein Ende findet, weil sie es plötzlich vorzieht, mit seinem Bruder eine kurzweilige Liebelei zu führen, woraufhin Igby mittellos und vom Liebeskummer geplagt zu „Don’t Panic“ von Coldplay durch die Häuserschluchten New York Citys schlurft. Das Wechselspiel der Gefühle leitet die Spannungskurven des Films großartig und spiegelt gleichzeitig die klischeehafte Gefühlswelt eines an den Herausforderungen des Lebens scheiternden Teenagers aus einer amoralischen Perspektive wider.
Jugend ohne Wokeness
Dabei kann man aus heutiger Sicht eine gewisse Prüderie und einen Konservativismus feststellen, denn so jugendlich, rebellisch und exzentrisch die Teenager des Films auch sind, ihre Charakterzeichnungen bleiben traditionsverbunden. Bis auf die Szenen, in denen an der eigenen Mutter eine stümperhafte Sterbehilfe absolut stimmig inszeniert wird oder Igby als 17-Jähriger einen Joint raucht, werden keinerlei Tabus gebrochen oder Diversitäten installiert. Will man heutzutage mit einer Handvoll Figuren eine Gesellschaft klischeehaft abbilden, wird dies sicherlich deutlich bunter, diverser und enttabuisierter aussehen. Im Jahr 2002 wagt sich Regisseur Steers offensichtlich noch nicht auf dieses Glatteis, sondern er bildet eine gutbürgerliche Gesellschaft heterosexueller Weißer aus den Augen eines Slackers ab, die allesamt dem Alkohol, Sex und Geld nahestehen. In aller Neutralität soll dies lediglich eine gesellschaftliche Entwicklung anzeigen, die durch das Medium Film erfahrbar ist – der Film könnte diesbezüglich als Quelle der 2000er-Jahre rezipiert werden.
Ein Spin-off?
Man kann sich des Gedankens nicht erwehren, dass einem als Kenner der Filme „Kevin – Allein zu Haus“ (1990) und „Kevin – Allein in New York“ (1992) mit Kieran Culkins älterem Skandalbruder Macaulay Culkin unweigerlich Parallelen zu „Igby Goes Down“ ins Auge stechen. Es wirkt so, als wolle Burr Steers Kieran Culkin in die gleiche Rolle stecken, die einst seinem Bruder zu Weltruhm verhalf, nur erwachsener, eben nicht aus der Sicht eines problematischen Achtjährigen, sondern aus der eines problematischen Siebzehnjährigen, der nicht von Ganoven auf Trab gehalten wird, sondern von personifizierten Problemen des Erwachsenwerdens. Kurioserweise kommt Bruder Kieran in den beiden Erfolgsfilmen seines Bruders die unrühmliche Rolle des bettnässenden und Cola trinkenden Cousins Fuller zu. 2002, also 17 Jahre nach „Kevin – Allein zu Haus“, spielt Kieran nun die erste Geige als Sonderling der Familie und meistert das mit Bravour. Selbstverständlich handelt es sich beim vorliegenden Film nicht um ein Spin-off, jedoch gewinnt dieses Gedankenspiel an Relevanz, wenn man sich die Eckdaten, Relationen und Konstellationen der beiden Filme ansieht.
Abschließend will ich betonen, dass es sich bei „Igby Goes Down“ um eine gelungene Tragikomödie handelt, die ein kritisches Gesellschaftsbild aus den Augen des Bummelanten Igby in schwarzhumoriger und erfrischender Weise zeigt. Ein visuelles und auditives Feelgood-Movie in Reinkultur.
Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Susan Sarandon haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Jeff Goldblum und Bill Pullman unter Schauspieler.
Veröffentlichung: 6. November 2020 als Limited 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD) und DVD
Länge: 103 Min. (Blu-ray), 98 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Igby Goes Down
USA/D 2002
Regie: Burr Steers
Drehbuch: Burr Steers
Besetzung: Kieran Culkin, Susan Sarandon, Jeff Goldblum, Bill Pullman, Claire Danes, Jared Harris, Amanda Peet, Ryan Philippe, Rory Culkin
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Kieran Culkin und Regisseur Burr Steers, Featurette „Auf den Spuren von Igby“, nicht verwendete Szenen (mit Kommentar des Regisseurs), nur Mediabook: 20-seitiges Booklet mit einem Text von Christoph N. Kellerbach
Label: justbridge entertainment
Vertrieb: Rough Trade Distribution
Copyright 2020 by Lucas Knabe
Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 justbridge entertainment




