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Lady in a Cage – Wir haben den Dschungel nicht zivilisiert

23 Dez

Lady in a Cage

Von Tonio Klein

Horror // „Lady in a Cage“ kommt in der Hülle der campy Horrorfilme mit unbekannten Darstellern und ein, zwei nicht mehr ganz jungen Stars daher, wie es seit „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“ (1962) Mode war. Hier nun spielt Olivia de Havilland die durch eine Hüftoperation gehbehinderte Cornelia Hildyard, die im für sie eingebauten Aufzug im eigenen Hause gefangen ist. Was ein böses Kammerspiel ist, aber noch viel mehr. „Lady in a Cage“ ist meines Erachtens der meistunterschätzte Film der Welle, der leider nie den Kultstatus einiger Konkurrenten erreicht hat. Er ist nicht nur eine ganz und gar beißende, bittere, letztlich vollkommen desillusionierte und trostlose Gesellschafts- und Zivilisationskritik; sondern er hat auch das positive humanistische Gegenbild noch nicht aufgegeben und ist von einem schrillen Schmerzensschrei nach einer besseren Welt und besseren Menschen beseelt, für die es sich immerhin noch zu schreien lohnt. Dies macht den Film einzigartig.

Ein grausamer Schrei nach Humanität

Einzigartig macht ihn auch, dass er sein Anliegen nicht mit lehrbuchhaften Monologen à la Stanley Kramers „Rat mal, wer zum Essen kommt“ (1967) transportiert. Stattdessen sind Plot und Stilmittel pervers und grausam, wie es im Mainstreamfilm 1964 ungewöhnlich war. Dass er zumindest teilweise seine Verkommenheit mit schriller Heftigkeit präsentiert, ist ihm nicht anzulasten. Dies zeigt sich schon in der ungewöhnlichen Titelsequenz. Zu (auch später) dissonanter Musik wird immer wieder das Bild eingefroren und verfremdet, hauptsächlich durch vertikale, schwarz-weiß kontrastierende (Käfiggitter?-)Linien. Als hätten Titeldesigner Saul Bass (viele Hitchcocks) und Maurice Binder (viele James-Bond-Filme) das zusammen nach einer durchzechten Nacht entworfen. Dazwischen Bilder, auf die wir uns zunächst keinen Reim machen können, die aber bereits verstören. Unter anderem ein toter oder bewusstloser Mann, ein toter Hund, alles auf offener Straße am helllichten Tage, und keinen scheint es zu kratzen. Dazwischen immer wieder: Autos, die die Straße entlangfahren, durch Weitwinkel und Froschperspektive im Vordergrund bedrohlich groß werdend. Das alles wird einen Sinn ergeben, der sich vollständig erst am Schluss erschließt. Es passiert Schreckliches, aber Menschen nehmen keine Notiz oder ihnen ist es egal, sie wollen nur weiterfahren, fortfahren ohne Blick nach rechts oder links.

Und darum geht es auch im folgenden Film: „Wir haben den Dschungel nicht zivilisiert, wir haben ihn nur in unsere Häuser eingesperrt“, so sagt Cornelia einmal sinngemäß. Wir sehen eine gutsituierte Wohngegend in den USA, ein schönes Haus, in dem Cornelia mit ihrem erwachsenen Sohn lebt, den sie aber offensichtlich in klammernder Mutterliebe wie ein kleines Kind behandelt. Nachdem der Sohn zur Arbeit aufgebrochen ist (um sich per Brief endgültig abzunabeln, wie wir später erfahren), bleibt der Fahrstuhl aufgrund eines technischen Defekts stecken, und Cornelia ist in ihm eingeschlossen. „Lady in a Cage“ kommt anschließend vom Hundertsten ins Tausendste. Es treten nur verkommene Personen auf, und wenn wir eine Steigerung nicht mehr für möglich halten, stellen sich neue, noch verkommenere und brutalere Personen ein. Dazwischen immer wieder: Bilder vom Draußen, vom Leben, das weiter fließt wie der ständig eingeblendete fließende Verkehr, in dem sich Menschen mit Scheuklappen bewegen. Typische Americana – ein Baseballspiel, eine Parade, ein Kirchenglockenläuten –, doch das, was (nicht nur) den Amerikanern heilig ist, nützt Cornelia nicht das Geringste. Eine funktionierende Alarmklingel an der Außenwand wird von niemandem gehört, und wenn, dann nicht beachtet, obwohl darunter doch steht, man möge bei Alarm die Polizei rufen. Stattdessen zieht die Klingel einen Penner an, den die Gelegenheit zum Plündern von Cornelias Weinkeller und zur Mitnahme des Tafelsilbers animiert. Dabei wird es aber nicht bleiben, und bald stellt sich ein Grüppchen brutaler und völlig perverser Menschen in dem Haus ein, deren Kaltschnäuzigkeit nicht etwa durch einen Rest von moralischen Instinkten, sondern nur von ihrer Gier geschmälert werden kann.

Gewalt und Blindheit

Die heftigen, gewalttätigen Auseinandersetzungen ereignen sich an einem sonnigen, helllichten Tag, teilweise bei offenen Türen und kurzzeitigen Telefonverbindungen nach draußen. Es ist also sehr schwer, das alles zu übersehen und zu überhören. Man muss es übersehen und überhören wollen, und das will hier fast jeder. Cornelias Appelle „in the name of humanity“ haben keine Chance, wobei die Gesamtgesellschaft vielleicht nicht minder inhuman als Cornelias Peiniger ist: Die Personen außerhalb des Geschehens erinnern an die drei Affen, die nichts hören, nichts sehen, nichts sagen, sind also unter anderem blind. Ein Pfandleiher ist schon durch seine rechtsseitig abgedunkelte Brille als auf einem Auge blind gekennzeichnet. Dem Penner wird ein Mal eins übergebraten und der Kopf in einen Sack gesteckt; beim Wiederaufwachen wähnt er sich blind. Dem brutalsten der Gangster, Randall (eine frühe Rolle James Caans), wird am Ende eine Aktion ins Auge gehen. Und Cornelia ist sogar selbst blind! Wenn sie dies am Ende erkennt und „I’m a monster“ sagt, wirkt dies zwar angesichts der zuvor gesehenen Monstren bitter-ironisch, aber es liegt ein Stück Wahrheit darin. Wie sie ihren Sohn und ihr Leben zu kontrollieren gedachte, nicht merkend, dass sie sich etwas vormacht und den Sohn geradezu erdrückt, das lässt sich ebenfalls als Blindheit beschreiben.

Das Haus und die Kleidung weisen Cornelia als wohlhabende Person aus. Sie hat die dschungelartigen Abgründe ihrer Seele und ihres Soziallebens besonders massiv zivilisiert und doch nur Fassaden aufgebaut. Beispielsweise in einer höchstens für wenige Zierblumen geeigneten Vase, an der sie die Ordnung und die klare, reine Form schätzt, wird sie ihren Dschungel nicht einsperren können. Bezeichnenderweise muss sie im Laufe ihres Martyriums Stück für Stück ihre scheinbaren Gewissheiten aufgeben. Die Vase muss sie zertrümmern, diverse Kleidungsstücke ablegen, ihren Ehering als Schraubenzieher zweckentfremden (wegen der im Genre standardmäßigen Versuche, selbst zu fliehen, ein Telefon zu erreichen, die Tür zu öffnen etc). Und als die Tür offen ist, müsste sie den Sprung in die Tiefe wagen. Leicht fällt ihr das alles nicht, sie ist keine hundertprozentige Identifikationsfigur. Noch während ihrer eigentlich recht überzeugenden Appelle an die Humanität scheint sie statt aller Brutalitäten am meisten zu stören, dass Randall sie aus Spaß einige Male unflätig anrülpst.

Moral, Amoral – und Olivia de Havilland!

Am Ende kommt es zu zwei schockierenden Bildern und Cornelia hat – möglicherweise – ihre Lektion gelernt. Die Gesellschaft hat es nicht! Nach einem Unfall stört es die Autofahrer am meisten, dass sie nicht weiterfahren können; wie wild hupen sie, ohne sich zu fragen, ob vielleicht gerade vor ihren Augen etwas Schreckliches geschehen ist. Die Passanten und die Polizei kümmern sich um Cornelia nur wenig, und das letzte Bild des Filmes zeigt, wie die Autos endlich weiterfahren können. Gemein! Aufrüttelnd! Ein moralischer Film, der ganz und gar unmoralische Vorgänge zeigt. Dafür braucht er gar keinen Zeigefinger. Bildgestaltung, Plot und Handlungsweisen der Protagonisten reichen völlig aus – und sind nichts für schwache Nerven. Hauptdarstellerin Olivia de Havilland, die im Juli 2020 mit 104 Jahren verstorben ist, hat dies alles erkannt. Sie hatte den Film, den man von der aufrichtigen Melanie in „Vom Winde verweht“ (1939) nicht erwartet, stets verteidigt. Zwar darf sie ohnehin nicht auf das good girl reduziert werden, wie ich auch in meinem Nachruf in Ausgabe 39 von „35 Millimeter – das Retro-Filmmagazin“ dargelegt habe. Aber einen solch brutalen Film hatte man mit der Darstellerin noch nie gesehen (und sah auch später keinen). De Havilland sah aber in ihm eine gute Geschichte. Zu Recht – und man kann die Gewalt, die nie selbstzweckhaft dargestellt wird, davon nicht trennen. In aller Bescheidenheit: Wer sich für meine gedruckten Zeilen zum Tode von Olivia de Havilland interessiert, kann das Heft im Online Shop der Zeitschrift direkt bestellen.

„Lady in a Cage“ ist in Deutschland leider nie erschienen. Mir liegt die US-DVD der „Paramount Widescreen Collection“ von 2005 vor, die über ein gutes Bild verfügt und den englischen Ton mit Untertiteln in Englisch präsentiert. Barnes & Noble nennen eine Neuerscheinung vom 26.05.2020, ebenfalls von Paramount. Näheres habe ich darüber nicht herausgefunden, zumal die US-Seite von Amazon inzwischen auf das Streaming-Angebot verweist und ansonsten nur die ältere Scheibe zu Sammlerpreisen feilbietet. Eine Blu-ray ist 2016 in Spanien erschienen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Olivia de Havilland haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit James Caan unter Schauspieler.

Veröffentlichung Spanien: am 15. Juli 2016 als Blu-ray („Una Mujer atrapada“)
Veröffentlichung USA: 29. März 2005 als DVD

Länge: 90 Min. (Blu-ray, Angabe womöglich fehlerhaft), 94 Min. (DVD).
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: Spanisch (Blu-ray), Englisch (DVD)
Originaltitel: Lady in a Cage
USA 1964
Regie: Walter Grauman
Drehbuch: Luther Davis
Besetzung: Olivia de Havilland, James Caan, Jennifer Billingsley, Rafael Campos, Jeff Corey, Ann Sothern, William Swan
Zusatzmaterial: keins
Label/Vertrieb: new line films (Spanien) / Paramount (USA)

Copyright 2020 by Tonio Klein
Filmplakat: Fair Use

 

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