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Black Cinema Collection (1): Slaughter – Zeit für neue Helden

01 Feb

Slaughter

Von Andreas Eckenfels

Actionthriller // Als in den 1960er-Jahren die Bürgerrechtsbewegung („Civil Rights Movement“) in den USA immer mehr Zulauf bekam und schließlich unter großer Mithilfe von Aktivisten wie Martin Luther King (1929–1968) und Malcolm X (1925–1965) das Gesetz der Rassentrennung aufgehoben wurde, zudem sich die Black Panther Party radikal gegen die Unterdrückung durch die weiße Gesellschaft zur Wehr setzte, erstarkte in der schwarzen US-Bevölkerung ein neues Selbstbewusstsein. Die Filmindustrie erkannte das Potenzial: Es war Zeit für neue Helden – schwarze Helden mit denen sich ein schwarzes Publikum identifizieren konnte. Das Blaxploitation-Kino war geboren!

Die Zuschauerinnen und Zuschauer strömten in Scharen in die US-Lichtspielhäuser: Sie gierten nach den harten Action-Reißern, gefüllt mit Sex und Gewalt. Sie wollten mehr sehen von den schwarzen Ermittlern, die im Großstadt-Ghetto zwischen Dealern, Zuhältern und Prostituierten unkonventionell für Ordnung sorgten, und von den schwarzen Männern als auch Frauen, die dem weißen Etablissement furchtlos in den Hintern traten und das Recht in die eigene Hand nahmen. Aber auch Alltagskomödien, die die Lebenswelt und Probleme der afroamerikanischen Bevölkerung in den Fokus stellten, durften nicht fehlen. Auf den Straßen wurden die modischen Styles aus den Filmen kopiert, die coolen Sprüche rezitiert, die groovige Musik schallte laut umher. Durch ihre Rollen wurden Schauspieler wie Richard Roundtree („Shaft“, 1971) oder Pam Grier („Coffy – Die Raubkatze“, 1973) zu Ikonen.

Mit der neuen „Black Cinema Collection“ will die Wicked Vision Distribution GmbH die Vielfalt der kreativen Stimmen des schwarzen Kinos feiern, das Label blickt dabei auch über den Tellerrand der „Blaxploitation“-Ära hinaus. Zehn Filme sind innerhalb der Kollektion zunächst geplant: einer Reihe, die dem Zuschauer einen Einblick in die Phase der Kinogeschichte gibt, in der die schwarze Popkultur zu einem globalen Phänomen wurde und den Zeitgeist massiv prägte. So Wicked auf dem Deckblatt der ersten „Black Cinema Collection“-Box. Den Anfang macht Jack Starretts „Slaughter“ (1973), auch bekannt unter dem deutschen Alternativtitel „Ein Mann ohne Nerven“, mit Jim Brown in der Titelrolle.

Rache für den Elternmord

Ein älteres, schwarzes und offenbar gut situiertes Ehepaar steigt am Abend in ein Auto ein. Natürlich hat der Mann zuvor seiner Frau in bester Gentlemen-Manier die Tür geöffnet. Als er sich hinter das Steuer des Wagens setzt und die Zündung anlässt, gibt es eine Explosion: Der Mercedes-Benz geht in die Luft!

Slaughter will Rache!

Wie wir kurz nach dem großen Knall erfahren, handelt es sich bei dem ermordeten Ehepaar um die Eltern des Ex-Green-Beret-Mitglieds Slaughter (Jim Brown). Sein Vater war in kriminelle Machenschaften verstrickt, von denen die Mutter nichts wusste. Slaughter schwört Rache und will über eine Bekannte mehr über die Hintermänner erfahren. Doch Jenny (Marion Brash) fällt ebenfalls einem Attentat zum Opfer – sie kann Slaughter noch den Namen „Rinaldi“ und ein geplantes, nächtliches Treffen am Flughafen als Tipp geben.

Dort angekommen, fackelt Slaughter nicht lange: Er eröffnet das Feuer und stoppt das Kleinflugzeug, in dem besagter Rinaldi angeblich an Bord gehen wollte. Allerdings: Auch die Polizei ist vor Ort und gar nicht darüber erfreut, dass Slaughter ihr während des Einsatzes ins Handwerk pfuscht. Chefinspektor A. W. Price (Cameron Mitchell) wirft ihm vor, laufende Ermittlungen gestört zu haben. Nun seien alle Beweise verbrannt. Zudem konnte Dominic Hoffo (Rip Torn) entkommen, der Mörder von Slaughters Vater. Price macht dem Veteran ein Angebot: Wenn er keine Anklage an den Hals kriegen will, soll Slaughter den Beamten helfen, den Gangsterboss Mario Felice (Norman Alfe) und dessen rechte Hand Hoffo dingfest zu machen.

Slaughter sagt zu und reist nach Südamerika, wo Felice seine Geschäfte betreibt. Harry (Don Gordon) und Kim (Marlene Clark) werden ihm von Price als Unterstützung zur Seite gestellt. Nachdem Slaughter im Casino von Felice für Aufruhr gesorgt hat, schmeißt sich am nächsten Tag Hoffos unzufriedene Freundin Ann (Stella Stevens) an ihn ran. Slaughter durchschaut das falsche Spiel sofort: Die Blondine wurde von Felice geschickt, um ihn auszuspionieren. Doch schnell erliegt Ann dem Charme des großen schwarzen Mannes und versorgt ihn fortan umgekehrt mit wichtigen Informationen über seine Gegenspieler.

Bekannte Klänge – und viel Kawumm

Slaughter’s going to blow your mind. Slaughter does not waste his time. My advice to you is this. If you shoot at him you better not miss… Die ersten Gitarrenriffs des Titelsongs von Billy Preston werden einigen bekannt vorkommen: Quentin Tarantino nutzte die verzerrten Klänge in „Inglourious Basterds“ (2009), um die von Til Schweiger verkörperte Figur des desertierten Feldwebels Hugo Stiglitz einzuführen. Bei den Anfangszeilen fühlt man sich zudem an „Theme from Shaft“ erinnert. Wie in Isaac Hayes’ Oscar-prämiertem Song zu „Shaft“ wird hier die Hauptfigur musikalisch als knallharter Kerl besungen, mit dem man sich besser nicht anlegt.

Schnell wird klar: Slaughter macht keine Gefangenen. Für große Trauer um den Tod seiner Eltern bleibt keine Zeit. Er geht gleich in die Vollen und jagt den Mördern hinterher. Rache ist nun mal in nahezu jedem Exploitation-Actionfilm ein beliebtes Motiv. Da ist nicht viel Erklärung nötig, warum es ständig zu blutigen Auseinandersetzungen kommt. Slaughter ist keiner Konfrontation abgeneigt, stellt sich seinen Feinden mit Waffengewalt oder seinen stahlharten Fäusten entgegen. Wenn der Veteran zu Beginn dem Flugzeug hinterherhetzt, nutzt er auch mal sein Auto, um die Maschine zu stoppen. Natürlich geht sie mit einem großen Kawumm in Flammen auf.

Er will Hoffo (M.) finden, der seine Eltern auf dem Gewissen hat

Wie Slaughter dem von Ex-Westernstar Cameron Mitchell („Garten des Bösen“) verkörperten Polizeichef Paroli bietet, dürfte dem unterdrückten schwarzen Publikum gefallen haben. Ich habe nicht gesagt lesen, sondern unterschreiben! Price will Slaughter zu einem Geständnis nötigen, worauf der Ex-Söldner ihm ordentlich die Meinung geigt. Dass der schwarze über den weißen Mann triumphiert, war im „Blaxploitation“-Film immer möglich – im Gegensatz zur damaligen Realität auf den Straßen.

Das hohe Anfangstempo mit rasant geschnittenen Actionszenen – einige davon von Regisseur Jack Starrett wohl mit voller Absicht optisch verzerrt gefilmt – wird dann für kurze Zeit etwas gedrosselt, als Slaughter in einem nicht näher benannten südamerikanischen Land ankommt.

Der schwarze 007

Mit dem Wechsel des Schauplatzes fällt auch gleich ein besonderes Merkmal von „Slaughter“ auf: Die meisten „Blaxploitation“-Werke haben eine US-Großstadt als Kulisse, hier geht es an einen exotischen Ort. Gedreht wurde in Mexiko-Stadt, genauer gesagt in den Churubusco Studios, einem der bekanntesten Filmstudios Lateinamerikas, rund um die Metropole und in einem Luxushotel. Laut US-Produzent Monroe Sachson verlangte die einheimische Zensurbehörde, dass Mexiko im Film nicht genannt wird, da das Land nicht in einem schlechten Licht dargestellt werden sollte. Da die Churubusco Studios etwa ein Drittel des Produktionsbudgets von 850.000 US-Dollar zur Verfügung stellten, kam Monroe Sachson den Wünschen natürlich gern nach.

In Südamerika stehen Slaughter die Agenten Harry und Kim zur Seite

An einem exotischen Ort besucht die Hauptfigur im schicken Anzug ein Casino – wer denkt da nicht an James Bond? Tatsächlich versucht „Slaughter“ auch gar nicht erst zu verhehlen, dass ein Großteil der bekannten 007-Motive für die Handlung übernommen worden ist. Das tut dem Action-Spaß aber keinen Abbruch. Nur auf die zahlreichen Gimmicks eines „Q“ muss Jim Brown verzichten.

Ein Ex-Football-Star und ein Playmate

Den kantigen Charme eines James Bonds versprüht der muskulöse Jim Brown mit seinem Schnauzer allemal. Der ehemalige Football-Star ist mit seiner Körpergröße von 1,89 Metern eine echte Präsenz. Als Schauspieler hatte Brown auch vor „Slaughter“ schon ausreichend Erfahrungen gesammelt: Etwa neben namhaften Kollegen in „Das dreckige Dutzend“ (1967), „Eisstation Zebra“ (1968) und „100 Gewehre“ (1969). Später machte Jim Brown in „Running Man“ (1987) als Fireball keinem Geringeren als Arnold Schwarzenegger Feuer unter dem Hintern, legte sich in „Mars Attacks!“ (1996) mit Marsianern an und durfte in Oliver Stones „An jedem verdammten Sonntag“ (1999) als Coach noch einmal Football-Luft schnuppern – sein dortiger Rollenname hätte auch einem „Blaxploitation“-Helden gutgestanden: Montezuma Monroe. 2010 beendete Jim Brown seine Schauspielkarriere.

Ann schmeißt sich an Slaughter ran – und verliebt sich in ihn

Stella Stevens darf sich als eine Art Bond-Girl Slaughter hingeben, seine zärtliche Seite herauskitzeln – und das auch sehr offenherzig. Mit Nacktheit hatte Stevens wohl kein Problem: Nachdem sie sich im Januar 1960 als „Playmate of the Month“ im Playboy präsentiert hatte, erhielt sie etliche Filmangebote. In der Komödie „Der verrückte Professor“ (1963) war Stella Stevens Love-Interest von Jerry Lewis. Im Katastrophendrama „Poseidon Inferno – Die Höllenfahrt der Poseidon“ (1972) gab sie die seekranke Ehefrau von Polizist Mike Rogo, der von Ernest Borgnine gespielt wurde.

Ein bekanntes Gesicht und ein Bankräuber

Für die Komik ist Don Gordon zuständig: Als Henry hält er Slaughter den Rücken frei und versucht erfolglos, Frauen aufzureißen. Die Abfuhren, die er kassiert, werden hier schon fast zum Running Gag. Don Gordon, der 2017 im Alter von 90 Jahren starb, war der typische Nebendarsteller: Ein Gesicht, das man kennt, aber dessen Namen nicht unbedingt sofort ins Gedächtnis springt. Seine bekanntesten Filme sind jene, in denen Steve McQueen als Hauptdarsteller glänzte: „Bullitt“ (1968), „Papillon“ (1973) und „Flammendes Inferno“ (1974). Horrorfans wird Don Gordon auch aus „Barbaras Baby – Omen III“ (1981) und „Der Exorzist III“ (1990) bekannt sein.

Slaughter macht keine Gefangenen!

Aus der Schauspielerriege muss auch noch Rip Torn hervorgehoben werden. Sein schmieriger Hoffo, der ordentlich am Stuhl seines Chefs sägt, ist im Grunde der Hauptbösewicht, hinter dem Slaughter her ist. Der 2019 verstorbene Charakterdarsteller verlor die an sich für ihn vorgesehene Rolle des Anwalts in „Easy Rider“ (1969), die dann an Jack Nicholson ging, weil er sich mit Dennis Hopper zerstritt. Er war in allen Genres Zuhause: Kriegsdrama mit „Blutiger Strand“ (1967), im Henry-Miller-Biopic „Wendekreis des Krebses“ (1970), Fantasy-Action mit „Beastmaster – Der Befreier“ (1982), Komödie mit „Die unglaubliche Reise in einem verrückten Raumschiff“ (1982) oder im Blockbuster „Men in Black“ (1997) inklusive Fortsetzung. Für seine Leistung im Drama „Cross Creek – Ich kämpfe um meine Freiheit“ (1983) erhielt Rip Torn als Nebendarsteller eine Oscar-Nominierung, für seinen Auftritt in „Die Larry Sanders Show“ gewann er 1996 einen Primetime Emmy. Kurios: 2010 wurde Rip Torn bei einem Banküberfall erwischt. Der damals 79-Jährige war alkoholisiert und bewaffnet, hatte aber am Ende Glück, dass er nur zu einer Bewährungsstrafe verdonnert wurde.

Es gibt noch viel im „Black Cinema“ zu entdecken!

„Slaughter“ erweist sich mit seinem starken Hauptdarsteller und der unterhaltsamen Mischung aus Action und Agententhriller als optimaler Auftakt für die „Black Cinema Collection“. Gerade in Deutschland sind ja viele Filme aus der „Blaxploitation“-Ära relativ unbekannt – Ausnahmen bilden vielleicht die „Shaft“-Trilogie (1971–1973) und die Pam-Grier-Werke, die durch Quentin Tarantinos „Jackie Brown“ (1997) zurück ins kollektive Filmgedächtnis gespült wurden. Man darf gespannt sein, was uns Wicked Vision in der Reihe noch für spannende Werke präsentiert! Ob „Ein Fall für Cleopatra Jones“ (1973), ebenfalls von Jack Starrett, unter einem der zehn Titel dabei sein wird? Oder „Der Sohn des Mandingo“ (1973), die Fortsetzung von „Slaughter“, bei dem Gordon Douglas die Regie übernahm? Es wird auf jeden Fall viel zu entdecken geben.

Lobenswert: Für „Slaughter“ hat das Label sogar ein eigenes Featurette über das „Blaxploitation“-Kino und einen Audiokommentar produziert. Außerdem liegt die deutsche Tonspur sowohl als gefilterte und ungefilterte Lichttonspur vor und der Booklettext von Christoph N. Kellerbach ist äußerst lesenswert. Ebenso bemerkenswert: Wenn man die Scheibe eingelegt hat, startet ein Vorspann zur Collection, die mit „The Boss“ von James Brown stimmungsvoll untermalt wird. Ähnlich wie bei der „Galerie des Grauens“-Reihe von Anolis befindet sich die Special Edition mit Blu-ray und DVD im schicken Scanavo-Keepcase in einer Leerbox, in der welcher die kommenden neun Filme der „Black Cinema Collection“ Platz haben. Die Edition kann im Online-Shop von Wicked Vision erworben werden. Nummer zwei ist bereits erhältlich: „Zehn Stunden Zeit für Virgil Tibbs“ (1970) mit Sidney Poitier. Die Fortsetzung des Klassikers „In der Hitze der Nacht“ (1967) kann ebenfalls im Wicked-Vision-Shop geordert werden, auch im Bundle mit „Slaughter“. Wer die zehn Filme automatisch zugesandt bekommen möchte, kann auch ein Abo abschließen, das mit diversen Boni aufwartet.

Die Filme der „Black Cinema Collection“ der Wicked Vision Distribution GmbH haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jim Brown haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 18. Dezember 2020 als 2-Disc Special Edition (Blu-ray & DVD, limitiert auf 1.500 Exemplare) inkl. Leerbox für alle zehn Filme der „Black Cinema Collection“

Länge: 92 Min. (Blu-ray), 88 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Slaughter
Deutscher Alternativtitel: Ein Mann ohne Nerven
USA/MEX 1972
Regie: Jack Starrett
Drehbuch: Mark Hanna, Don Williams
Besetzung: Jim Brown, Stella Stevens, Rip Torn, Cameron Mitchell, Don Gordon, Marlene Clark, Robert Phillips, Marion Brash, Norman Alfe
Zusatzmaterial: 24-seitiges Booklet von Christoph N. Kellerbach, Audiokommentar mit Dr. Gerd Neumann und Christopher Klaese, Featurette „Der Gangster als stilbewusster Antiheld“, deutscher Kinovorspann, Originaltrailer, Bildergalerie
Vertrieb/Label: Wicked Vision Distribution GmbH

Copyright 2021 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos & untere Packshots: © 2020 Wicked Vision Distribution GmbH

 

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