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Der Kopf, der nicht sterben durfte – Ein Mad Scientist, wie er im Buche steht

02 Feb

The Brain That Wouldn’t Die

Von Volker Schönenberger

SF-Horror // Lass mich sterben! Lass mich sterben! So wimmert als Stimme aus dem Off zu Beginn von „Der Kopf, der nicht sterben durfte“ eine Frauenstimme. Es folgt der Vorspann, in dessen Anschluss wir Zeuge einer Hirn-Operation werden: Dr. Cortner (Bruce Brighton) scheitert beim Versuch, seinen Patienten zu retten. Es übernimmt Cortners Sohn Bill (Jason Evers), dem mit von seinem Vater missbilligten experimentellen Methoden das Wunder gelingt – der Patient lebt!

Kurz darauf fährt Cortner Junior mit seiner aparten Verlobten Jan Compton (Virginia Leith) im offenen Cabriolet zum Landhaus seiner Familie. Weil er es eilig hat, drückt er sehr aufs Gaspedal. Es kommt, wie es kommen muss: Das Fahrzeug kommt von der Straße ab und prallt gegen eine Leitplanke. Cortner wird aus dem Auto geschleudert. Benommen taumelt er zum brennenden Cabriolet zurück und sieht offenbar seine Verlobte ihren letzten Atemzug aushauchen. Der Chirurg zieht sich sein Jackett aus, wickelt es um etwas im Auto Liegendes und erreicht bald darauf mit letzter Kraft zu Fuß das Landhaus. Mit Unterstützung seines Assistenten Kurt (Leslie Daniel) arrangiert er allerlei Gerätschaften, bis auch das Filmpublikum erkennt, was Dr. Cortner da aus dem Auto mitgenommen hat: den Kopf seiner Verlobten! Jan wurde beim Unfall enthauptet. Ihr Körper verbrannte, doch es gelang dem Forscher, ihren Schädel am Leben zu erhalten. Nun plant er die ultimative Transplantation, um Jans Kopf zu retten.

Von seinen Forschungen besessen

Keine Frage: Dr. Bill Cortner ist ein verrückter Wissenschaftler (Mad Scientist) par excellence. Sein bei der Operation zu Beginn des Films noch vergleichsweise harmlos eingeführter Hang zu experimenteller Chirurgie entpuppt sich zügig als Obsession. Schon an seinem Assistenten Kurt hat er – mit dessen Einwilligung – eine Transplantation vorgenommen, die aber nicht als Erfolg gewertet werden kann, wie Kurts missgestalteter Arm verrät. Obendrein hält Cortner in einer Zelle eine Kreatur gefangen, die wir vorerst nicht zu sehen bekommen. Nach dem Autounfall wird auch sehr schnell deutlich, dass er ihren Kopf nicht aus verzweifelter Liebe zu Jan am Leben erhält, sondern aus wissenschaftlicher Besessenheit. Er ist ein moderner Dr. Frankenstein, der nun einen Körper benötigt, der zum Haupt seiner Verlobten passt.

Erfolgreiche Stimulation eines sterbenden Gehirns

Kommt Cortners Skrupellosigkeit doch arg mit dem Holzhammer daher, schlägt „Der Kopf, der nicht sterben durfte“ mit dem Leiden seines aufs Haupt reduzierten Versuchskaninchens Jan immerhin auch ein paar sanfte Töne an. Ihr wimmerndes Lass mich sterben! bekommen wir auch später zu hören. Und so albern ihr in einer Nährlösung stehender Kopf tricktechnisch auch wirkt, die Tragik ihres Schicksals ist wirkungsvoll. Bald versucht sie verzweifelt, Kontakt zu dem Wesen in der Zelle aufzunehmen. Das weckt auch unser Interesse daran, was sich hinter der Tür verbirgt und ob die beiden einen Weg finden werden, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen.

Wo finde ich nur den richtigen Körper?

Auch Humor kommt zum Tragen, wenn auch womöglich unfreiwilliger. Als Dr. Cortner seine Suche nach einem Körper für Jans Kopf beginnt, führt ihn das in einen Nachtclub, in dem zwei Stripperinnen (Bonnie Sharie, Paula Morris) um ihn buhlen, die ihn allerdings mit ihrem Zank vertreiben, woraufhin sie sogar eine Rauferei beginnen. Ein zünftiger Catfight, wie auch der finale Schwenk auf Katzenposter an der Wand belegt. Einen Sinn jenseits der Zurschaustellung von ein paar weiblichen Reizen hat diese Auseinandersetzung nicht. Bald darauf folgt ein ausgiebiger Dialog zwischen Jan und Assistent Kurt, die Cortners Experimente debattieren, was aber zu nichts führt, da der Film kaum angetan ist, ethisch-moralische Fragen über die Verantwortung des Forschers und der Wissenschaft aufzuwerfen. Nein, hier haben wir es mit Exploitation zu tun, mit 62.000 US-Dollar preiswert produziert und den entsprechenden Makeln – aber auch in billiger Machart kann das für augenzwinkernde Unterhaltung herhalten und tut es das auch – ob bewusst augenzwinkernd oder nicht.

Vater (l.) und Sohn Cortner mit der reizenden Jan

Mit 83 Minuten ohnehin nicht allzu lang geraten, versucht Regisseur Joseph Green (1928–1999), aus der Auswahl des richtigen Körpers Spannung zu ziehen. Das misslingt aber auf ganzer Linie. Erst verschmäht er die erwähnten Stripperinnen, dann entdeckt er auf seinen Streifzügen per Auto seine Bekannte Donna (Lola Mason), die es beinahe wird, aber das Glück hat, eine andere Freundin (Audrey Devereau) ins Auto steigen zu lassen. Schließlich trifft Cortner auf seine alte Freundin Doris (Adele Lamont), der er verspricht, ihre vernarbte linke Wange zu behandeln. Diese Suche nach dem richtigen Opfer gerät alles andere als fesselnd, aber irgendwann ist immerhin Schluss damit, und „Der Kopf, der nicht sterben durfte“ biegt auf die Zielgerade ein, die sogar zwei splatterige Brutalitäten zu bieten hat.

Erste Regiearbeit – nach der zweiten war Schluss

Für Green markierte „The Brain That Wouldn’t Die“ sein Regiedebüt, das allerdings keinen Startschuss einer großen Filmemacher-Karriere darstellte. Satte 24 Jahre später inszenierte er mit „The Perils of P.K.“ (1986) seinen zweiten und letzten Film, in den es aus unerfindlichen Gründen sogar Entertainer Sammy Davis Jr. verschlagen hat, was dem Streifen aber offenkundig auch nicht zu irgendeiner Form der Bekanntheit verhalf. Weltkarrieren kamen auch für Hauptdarsteller und Hauptdarstellerin nicht heraus, aber Jason Evers (1922–2005) war immerhin fast 50 Jahre lang im Filmgeschäft tätig, meist fürs Fernsehen. Seine bekanntesten Filme dürften die Ray-Bradbury-Verfilmung „Der Tätowierte“ (1969) und „Flucht vom Planet der Affen“ (1971) sein. Virginia Leith (1925–2019) trat zwischen 1953 und 1980 lediglich 25 Mal schauspielerisch in Erscheinung. Aus ihrer Filmografie sticht Richard Fleischers Thriller „Sensation am Sonnabend“ (1955) mit Ernest Borgnine, Lee Marvin und Victor Mature hervor.

Ein tragischer Unfall

Als Bestandteil der Public Domain kann der in Schwarz-Weiß gedrehte „The Brain That Wouldn’t Die“ kostenlos und völlig legal aus dem Internet Archive heruntergeladen werden. Wer es etwas wertiger bevorzugt und sich über eine deutsche Synchronisation freut, kann auf die Edition von Ostalgica zugreifen. Das kleine Label hat den Film als siebten Teil der „Classic Chiller Collection“ veröffentlicht, in welcher bereits so skurrile Perlen wie „Rebellion in der Tiefe“ (1956) und „Das Monster von Tokio“ (1959) sowie Klassiker wie „Hexenhammer“ (1970), „Insel der verlorenen Seelen“ (1932) und „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“ (1932) erschienen sind. Die Veröffentlichung ergibt auch insofern Sinn, als die vollständige Fassung des Films zuvor hierzulande nie zu finden war. Ostalgica hatte eine gekürzte Version 2009 der DVD von „Die Nackte und der Satan“ beigefügt.

Erst Kopf, dann Hirn

An Bild- und Tonqualität der Blu-ray von „Der Kopf, der nicht sterben durfte“ habe ich nichts auszusetzen. Die Edition im Schuber strahlt Wertigkeit aus. Das immerhin 16-seitige Booklet hält das nicht ganz ein, aber hier hat die „Classic Chiller Collection“ dem Vernehmen nach ab dem neunten Teil der Reihe Abhilfe geschaffen. Wie bei vorherigen Teilen, findet sich aber auch hier ein zusätzlicher Bonus, der ein vollwertiges Extra darstellt: eine CD mit dem Hörspiel „Frankensteins Vermächtnis“ um zwei Medizinstudenten, die auf dem Schloss ihres Professors Grausliches erleben. Das passt sogar, wie schon der Titel verrät. Apropos Titel: Das Booklet verrät, der ursprüngliche Titel des Films habe „The Head That Wouldn’t Die“ gelautet, und diese Variante findet sich auch ganz am Ende des Films. Der US-Verleih American International Pictures bestand wohl kurz vor knapp auf der Änderung zu „Brain“, sodass eine Korrektur des Abspanns zeitlich nicht mehr drin war.

Keine Skrupel

„Der Kopf, der nicht sterben durfte“ hat auf verschiedene Weise in die Popkultur Einzug gehalten. Wer dem Motiv des verrückten Wissenschaftlers etwas abgewinnen kann und über etwas Erfahrung verfügt, wird sich von diesem campy Streifen sicher nicht abschrecken lassen und sollte diesen auch gesehen haben. Mit weit hergeholten wissenschaftlichen Theorien umzugehen, stellt für Kenner dieses Sujets kein Problem dar. Die Macken nimmt man lächelnd hin, der Rest ist Amüsement – nun auch endlich in Deutschland vollständig und in angemessener Edition.

Die „Classic Chiller Collection“ von Ostalgica haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt.

Der falschen Tür zu nahe gekommen

Veröffentlichung: 17. Juli 2020 als auf 1.000 Exemplare limitierte 2-Disc-Edition (Blu-ray & CD) der „Classic Chiller Collection“, 6. März 2009 als DVD (im Bonusmaterial der DVD „Die Nackte und der Satan“)

Länge: 83 Min. (Blu-ray), 69 Min. (DVD, gekürzte Fassung)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch
Originaltitel: The Brain That Wouldn’t Die
USA 1962
Regie: Joseph Green
Drehbuch: Joseph Green
Besetzung: Jason Evers (als Herb Evers), Virginia Leith, Anthony La Penna (als Leslie Daniel), Adele Lamont, Bonnie Sharie, Paula Morris, Marilyn Hanold, Bruce Brighton, Lola Mason, Eddie Carmel, Audrey Devereau
Zusatzmaterial: Featurette „Das gespaltene Gehirn“ (10:44 Min., OmdU), alternative Szene, Bildergalerie, Originaltrailer, „Trailers from Hell“-Version des Trailers mit Mick Garris (2:10 Min., OmdU), Hörspiel „Frankensteins Vermächtnis“ von Raimund Junker (70 Min.), 16-seitiges Booklet mit einem Text von Henry Spencer, Wendecover mit Alternativmotiv, Schuber
Label: Ostalgica
Vertrieb: Media Target Distribution GmbH

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 Ostalgica

 

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