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1942 – Ostfront: Im Fleischwolf von Rschew

10 Feb

Rzhev

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // So recht gelungen erscheint der deutsche Filmtitel nicht: Zur konsequent aus der Perspektive der Roten Armee gezeigten Handlung passt „1942 – Ostfront“ nicht, da die sowjetrussischen Soldaten aus ihrer Sicht nicht an einer Ostfront kämpfen, sondern im Großen Vaterländischen Krieg; so wurde der am 22. Juni 1941 mit dem Unternehmen Barbarossa genannten Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion begonnene Deutsch-Sowjetische Krieg als Teil des Zweiten Weltkriegs in der Sowjetunion und wird er in Russland bezeichnet. Passende deutsche Titel des im Original „Rzhev“ betitelten Kriegsdramas wären beispielsweise „Die Schlacht von Rschew“ oder – etwas reißerischer – „Der Fleischwolf von Rschew“ gewesen, denn diese für beide Seiten enorm verlustreiche militärische Metzelei steht im Zentrum des Geschehens. Zwischen Januar 1942 und März 1943 versuchte die Rote Armee mittels dreier groß angelegter Angriffe, die deutschen Abwehrstellungen zu durchbrechen. Das etwa 200 Kilometer von Moskau am Oberlauf der Wolga gelegene Rschew stand seit dem 14. Oktober 1941 unter Besatzung der deutschen Wehrmacht. Als die Rote Armee die Stadt im März 1943 befreite, war Rschew nahezu vollständig zerstört. In einem Konzentrationslager im Stadtzentrum wurden in der Zeit der Besatzung 9.000 Menschen ermordet. Von den knapp unter 60.000 Einwohnerinnen und Einwohnern Rschews überlebten weniger als 400.

Unter schweren Verlusten …

In Gedenken an all jene, die für die Verteidigung des Friedens und der Gerechtigkeit eingetreten sind – so steht es zu Beginn des Films zu lesen. Ein Haufen Rotarmisten unter der Führung ihres Kompanieführers (Sergey Zharkov) stürmt im russischen Winter 1942 auf ein von der Wehrmacht gehaltenes Dorf zu. Es gelingt den sowjetischen Soldaten, die Deutschen zu vertreiben, aber der Preis ist hoch: Die Hälfte der Kompanie geht bei dem Angriff drauf. Zu viele Opfer, um ein Dorf zu erobern, wie der desillusionierte Soldat Machikhin (Oleg Gayanov) zum Missfallen des Polit-Offizier Sorin (Arseniy Semyonov) anmerkt. Weil das nunmehr von den Sowjetrussen gehaltene Dorf eine Delle in den örtlichen Frontverlauf schlägt, rechnet der Kompanieführer mit einem baldigen Gegenangriff der Deutschen. Rückzug kommt nicht in Frage, aber Verstärkung lässt auf sich warten. Bald darauf trifft mit Unterleutnant Rykov (Grigori Nekrasov) der fanatische Leiter eines Sonderkommandos ein, den Gefreiten Vlasyuk (Pyotr Logachev) als Begleitschutz im Schlepptau. Schnell legt sich der Soldat Kartsev (Ivan Batarev) mit Rykov an. Die Lage spitzt sich zu.

… stürmen die Rotarmisten das Dorf

Mit dem Sturm auf das Dorf wirft „1942 – Ostfront“ sein Publikum gleich zu Beginn recht unvermittelt ins überaus brutale Geschehen. Der bis dato vornehmlich fürs russische Fernsehen tätige Regisseur Igor Kopylov zeigt das sinnlose Sterben im deutschen Sperrfeuer auf drastische Weise: Ein Arm wird abgeschossen, ein Körper vom Unterleib getrennt. Auch der Blutzoll der Wehrmacht ist hoch. Im Anschluss nimmt sich das Kriegsdrama Zeit für die Entwicklung der Beziehungsgemengelage und der angespannten Situation der Rotarmisten im Dorf, dessen Einwohnerinnen und Einwohner verschwunden sind. Einige der Soldaten erhalten so charakterliches Profil. Auch die Verschärfung der Stimmung durch den parteilich geschulten Polit-Offizier und den neu hinzukommenden Unterleutnant Rykov bekommt breiten Raum, speziell vom Handlungsstrang um Rykov profitiert die Story ungemein.

Ein deutscher Flammenwerfer wütet

Ausstattung, Kostüme und Produktionsdesign genügen internationalen Ansprüchen, wenn auch nicht im Big-Budget-Bereich. Aber Infanteriegefechte wie diese lassen sich eben auch ohne Massen an schwerem Kriegsgerät inszenieren. Einzig der kaum einmal innehaltende generische Score nervt bisweilen etwas. Dafür wird das Motiv des heldenhaften Kampfes nicht überstrapaziert. Die so erschöpften wie hungrigen Soldaten im Dorf kämpfen nicht einmal unbedingt ums Überleben, denn damit rechnen können sie nicht. Das gnadenlose Vorgehen der Wehrmacht im als Vernichtungskrieg konzipierten deutschen Ostfeldzug steht nicht permanent im Fokus, kommt aber zum Tragen.

Gigantisches „Denkmal für den russischen Soldaten“

110 Tonnen Bronze und Stahl, eine Höhe von 25 Metern – am 30. Juni 2020 enthüllte der russische Präsident Wladimir Putin in Rschew ein monumentales „Denkmal für den russischen Soldaten“. Der Ort war sicher kein Zufall, da die dortige Schlacht in der Sowjetunion aufgrund der riesigen Verluste lange Zeit unter den Teppich gekehrt worden war und erst seit einiger Zeit zum wichtigen Bestandteil der russischen Erinnerungskultur des Zweiten Weltkriegs geworden ist.

Die Wehrmacht setzt auf Mörserbeschuss

Die Kämpfe um Rschew hatten eine wichtige strategische Bedeutung für den vernichtenden Sieg über die Faschisten bei Stalingrad und änderten den Verlauf des Zweiten Weltkriegs entscheidend. Im März 1943 wurden die Deutschen vom Rschewer Brückenkopf vertrieben. Die Frontlinie konnte so um mehr als 150 Kilometer in Richtung Deutschland verschoben werden. Die lang erwartete Verstärkung der Deutschen bei Stalingrad wurde verhindert. Mit dieser Einblendung endet „1942 – Ostfront“. Die Eindringlichkeit des sowjetrussischen Meisterwerks „Komm und sieh“ (1985) erreicht der russische Film nicht, hat gleichwohl hohe Qualität, wirkt nachhaltig und kann durchaus als Höhepunkt des modernen osteuropäischen Kriegskinos gewertet werden. Damit stellt der Film auch durchaus manche Hollywood-Produktion in den Schatten.

Der Kompanieführer kämpft bis zuletzt

Veröffentlichung: 22. Januar 2021 als Blu-ray und DVD

Länge: 118 Min. (Blu-ray), 113 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Russisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Rzhev
RUS 2019
Regie: Igor Kopylov
Drehbuch: Igor Kopylov, nach Motiven einer Erzählung von Wjatscheslaw Kondratjew (Vyacheslav Kondratev)
Besetzung: Sergey Zharkov, Ivan Batarev, Oleg Gayanov, Arseniy Semyonov, Aleksandr Bukharov, Grigori Nekrasov, Igor Grabuzov, Aleksandr Aravushkin, Aleksandr Gorbatov, Dan Rozin, Aleksandr Plaksin, Andrey Korovnichenko, Pyotr Logachev, Daniil Voropaev
Zusatzmaterial: Kinotrailer, Trailershow, Wendecover
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2021 capelight pictures

 
 

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Eine Antwort zu “1942 – Ostfront: Im Fleischwolf von Rschew

  1. Rainer Kirmse , Altenburg

    2021/06/22 at 10:06

    Ein kleines Gedicht zum Unternehmen Barbarossa:

    VERNICHTUNGSKRIEG

    Platz für ein Volk ohne Raum,
    Hitlers wahnwitziger Traum.
    Der Krieg der Ideologien
    Wird eine blutige Spur zieh’n.

    Der Plan liegt lange schon bereit,
    Deutschlands Partner geben Geleit.
    Von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer
    Fällt man über das Sowjetreich her.

    Die Wehrmacht ist gut gerüstet,
    Ein ganzes Land wird verwüstet.
    Millionenfach unsäglich‘ Leid,
    Verloren geht die Menschlichkeit.

    Bald wird man an der Wolga steh’n,
    Zum Schluss wird Deutschland untergeh’n.
    Während man noch träumt vom Endsieg,
    Kehrt der Krieg zum Ursprung zurück.

    Rainer Kirmse , Altenburg

    Herzliche Grüße aus Thüringen

     

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