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Die längste Brücke – Ein Lagerhaus trotzt Japan

21 Feb

Ba bai zhuang shi

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Zuletzt zeichnete „The 800“ (2020) die Verteidigung des Sihang-Lagerhauses Ende Oktober 1937 nach. Die Produktion der Volksrepublik China ist bereits die dritte Verfilmung des Stoffs. Die knapp einstündige erste Umsetzung trägt den Titel „Ba bai zhuang shi“ und war bereits 1938 in China entstanden, wenige Monate nach den Ereignissen während der von August bis November 1937 tobenden Schlacht um Shanghai zum Auftakt des Zweiten Japanisch-Chinesischen Kriegs. Bei der zweiten Verfilmung handelt es sich um eine taiwanesische Produktion; sie feierte dort im Juli 1976 ebenfalls unter dem Titel „Ba bai zhuang shi“ Weltpremiere und gelangte im Folgejahr in wenigen anderen Ländern ebenfalls in die Kinos, darunter in gekürzter Fassung unter dem Titel „Die längste Brücke“ auch in der Bundesrepublik Deutschland. Um sie soll es in dieser Rezension gehen.

Pfadfinderin Yang Huimin beobachtet mit Bangen …

Der Einmarsch der Kaiserlich Japanischen Armee in China im Juli 1937 hatte den Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg entfesselt, der sich mit dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 zum Pazifikkrieg auswuchs. „Die längste Brücke“ beginnt mit der Bombardierung Shanghais durch japanische Flugzeuge. Kurz darauf stürmen Invasionstruppen die Strände Chinas. Die Verluste auf beiden Seiten sind massiv, die Japaner gehen rücksichtslos vor und sind kaum zu stoppen. In drei Tagen wollen sie Shanghai eingenommen haben.

… den Anflug japanischer Bomber

In dieser brenzligen Situation erhält der chinesische Offizier Xie Jinyuan (Chun-Hsiung Ko) das Kommando über eine Einheit Infanteristen. Es gilt, das Sihang-Lagerhaus am Ufer des Flusses Suzhou gegen die Invasoren zu verteidigen, damit die chinesischen Streitkräfte Zeit gewinnen, um sich zurückzuziehen und neu zu sortieren. Auch die junge Pfadfinderin Yang Huimin (Brigitte Lin, „Police Story“, „Chungking Express“) will nicht ins Hinterland fliehen, sondern ihren Beitrag für ihr Land leisten. In der Folge wird sie sich als Kurierin betätigen. Ganz in der Nähe des Lagerhauses befindet sich eine Brücke über den Suzhou, die zur internationalen Konzession Shanghais führt, einem Bezirk, der nicht als chinesisches Hoheitsgebiet gilt und deshalb vom Krieg verschont bleibt. Der Kampf der 800 Helden der 1. Bataillon des 524. Regiments der 88. Division scheint zum Scheitern verurteilt, und viele werden bei der Verteidigung des Lagerhauses sterben (tatsächlich waren nicht 800 chinesische Soldaten daran beteiligt, sondern lediglich 452).

Die Japaner dringen nach Shanghai ein

Die Schauwerte der neuen Produktion „The 800“ mögen größer sein, aber dafür kommt „Die längste Brücke“ ganz ohne am Computer entstandene Bilder aus (zugegeben wohl auch deshalb, weil es sie noch nicht gab). Spektakuläres Kriegskino liefern konnte in den 1970er-Jahren auch Taiwan, obgleich es einige Male etwas übertrieben wirkt, wie theatralisch einzelne zu Tode getroffene Soldaten geradezu abheben. Es wird viel geballert, von schwerer Artillerie über Granatwerfer bis zum schnöden Gewehr ist alles vertreten, auch Säbel kommen ausgiebig zum Einsatz. Heldenhaft kämpfen die chinesischen Soldaten mit größtmöglicher Opferbereitschaft, was besonders in einer Szene eindrucksvoll deutlich wird, in der sie um jeden Preis die erst kurz zuvor auf dem Dach des Lagerhaus gehisste chinesische Flagge sichern wollen, während japanische Kampfflieger das Gebäude umkreisen, um das Banner herunterzuschießen. In puncto Pathos und Heldenzeichnung übertrifft „Die längste Brücke“ den neueren Beitrag „The 800“ jedenfalls. Nicht um Längen, aber spürbar.

Xie Jinyuan erhält den Befehl, ein Himmelfahrtskommando zu führen

Der schmissige Soundtrack verleiht dem blutigen Treiben einen bizarren Beigeschmack der Marke „Hurra, wir ziehen in den Krieg!“, wovon tatsächlich keine Rede sein kann. Gleichwohl haben wir es mit Heldenkino zu tun, Beteiligten wie der Pfadfinderin Yang Huimin wird mit „Die längste Brücke“ ein Denkmal gesetzt. Das Werk ist sicher weit davon entfernt, zu den großen Kriegsdramen der Filmgeschichte aufschließen zu können, aber interessant genug, um nicht der Vergessenheit anheimzufallen. Und als historisches Zeitdokument in der heiklen politischen Gemengelage zwischen der Volksrepublik China und Nationalchina/Taiwan allemal bemerkenswert. In Deutschland leider nie in voller Länge von 113 Minuten veröffentlicht, sondern um knapp 20 Minuten gekürzt.

Die Kämpfe fordern viele Opfer

Veröffentlichung: 15. September 2016 als DVD

Länge: 94 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Ba bai zhuang shi
Internationaler Titel: Eight Hundred Heroes
TAIW 1976
Regie: Shan-Hsi Ting
Drehbuch: Shan-Hsi Ting
Besetzung: Chun-Hsiung Ko, Brigitte Lin, Feng Hsu, Sylvia Chang, Carter Wong, Tony Dyer, Yi Chang, Paul Chang Chung, Ping An
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb: Picture Lake

Copyright 2021 by Volker Schönenberger
Szenenfotos & Packshot: © 2016 Picture Lake

 

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