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Sturm über Texas – Mit Harpune zur Schießerei

22 Feb

Terror in a Texas Town

Von Volker Schönenberger

Western // Im texanischen Städtchen Prairie City schreitet George Hansen (Sterling Hayden) über die Main Street. Auf seiner Schulter trägt er seine Walfänger-Harpune. Etliche Männer folgen ihm. Aus einer Tür tritt der ganz in Schwarz gekleidete Revolverschwinger Johnny Crale (Nedrick Young). Der provoziert Hansen, er möge doch ein paar Schritte nach vorn machen. Nur ein bisschen näher, damit du mich mit deiner verdammten Harpune auch wirklich triffst. Na, wie ist es, Hansen? Und Schnitt.

Mit dieser Vorwegnahme des Showdowns – wenn auch ohne dessen Ausgang – beginnt „Sturm über Texas“ (1958). Im Anschluss an diesen ungewöhnlichen Auftakt setzt der Vorspann ein. Danach erfahren wir, dass der reiche McNeil (Sebastian Cabot) die Farmer und Rancher der Gegend terrorisiert, um sich ihr Land unter den Nagel zu reißen. Das Hotel gehört ihm bereits, und er schreckt auch vor Brandstiftung nicht zurück, um an die Ölvorkommen der Region zu kommen. Gerade ist der berüchtigte Johnny Crale eingetroffen, den McNeil den Tod in Menschengestalt nennt. Er hat zwar vor einiger Zeit bei einer Schießerei seine rechte Hand eingebüßt, die durch eine Prothese ersetzt wurde, hat aber seine Schießkunst mit der linken Hand perfektioniert.

Kommt mit Harpune zu einer Schießerei: George Hansen

Der eiskalte Crale sucht den schwedischen Einwanderer Sven Hansen (Ted Stanhope) auf, der sich erwartungsgemäß weigert, sein Land zu übereignen. Bald darauf trifft Hansens Sohn George in Prairie City ein. Im Saloon trifft er auf Crale, der ihm berichtet, sein Vater sei drei Tage zuvor von einem Unbekannten erschossen worden.

Ist die Zeit der Revolverschwinger vorbei?

Regisseur Joseph H. Lewis (1907–2000, „Gefährliche Leidenschaft“) inszenierte „Terror in a Texas Town“, so der Originaltitel, als als knackig-kurzen, gradlinigen Schwarz-Weiß-Western ohne Überraschungen in der Handlung. Es sind mehr die Zwischentöne, die „Sturm über Texas“ aus der Masse der vielen kleinen Western wie diesem herausragen lassen. Die Handlung spielt 1890, und dass es um Öl geht, deutet schon an, dass andere Zeiten angebrochen sind (auch wenn das schwarze Gold keine große Rolle spielt und fast schon als McGuffin angesehen werden kann). Der Killer Crale hat seine Freundin Molly (Carol Kelly) dabei, die ihn gleich zu Beginn beschwört, mit seinem tödlichen Treiben nicht weiter fortzufahren, da die Ära von Männern wie ihm vorüber sei. Selbst Crales Auftraggeber McNeil äußert sich gegen Ende ihm gegenüber in ähnlicher Weise. Da wirkt es geradezu symbolhaft, dass er mit seinem Revolver zum finalen Duell gegen eine Harpune antritt, wohl kaum eine Waffe des wilden Westens, der eben gar nicht mehr wild ist, obgleich das Gesetz in Gestalt des korrupten Sheriffs Stoner (Tyler McVey) in Prairie City nicht viel zu bedeuten scheint. Aber ganz so gesetzlos geht es dann doch nicht zu, denn als George Hansen erwähnt, das Testament seines Vater, das ihn zum Erben von dessen Ländereien macht, befinde sich sicher bei der zuständigen Behörde in Austin, berunruhigt das McNeil durchaus.

McNeil (r.) hat den Tod in Menschengestalt angeheuert

Dass George Hansen seinen Feinden allein gegenübertreten muss, verleiht „Sturm über Texas“ eine gewisse Nähe zu „12 Uhr mittags“ (1952). Lewis’ Regiearbeit mag nie den Status von Fred Zinnemanns großem Klassiker erreicht haben, hat aber seine Qualitäten, verströmt mit seinem Plot der üblen Machenschaften, bösen Buben und einem Protagonisten in großen Problemen sogar einen Hauch von Film noir, auch wenn die Femme fatale Molly weniger fatal ausfällt und letztlich die Handlung nicht bedeutsam vorantreibt.

Fremde sind nicht willkommen

Bemerkenswert, dass Immigranten bedeutsam sind, nicht nur die Hansens – Sterling Haydens Versuche eines schwedischen Akzents in der Originaltonspur gehen übrigens als Kuriosum durch. Da ist auch die mexikanische Nachbarsfamilie Mirada, bestehend aus José (Victor Millan), dessen Ehefrau Rosa (Ann Varela) und ihrem Sohn Pepe (Eugene Mazzola). Auch sie haben ihre liebe Not mit den Ereignissen rund um Prairie City, waren sie doch Sven Hansen freundschaftlich verbunden, weshalb sie auch zu dessen Sohn George loyal sein wollen, ihn aber aus Angst dennoch über einiges im Unklaren lassen. Es wird deutlich: Ob aus Schweden oder aus Mexiko – Fremde sind in dieser Gegend nicht willkommen.

Die Eheleute Mirada haben Angst

Das Skript stammt von Dalton Trumbo (1905–1976, „Spartacus“), der der Gruppe der Hollywood Ten angehörte. Diese zehn Drehbuchautoren und Regisseure hatten sich zu Beginn der McCarthy-Ära 1947 geweigert, bei einer Anhörung des Komitees für unamerikanische Umtriebe auszusagen, woraufhin sie zu Freiheitsstrafen verurteilt wurden und auf Hollywoods schwarze Liste kamen. Trumbo schrieb unter Pseudonym weiterhin Drehbücher, bei manchen der auf seinen Skripts basierenden Filmen wurden Strohmänner als Autoren genannt, so auch bei „Sturm über Texas“. Seine beiden Oscars gewann er in dieser Zeit: 1957 für die Story von „Roter Staub“ – die Trophäe wurde ihm erst 1975 überreicht. Bereits 1954 war seine Story für „Ein Herz und eine Krone“ mit dem Academy Award prämiert worden, diesen Oscar erhielt erst 1993 Trumbos Witwe.

Ein Drehbuchschreiber als Schurke des Films

Die Autorenpersonalie passt auch gut zur Besetzung des Antagonisten des Films: Auch Nedrick Young (1914–1968) verweigerte vor dem oben erwähnten Komitee die Aussage und erhielt daraufhin Berufsverbot. Er war nicht nur Schauspieler, sondern als Drehbuchautor sogar erfolgreicher: Seinen Oscar fürs Originaldrehbuch von „Flucht in Ketten“ (1958) gewann er unter Pseudonym. Erst 1993 bewirkte Youngs Witwe die Anerkennung des Oscars für ihren Ehemann.

George weiß, was er zu tun hat

Auf der anderen Seite haben wir Hauptdarsteller Sterling Hayden (1916–1986, „Die Rechnung ging nicht auf“), der wiederum 1951 vor besagtem Komitee aussagte und sogar andere denunzierte. Für diesen Verrat haderte er lange Zeit mit sich.

Ruchloses Unternehmertum

Ein Kommunist als Drehbuchautor, einer als Hauptdarsteller, einer als dessen Gegenspieler – ob diese Personalien Zufall sind? Ob die drei zum Zeitpunkt der Entstehung des Films noch kommunistischen Idealen nachhingen, sei dahingestellt. Jedenfalls verbirgt „Sturm über Texas“ hinter seiner Fassade einer klassischen, schnörkellosen Western-Story durchaus die antikapitalistische Botschaft des skrupellosen Unternehmers, der sich mit Geld und bösen Taten den Reichtum anderer unter den Nagel reißt.

Für Joseph H. Lewis war „Sturm über Texas“ die letzte Kino-Regiearbeit. Er wechselte im Anschluss zum Fernsehen und inszenierte fortan Serienfolgen, bis er sich 1966 zur Ruhe setzte. Mit „Terror in a Texas Town“ schuf er eine kleine Westernperle, die es verdient hat, nun endlich auch in Deutschland als Blu-ray und DVD erhältlich zu sein.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Sterling Hayden haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet. Welche seiner dort noch nicht aufgeführten Filme könnt ihr empfehlen?

Molly steht zwischen den Stühlen

Veröffentlichung: 26. November 2020 als Blu-ray und DVD

Länge: 81 Min. (Blu-ray), 78 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Terror in a Texas Town
USA 1958
Regie: Joseph H. Lewis
Drehbuch: Dalton Trumbo, Ben Perry (für Trumbo vorgeschoben)
Besetzung: Sterling Hayden, Nedrick Young, Sebastian Cabot, Carol Kelly, Eugene Mazzola, Victor Millan, Frank Ferguson, Marilee Earle, Ted Stanhope, Ann Varela, Tyler McVey
Zusatzmaterial: Kinotrailer, Bildergalerie seltener Artworks, Wendecover
Label: explosive media
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2021 explosive media

 
 

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19 Antworten zu “Sturm über Texas – Mit Harpune zur Schießerei

  1. Matthias Klug

    2021/04/18 at 17:11

    Zwiebel-Jack räumt auf, als auch Prinz Eisenherz haben mir sehr gut gefallen, die ich auch empfehlen könnte.

     
  2. Thomas Oeller

    2021/04/17 at 20:17

    „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ oder „Der Pate“

     
  3. Michael Behr

    2021/04/17 at 09:59

    Von denen habe ich, glaube ich, nur „Dr. Seltsam“ und den „Asphalt-Dschungel“ gesehen. So wie die meisten anderen Kommentatoren scheinbar auch 😉

     
  4. Markus Tump

    2021/04/16 at 10:19

    Ganz phantasielos : „Der Asphalt-Dschungel“.

     
  5. SmileySmile77

    2021/04/13 at 21:03

    Der Tod kennt keine Wiederkehr/The long goodbye wurde zwar schon mehrmals genannt. Und auch wenn ich mit Altmans Adaption von Raymond Chandlers Roman nie richtig warm geworden bin, aber seine Darstellung eines alkoholkranken Schriftstellers ging mir richtig nahe.

     
  6. Klaus

    2021/04/12 at 14:35

    Meine erste Wahl ist der Film Noir-Klassiker „Asphalt-Dschungel“ von John Huston von 1950. Und da wäre noch der Western „El Psao – Die Stadt der Rechtlosen“ von 1949.

     
  7. Patrick Grzanna

    2021/04/12 at 14:14

    „Der Tod kennt keine Wiederkehr“…ein kleiner dreckiger Streifen von R. Altman der sich gut in Filme wie „long good friday“ oder die alten Alain Delon einreihen kann 🙂 Denn Strangelove, killing und Pate wird wohl oft genannt 😀

     
  8. Clemens

    2021/04/11 at 21:33

    Neben den bereits genannten Spielfilmen empfehle ich den Dokumentarfilm Leuchtturm des Chaos (1983).

     
  9. Andreas H.

    2021/04/11 at 11:44

    „Der Pate“ natürlich, zudem „1900“, „Die schwarze Mamba“ und „Johnny Guitar“.

     
  10. ngffgn

    2021/04/11 at 08:14

    „Prinz Eisenherz“; toller Film. Wundert mich sehr, dass der hier noch nicht besprochen wurde…

     
  11. Imke

    2021/04/10 at 14:39

    Love the bomb finde ich erwähnenswert

     
  12. Jost

    2021/04/10 at 11:44

    Kann von den Filmen die noch nicht genannt wurden und auch nicht auf der Liste sind auf jeden Fall noch „Pfeile in der Dämmerung“ sehr empfehlen!

     
  13. Alex Q

    2021/04/09 at 17:38

    Sturm über Texas kann sich durchaus mit Waynes Alamo messen (und basiert übrigens auf Waynes ursprünglichem Skriptentwurf)

     
  14. Björn Kramer

    2021/04/09 at 15:11

    Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb

     
  15. Frank Warnking

    2021/04/09 at 11:18

    Der Tod kennt keine Wiederkehr 🙂

     
  16. Oliver

    2021/04/09 at 08:38

    Natürlich „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“.

     
  17. Eva

    2021/04/09 at 08:14

    Johnny Guitar – Wenn Frauen hassen
    Der Tod kennt keine Wiederkehr

     
  18. Dirk Busch

    2021/04/09 at 08:02

    Ich werfe dann mal Asphalt-Dschungel…Die Rechnung ging nicht auf & Der Tod kennt keine Wiederkehr in den Ring.

     
    • V. Beautifulmountain

      2021/04/09 at 11:20

      Okay. Du hast also nicht geprüft, welche seiner Filme schon rezensiert worden sind. 😉

       

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