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Jesus Shows You the Way to the Highway – Wenn ein Film noch sonderbarer ist als sein Titel

09 Mrz

Jesus Shows You the Way to the Highway

Von Volker Schönenberger

SF-Groteske // Ich bekenne gleich vorweg, keine Ahnung zu haben, ob ich diesen Film verstanden habe. Im Mittelpunkt stehen jedenfalls die beiden CIA-Agenten D. T. Gagano (Daniel Tadesse) und Palmer Eldritch (Agustín Mateo), deren Aufgabe es ist, ein Computerprogramm zu beschützen, das die estnische Metropole Tallinn steuert. Gagano will seinen Dienst quittieren, um mit seiner Frau Malin (Gerda-Annette Allikas) ein Kickbox-Studio zu eröffnen. Doch just, als er seinen Abschied nehmen will, dringt ein Virus namens „Sowjetunion“ ins System ein. Die beiden Agenten folgen dem Cyber-Feind in die virtuelle Realität. Doch ob sie je hinausgelangen, steht in den Sternen.

Gagano mit Gemahlin unter der Dusche

Viele werden „Jesus Shows You the Way to the Highway“ nicht zuletzt aufgrund der Laiendarsteller im Trash verorten, aber das greift deutlich zu kurz. Andererseits kann ich gar nicht genau angeben, wo ich den Film einordne. Science-Fiction-Groteske trifft es meines Erachtens einigermaßen, also belasse ich es dabei. Wer glaubt, angesichts des Themas virtuelle Realität eine futuristische Inszenierung gezeigt zu bekommen, liegt daneben. Vielmehr bedient sich der Film konsequent einer Retro-Optik, auch bei der Technik mit Modem und DOS. Die 70er- und 80er-Jahre werfen eben lange Schatten. Das betrifft auch Kostüme, Setdesigns und Autos.

Inspiriert von Philip K. Dick

Befinden sich die beiden Agenten in der virtuellen Realität, tragen sie Papp-Masken mit den Konterfeis von Richard Pryor und Robert Redford, während sich ihr Antagonist eine Stalin-Maske übergestreift hat. Unglaublich, aber wahr. Beim Namen Palmer Eldritch klingelte etwas, und richtig: „Die drei Stigmata des Palmer Eldritch“ nennt sich ein 1965 erstveröffentlichter Roman des visionären Science-Fiction-Autors Philip K. Dick (1928–1982). Von dort mag die Idee der alternativen Realität entlehnt sein, womöglich auch mehr.

Agenten im virtuellen Einsatz

Ein Batman für Arme taucht auch auf – Batfro wird von Palmer-Eldritch-Darsteller Agustín Mateo verkörpert. Vielleicht ist Palmer Eldritch auch Batfro, so wie Bruce Wayne Batman ist, ich weiß es nicht. Zwischendurch gibt es eine Einlage klassisches Kung Fu wie aus einem Eastern, dann treten zwei überdimensionale Fliegen in Erscheinung – Menschen im Gummikostüm wie bei „Godzilla“. Nur einige der skurrilen Ideen, mit denen „Jesus Shows You the Way to the Highway“ gespickt ist.

Mit Stalin im Nacken

Der in der spanischen Hauptstadt Madrid geborene Drehbuchautor und Regisseur Miguel Llansó drehte „Jesus Shows You the Way to the Highway“ in Estland und seiner Wahlheimat Äthiopien. Eine ungewöhnliche Kombination, das passt zum Film. Mit Hauptdarsteller Daniel Tadesse arbeitete Llansó dabei nach zwei Kurzfilmen und seinem Langfilm-Regiedebüt „Crumbs“ (2015) zum vierten Mal zusammen. Tadesse ist aufgrund einer Körperbehinderung von gedrungener Gestalt bis hin zur Kleinwüchsigkeit. Der Darsteller scheut sich nicht, mit vollem Körpereinsatz bei der Sache zu sein.

Deutsche Synchronisation von Stereo Total

Ungewöhnlich ist auch die deutsche Synchronisation ausgefallen: Sie stammt von der im Februar 2021 leider verstorbenen Françoise Cactus und Brezel Göring, die gemeinsam das Berliner Synthie-Pop-Punk-Duo Stereo Total gebildet hatten. Cactus übernahm die weiblichen Stimmen des Films, Göring die männlichen. Kurioserweise wurden beide als Voiceover über die Original-Tonspur gelegt, sodass es sich anhört wie bei einem Dokumentarfilm, bei dem ein deutscher Sprecher die Originalstimme übertönt. Es könnte auch ein technischer Fehler sein, daran glaube ich allerdings nicht, weil es einfach zu dieser seltsamen Produktion passt.

Wer sich mit Batfro anlegt …

Angesichts der vielen absurden Ideen fühlte ich mich phasenweise ein wenig an Quentin Dupieux und seine grotesken Film-Experimente „Rubber“ (2010) und „Wrong“ (2012) erinnert. Letztlich ist „Jesus Shows You the Way to the Highway“ unvergleichlich, was wiederum an Dupieux erinnert.

… darf sich hinterher nicht beschweren

Die moderate Dauer von lediglich 79 Minuten ist gut gewählt. Viel länger und man wäre von dem Füllhorn all dieser Merkwürdigkeiten erschlagen worden. Nicht alles wirkt durchdacht, aber vielleicht habe ich auch nur nicht lange genug drüber nachgedacht, womit wir wieder beim Thema meines Verständnisses angelangt sind. Wenn Jesus mir den Weg zur Autobahn gezeigt hat, bin ich wohl irgendwo falsch abgebogen. Weder kann ich „Jesus Shows You the Way to the Highway“ bedingungslos anpreisen noch davon abraten. Wer sich gern von abseitigen Filmerlebnissen überraschen lässt und keine Berührungsängste mit Amateur-Schauspiel und Low-Budget-Produktionen hat, möge sein Glück versuchen. Rapid Eye Movies hat das Werk als Blu-ray im ansprechenden Digipack mit Booklet als Teil der Reihe „selectedbyREM“ veröffentlicht.

Äh – ja?!

Veröffentlichung: 12. März 2021 als Blu-ray im Digipack

Länge: 79 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Jesus Shows You the Way to the Highway
SP/EST/ÄTH/LETT/RUM 2019
Regie: Miguel Llansó
Drehbuch: Miguel Llansó
Besetzung: Daniel Tadesse, Agustín Mateo, Guillermo Llansó, Solomon Tashe, Gerda-Annette Allikas, Rene Köster, Lauri Lagle, Carlo Pironti, Iveta Pole, Aris Rozentals, Metaferia Belayneh, Tesfaye Fekade, Yared Nigusse, Abdulkerim Tenkir, Leul Solomon
Zusatzmaterial: Audiokommentare, Kurzfilm „Chigger Ale“ von Santa Ananas (11:04 Min.), Video Pitch – Making of (2:50 Min.), Proof of Concept – Making of (3:23 Min), Audio-Interviews, Trailer, 16-seitiges Booklet
Label: Rapid Eye Movies
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2021 Rapid Eye Movies

 

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