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Gangster sterben zweimal – Der berühmte letzte Coup

05 Apr

Gangsters ’70

Von Andreas Eckenfels

Thrillerdrama // Tschüss! Auf Wiedersehen! Mach’s gut! Mit den freundlichen Worten der Knastkollegen wird der alternde Bankräuber Fabio Destil (Joseph Cotten) aus dem Gefängnis verabschiedet. Abgeholt wird er von seinem alten Freund, dem Trickbetrüger Sempresi (Giampiero Albertini). Mehrere Jahre verbrachte Destil hinter Gittern. Ausreichend Zeit, um einen letzten großen Coup auszutüfteln. Danach will er sich zur Ruhe setzen, gut leben in Griechenland, wo er einst mit seiner Ex-Geliebten Anna (Milly Vitale) unvergessliche Tage verlebte.

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Fabio Destil will ein letztes großes Ding drehen

In Freiheit merkt Destil schnell, dass sich die Zeiten während seiner Abwesenheit geändert haben. Alte Weggefährten sind ausgewandert, verstorben oder machen keine krummen Geschäfte mehr. Noch schlimmer: Auch Loyalität und Respekt sind offenbar verloren gegangen. Der Anwalt, der zehn Millionen Lire für ihn verwahren sollte, kann das Geld nicht auszahlen, und der neue Gangsterboss Affatato (Bruno Corazzari) hat trotz eines lukrativen Renditeangebots gar keine Lust, Destils Coup zu unterstützen. Affatato will bei seinen legalen, risikofreien Geschäften bleiben – und meint damit seine gut laufenden Bordelle. Und er hat einige weitere Einnahmequellen, wie Sempresi schmerzlich erfahren muss, als er bei einer Pokerpartie die für die Finanzierung des Coups fehlenden 30 Millionen Lire erspielen will. Somit muss Destil kleinere Brötchen backen. Immerhin können fünf Spezialisten für den geplanten Raub gewonnen werden. Doch Destil hält einen Großteil der Details vor dem Waffenhändler Cavallo (Cesarino Miceli Picardi), dem Meisterschützen Ludi (Giulio Brogi), dem „Chemiker“ (Dennis Kilbane), der Schauspielerin Franca (Franca Polesello) und dem „Passagier“ (Franco Ressel) geheim.

Zerrissene Charaktere

Ein Gangster alter Schule, der ein letztes großes Ding drehen will und dafür eine Handvoll Komplizen um sich schart – klar, hier haben wir es mit der klassischen Story-Konstellation eines Heist-Movies zu tun. Im Stil von „Asphalt-Dschungel“ (1950), „Rififi“ (1955), oder „Die Rechnung ging nicht auf“ (1956) beginnt auch der italienische Regisseur und Co-Drehbuchautor Mino Guerrini (1927–1990) seinen „Gangsters ’70“, wie der Film im Original weniger spektakulär als in Deutschland betitelt ist. Doch schon recht früh kommen Zweifel bei Zuschauerin und Zuschauer auf: Kann Destils Plan mit diesem angeheuerten Personal wirklich gelingen?

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Affatato hält jetzt in der Unterwelt die Zügel in der Hand

Ein Großteil der unterschiedlichen Charaktere ist offenkundig komplett am Boden und zerrissen. Am stärksten tritt dies bei zwei Figuren zutage: Während der drogensüchtige Luni sogar seine Olympia-Goldmedaille für einen Schuss verhökern will, hat die Schauspielerin Franca ihren Selbstmordversuch schon hinter sich. Da Destil auf große Geheimhaltung macht – auch das Publikum tappt über den genauen Plan lange im Dunkeln – wird der labilen Franca erzählt, sie würde in einem Film mitspielen. Das Drehbuch erhält sie aber auch auf Nachfrage nicht zu Gesicht. Lunis Entzugserscheinungen samt Geheule und Gebettel an seinen Zuhälter mag nach heutigen Sehgewohnheiten etwas übertrieben wirken, verfehlt aber seine Wirkung nicht. Können diese „Gangster“ im Ernstfall die Nerven behalten?

Hollywood-Legende in Italien

Vor den wunderschönen Kulissen der umbrischen Stadt Spoleto und begleitet von der kreischend-experimentellen Filmmusik des italienischen Komponisten Egisto Macchi (1928–1992) schreitet gleich zu Beginn eine echte Hollywood-Legende über die Ponte delle Torri: Joseph Cotten (1905–1994), bekannt aus den Klassikern „Citizen Kane“ (1941), „Im Schatten des Zweifels“ (1943) und „Der dritte Mann“ (1949). So ungewöhnlich ist es ja nicht, dass ein einstiger US-Star im hohen Alter – Cotten war Mitte 60 –, noch einmal ein paar Jobs im Ausland annimmt. Erst recht, weil ihm in der Heimat trotz großer Rollen der große Erfolg stets versagt blieb. Und offenbar hatte Joseph Cotten schnell Gefallen an Italien als Filmland gefunden: Bereits 1967 drehte er unter der Regie von Sergio Corbucci den Western „Die Grausamen“, später folgten unter anderem die Horrorfilme „Lady Frankenstein“ (1971) und „Baron Blood“ (1972).

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Junkie Ludi entspannt im Kino

Mit seinem würdevollen Auftritt adelt er das hervorragende Thrillerdrama noch zusätzlich. Wie eine wärmende Aura umstrahlt Cotten der Ruhm vergangener Tage – ähnlich wie auch seine Figur Destil, der ehrenwerte Gentleman-Verbrecher, der in Italien zum Ende der 1960er-Jahre offenbar eine aussterbende Spezies darstellt. Dass sein prächtig ausgetüftelter Plan zum Scheitern verurteilt ist, liegt nun mal in den Gesetzen des Genres begründet und zeigt natürlich auch die menschlichen Schwächen der Figuren gnadenlos auf.

Ihm zur Seite stellt Regisseur Mino Guerrini eine Handvoll äußerst erfahrener Charakterdarsteller, darunter Giampiero Albertini („Das Geheimnis der blauen Lilie“), Franco Ressel („Pistoleros“) und Bruno Corazzari („Die sieben schwarzen Noten“). Letztgenannter bleibt als schmieriger Affatato, ein Gangsterboss der „neuen Schule“, wenn man so will, besonders im Gedächtnis. Nicht nur wegen seiner Hinterhältigkeit, sondern auch wegen seiner Vorliebe für nackte Haut: Selbst in wichtigen Geschäftsgesprächen kann er es nicht lassen, durch ein Guckloch ins Nebenzimmer zu schauen, wo eine seiner Prostituierten gerade einen Freier befriedigt.

Der Airport-Coup

In der ersten Hälfte, in der die Figuren nach und nach vorgestellt werden, herrscht noch ein äußerst gemäßigtes Tempo vor. Aufgelockert wird die Inszenierung allerdings durch geschickte Schnitte und ungewöhnliche Kameraperspektiven. Zum Auftakt besprechen Destil und Sempresi, dass sie gemeinsam zum Anwalt gehen müssen, im nächsten Moment stellt er diesen bereits zur Rede, wo sein Geld geblieben ist. Wenn Destil seine Anna nach Jahren wiedersieht, wird immer wieder kurz in die Vergangenheit des Ex-Paares hineingeschnitten und so Destils Gefühls- und Gedankenwelt elegant widergespiegelt. Doch auch diese Zeit liegt eben unwiederbringlich in der Vergangenheit, wie so vieles, wie der Gangster nach seiner Knastrückkehr schmerzhaft erfahren muss.

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Gelingt der Coup?

Sobald der Coup über die Bühne geht, steigt auch die Spannung und eine actionreiche Hatz beginnt, bei dem der erfahrene Kameramann Franco Delli Colli (1929–2004) immer mitten im Geschehen ist. Denn bei dem Diamantenraub wird nicht im stillen Kämmerlein und im Schutze der Nacht ein riesiger Tresor geknackt. Nein, mitten im laufenden Betrieb findet der Raub am römischen Flughafen statt, was dem Film auch den deutschen Alternativtitel „Der Airport-Coup“ einbrachte.

Fernando Di Leo vor dem Durchbruch

Nicht jeder Gangster wird diesen riskanten Überfall überleben. Denn manchmal bringt ein einfacher Cappuccino auch den besten Plan ins Wanken. Den Überlebenden wird ein bleihaltiges und zum Ende hin sogar ein melancholisch-schmerzhaftes Finale gegönnt. Dafür hauptverantwortlich war ein anderer legendärer italienischer Filmemacher, dessen Durchbruch in den 1970er-Jahren nicht mehr lange auf sich warten lassen sollte: Fernando Di Leo (1932–2003) verfasste einen Großteil des Drehbuchs, in dem es schon leichte Anklänge an das Genre gibt, welches er mit Filmen wie „Milano Kaliber 9“ (1972) oder „Der Teufel führt Regie“ (1973) maßgeblich mit prägen sollte: den Poliziottesco.

Viel zu gucken, zu lesen und zu hören

„Gangster sterben zweimal“ ist nach „Escalation“ (1968) die zweite Veröffentlichung innerhalb der „Italo-Cinema Collection“ von Forgotten Film Entertainment. Das kleine Label hat hier eine kleine Genre-Perle nicht nur für Liebhaber des italienischen Films in hervorragender Bildqualität als HD-Weltpremiere und erstmals ungeschnitten hervorgezaubert. Die Blu-ray ist in einer Softbox in DVD-Format in einem dicken Deluxe-Schuber untergebracht. Positiv überrascht war ich von dem 48-Seiten-starken Booklet – da gibt’s ordentlich viel zu lesen! Neben einem kurzen Text zum Film von Christian Keßler, liefert der italienische Filmkritiker und -historiker Roberto Curti zwei ausführliche Essays über Regisseur Mino Guerrini sowie über italienische Heist-Movies. Wer noch mehr Infos benötigt, hat auch zwei Audiokommentare zur Auswahl. Ein stolzes Gesamtpaket, das Lust auf kommende Titel macht! Als nächste Veröffentlichung geplant: „Ein Sommer voller Zärtlichkeit“ (1971) mit der jungen Ornella Muti.

Die Titel der „Italo-Cinema Collection“ von Forgotten Film Entertainment haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Joseph Cotten haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

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Auf der Flucht geht was in die Luft

Veröffentlichung: 19. März 2021 als Blu-ray, 23. Mai 2006 als DVD

Länge: 101 Min. (Blu-ray, deutsche Schnittfassung), 103 Min. (Blu-ray, italienische Schnittfassung), 89 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Gangsters ’70
IT 1968
Regie: Mino Guerrini
Drehbuch: Adriano Baracco, Fernando Di Leo, Mino Guerrini
Besetzung: Joseph Cotten, Franca Polesello, Giampiero Albertini, Giulio Brogi, Bruno Corazzari, Milly Vitale
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Robert Wagner und David Leuenberger, Audiokommentar von Udo Rotenberg und Konstantin Hockwin, gelöschte Szenen (stumm), alternative Szenen (Arbeitskopie), deutscher Kinotrailer, Bildergalerie: deutsches und italienisches Aushangmaterial, deutscher Werberatschlag, Drehortvergleich, 48-seitiges Booklet mit Texten von Christian Keßler und Roberto Curti, Deluxe-Schuber
Label/Vertrieb: Forgotten Film Entertainment

Copyright 2021 by Andreas Eckenfels

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Szenenfotos & unterer Packshot: © 2021 Forgotten Film Entertainment

 

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