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Stay Alive – Überleben um jeden Preis: Wenn die Wüteriche durch den Hausflur toben

06 Apr

Alone

Von Volker Schönenberger

Horror // Ein einsamer Mann in einer Wohnung. Er wankt zu seinem Laptop, spricht von Tag 42. Es tue ihm leid, er habe es versucht. Dann steigt er auf einen Stuhl und legt sich einen Strick um den Hals. Schnitt.

Sie lauern vor der Wohnungstür

Im Anschluss an diesen Prolog sehen wir Aidan (Tyler Posey) im Bett liegen. Die Schöne, mit der er offenbar einen One-Night-Stand erlebt hat, stiehlt sich aus der Wohnung, während er noch erwacht. Doch draußen beginnt gerade die Katastrophe: Menschen fallen übereinander her, ein unbekanntes Virus lässt sie zu rasenden Bestien mutieren, die bald „Screamer“ genannt werden. Aidan verbarrikadiert sich in seiner Wohnung und hält als Vlogger über seinen Videolog Kontakt mit der Außenwelt, berichtet von seinem Befinden und Empfinden im Lauf der Tage, die dahingehen. Er versucht, mit seiner Familie Kontakt aufzunehmen.

Kein Zufall: Parallelen zu „#amLeben“

Kommt euch der Plot bekannt vor? Er entspricht exakt der Handlung des südkoreanischen Infiziertenschockers „#amLeben“ (2020), der seit September 2020 bei Netflix zu sehen ist. Nun ist Hollywood zwar bekannt dafür, gern Remakes ausländischer Erfolgsfilme zu drehen, die Unterstellung ist in diesem Fall aber unberechtigt. Vielmehr handelt es sich um zwei einigermaßen gleichzeitig entstandene Adaptionen ein und desselben Drehbuchs. Wie es dazu kam, entzieht sich meiner Kenntnis.

Gefährliche Beutetour

Bei „Stay Alive – Überleben um jeden Preis“ gibt es Licht und Schatten. Zu Beginn gefiel es mir überhaupt nicht, wie Hauptdarsteller Tyler Posey („Teen Wolf“-Serie) Aidans Entsetzen über die hereinbrechende Katastrophe zum Ausdruck brachte. Das war mir etwas zu viel des Guten, aber zugegeben: Wer weiß schon, wie wir im Angesicht eines solchen Ereignisses reagieren? Später hat mich Poseys Verkörperung des Protagonisten nicht mehr gestört.

Der Surfer Dude

„#amLeben“ habe ich nicht gesehen, daher kann ich keine Vergleiche ziehen. In dem koreanischen Film ist die Hauptfigur wohl eher ein Nerd. Aidan hingegen wird als cooler, wenn auch etwas oberflächlicher Typ inszeniert. Er surft (nicht nur im Internet, sondern auf dem Wasser), seinen wohlgeformten Körper schmücken etliche Tattoos, und einer schnellen Nummer ist er wohl auch nicht abgeneigt. Seine körperliche Fitness hilft ihm auch, diverse brenzlige Situationen in den Korridoren des Appartementkomplexes zu bewältigen, in dem seine Wohnung liegt. Das erhöht immerhin die Glaubwürdigkeit dieser sehr rasanten und sogar nervenzerfetzenden Szenen. Es fällt schwer zu glauben, wie sich ein schmächtiger Computer-Nerd in solchen Situationen durchsetzen kann. Das Bewusstsein der Infizierten erweist sich im Übrigen zum Teil als noch nicht vollständig verkümmert. Sie stammeln im Stakkato-Ton kurze Sätze, der eine oder andere weiß auch um sein entsetzliches Dasein und bettelt darum, getötet zu werden. Ihr Empfindungsvermögen hilft auch ihrem Jagdtrieb, was in den Actionszenen zusätzlichen Nervenkitzel mit sich bringt.

Aidan weiß sich zu wehren

Eine schöne Sequenz gibt es, wenn Aidan bemerkt, dass sich im gegenüberliegenden Gebäude ein Stockwerk niedriger eine junge Frau verbarrikadiert hat, und sich die beiden mit Zetteln und Tafeln verständigen. Eva (Summer Spiro) trägt einen bedeutungsschwangeren Namen – Aidan und Eva, das ist sicher kein Zufall. Zwar entwickeln die beiden schönen jungen Menschen erwartungsgemäß zügig eine Art von Fernbeziehung, sie bleibt aber an der Oberfläche, ihr Potenzial wird nicht ausgereizt.

Reminiszenz an „Zombieland“

Eine schöne Reverenz an „Zombieland“ (2009) tut sich auf, wenn Aidan in einem anderen Appartement unverhofft das Süßgebäck „Twinkies“ entdeckt. Dort kommt es auch zum Auftritt von Donald Sutherland („Die Tribute von Panem“-Reihe) als Edward. Den Guten sehe ich immer gern, so auch hier. Die Handlungssequenz mit ihm wirkt eher wie eine Dreingabe als zwingend erforderlich, aber sie bugsiert mit ihrer Dauer von etwa 20 Minuten die Länge des Films auf die Anderthalbstundenmarke, das ist in Ordnung.

Vom „Titanic“-Stuntman

Regisseur Johnny Martin hat sich als Stuntman über Jahrzehnte ein Auskommen gesichert, war an Großproduktionen wie „Titanic“ (1997), „Godzilla“ (1998), „Armageddon – Das jüngste Gericht“ (1998), „Der schmale Grat“ (1998), „Matrix Reloaded“ (2003) und „Twilight – Biss zum Morgengrauen“ (2008) beteiligt, um nur einige zu nennen. Sein Mitwirken als Stuntman bei „Zombieland“ mag ihn zu der erwähnten Reverenz an den Film motiviert haben. Als Regisseur hat er deutlich weniger Erfahrung. Immerhin stehen unter anderem „Vengeance – Pfad der Vergeltung“ (2017) mit Nicolas Cage und „Hangman – The Killing Game“ (2017) mit Al Pacino und Karl Urban zu Buche.

Er nimmt Kontakt zu …

Mit dem deutschen „Rammbock“ (2010) von Marvin Kren und dem französischen Kammerspiel „The Night Eats the World“ (2018) haben zwei Zombiefilme der jüngeren Vergangenheit das Dasein in einer verbarrikadierten Wohnung gelungen umgesetzt. „Stay Alive – Überleben um jeden Preis“ verlässt die Kammerspiel-Möglichkeiten des Plots bald zugunsten von Action. Keine schlechte Entscheidung, da der Film mit seinen die Einsamkeit thematisierenden Abschnitten kein allzu großes Interesse offenbart, in der Hinsicht in die Tiefe zu gehen. Insgesamt zeigt er originelle Ansätze, was für einen anständigen Filmabend ausreicht, nicht jedoch für einen nachhaltigen Eindruck.

… Eva auf

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Donald Sutherland haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Schrulliger alter Herr: Edward

Veröffentlichung: 2. April 2021 als Blu-ray und DVD

Länge: 92 Min. (Blu-ray), 88 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Alone
USA 2020
Regie: Johnny Martin
Drehbuch: Matt Naylor
Besetzung: Tyler Posey, Summer Spiro, Donald Sutherland, Robert Ri’chard, John Posey, Maya Karin, Josey Martin, Jenny Martin, Brooke Swallow, Kjerstin Bell, Josh Harp, Eric Etebari
Zusatzmaterial: Trailer, Trailershow, Wendecover
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2021 capelight pictures

 

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