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Zum 100. Geburtstag von Chuck Connors: Jahr 2022 … die überleben wollen – Albtraum in Kotzgrün

10 Apr

Soylent Green

Von Tonio Klein

Science-Fiction // Eine vielleicht hundertjährige Vergangenheit. Menschen, die einen Gipfel erklimmen – familiäres Leben – Landwirtschaft – Industrialisierung – aus dem Ford T für Jedermann werden Autoschrottberge – immer schneller schneidet die Kamera vom Segen zum Fluch des Fortschrittsgipfels, zeigt Krieg, Hunger, Armut, Explosionen, Bilderfetzen nur noch (den multiplen Split Screen kennen wir vom Regisseur, meisterhaft eingesetzt 1968 in „Der Frauenmörder von Boston“). Dann wird es wieder ruhiger, und die Montage kommt im Jahre 2022 an.

Fu- oder kurios?

Nach dieser furiosen Eröffnung des genialen Richard Fleischer fasst man sich aber an den Kopf. New York City misst also 40 Millionen Einwohner, und die haben es nicht mal geschafft, das Design ihrer Wohnungen, Autos, Fernseher, Klamotten, Frisuren, Bücher (gibt’s noch) auch nur ansatzweise zu verändern gegenüber 1973, dem Entstehungsjahr von „Jahr 2022 … die überleben wollen“? Hier ist der Film auf fast schon rührende Weise flach. Aber auch wieder ganz interessant. Man reibt sich die Augen und denkt zurück an die 70er mit ihrem abenteuerlichen Design und mit ihren Kaffeesatzlesern, die sich Futurologen nannten und sich wissenschaftlich gaben, aber rückschauend jämmerlich versagten. Science-Fiction-Filme, die in der Zukunft spielen, verweisen scheinbar paradoxerweise oft am deutlichsten auf ihre Entstehungszeit und altern schnell. Es geht nicht um die Zukunft, sondern darum, wie man sie sich im Entstehungsjahr vorgestellt hatte, und nichts altert so schnell wie dies.

Aktuelles …

Nach dem zweiten Sehen erscheint mir das in einem milderen Licht, zumal die gar nicht unmoderne Ökodystopie des Filmes vor allem durch den Klimawandel mehr in den realen Fokus gerückt ist. Der Film thematisiert Überbevölkerung, Umweltzerstörung und Auswirkungen auf die Nahrungsmittelindustrie. Wenn man sich einmal ansieht, was auf dem Gebiet der Manipulation und Verkünstlichung der Lebensmittel heute nicht nur möglich, sondern Alltag ist, so lässt sich auch dies vorstellen: Ein „Vollwertnahrungsmittel“, von dem man satt wird, aber nicht zu erkennen braucht, was es eigentlich ist. Darum geht es in „Jahr 2022 … die überleben wollen“, denn die Firma Soylent stellt Derartiges her. In irgendwie eklig aussehenden schreienden Farben, wobei ich das originaltitelgebende „Soylent Green“ als Kotzgrün bezeichnen würde. Hier zeigt sich eine Stärke von Fleischer: sein Umgang mit Farben. Oft hat er sie hervorgehoben, oft ausgebleicht. Manche seiner Filme haben einen ausgesprochen schönen Look, etwa „Die Wikinger“ (1958) mit dem großen Jack Cardiff an der Kamera. Viele sehen aber eher schmuddelig aus, was meist zu den schmuddeligen im Sinne von perversen Welten passt, die Fleischer uns da zeigt. Der Mörder in „Stiefel, die den Tod bedeuten“ (1971) oder die Titelfigur in „Der Frauenmörder von Boston“; die monochromen Salzminen, in denen die Titelfigur in „Barabbas“ (1961) Sklavenarbeit verrichten muss. Genauso trist geht es auch in der „Soylent Green“-Welt zu. Etwas übertrieben ist dann aber der Effekt, viele Außenaufnahmen bei Tag mit einem zu dick aufgetragenen Grünfilter zu überziehen, der sich unlogischerweise stets über die oberen drei Viertel des Bildes erstreckt, ganz egal, wo sich die Kamera gerade befindet. Was bei „Barabbas“ zum Setting und zur Stimmung passte, wirkt hier aufgesetzt.

… und Seltsames

Man braucht auch erst eine Weile, um in diesen Film hineinzukommen, der einen immer mal wieder vor den Kopf stößt. Schaufelbagger, um Demonstranten abzuräumen – kannn man nicht von der Schaufel springen, statt sich in den Laster kippen zu lassen? Der Mord an einem Priester – merkt der Nächste in der Schlange vor dem Beichtstuhl nicht, dass der Priester nicht mehr die Absolution erteilen kann, sodass der Attentäter schnell entdeckt werden könnte? Ein großes Geheimnis, was tatsächlich in Soylent Green enthalten ist – wieso kann der von Charlton Heston gespielte Detective Thorn mal eben in fünf Minuten in die Fabrik eindringen und es knacken? Gibt es dort keine Videokameras, die ja bereits 1973 bekannt waren? Die ärmliche Behausung von Thorn und seinem Freund und Assistenten Sol Roth (Edward G. Robinson in seiner letzten Rolle) vs. eine Luxuswohnung, die vor 1970er-Designsünden nur so trieft: Da war Fritz Langs „Metropolis“ 1926 bedeutend visionärer. Frauen als „Inventar“ einer Luxuswohnung – ist das nicht mittlerweile aus der dystopischen Mottenkiste?

Darsteller in erdrückenden Räumen

Der Film weiß dennoch zu fesseln und steigert sich gegen Ende enorm. Zudem gibt es gestalterisch nicht nur Schwachpunkte, sondern auch Pluspunkte. Und gute Schauspielerei. Leider kommt Chuck Connors, der am 10. April 2021 seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte, arg unter die Räder, dessen Schurkenrolle wenig mehr hergibt, als sich von Charlton Heston verprügeln zu lassen. Wie er in einer Nebenrolle glänzen konnte, habe ich ausführlicher in meinem „Geburtstagstext“ zu „Weites Land“ (1958) gewürdigt.

Heston und Robinson überzeugen. Wenn sie ein paar wenige Stücke popeliges Gemüse und andere natürliche Nahrungsmittel ergattern, sieht man ihnen an: Der Jüngere hat so etwas noch nie gesehen und der Ältere bekommt wehmütige Erinnerungen an eine lange vergangene Zeit, die er aber noch erlebt hatte. Fleischer hebt diese Dinge wie kostbare Schätze auch farblich heraus. Und das gilt auch für ein schönes echtes Rindfleischstück. Bei aller Zivilisationskritik ist dies kein Film für Vegetarier, sondern ein Plädoyer für unverfälschte Nahrungsmittelherstellung, ob mit Fleisch oder ohne. Fleischer überzeugt von einigen Ausnahmen abgesehen gestalterisch durchaus – auch bei der Tristesse, die von Fleisch und Obst und Gemüse nicht durchbrochen werden kann, zumal man Letzteres einmal sinnbildlich hinter einem Maschendrahtzaun sieht; es wird gehütet wie ein Goldschatz in einer Bank. So sind Räume mit leicht gebogenen Linsen und Weitwinkeloptik fast immer so gefilmt, dass die Decken erdrückend niedrig wirken – auch die Luxusräume, was darauf hindeutet, dass diese Welt letztlich alle erniedrigt, nicht nur eine unterdrückte Klasse.

Wenn das Individuum zum Teil einer Masse wird

Fatalismus auch bei der Anordnung von Menschen. Wenn sie in Massen auftreten, werden sie fast wie Dinge gefilmt, was aber anklagend statt kritiklos geschieht. Die nicht ganz runde Schaufelbaggerszene bekommt auf diese Weise etwas Beklemmendes – Menschenmassen werden wie Unrat weggeräumt. Und sie sind allgegenwärtig. Die Massen von Obdachlosen liegen fast so lückenlos auf allen Außentreppen, dass sich Detective Thorn auf seinem Weg zur Arbeit reichlich Mühe geben muss, auf niemanden zu treten. Bei einem Kampf in einer proppenvollen, zum Armenhaus umfunktionierten Kirche kann er nicht verhindern, dass die Menschen, die dort eine Art Asyl haben und fast jeden Quadratzentimeter bedecken, in Mitleidenschaft gezogen werden. Das ist nicht nur eine filmtechnische Meisterleistung und war sicherlich ungemein schwierig ohne echte Verletzungsgefahr zu drehen. Es zeigt auch, dass hier niemand dem Problem des Massenleidens entkommen kann. Strahlende Helden, die über allem, über allen und außerhalb der Gesellschaft stehen, gibt es nicht. Selbst den Luxuswohnungsbewohnern fällt die Decke auf den Kopf.

Spoilerwarnung für den nächsten Absatz

Es gibt zwei sehr interessante gestalterische Brüche: In einem scheint es so, dass Fleischer uns sagen will, der einzig Mächtige hier sei derjenige, der die Nahrungsmittelproduktion kontrolliert. Eine der letzten Szenen spielt in der Soylent-Fabrik; es ist die einzige Szene, die mit auffallend hohen Räumen zum ganzen Rest des Films in scharfem Kontrast steht. Der zweite Bruch ist noch wichtiger, ist sehr schön, sehr berührend, aber auch gemein und unendlich traurig: Sol Roth entschließt sich zum Freitod; hierfür gibt es professionelle Einschläferungsanstalten, die dem Wort Euthanasie (wörtlich „schöner Tod“) eine neue Bedeutung verleihen. Das ist ein modernes Dienstleistungsunternehmen, in dem die Würde des Menschen in freundlichen Farben und zuvorkommender Höflichkeit pervertiert wird. Roths Lieblingsfarbe ist Orange, er kommt in eine Kabine, in der alles in dieser Farbe ausgeleuchtet und wirklich wunderschön ist. Dazu werden ihm nach Einnahme eines tödlichen Medikamentencocktails die letzten 20 Minuten versüßt, indem ihm auf Großbildleinwand Bilder von erlesener Schönheit gezeigt werden, die man in Fleischers Dystopie in der Realität nicht mehr zu sehen bekommt. Schöne Landschaften, glückliche Kühe, Blumen; dazu erklingt passenderweise Beethovens Erster Satz aus der „Pastorale“, der übrigens den Titel „Erwachen heiterer Gefühle bei der Ankunft auf dem Lande“ trägt. Hier mal nicht popelige 1973er-Fernseher, hier mal ein gewagtes Bild, Eskapismus, naturalistische Farben kombiniert mit Robinson in Orange, und sein leuchtendes Gesicht in Großaufnahme zeigt leuchtende Augen: So etwas wollte er noch einmal sehen, er hatte jahrzehntelang nicht mehr die Gelegenheit dazu (zuvor wurde im Dialog erklärt, dass es nicht erlaubt wird, auf das Land zu reisen). Kollege Thorn, der dazukommt, ist anzusehen, dass er Dinge von einer Schönheit sieht, die er überhaupt noch nie gesehen hat. Das Spiel der beiden, der Kontrast zu ihrer Wirklichkeit, die Traurigkeit, auch jetzt noch diese schönen Bilder nur als Film im Film zu sehen (der Bildkader ist immer erkennbar) – und vielleicht noch das spätere Wissen, dass dies tatsächlich Edward G. Robinsons letzter Film sein sollte: eine ausgesprochen ergreifende Szene.

Des Publikums Zimmer mit Aussicht

Beim Abspann dann noch einmal Beethoven und nun die erlesenen Bilder ohne Rahmen – wir dürfen kurz an der besseren Welt schnuppern, aber nur in dem Wissen, dass der Film vorbei ist und dies den Protagonisten vorenthalten bleibt. So schön wie traurig. Und so hat sich dieser Film trotz gewisser Schwächen dann doch seine Ehren redlich verdient.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Richard Fleischer haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Chuck Connors, Joseph Cotten und Charlton Heston unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 8. April 2011 als Blu-ray, 18. September 2003 als DVD

Länge: 97 Min. (Blu-ray), 93 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch
Originaltitel: Soylent Green
USA 1973
Regie: Richard Fleischer
Drehbuch: Stanley R. Greenberg, nach einem Roman von Harry Harrison
Besetzung: Charlton Heston, Leigh Taylor-Young, Edward G. Robinson, Joseph Cotten, Chuck Connors, Brock Peters, Paula Kelly, Stephen Young, Mike Henry, Lincoln Kilpatrick, Roy Jenson, Leonard Stone, Robert Ito
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Richard Fleischer und Darstellerin Leigh Taylor-Young, Featurette „Ein Blick in die Welt von Soylent Green“ (10 Min.), „MGMs Hommage an Edward G. Robinsons 101. Film“ (5 Min.), US-Kinotrailer
Label/Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2021 by Tonio Klein

 

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