RSS

Krakatit – Fiebertraum um Supersprengstoff

13 Apr

Krakatit

Von Volker Schönenberger

SF-Psychodrama // Der fremdartige Titel „Krakatit“ bezieht sich zweifellos auf den Krakatau, einen zwischen den indonesischen Inseln Sumatra und Java in der Sundastraße gelegenen Vulkan. Dessen gewaltige Eruption am 27. August 1883 zählt zu den größten Vulkanausbrüchen der Neuzeit. Einen Sprengstoff von enormer Explosivität kann man schon nach einem Vulkan benennen.

Ein Unbekannter liegt in einem Krankenhaus, betreut von einem Arzt und einer Krankenpflegerin. Mit seinem Fiebertraum entfaltet sich vor den Augen des Filmpublikums die Geschichte: Der Ingenieur Prokop (Karel Höger) taumelt benommen durchs abendliche Prag. Ein Mann bemerkt ihn: sein ehemaliger Studienkollege Jirka Tomeš (Miroslav Homola). Prokop stammelt von einem Stoff namens Krakatit, scheint Angst zu haben, in seine Wohnung zurückzukehren. Jirka erbarmt sich seiner und nimmt ihn mit zu sich. Im Bett halluziniert er, redet weiter schwer verständlich vor sich hin. Jirka schreibt fleißig mit …

Ab aufs Land

Am nächsten Morgen entdeckt Prokop eine Nachricht von Jirka. Der schreibt, er wolle zu seinem Vater fahren, um ihn um Geld zu bitten. Eine verschleierte Besucherin gibt dem Ingenieur kurz darauf einen Brief an Jirka. Prokop lässt sich mit einer Kutsche aufs Land zu Jirkas Vater Dr. Tomeš (Frantisek Smolík) bringen. Der gutmütige Landarzt pflegt ihn gesund, dessen aparte Tochter Anci (Natasa Tanská) verguckt sich bald in den Besucher. Eines Tages entdeckt Prokop auf einer Zeitungsseite eine unscheinbare Annonce mit der Überschrift „Krakatit“.

Der Ingenieur Prokop (l.) irrt benommen durch Prag

Was ist Realität? Was ist Halluzination? Der in Böhmen geborene tschechische Drehbuchautor und Regisseur Otakar Vávra (1911–2011) macht es seinem Publikum mit „Krakatit“ nicht leicht. Schon die Haupthandlung spielt sich anscheinend vollständig im Kopf des Patienten aus dem Prolog ab. Aber ob sie Erinnerung oder Einbildung ist, lässt sich kaum feststellen. Und da Prokop während der Ereignisse wiederholt in die Benommenheit rutscht und auch mal trunken wirkt, mag es sich sogar um eine Einbildung innerhalb der Einbildung handeln.

Die schöne Prinzessin Wilhelmina

Nachdem ein Agent namens Carson (Eduard Linkers) Prokop in das Fürstentum Balttin gebracht hat, steigert sich die Verwirrung. Der Ingenieur trifft auf eine seltsame, geradezu erstarrte höfische Gesellschaft, wo ihm die so schöne wie kalte Prinzessin Wilhelmina Hagen (Florence Marly) das Geheimnis des Krakatits entreißen will, ihn dafür sogar umflirtet. Die Romantik des Schlosses kontrastiert mit den an KZ-Umrandungen gemahnenden, elektrisch geladenen Zäunen, denn Prokop ist ein Gefangener. An die Wehrmacht erinnernde Uniformen einiger Soldaten und der Gestapo-artige Mantel seines unmittelbaren Bewachers sind klare Remininszenzen ans „Dritte Reich“, das erst drei Jahre vor der Filmproduktion seinen Atem ausgehaucht hatte und noch sehr präsent war.

Was will die Prinzessin?

Einige Kulissen und Matte-Paintings des Schwarz-Weiß-Films wirken bewusst artifiziell eingesetzt und entfalten visuelle Kraft. Ein paar rätselhafte Ideen und surreale Einstellungen würzen „Krakatit“, wenn ich beispielsweise an Prokops letztes Aufeinandertreffen mit der Prinzessin denke. Eine andere Macht vertritt der Gesandte D’Hemon (Jirí Plachý), dessen Name nicht zufällig an „Dämon“ erinnert, was die Verwirrung weiter steigert. Jedenfalls wollen sie alle an Prokops Krakatit.

Nach einem Roman von Karel Čapek

Karel Čapeks gleichnamige Romanvorlage erschien 1924, als man die verheerende Macht der Atomkraft noch nicht so einschätzen konnte wie zur Entstehungszeit des Films drei Jahre nach Hiroshima und Nagasaki. Welche Sprengkraft das Krakatit tatsächlich entfachen könnte, bleibt offen, desgleichen, ob eine Detonation auch eine atomare Verseuchung nach sich ziehen würde.

Ein sonderbares Werk

Am Ende sitzt Prokop wieder beim Fuhrmann auf dem Bock, und das Bild blendet über zu ihm im Krankenbett, dem gerade die Sauerstoffmaske abgenommen wird. Wir wissen immer noch nicht, ob das Ganze lediglich ein Fiebertraum war oder nicht.

Vom Regisseur von „Hexenhammer“

Deutlich klarer strukturiert ist Otakar Vávras Historiendrama „Hexenhammer“ (Kladivo na carodejnice, 1970), für mich auch der stärkere Film. Aber auch „Krakatit“ entwickelt einen sogartigen Reiz. Der Regisseur verfilmte die Romanvorlage 1980 noch einmal, warum auch immer. „Schwarze Sonne“ („Temné slunce“) ist ihm dem Vernehmen nach eher missraten. Einmal hätte vielleicht auch gereicht.

Die „Classic Chiller Collection“ von Ostalgica

Mit „Hexenhammer“ startete das kleine Label Ostalgica im Frühjahr 2019 seine schöne „Classic Chiller Collection“ mit fantastischen Filmen jenseits des Mainstreams. Von den 1930er- bis zu den 1970er-Jahren reichte bislang die zeitliche Bandbreite. „Krakatit“ stellt den achten Beitrag der Reihe dar und passt als obskure Perle gut hinein. Im Bonusmaterial findet sich auch die 94-minütige DDR-Fernsehfassung des Films. Bei der siebenminütigen Einführung auf der Disc handelt es sich lediglich um den Booklet-Text, der auf dem Bildschirm herunterscrollt, insofern ein redundantes Gimmick, denn bevor ich den Text am Bildschirm lese, kann ich auch zum Booklet greifen – oder ins Netz gehen, denn er findet sich auch online. Der Schuber sieht einmal mehr schmuck aus, das Amaray-Case enthält zudem ein Wendecover mit Alternativmotiv. „Krakatit“ stellt eine feine Ergänzung der „Classic Chiller Collection“ dar. Die Reihe haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt.

Der Fuhrmann kommt

Veröffentlichung: 27. März 2020 als auf 1.000 Exemplare limitierte 2-Disc-Edition (Blu-ray & CD) der „Classic Chiller Collection“, 27. April 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 101 Min. (Blu-ray), 96 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Tschechisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Krakatit
CSSR 1948
Regie: Otakar Vávra
Drehbuch: Otakar Vávra, nach einem Roman von Karel Capek
Besetzung: Karel Höger, Florence Marly, Eduard Linkers, Jirí Plachý, Natasa Tanská, Frantisek Smolík, Miroslav Homola, Vlasta Fabiánová, Bedrich Vrbský
Zusatzmaterial: Einführung (7:19 Min.), Trailer, Bildergalerie, Wendecover mit Alternativmotiv, nur Classic Chiller Collection: DDR-Fernsehfassung (94 Min.), Interview mit Regisseur Otakar Vávra (deutsches Voice-Over und tschechisches Original), Hörbuch R.U.R., Schuber
Label: Ostalgica
Vertrieb: Media Target Distribution GmbH

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unteres Covermotiv: © 2020 Ostalgica

 

Schlagwörter: , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

 
%d Bloggern gefällt das: