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Red Screening – Blutige Vorstellung: Tod im Kinosaal

02 Mai

Al morir la matinée

Von Volker Schönenberger

Horror // Horrorfilme aus Uruguay sind eher rar gesät. „La casa muda“ (2010) von Gustavo Hernández hat es unter dem Titel „The Silent House“ seinerzeit immerhin bis nach Cannes und zum deutschen Fantasy Filmfest geschafft, ist hierzulande auch auf Blu-ray und DVD erschienen und hat 2011 ein US-Remake erhalten. Vom selben Regisseur stammen „Dios local“ (2014) und „No dormirás“ (2018), die auch in anderen Ländern gezeigt oder veröffentlicht wurden, wenn auch nicht in Deutschland. Dann gibt es noch den aus Uruguay stammenden Regisseur Ricardo Islas, der allerdings seine billigen Horrorfilme ohne große Resonanz in den USA dreht. Ihm kommt in „Red Screening – Blutige Vorstellung“ (2020) von Maximiliano Contenti eine besondere Rolle zu, denn er spielt – Trommelwirbel – den Killer! Obendrein läuft in dem Kino, in welchem er sein Unwesen treibt, Islas’ Regiearbeit „Frankenstein – Day of the Beast“, was allerdings einen kleinen Filmfehler darstellt: Die Handlung spielt sich 1993 ab, Islas’ Film ist aber von 2011.

Ana kennt sich im Kino aus

Die junge Ana (Luciana Grasso) schickt ihren Vater, den Filmvorführer, nach Hause, damit er sich ausruhen kann. Da sie ihm seit ihrer Kindheit bei der Arbeit zugeschaut hat, beherrscht sie den Job aus dem Effeff. Obendrein erhofft sie sich, während des Films in Ruhe lernen zu können. Der Saal des Lichtspielhauses in Uruguays Hauptstadt Montevideo ist nur spärlich gefüllt. Ein Knirps, der sich nach der vorherigen Vorführung in seiner Reihe versteckt hat, um sich bei dem kommenden Horrorfilm auf die Probe zu stellen (er wird es bereuen, geblieben zu sein); ein linkischer junger Mann, der eine selbstbewusste Schöne ins Kino eingeladen hat, die sich trotz der Bitte des Filmvorführers eine Zigarette nach der anderen ansteckt; dazu zwei einsame alte Herren und vier Jugendliche. Ein weiterer Besucher gesellt sich dazu. Mit mörderischen Absichten.

Hommage an den Giallo und den Slasher

Satte zwölf Jahre hat es gedauert, bis Regisseur Maximiliano Contenti seinem ersten langen Spielfilm einen zweiten folgen ließ. Mit „Red Screening – Blutige Vorstellung“ zollt er sowohl dem US-Slasherfilm als auch dem italienischen Giallo Tribut, wie im Kino beispielsweise die Plakate von Dario Argentos „Opera“ (1987) und „Im Augenblick der Angst“ (1987) belegen, ohne Zweifel Inspirationen für Maximiliano Contenti. Auch mit dem stimmungsvoll eingesetzten Synthie-Score erweist der Regisseur seinen italienischen Vorbildern die Ehre. Einige der Tonfolgen könnten direkt aus einem 70er-Jahre-Giallo stammen.

Er weiß, wie man sich eine Vorstellung erschleicht

Der ganz in Schwarz gewandete Killer mit Kapuze und schwarzen Handschuhen kommt wie aus dem Nichts über das nur aus einer Handvoll Gästen bestehende Publikum. Ein erster Mord bleibt noch unbemerkt, und ehe man es sich versieht, geht einer nach dem anderen drauf. Tief dringt das Messer des Unholds in die Körper seiner bedauernswerten Opfer ein. Augen scheinen es ihm besonders angetan zu haben, auch dies ein deutlicher Verweis aufs italienische Genrekino. Er meuchelt so blutig und gnadenlos, dass die 18er-Altersfreigabe der ungeschnittenen Fassung fast schon etwas verwundert. Da hat sich die FSK bei vergleichbarer Gewaltdarstellung schon mal ungnädiger gezeigt, aber wir wollen uns nicht beschweren. Als schöner Kniff erweist es sich, dass wir recht viele blutige Szenen von „Frankenstein – Day of the Beast“ zu sehen bekommen, der auf der Leinwand flimmert, während im Saal der Mörder umgeht.

Die Bitte, im Saal nicht zu rauchen, wird geflissentlich ignoriert

Dass der Regisseur eine Hommage an seine filmischen Vorbilder und auch das Kino im Allgemeinen abliefern wollte, erkennt man auch an der Wahl des Handlungsorts. Das Lichtspielhaus wirkt etwas heruntergerockt, verströmt aber noch den Charme dieser alten Spielstätten, lange bevor die digitale Technik in die modernen Multiplex-Häuser Einzug hielt. „Cinemateca 18“ heißt das Filmtheater heute, im Jahr 1993 lautete sein Name „Nuevo 18“.

Die Story auf dem Bierdeckel

„Al morir la matinée“, so der Originaltitel, verströmt feines Retro-Feeling aus jeder Pore. Die Handlung in die 90er-Jahre zu verlegen, kommt nicht von ungefähr. Apropos Handlung: Sie passt auf einen Bierdeckel. Ein Mörder, diverse Opfer – das war’s auch schon. Das Motiv des Killers scheint die pure Mordlust zu sein, gepaart mit der Jagd auf ganz spezielle Trophäen, mehr erfahren wir nicht über ihn. Auch die Charakterzeichnung seiner Opfer ist denkbar simpel ausgefallen, was durchaus zum Slasherfilm passt.

Flucht hilft – nur wohin?

Pierrot Le Fou hat „Red Screening – Blutige Vorstellung“ als 23. Teil seiner Uncut-Reihe veröffentlicht. Da mir zur Sichtung lediglich ein Streaming-Link vorlag, kann ich über das Mediabook, dessen Booklet und das Bonusmaterial keine Auskunft geben. Die Aufmachung wird sich wohl am üblichen Standard der Reihe orientieren, also keinen Anlass zur Klage liefern. „Red Screening – Blutige Vorstellung“ passt vorzüglich in die Reihe. Schön, dass es Labels gibt, die über den Tellerrand schauen und uns mit solchen Produktionen aus exotischen Filmländern beglücken.

Im Angesicht des Todes

Veröffentlichung: 23. April als 2-Disc Limited Edition Mediabook (Blu-ray & DVD)

Länge: 88 Min. (Blu-ray), 84 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Spanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Al morir la matinée
URU 2020
Regie: Maximiliano Contenti
Drehbuch: Maximiliano Contenti, Manuel Facal
Besetzung: Luciana Grasso, Ricardo Islas, Julieta Spinelli, Franco Duran, Pedro Duarte, Yuly Aramburu, Hugo Blandamuro, Daiana Carigi, Valeria Martínez Eguizabal, Lucas Fressero, Vladimir Knazevs, Juan Carlos Lema
Zusatzmaterial: Trailer, 24-seitiges Booklet, Poster
Label: Pierrot Le Fou
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshot: © 2021 Pierrot Le Fou

 

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