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David Renske: Cirio H. Santiago – Unbekannter Meister des B-Films (Buchrezension)

03 Mai

Cirio H. Santiago – Unbekannter Meister des B-Films

Von Volker Schönenberger

Film-Sachbuch // Eigentlich peinlich: Obwohl ich in den 1980er-Jahren Teenager war und damals auch den Actionfilm in mich aufsog, war mir Cirio H. Santiago (1936–2008) bislang kein Begriff. Der philippinische Regisseur hatte ab Mitte der 1950er-Jahre Filme in seiner Landessprache (Tagalog oder Filipino) inszeniert. Ab den 1970ern profitierte seine Auftragslage davon, dass diverse US-Produktionsfirmen Santiagos Heimat als kostengünstigen Drehort entdeckten. So arbeitete der Filmemacher unter anderem auch mit dem Produzenten Roger Corman zusammen, etwa für „Savage“ (1973), „TNT Jackson“ (1974), „Angelfist“ (1993) und „Kill Zone“ (1993). Mit räudiger Action wie „Ein Mann wird zum Killer“ (1978) und „Hells Angels in Vietnam“ (1989) bereicherte er auch bundesdeutsche Videothekenregale.

Was ist Action-Gülle?

Der Filmkenner David Renske hat eine Monografie über diesen fleißigen Regisseur verfasst, die Creepy*Images und die Wicked Vision Distribution GmbH in Kooperation herausgegeben haben: „Cirio H. Santiago – Unbekanner Meister des B-Films“ bringt uns einen Regisseur näher, der sich für US-Produzenten in diversen Subgenres des Actionfilms getummelt hat (ich zitiere die Rückseite des Buchs): Blaxploitation, Namploitation, Action-Gülle, Endzeit-Action. Ich gestehe: Das Genre Action-Gülle war mir bislang unbekannt.

Renske beginnt sein reichhaltig bebildertes Buch im Anschluss an sein Vorwort mit einem „Filmverrückt auf Philippines – Das Leben des Herrn S.“ betitelten zwölfseitigen Text. Darin lässt er nicht nur die Biografie Cirio Hermoso Santiagos Revue passieren, sondern liefert den Leserinnen und Lesern auch einen Abriss über das philippinische Kino.

Roger Corman!

Den zweiten Teil des Buchs hat David Renske „Verdammt lang‘ her – Gespräche über Herrn S.“ betitelt. Auf 40 Seiten finden sich neun Interviews, die der Autor allesamt für das Buch geführt hat. Dabei sind US-Schauspielerinnen und Schauspieler, ein Australier (Richard Norton), ein philippinischer Stuntman und Statist sowie als bekanntester Name der oben bereits erwähnte Produzent Roger Corman, der sich sogar als Patenonkel eines der Kinder des philippinischen Filmemachers zu erkennen gibt. Cirio H. Santiago genoss den Ruf eines liebenswürdigen Menschen, die Interviewten bestätigen dies. Sehr lebendige Gespräche, die uns teilweise direkt an den Dreh versetzen.

Es folgt ein vierseitiges Gespräch von 2006 mit Cirio H. Santiago selbst, bevor mit dem vierten Kapitel „Fließband-Filme – Die Regie-Arbeiten des Herrn S.“ der umfangsreichste Abschnitt des Buchs beginnt: Nach einer kurzen Einführung stellt DR Santiagos 43 westliche Regiearbeiten vor, in der Regel jeweils auf einer Länge von zwei Seiten. Unter uns: Der eine oder andere Rohrkrepierer wird sich zweifellos unter diesen Filmen befinden. Aber damit können wir Fans niedrig budgetierter Actionfilme ja umgehen. David Renske bestätigte mir auf Nachfrage, dass es zeit- und kostenintensiv war, all diese Filme aufzutreiben. Diese Rezensionen sind nicht in filmanalytischer Elfenbeinturm-Schreibe verfasst, sondern beschreiben die Filme auf sehr lebendige Weise. Jedenfalls machen die Texte Lust, den einen oder anderen Streifen anzutesten. Wenn auch nicht jeden …

Eine anschließende Auflistung der Filmografie von Cirio H. Santiago rundet das Buch ab. Sie enthält nicht nur seine Regiearbeiten, sondern auch seine Drehbücher und Produktionen. Ganz am Ende führt David Renske seine Quellen auf.

Respekt vor so viel Mut, ein Buch über einen asiatischen Auftrags-Regisseur für kostengünstig produzierte westliche Genrefilme zu veröffentlichen. Trotz meiner persönlichen Verbindung zu Wicked Vision habe ich keine Ahnung, inwiefern die Herausgeber vorher die Marktchancen ihres Nischenprodukts abgewogen haben. So oder so ist das Unterfangen zu loben, denn Veröffentlichungen wie diese bewahren das Filmerbe – und ja: Auch von US-Produktionsfirmen in Fernost billig heruntergekurbelte Actionstreifen sind bewahrenswertes Filmerbe.

Fanboy Quentin Tarantino

Cirio H. Santiago starb am 26. September 2008 im Alter von 72 Jahren an Lungenkrebs. Ein Jahr zuvor hatte er beim „Cinemanila“-Filmfestival in der philippinischen Hauptstadt Manila einen seiner berühmtesten Fans kennenlernen dürfen: einen gewissen Quentin Tarantino (dessen Videotheken-Vergangenheit ja bekannt ist). Der beabsichtigte, weitere westliche Regiearbeiten Santiagos zu finanzieren oder zu produzieren. Dessen Tod machte diesen Plänen leider einen Strich durch die Rechnung. Nun hat der philippinische Filmemacher mit David Renskes „Cirio H. Santiago – Unbekannter Meister des B-Films“ immerhin in Buchform ein Denkmal gesetzt bekommen. Für Santiagos Fans und Fans des Actiongenres der Videotheken-Ära eine Pflichtanschaffung, und ich hoffe, dass sich dafür generell Filmfreunde interessieren, die über den Tellerrand ihrer filmischen Vorlieben hinausschauen und gern fremdes Terrain erkunden. Buch und Regisseur haben es verdient. Man merkt auf jeder Seite, dass der Autor dem Segment der billigen Actionfilme der Videotheken-Ära wohlwollend gegenübersteht. Alles andere wäre auch absurd, denn weshalb sollte man sonst ein solches Buch schreiben? Es kann im Übrigen im Online-Shop von Wicked Vision direkt bezogen werden.

Autor: David Renske
Originaltitel: Cirio H. Santiago – Unbekannter Meister des B-Films
Deutsche Erstveröffentlichung: 1. September 2020
178 Seiten
Herausgeber: Creepy*Images / Wicked Vision Distribution GmbH
Preis: 17,50 Euro

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Promotion-Motiv & untere Buchabbildung: © 2020 Wicked Vision Distribution GmbH

 

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