RSS

Sohn der weißen Stute – Wie ein Traum …

05 Mai

Fehérlófia

Von Andreas Eckenfels

Zeichentrick-Märchen // In Erinnerung an die Skythen, Hunnen, Awaren und andere nomadische Völker heißt es in einer ersten Texttafel zu Beginn. Aus deren reichen Schatz an Geschichten, Legenden und Mythen bedient sich Regisseur Marcell Jankovics ausgiebig in seinem experimentellen Animationsmärchen „Sohn der weißen Stute“ aus dem Jahr 1981. Drei Jahre später wurde das Werk aus den ungarischen Pannónia Filmstúdiós von Filmkritikern in Los Angeles bereits unter die 50 besten Animationsfilme aller Zeiten gewählt.

Baumausreißer und seine Brüder

Eine trächtige weiße Stute hetzt durch den Wald und findet Unterschlupf in einer hohlen Zerreiche. Sie gebiert einen Menschenjungen, den sie säugt und dem sie dabei eine Geschichte erzählt. Eine Geschichte über einen König, eine Königin und ihre drei Söhne. Alle drei erhalten ihren Anteil am Königreich und drei wunderschöne junge Feen als Gemahlinnen. Doch, so gibt der König deutlich zu verstehen, dürfen sie nie drei verschlossene Paläste betreten. Natürlich können die drei frisch vermählten Prinzessinnen der Neugierde nicht widerstehen – und stürzen sich selbst und das Reich in ein Unglück.

Ein Sohn lernt laufen

Nach dem ersten Nachwuchs bringt die Stute einen weiteren Sohn zur Welt und später, nachdem dieser ebenfalls in die weite Welt hinausgezogen ist, folgt ein dritter Sprössling. Der Jüngste will groß und stark werden – so stark, dass er die Eiche mitsamt Wurzeln aus dem Boden reißen kann. Viele Jahre bleibt er deshalb bei der Mutter und nährt sich an ihrer Zitze – bis es ihm schließlich gelingt. Bevor die Stute entkräftet stirbt, bittet sie Baumausreißer, sich in die Unterwelt zu begeben, wo die drei Prinzessinnen von drei Drachen gefangen gehalten werden. Er soll die Frauen befreien, dann könne das alte Königreich wieder erblühen. Auf dem Weg begegnet er seinen zwei Brüdern – Steinbröckler und Eisenkneter. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach dem Eingang in die Unterwelt.

Voll psychedelisch – oder nicht?

Ein Klanggewitter reißt die Zuschauerinnen und Zuschauer gleich mitten ins Geschehen. Strahlende Farben, fluoreszierendes Licht blenden in den Augen. Formen und Figuren verschwimmen wie in einem endlosen Lavafluss ineinander und bilden wieder neue Konturen. Umgekehrt kreieren Schattenspiele selbst Symbole und lassen Figuren lebendig werden. Einflüsse vom Jugendstil, über Art déco, mittelalterlicher Malerei bis hin zur Pop-Art sind zu erkennen. Und nach den ersten knapp zehn Minuten an wilden Animationen reibt man sich dann verwundert und etwas erschöpft die Augen: So einen farbenprächtigen und gleichzeitig rätselhaften Reigen hat man selten gesehen! „Psychedelisch“ haben das einige Kritiker genannt, vielleicht weil es für diesen wabernden Bilderstrom nicht wirklich einen anderen passenden Begriff gibt. Doch Marcell Jankovics selbst hört dieses Wort nicht gern in Zusammenhang mit seinem Film. Unter Drogeneinfluss sei „Sohn der weißen Stute“ nicht entstanden. Der Regisseur hatte aber durchaus etwas Ähnliches im Sinn.

Drei Brüder vereint

Gute Kunst hat immer etwas Traumhaftes, sagt Jankovics. Das Märchen, das dem Kind mit beruhigender Stimme vor dem Einschlafen erzählt wird, bevor es langsam der Realität entdämmert und in die Welt der Träume entschwindet. Dieser Erfahrung wollte er in diesem audiovisuellen Sog Rechnung tragen. Als einen großen Einfluss nennt Jankovics übrigens den Beatles-Trickfilm „Yellow Submarine“ (1968).

Märchenhafte Heldenreise

Das Märchen über Baumausreißer, der drei Drachen besiegen muss, um die drei Prinzessinnen zu befreien, folgt im Gegensatz zu den visuellen Eindrücken nahezu einer klassischen Heldenreise. Der jüngste Sohn wächst heran, erhält mit der Zeit bärenstarke Kräfte, setzt sich deshalb als Anführer des Brüdertrios durch, muss sich gegen Fieslinge wie den Kobold Prallsack Langbart behaupten und schließlich den Endkampf bestehen. Baumausreißer ist ein echter Kerl, pure Manneskraft, aber wirklich mitfühlen tut man mit ihm nicht. Dafür ist er doch zu perfekt, fast gottgleich geraten. Angst oder Zweifel kennt er nicht.

Baumausreißer zückt das frisch geschmiedete Schwert

Neben der bedeutsamen Zahl Drei – drei Brüder, drei Wiederholungen der Aufgaben, drei Drachen, drei Prinzessinnen usw. – finden sich weitere typische Märchensymboliken in „Sohn der weißen Stute“. Darunter offensichtlich die Form des Baumhohlraums, in der die Mutter mit ihren Söhnen lebt, und der phallusartige Schwertknauf des Helden. Beide klare Zeichen für Fruchtbarkeit.

Doch ganz anders sieht es bei den drei mehrköpfigen Drachen aus. Hier setzt uns Marcell Jankovics überraschend keine geschuppten Lindwürmer vor. Während das erste Geschöpf mit seinen drei Köpfen einem großen Koloss ähnelt, verwandelt sich der zweite, siebenköpfige „Drache“ in einen Panzer, der aus vielen Rohren schießt. Das finale Ungetüm, dem sich Baumausreißer entgegenstellen muss, verfügt über zwölf Köpfe und sieht aus wie eine futuristische Großstadt, in der Computer regieren. Wie in einem Traum, in dem auch immer wieder Fetzen aus der Wirklichkeit Einzug halten, wird hier langsam der Bogen von den fantastischen Schreckgespenstern in die reale Welt geschlagen. Nachdem die Harmonie am Ende wieder hergestellt ist, darf Baumausreißer zum Abspann unter einer Art Smogwolke in sein nächstes Abenteuer ziehen. So gibt „Sohn der weißen Stute“ dem Publikum mit den universellen Themen Zukunftsangst und Umweltverschmutzung etwas zum Nachdenken mit auf den Weg.

Der Pumuckl kommt aus Budapest

2019 wurde „Sohn der weißen Stute“, der 1983 unter dem Titel „Der Schimmelprinz“ im DDR-Fernsehen lief, in Zusammenarbeit des US-Filmverleihs Arbelos Films und dem Filmarchiv des nationalen ungarischen Filminstituts in 4K-Auflösung digital restauriert. Die Wiederaufführung fand im selben Jahr auf dem Fantasia International Film Festival in Montreal statt. Diese Fassung nimmt nun als Nummer 38 und als erster Animationsfilm Einzug in die „Drop Out“-Reihe des deutschen Labels Bildstörung, das ja eine Vorliebe für kleine und große Filmperlen aus Osteuropa hegt. Wer bei Animationskunst nur an Walt Disney, Pixar oder Studio Ghibli denkt, sollte mit diesem beeindruckenden Werk unbedingt einen Blick über den Tellerrand wagen.

Der Eingang in die Unterwelt ist gefunden

Wer wie ich zuvor noch nichts von Marcell Jankovics und dem Pannónia Filmstúdió gehört hat, kann dies mit den Extras der Bonus-DVD sowie dem Booklet-Text ausgiebig nachholen. Mit den zwei enthaltenen animierten Kurzfilmen machte sich Jankovics auch international einen Namen: Für „Sisyphus“ erhielt der Regisseur 1976 eine Oscar-Nominierung; für „Kampf“ gewann er 1977 die Goldene Palme in Cannes. Die spielfilmlange Doku über das 1951 gegründete Pannónia Filmstúdió gibt mit vielen Interviews und zahlreichen Filmausschnitten große Einblicke in die vielfältige Arbeit der in Budapest ansässigen Animationsschmiede. Die Anfänge machten Werbespots, es folgten die Produktion von Zeichentrickserien und -filmen, die nicht nur für den einheimischen, sondern auch für den internationalen Markt bestimmt waren. Darunter „Arthur, der Engel“ (1959–1961), „Heißer Draht ins Jenseits“ (1968/69) – und sogar die Animationen des rothaarigen Kobolds aus „Meister Eder und sein Pumuckl“ (1982/1988) stammen von den Zeichnern aus Budapest.

Kann Baumausreißer die drei Prinzessinnen befreien?

Marcell Jankovics inszenierte 1973 mit „Held Janos“ den ersten animierten Langfilm des Studios, der mit 1,5 Millionen Kinozuschauern in Ungarn ein großer Erfolg wurde. 1981 holte Animator Ferenc Rófusz mit dem Kurzfilm „Die Fliege“ (1980) den ersten Oscar überhaupt nach Ungarn. Weitere auch hierzulande bekannte Co-Produktionen sind „Herrscher der Zeit“ (1982) von René Laloux und „Felix – Der Kater“ (1988). Mit der Änderung des politischen Systems in Ungarn verlor das Pannónia Filmstúdió 1990 seine Vormachtstellung. Bis Anfang der 2000er-Jahre wurden dort noch Zeichentrickfilme produziert.

Ende der 1990er-Jahre folgte Marcell Jankovics auch dem Ruf von Walt Disney nach Hollywood. Er war an der Vorproduktion von „Ein Königreich für ein Lama“ (2000) beteiligt, verließ aber das Projekt nach einigen Monaten wegen kreativer Differenzen. Das Endresultat habe Jankovics nicht gefallen, heißt es. Immerhin habe er einige interessante Leute bei Disney kennengelernt und ein paar Bleistifte mitgehen lassen. Sein Salär investierte Jankovics in seinen bislang letzten Film: „Az ember tragédiája“ (2011) – übersetzt: „Die Tragödie des Menschen“ – ein 160 Minuten langes, philosophisches Animationsepos, in dem Adam und Eva durch die Menschheitsgeschichte wandern und nach dem Sinn des Lebens suchen.

Die Filme der „Drop Out“-Reihe von Bildstörung haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Ein lesenswerter Text zu „Sohn der weißen Stute“ findet sich auch im Filmforum Bremen.

Veröffentlichung: 7. Mai 2021 als 2-Disc Special Edition Blu-ray (inkl. Bonus-DVD) und 2-Disc Special Edition DVD (inkl. Bonus-DVD)

Länge: 86 Min. (Blu-ray), 78 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Ungarisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Fehérlófia
Deutscher Alternativtitel: Der Schimmelprinz
UNG 1981
Regie: Marcell Jankovics
Drehbuch: László György, Marcell Jankovics
Sprecher: György Cserhalmi, Vera Pap, Gyula Szabó, Ferenc Szalma, Mari Szemes, Szabolcs Tóth
Zusatzmaterial: 2 Kurzfilme: „Sisyphus“ (1974, 2 Min.), „Kampf“ (1977, 2 Min.), Interview mit Marcell Jankovics (38 Min.), „Pannónia Anno – Geschichten eines Filmstudios“ (98 Min.), Trailershow, 20-seitiges Booklet mit einem Text von Jennifer Lynde Barker, Schuber
Label: Bildstörung
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2021 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos: © 1981 Pannónia Filmstúdió – Alle Rechte vorbehalten,
unterer Packshot & Trailer: © 2021 Bildstörung

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

 
%d Bloggern gefällt das: