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Zum 100. Geburtstag von Alexis Smith: Das Geheimnis der Frau in Weiß – Die Mutter der Mystery-Romane in glänzender Adaption

08 Jun

The Woman in White

Von Tonio Klein

Psychothriller // Der bemerkenswerte englische Autor Wilkie Collins (1824–1889) war für mich als jemand, der nicht gerade Literaturexperte ist, angenehm überraschend. Wer bei „viktorianisch“ vornehmlich an Schauerromantik denkt, kann feststellen, dass Collins’ bekannteste Werke eher Thriller und/oder Detektivromane sind, zudem hellwach und mitunter von satirischer Schärfe in der Beschreibung von menschlichen Schrullen, nicht selten mit einer „Klassenzugehörigkeit“ verbunden. Collins blickt schon hinter die Kulissen seiner Zeit und zeugt doch von ihr, zudem sind die Romane wirklich hochspannend, und Romantik – frei von Kitsch – gibt’s auch. Kein Wunder, dass „Die Frau in Weiß“ (1860), eines seiner bekanntesten Werke und ein Meilenstein des Mystery-Genres, mehrfach verfilmt wurde. Das ging bereits in Stummfilmzeiten los und führte über eine WDR-Miniserie (1971) mit Heidelinde Weis bis zu mehreren BBC-Miniserien (zuletzt 2018).

Dicke Schwarte – 109 Minuten

Die Hollywood-Verfilmung von 1948 hat – wie jede nicht-serielle Adaption – zunächst einmal den Kraftakt zu wuppen, je nach Layout etwa 700 bis 850 Buchseiten auf Spielfilmlänge zu bekommen. Ich habe das Buch gelesen, und das gelingt dem Film bemerkenswert gut. Natürlich muss er erzählerische Federn lassen. Weder hechtet er durch, um nichts wegzulassen, noch ist er so radikal wie Elia Kazan, der in der John-Steinbeck-Adaption „Jenseits von Eden“ (1955) lediglich das letzte Viertel verfilmte, aber das richtig. Es ist schon das ganze Gerüst drin, hie und da fehlt was, aber das Vorhandene wird auserzählt statt nur abgehakt. Und wie stilvoll das geschieht, auch wenn die Macher – der Hollywoodzeit entsprechend – auf kunstvolles Licht und prächtige Kulissen statt Originalschauplätze setzten. Peter Godfrey, der vom Theater kam, wurde für seine Filme nie so richtig berühmt. Wenn er eine schlechte Geschichte hatte, wie in „Der Fluch des Wahnsinns“ (1947), konnte er die auch durch stilvolle Inszenierung und gute Darsteller nicht retten. Wenn er aber eine gute Geschichte hatte, konnte er die übertragen und dabei veredeln. Das ist nicht selbstverständlich und man sollte es nicht geringschätzen. „Das Geheimnis der Frau in Weiß“ hat keine gute Geschichte. Sondern eine sehr gute.

Eine seltsame Frau und ein seltsamer Hausherr

Durch eine Off-Stimme erfahren wir, dass sich der Zeichenlehrer Walter Hartright (Gig Young) an ein sieben Jahre zurückliegendes Geschehen erinnert, welches wir dann als lange Rückblende sehen, bevor sich erst ganz am Ende der Kreis schließt. Auf dem Weg zu seiner neuen Stellung auf dem Gut „Limmeridge House“ begegnet Walter nächtens einer geheimnisvollen Frau in Weiß (Eleanor Parker), die verängstigt zu sein scheint. Auch das diesmal (wie wir bald merken: zu Recht) tiefbedrohliche, massige Gesicht des Grafen Fosco (der schwergewichtige Sydney Greenstreet, wobei die Leibesfülle auch bewusster Aspekt der Figur ist) wird Walter, vor allem aber uns, schon sichtbar; der Mann scheint hinter der Frau her zu sein. Später erfahren Walter und wir, dass sie offenbar aus einem „Asylum“ geflohen ist, im Deutschen seinerzeit wenig schmeichelhaft „Irrenanstalt“ genannt. Wobei man sich anhand des Hausherrn Frederick Fairlie (John Abbott) einmal fragen kann, wer hier eigentlich irre ist. Der anscheinend kränkliche, überempfindliche und hypernervöse ältere Mann sorgt im Zusammenspiel mit dem Diener Louis (Curt Bois) für einen Hauch von Komik. Aber letztlich scheint seine „Krankheit“ eine Aversion gegen jegliche menschliche Nähe und damit jegliche Menschlichkeit zu sein. Grinsen und Erschrecken sind immer dicht beieinander.

Großer Auftritt für Alexis Smith!

Weil eben der Film nicht soviel Zeit hat wie der Roman, müssen Figuren gelegentlich den Erklärer geben, und das wirkt erfreulicherweise nicht mal aufgesetzt, weil ja nicht nur wir erfahren müssen, sondern auch Walter darüber aufgeklärt werden muss, mit was für Leutchen er es künftig zu tun haben wird. Diesen Part übernimmt im Wesentlichen die Hauptfigur und Heldin: Marian Halcombe (Alexis Smith), Nichte von Fairlie. Eine Gelegenheit, ein wenig über die Darstellerin zu sagen, die am 8. Juni 2021 ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte. Die im Süden der kanadischen Provinz British Columbia Geborene ging nach Los Angeles, nahm am City College Schauspielunterricht und wurde, glaubt man Wikipedia, auf der Bühne für den Film entdeckt und Warner-Brothers-Vertragsschauspielerin. Sie war dort in den 1940er-Jahren gut beschäftigt und spielte an der Seite von Größen wie Errol Flynn, Cary Grant, Humphrey Bogart und Barbara Stanwyck. Der ganz große Durchbruch gelang ihr nie, aber sie war aktiv bis zuletzt und trat noch in Martin Scorseses „Zeit der Unschuld“ (1993) auf, bevor sie am 9. Juni 1993 an einem Hirntumor starb.

Jubilarin Alexis Smith (1921–1993) in der Rolle der Marian Halcombe

Angesichts einer zugegebenermaßen sehr lückenhaften Kenntnis ihres Werks scheint mir „Das Geheimnis der Frau in Weiß“ ein Höhepunkt ihres Schaffens. Hier ist sie nicht treusorgendes Anhängsel eines starken Leading Man, hier sind die wichtigsten Männer ein Superschurke (Greenstreet alias Fosco) und ein sich nie in den Vordergrund drängender Guter (Young alias Walter). Der Film und Smith verdeutlichen die herausragende Bedeutung Marians von Anfang an. Sie kommt nicht mal eben, sie tritt auf, Treppenabgang aus Walters leichter Froschperspektive. Wunderschön, aber offenbar auch lebensklug und patent, ist sie (obschon alles andere als perfekt) diejenige, die noch am ehesten hinter die Seele der Menschen blickt – ihre Rolle als anfängliche Kommentatorin ist daher angemessen. Und sie erzählt auch gleich von einer zweiten jungen Frau, ihrer Cousine Laura, die ebenfalls auf dem Gut lebt und der Walter Zeichenstunden geben soll. Zwischen beiden deutet Marian in einem wichtigen Monolog eine symbiotische Yin-Yang-Beziehung an. Die beiden jungen Frauen seien grundverschieden, aber trotzdem (oder deshalb?) einander tief verbunden. Wer mit der einen gutgestellt sei, bekomme auch die Freundschaft der anderen (was man natürlich, negativ gewendet, auch als Drohung oder zumindest Warnung lesen kann). Hier kann man, wenn man will und wenn man eng am Roman hängt, eine gewisse Glättung kritisieren. Bei der Aufzählung der Gegensätze stellt Marian es nämlich so dar, dass Laura (die wir da noch nicht kennen) besonders liebreizend und damenhaft sei, während Marian – das spricht sie dann nicht mehr aus, aber im Roman wird sie auch äußerlich als viel burschikoser dargestellt, als die schöne und zierliche Alexis Smith ist. Naja, Hollywood-Besetzung.

Zwei Frauen – konträr und komplementär

Es lohnt indes ein zweiter Blick. In Kostümen, Frisuren und vor allem Rolle und Schauspielstil ist nämlich ein bemerkenswerter und sich als komplementär erweisender Unterschied der beiden Frauen festzustellen. Laura wird von Eleanor Parker dargestellt. Und wer bis hier aufmerksam gelesen hat, wird feststellen, dass Parker doch schon oben genannt ist, als die Frau in Weiß. Die einen Moment lang im Raum stehende Frage, ob es sich bei beiden Frauen um dieselbe handelt, wird recht früh – weswegen ich es hier verrate – verneint, wobei man im übertragenen Sinne durchaus Motive der Persönlichkeitsspaltung hineinlesen kann. Von diesem Geheimnis soll hier aber gar nicht die Rede sein, eher vom Schauspiel. Parker, die rätselhafte, ätherisch schöne Blondine (schade, dass Alfred Hitchcock sie nie eingesetzt hat) ist in ausladenden wie verzierten Gewändern und pittoresk wie elegant zurechtgezwirbelten Frisuren zu sehen. Marian ist brünett und – auch über Kostüme schlichterer Eleganz – die Pragmatikerin. Laura hat volle, oft nicht ganz geschlossene Lippen mit einem so sehnenden wie unsicheren Ausdruck (was auch auf die Frau in Weiß zutrifft, deren Name schließlich als Anne gelüftet wird). Als nach einem Mittelzäsur-Zeitsprung Marian zusammen mit uns in ein erschreckend verändertes Umfeld zurückkehrt, ist Laura ganz besonders elegant gewandet – und darin erkennbar so gefangen und apathisch wie nie. Marian hat im Gegensatz nicht nur schmale Lippen, sondern ist auch geradeheraus. Sie ist die Detektivin, die wachsam den Dingen auf den Grund geht und sich dabei nicht schont, zum Beispiel bei einer Fassadenkletter-Aktion, bei der ihr ein plötzlicher Wolkenbruch gleichsam wie das Erschrecken über das Entdeckte einiges abverlangt.

Marians innere Konflikte, grandios dargestellt …

Bei alldem ist großartig, dass sie nie Superwoman ist, sondern durchaus Gefühle (nicht so überschwängliche, aber tiefe) hat – und Zweifel beziehungsweise Schwächen. Sie macht eine Wandlung durch, indem sie gute Anlagen, die sie von Beginn an hat, erst zur vollen Entfaltung bringen muss. An den schurkischen Charakter Foscos, der als Freund der Familie ebenfalls das Anwesen bewohnt, mag sie anfangs nicht recht glauben, verteidigt ihn sogar gegen den misstrauischen Walter. Und ihre spätere Erkenntnis bewahrt sie nicht vor dem Schrecken. Alexis Smith wandelt traumwandlerisch sicher und dadurch sehr berührend auf dem schmalen Grat zwischen der patenten, hellsichtigen Spürnase und der zunächst heimlich Walter Liebenden – und zwischen Mut und Erschrecken einer Humanistin ob so viel Schlechtigkeit. So ist sie für Fosco weder leichtes Opfer noch eindeutig überlegene Gegnerin.

… wie auch ihre Konflikte mit Fosco

Zwei Konfrontationen gehören zu den Höhepunkten: Wenn Marian völlig durchnässt eine Bedrohung gewärtigen muss, ist sie auch kostüm- und kameratechnisch ihres Schutzes beraubt und bekommt eine ganz undamenhafte Großaufnahme mit derangiertem Haar, Ausdruck und – in scharfem Kontrast zum Rest – leicht offenem Mund voller Angst und Schrecken. Eine großartige Ergänzung dazu ist ihre finale Begegnung mit Fosco, bei der sie äußerlich wieder hergerichtet ist. Scheinbar abgeklärt beharken sich die Kontrahenten mit Blicken und Dialogen, loten rational ihre Möglichkeiten aus. Ein makabrer Aspekt ist, dass Fosco zwar ein Schwein ist, aber eines aus Berechnung, dem man anmerkt, dass ihm die ebenso rational agierende Marian nicht ganz unsympathisch ist. Wie die Szene ausgeht, zeigt aber wiederum, dass Marian weder perfekt noch unterkühlt ist. Dies sind Momente, die den Eindruck einer fulminant aufspielenden Alexis Smith, der die Romanvorlage und das Drehbuch eine hochkomplexe Rolle schenken, noch besonders verstärken.

Und wer war da sonst noch?

Zum weitgehend hervorragenden Ensemble gesellt sich zudem Agnes Moorehead in wichtiger Rolle. Weitgehend? Gig Young muss ein wenig hinten anstehen. Das liegt natürlich zum einen daran, dass Roman und Drehbuch die interessanteste und gewichtigste (pardon the pun) Männerrolle nun einmal Fosco zugedacht haben. Indes, ein wenig schroff wirkt Young schon, der zwar überzeugt, wenn er zusammen mit Marian den Intrigen auf der Spur ist, der den verkniffenen Ausdruck aber auch dann kaum ablegen kann, wenn es endlich zum Kuss mit Marian kommt. Als Jüngelchen aus der zweiten Reihe, der aber mehr als nur Jüngelchen sein konnte, hätte ich beispielsweise gern Robert Cummings gesehen. Macht nichts, der Film gehört Greenstreet und den Damen. Und endlich ins deutsche Heimkino! Immerhin ist der Psychothriller erst 2016 in den USA auf DVD in der Warner Archive Collection erschienen, nun sollte sich auch ein hiesiges Label des Werks annehmen.

Abschließend sei auf die Rezension des geschätzten „Die Nacht der lebenden Texte“-Autorenkollegen Ansgar Skulme hingewiesen, die ich vor Verfassen meines Textes bewusst nicht gelesen habe.

Veröffentlichung (Spanien): 30. Mai 2016 als DVD („La mujer de blanco“) Veröffentlichung (USA): 10. März 2016 als DVD
Länge: 109 Min.
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Englisch, Spanisch (Spanien), Englisch (USA)
Untertitel: Spanisch, Portugiesisch (Spanien)
Originaltitel: The Woman in White
USA 1948
Regie: Peter Godfrey
Drehbuch: Steven Morehouse Avery, nach einem Roman von Wilkie Collins
Besetzung: Alexis Smith, Eleanor Parker, Sydney Greenstreet, Gig Young, Agnes Moorehead, John Abbott, John Emery, Curt Bois, Emma Dunn, Matthew Boulton
Zusatzmaterial: keins
Label/Vertrieb: Llamentol (Spanien) / Warner Archive Collection (USA)

Copyright 2021 by Tonio Klein

Filmplakate & Szenenfoto: Fair Use

 

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