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Todestanz eines Killers: Der Untergang des geheimdienstlichen Reiches

09 Jun

A Dandy in Aspic

Von Tonio Klein

Agententhriller // Der britische Spion Eberlin (Laurence Harvey) wird mit der Liquidierung des sowjetischen Doppelagenten Krasnewin beauftragt. Schon früh können wir an seiner Integrität und Einsatzbereitschaft zweifeln: Er lässt einen KGB-Agenten (in den Tod) entkommen, obwohl ihm ein Aufhalten leicht möglich gewesen wäre. Er hat einen schmutzigen Job in Nordafrika erledigt, will aber offiziell nicht dort gewesen sein. Er möchte von seiner Bekanntschaft, der Fotografin Caroline (Mia Farrow), nicht abgelichtet werden. Letzteres ließe sich freilich noch gut mit einer „normalen“ Spionagetätigkeit erklären, aber recht früh platzt die Bombe: Eberlin ist Krasnewin, jagt sich also selbst – oder genauer, das soll er tun, und nun muss er sehen, wie er möglichst mit heiler Haut da herauskommt.

Ein Zerrissener und ein Soziopath

Der Konflikt Eberlins (wie er der Übersichtlichkeit halber fortan genannt werde) einerseits, aber auch die Hinterfragung der Usancen im Kalten Krieg andererseits wird vor allem exemplifiziert anhand der Gegensätze der beiden männlichen Hauptfiguren. Eberlin ist von „Heimatlosigkeit“, Trauer und Zerrissenheit umflort, sein erzwungener Partner Gatiss (Tom Courtenay) erweist sich als gewissenloser Soziopath. Das Ganze geht weit über die Frage hinaus, ob der Partner der wahre Gegner ist. Es ist durchaus nicht so, dass Eberlin der Schwächere ist. In einer wunderbaren „Niemand füllt die Breitwand so genial wie Anthony Mann“-Szene zeigt ein natürlicher Split Screen Gatiss links im Vordergrund, Eberlin rechts im Hintergrund, durch unterschiedliche Brennweiten der beiden Hälften in extremer Tiefenschärfe. Gatiss soll für Eberlin, der auf dem Schießstand ist, verborgen sein, wir studieren sein Gesicht, sehen sein angespanntes, aber auch verschlagenes Lauern genau. Aber am Ende macht Eberlin durch einen absichtlich verzogenen Schuss, der die Wandkante streift, hinter der Gatiss steckt, klar: Auch er ist nicht zu unterschätzen, er wusste von Gatiss’ Anwesenheit.

Niemand passt in den Kalten Krieg …

Es geht nicht so sehr um unterschiedliche Fähigkeiten, sondern darum, dass Eberlin sehr viel mehr Schmerz empfindet, wenn er sie einsetzt, einsetzen muss. So könnte er sein Problem eigentlich einfach lösen, weil der britische Geheimdienst einen anderen für Krasnewin hält, der ein Freund Eberlins ist und sich sogar zu opfern anbietet. Tja, wenn Eberlin nicht ein Gewissen und Gefühle hätte …

Eberlin in Gewissensnöten

Eberlins Schlussmonolog, dass Gatiss schon innerlich tot sei und es nur eine Formsache wäre, wenn er auch in biologischer Hinsicht niedergestreckt würde, ist nicht nur eine von Harvey meisterhaft deklamierte Abrechnung, sondern zeigt auch die gesamte Ratlosigkeit – und zwar des gesamten Filmes: Während wir die ganze Zeit schon merken konnten, dass für einen wie Eberlin kein Platz im Kräftemessen der Blöcke ist, stellt sich heraus, dass es den für das glatte Gegenteil auch nicht gibt: Gatiss scheint ja aus Sicht von einem, der einen hochprofessionellen Agenten und Killer sucht, perfekt zu sein, handwerklich sehr geschickt, extrem misstrauisch und bar jeder Schwäche, die Eberlin hat. Aber der Film zeigt eindrucksvoll, dass es eine solche Maschine eben auch nicht sein kann. Übrigens in einem fatalistischen Finale, das sehr an Robert Wises Heist-Noir „Wenig Chancen für morgen“ (1959) erinnert.

… und es geht um nichts im Kalten Krieg

Obwohl Laurence Harvey den Film nach Anthony Manns plötzlichem Tod fertigdrehte, liegt ein echter Anthony Mann vor. Bei dem Regisseir geht es oft nicht nur um die Hinterfragung, sondern die völlige Auflösung einer angeblich althergebrachten Ordnung. Das können Kapitalismus, Gier und Patriarchat in „Die Farm der Besessenen“ (1950) oder es können sich damit überschneidende Westernmythen in zahlreichen seiner Western sein. Oder auch das, was schon im Titel seines unterschätzten „Der Untergang des Römischen Reiches“ (1964) steckt. Jetzt eben „Der Untergang des geheimdienstlichen Reiches“, jedenfalls auf den Kalten Krieg bezogen. Und weil dort wirklich niemand mehr einen Platz hat, ist dieser Untergang so total wie der Film traurig – und daher beeindruckend. Zu den Credits sehen wir in grellen Farben Marionetten an Fäden tanzen, am Schluss fallen sie durch Verstrickungen in den Fäden des Strippenziehers um. Welch Symbolik. Wobei das kein typischer Paranoia-Film ist, in dem der oder das große Unbekannte als Strippenzieher heraufbeschworen wird. Sondern das Fallen-Müssen schon eher als Ausweglosigkeit zu bezeichnen ist, die der Natur der Sache eingeschrieben ist. Ein Anti„kriegs“film, und was für einer!

Lieber tot als rot?

Er ist dabei so radikal, dass er nicht mal mehr den klassischen McGuffin braucht, also etwas, das für die Protagonisten total wichtig, für uns aber total unwichtig ist, etwa der berühmte Koffer, hinter dem alle her sind, aber dessen Inhalt wir nie erfahren. Hier hingegen: Es gibt Agenten und es gibt Doppelagenten, und je nach Sichtweise müssen die einen oder die anderen weg. Wir erfahren nicht, was sie so am Ausspionieren sind, es gibt nicht mal mehr den berühmten Koffer oder die berühmte Geheimformel. Sie müssen weg, weil sie auf der anderen Seite sind. Ein Todestanz um ein Nichts. Letztich ist auch die von Urgestein Lionel Stander souverän ausgefüllte Rolle eines KGB-Oberst bedeutungslos. Ob John le Carré das gefallen hat, ist mir nicht bekannt, aber sehr gut vorstellbar.

Flüchtige Begegnungen bieten auch keine Flucht

Schließlich, was hat Caroline eigentlich in dem Film verloren? Bei allen Unterschieden ist sie für Eberlin, was Rhett Butler für Scarlett O’Hara in „Vom Winde verweht“ (1939) ist: Immer wieder begegnen sie sich so zufällig wie schicksalhaft, immer wieder werden sie voneinander getrennt, immer wieder sieht die Hauptfigur durch die Begegnungen eine flüchtige Perspektive dessen, was sie mit der anderen Person zusammen sein könnte.

Ein bisschen Frieden, ein bisschen Träumen

Allein, es soll nicht sein. Die Anlässe der Treffen sind wirklich hanebüchen zufällig, aber als Symbol des Anklopfens des Schicksals, der Erlösungsmöglichkeit, funktioniert das wunderbar. Nur kann Eberlin durch die Tür zwar hindurchsehen, aber sie nicht öffnen. Trotz der gelegentlichen Actionszenen (wer so viel wie bei einem James-Bond-Film erwartet, wird aber enttäuscht sein) und der gelungenen Einbindung des Schauplatzes Berlin (wobei der Grenzübergang im Westen nachgestellt werden musste): Das ist kein eskapistischer Film! No escape.

Auch in Berlin lässt sich das Leben nicht in vollen Zügen genießen

Grundlage meiner Rezension ist die neu erschienene Blu-ray von explosive media. Die Qualität ist gelungen, die Kurzdokumentation über das Swinging (West-)Berlin der damaligen Zeit eher belanglos, das Abschreiben von Wikipedia bei der rückseitigen Inhaltsangabe etwas peinlich. Wobei mir die Gewissheit fehlt, ob seinerseits Wikipedia von der DVD von 2007 abgeschrieben haben könnte.

Der KGB-Oberst (l.) ist hart, aber herzlich?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Anthony Mann haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Auch bei Caroline ist Eberlin meist unentspannt

Veröffentlichung: 25. Februar 2021 als Blu-ray, 6. März 2007 als DVD

Länge: 107 Min. (Blu-ray), 103 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch nur DVD: Französisch, Italienisch, Spanisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, nur DVD: Arabisch, Dänisch, Finnisch, Hindi, Norwegisch, Portugiesisch, Rumänisch, Schwedisch, Türkisch, Französisch
Originaltitel: A Dandy in Aspic
GB 1968
Regie: Anthony Mann, ungenannt Laurence Harvey
Drehbuch: Derek Marlowe, nach seinem Roman
Besetzung: Laurence Harvey, Mia Farrow, Tom Courtenay, Lionel Stander
Zusatzmaterial: Trailer, Bildergalerie, Kurzdokumentation, Wendecover (Blu-ray)
Label Blu-ray: explosive media
Vertrieb Blu-ray: Koch Films
Label/Vertrieb DVD: Sony Pictures Entertainment

Copyright 2021 by Tonio Klein

Szenenfotos & unterer Blu-ray-Packshot: © 2021 explosive media,
DVD-Packshot: © 2007 Sony Pictures Entertainment

 

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