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Malasaña 32 – Haus des Bösen: Das Grauen schleicht durch Appartement 3B

14 Jun

Malasaña 32

Kinostart: 17. Juni 2021

Von Andreas Eckenfels

Horror // Madrid, 1972: In einem alten Mehrfamilienhaus in der Calle de Manuela Malasaña 32 streiten sich zwei Brüder im Treppenhaus. Dabei kullert eine Murmel über die Stufen ins dritte Stockwerk hinab und rollt unter einer Wohnungstür hindurch. Der Jüngere flitzt hinterher, schielt unter dem Türspalt hindurch und erspäht die Kugel in der Wohnung – da öffnet sich die Tür wie von Geisterhand. Der Knirps will seine geliebte Murmel gern zurückhaben und schleicht sich etwas verängstigt immer weiter in das stille Appartement hinein. Schließlich steht er im Wohnzimmer, wo die Kugel liegt und er die Bewohnerin vorfindet: Eine alte Frau mit langen grauen Haaren, die mit dem Rücken zu ihm im Schaukelstuhl sitzt und keinen Mucks von sich gibt. Plötzlich kippt die offenbar tote Frau zur Seite um und der Junge rennt schreiend aus der Wohnung.

Ein Junge verschwindet

Vier Jahre später bezieht die sechsköpfige Familie Olmeda die Wohnung 3B in der Malasaña 32. Vater Manolo (Iván Marcos) und Mutter Candela (Bea Segura) haben für den Kauf ihre gesamten Ersparnisse investiert. Sie sind einfache Leute, wie viele andere vom Land nach Madrid gezogen, um dem ältesten Sohn Pepe (Sergio Castellanos), Tochter Amparo (Begoña Vargas) und dem Nesthäkchen Rafael (Iván Renedo) eine bessere Zukunft bieten zu können.

Familie Olmedo zieht vom Land nach Madrid

Während die Eltern bei der Arbeit sind und Pepe nach einem Job sucht, passt Amparo auf den kleinen Rafael und den demenzkranken Großvater Fermín (José Luis de Madariaga) auf, der meist stumm und lethargisch herumsitzt. Die Tochter ist es auch, die als erste bemerkt, dass irgendetwas in der Wohnung nicht stimmt, in der noch immer die alten Habseligkeiten und Möbel der laut des Hausverwalters (Javier Botet) verstorbenen Vorbesitzerin stehen. Immer wieder krachen Türen unvermittelt ins Schloss, Musik erklingt aus dem Nichts, auch Rafael wirkt verändert. Und plötzlich ist der Junge spurlos verschwunden. Natürlich geben die Eltern zunächst Amparo die Schuld – sie habe nicht gut genug auf ihren Bruder aufgepasst. Doch während der Suche nach Rafael merkt die Familie bald, dass die Wohnung ein dämonisches Eigenleben zu führen scheint.

Wieder mal Grauenvolles aus Spanien

The Devil’s Backbone – Das Rückgrat des Teufels“ (2001), „Das Waisenhaus“ (2007) oder „Shrew’s Nest“ (2014): Seit Jahren lehrt uns das spanische Kino mit einer Vielzahl großartiger Horrorfilme immer wieder das Fürchten. Nun versucht Albert Pintó mit seiner zweiten Regiearbeit diese „grauenvolle“ Liste zu erweitern. Während sich Pinto in seinem Debütfilm „Killing God – Liebe Deinen Nächsten“ (2017), für den er mit Regiekollege Caya Casas beim renommierten Sitges Film Festival den Publikumspreis gewann, einem überirdischen Thema widmete, beruft er sich für „Malasaña 32 – Haus des Bösen“ auf eine wahre Begebenheit, die sich in den 1970er-Jahren in Madrid ereignet haben soll. Näher führt Pinto die Geschichte, die ihn zu dem Film inspirierte, im Presseheft allerdings nicht aus. Zu erwähnen ist noch, dass es im Madrider Stadtviertel Malasaña die Straße Calle de Manuela Malasaña wirklich gibt – ein Haus mit der Nummer 32 hingegen nicht.

Erst leise, dann ziemlich laut

Anders als der deutsche Zusatztitel suggeriert, wird nicht das ganze Haus vom Bösen heimgesucht. Das Grauen spielt sich lediglich im dritten Stockwerk ab. Die anderen Nachbarn scheinen auch gar nichts von den Erlebnissen der Olmedas mitzubekommen, sehen tut man sie jedenfalls nicht. Im Haunted-House-Subgenre ist es nichts Neues, dass zunächst ein tragisches Geheimnis aus der Vergangenheit ergründet werden muss, bevor der Spuk beendet werden kann. So ist es auch hier: Natürlich hat der Prolog mit der alten Dame im Rollstuhl etwas damit zu tun. Es sei aber jetzt schon gesagt: Die Auflösung ist recht lapidar.

Sieht so das Haus des Bösen aus?

Die 70er-Jahre Atmosphäre der spanischen Post-Franco-Ära fängt Regisseur Albert Pintó in authentischen Bildern und detailreicher Ausstattung ein. Eine tiefere Auseinandersetzung mit der Zeit oder gar politische Untertöne sollte man aber nicht erwarten. Pintó konzentriert sich darauf, das Treiben innerhalb des neuen Zuhauses der Olmedas zu beleuchten. Zeitgleich mit der Familie lernt auch das Publikum nach und nach die Räume der verwinkelten Wohnung kennen. Es wirkt schon recht verstörend, dass, wie oben bereits erwähnt, nicht nur unter anderem die Möbel, sondern sogar die Kleider der verstorbenen Vormieterin noch an Ort und Stelle sind. An einer Wand hängt ein Schwarz-Weiß-Foto einer jungen Frau, bei dem ich mir ab und an nicht mehr sicher war: Hat sich im Vergleich zur vorigen Einstellung vielleicht ihre Mimik verändert?

Der kleine Rafael verschwindet spurlos

Und so nimmt leise und schleichend das Unbehagen immer mehr zu: Was geht da in 3B vor sich? Wobei „leise“ nicht wirklich korrekt ist: Die Tonspur steht fast niemals still, immer wieder kracht und tönt es in allen Ecken. Als Jump-Scares will ich das nicht bezeichnen, aber es ist auf jeden Fall ein wenig zu viel des Guten.

Figuren mit und ohne Fokus

Mithilfe der unterschiedlichen Familienmitglieder versucht Albert Pintó eine emotionalen Bindung zum Publikum aufzubauen. Das gelingt aber nicht sonderlich gut. Die Schicksale der Tochter Amparo und des fünfjährigen Rafael stehen zu stark im Fokus, wodurch die anderen Olmedas zu Randfiguren verkommen. Während Vater und Mutter sowieso selten zu sehen sind, weil sie aus finanzieller Not heraus bei der Arbeit weilen und die Familie deshalb der verfluchten Wohnung nicht einfach entkommen kann, wird der schmächtige Großvater einzig dazu genutzt, Unruhe zu verbreiten: Schemenhaft verzerrt durch eine Glastür erscheint der alte Mann wie eine dämonische Gestalt. Zudem muss Rafael mit dem Opa widerwillig ein Zimmer teilen und der Junge ist natürlich nicht darüber erfreut, dass der alte Mann ein Beatmungsgerät für die Nacht benötigt, welches unangenehme Geräusche produziert. Da haben wir wieder das Thema Tonspur.

Verzweifelte Suche nach dem verlorenen Sohn

Den schüchternen Pepe hätte man komplett aus der Geschichte streichen können, da er kaum etwas zur Handlung beiträgt, außer Mitleid zu erregen. Er sehnt sich am meisten nach dem Landleben zurück, fühlt sich offenbar überfordert von der Großstadt und hat Angst, keinen Job zu finden. Völlig verschenkt ist seine Nebenhandlung, bei der er mit der geisterhaften Nachbarin am Fenster gegenüber Nachrichten über eine Wäscheleine austauscht, die die Wohnungen verbindet. Die unangenehmen Botschaften, die Pepe wie aus dem Nichts erhält, verlaufen irgendwann im Sande.

Handwerklich gelungen

Nicht falsch verstehen: „Malasaña 32 – Haus des Bösen“ gelingt es besonders in der ersten Hälfte wunderbar, eine stimmungsvolle Gruselatmosphäre und Spannung zu erzeugen. Zwischen die bekannten Versatzstücke mischen sich auch einige eigenständige Ideen, wie etwa die „Verführung“ von Rafael durch ein Schwarz-Weiß-Puppentheater, das im Fernsehen gezeigt wird. Albert Pintó versteht also durchaus sein Handwerk, Soundkulisse und Optik stimmen, aber die Verknüpfung mit einer spannenden Geschichte und interessanten Figuren muss er noch lernen. So kann sein Film aus der derzeitigen Masse von Haunted-House-Horrorfilmen nicht ausreichend herausstechen.

Was weiß die junge Frau im Rollstuhl?

Länge: 104 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Malasaña 32
SP 2019
Regie: Albert Pintó
Drehbuch: Ramón Campos, Gema R. Neira, Salvador Serrano, David Orea
Besetzung: Begoña Vargas, Iván Marcos, Bea Segura, Sergio Castellanos, Iván Renedo, Jose Luis de Madariaga, Javier Botet, Maria Ballesteros
Verleih: Studiocanal

Copyright 2021 by Andreas Eckenfels

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2021 Studiocanal

 

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