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Nomadland – Leben im Kleinbus von Job zu Job

24 Jun

Nomadland

Kinostart: 1. Juli 2021

Von Volker Schönenberger

Sozialdrama // Am 31. Januar 2011 schließt der Baustofffabrikant US Gypsum nach 88 Jahren seine Produktionsstätte in Empire, Nevada. Für den kleinen Ort bedeutet es das Ende – er wird zur Geisterstadt. Auch Fern (Frances McDormand) verliert ihre Existenz. Sie packt ihre paar Habseligkeiten in einen Kleinbus und fährt davon. Fortan führt die gerade verwitwete 60-Jährige ein Leben als Wanderarbeiterin. Eine moderne Nomadin, die im Auto lebt und es dort abstellt, wo sie für eine Weile einen Job ausüben kann. Sei es als Paketpackerin in einem modernen Logistikzentrum eines großen Online-Händlers, sei es als Küchenhelferin in einem Restaurant, sei es als Toilettenfrau.

Welches Leben will Fern führen?

Kurz nach Erscheinen von Jessica Bruders Sachbuch „Nomadland: Surviving America in the Twenty-First Century“ (deutsch: „Nomaden der Arbeit. Überleben in den USA im 21. Jahrhundert“) sicherte sich Frances McDormand 2017 die Verfilmungsrechte gemeinsam mit Peter Spears. Die beiden und ein paar andere produzierten die Kino-Adaption „Nomadland“ (2020), nachdem sie mit der vornehmlich in den USA tätigen Chloé Zhao eine Drehbuchautorin und Regisseurin gefunden hatten. Zhao wiederum reiste zur Vorbereitung selbst per Wohnmobil auf den Spuren der „Vandwellers“, wie diese US-Arbeitsnomaden genannt werden.

Die Vandwellers am Lagerfeuer

Angesichts der mannigfachen Lobpreisungen und Auszeichnungen, die „Nomadland“ zuteil wurden – dazu später mehr –, wird es niemanden überraschen, dass ich mich dort einfach einreihe: Das Sozialdrama gibt uns einen vorzüglichen Einblick in eine Subkultur des US-Arbeitslebens im Anschluss an die ab 2007 einsetzende Große Rezession. Es verleiht Menschen ein Gesicht, die in den Vereinigten Staaten zu den Vergessenen und Unbeachteten gehören und die sich gleichwohl ihre Würde bewahrt haben und einander auf den Straßen, Park- und Campingplätzen des Landes unterstützen.

Besetzt mit echten Vandwellers

Viele tragende Rollen wurden mit Laiendarstellerinnen und -darstellern besetzt, die tatsächlich als Vandwellers leben, so etwa Bob Wells, Linda May und Charlene Swankie. Man merkt „Nomadland“ zu jedem Zeitpunkt die sorgfältige Vorbereitung und Recherche an – sie verleiht dem Film einen geradezu dokumentarischen Charakter. Außer Frances McDormand ist mit David Strathairn („Die dunkelste Stunde“) lediglich ein weiterer namhafter Star an Bord. „Nomadland“ atmet dann auch Authentizität und Lebensnähe aus jeder Pore. Hauptdarstellerin McDormand lebte während der Dreharbeiten phasenweise selbst in dem Kleinbus, wechselte nach einer Weile aber doch ins Hotel, wie sie im Interview bekannte: Mit 61 Jahren ist es besser für mich, das Erschöpftsein zu spielen als tatsächlich erschöpft zu sein. Das habe ich erkannt. Sie ist in jeder Szene des Films zu sehen und trägt ihn über weite Strecken auf ihren Schultern. Chloé Zhao kann sich ganz auf ihre Hauptdarstellerin verlassen. Die Regisseurin ignoriert herkömmliche Erzählstrukturen der Spielfilmdramaturgie – etwa das Drei-Akt-Prinzip – und reiht kleine Begebenheiten und Erlebnisse Ferns in aller Ruhe und musikalisch nur spärlich untermalt aneinander. So ergibt sich ein nachdenklich stimmendes Bild einer Gesellschaft am Rande der Gesellschaft. Es dürfte auch für viele Amerikaner ein bislang unbekanntes Bild ihrer Heimat sein.

Ist Fern einsam?

Gedreht wurde das Roadmovie an Originalschauplätzen in South Dakota, Nebraska, Nevada, Kalifornien und Arizona. Wir bekommen viel Provinz und Gegend zu sehen – ganz viel Gegend. Obwohl im Auto unterwegs, führen die Vandwellers ein vergleichsweise naturnahes Leben. Ihr materieller Besitz ist gering, und womöglich wirkt das Dasein frei vom zivilisatorischen Ballast für einige von ihnen befreiend. Gleichwohl macht „Nomadland“ jederzeit klar, dass es ein hartes Leben ist. Einige von ihnen mögen es aus freien Stücken gewählt haben, viele aber sicher nur mangels Alternativen.

Mit drei Oscars und zwei Golden Globes prämiert

Zu den Auszeichnungen: Nach „Fargo – Blutiger Schnee“ (1996) und „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ (2017) erhielt Frances McDormand ihren dritten Oscar als beste Hauptdarstellerin. Und wer will bestreiten, dass das verdient ist? Ich sicher nicht. Als Produzentin von „Nomadland“ ist McDormand zudem nunmehr vierfache Oscar-Preisträgerin, denn den Academy Award für den besten Film gab es ebenfalls, obendrein auch einen für Regisseurin Chloé Zhao. Zhao ist die erste asiatische Frau und erste „Woman of Color“, die für den Regie-Oscar nominiert wurde – folgerichtig auch die erste, die ihn gewann. Erfolg und Lobpreisungen ihres sogar ausschließlich mit Laiendarstellerinnen und -darstellern gedrehten zweiten Langfilms „The Rider“ (2017) führten dazu, dass sie das Angebot bekam (und wahrnahm), für Marvel den Fantasy-Blockbuster „Eternals“ mit Angelina Jolie, Salma Hayek sowie den beiden „Game of Thrones“-Stars Kit Harington und Richard Madden zu drehen. Dessen weltweiter Kinostart ist für November geplant.

Zurück zu „Nomadland“: Für den Oscar nominiert waren obendrein die betörende, stets nah an den Menschen und auch der Natur verweilende Kamera von Joshua James Richards („The Rider“) sowie Zhaos adaptiertes Drehbuch und ihr Schnitt. Der Hollywood-Auslandspresse war das Werk zuvor ein Golden Globe als bestes Drama und einer für die beste Regie wert gewesen. Seine Weltpremiere hatte der Film am 11. September 2020 beim Filmfestival in Venedig gefeiert, wo er drei Preise gewann, darunter mit dem Goldenen Löwen den Hauptpreis. Zahlreiche weitere Festival- und Kritikerpreise folgten.

Durch die Weiten des Westens

In Deutschland machte „Nomadland“ erstmals im Oktober 2020 beim Filmfest Hamburg als Abschlussfilm Station. Der reguläre Kinostart ließ aus bekannten Gründen auf sich warten. Bleibt zu hoffen, dass das stille Sozialdrama trotz der widrigen Umstände ein zahlreiches Publikum findet, das hat es allemal verdient. „Nomadland“ entlässt uns mit zwiespältigen Gefühlen für die porträtierten Figuren. Soll man sie bedauern oder gar bemitleiden? Ich bezweifle, dass sie das wollen. Manche mögen mit ihrem Leben auf der Straße zufrieden oder gar glücklich sein. Andere sicher nicht. Die Hoffnung bleibt.

Ein friedlicher Moment mit David

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Frances McDormand haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit David Strathairn unter Schauspieler.

Eins mit der Natur?

Länge: 107 Min.
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Originaltitel: Nomadland
USA/D 2020
Regie: Chloé Zhao
Drehbuch: Chloé Zhao, nach einer Vorlage von Jessica Bruder
Besetzung: Frances McDormand, David Strathairn, Linda May, Gay DeForest, Patricia Grier, Angela Reyes, Carl R. Hughes, Douglas G. Soul, Ryan Aquino, Teresa Buchanan, Karie Lynn McDermott Wilder, Brandy Wilber, Makenzie Etcheverry, Bob Wells, Charlene Swankie, Bryce Bedsworth
Verleih: The Walt Disney Company (Germany) GmbH

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2021 The Walt Disney Company (Germany) GmbH

 

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