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Polizeiruf 110 – Bis Mitternacht: Verhör-Kammerspiel von Dominik Graf

02 Sep

Oberkommissarin Eyckhoff steht beim Verhör gehörig unter Stress

Polizeiruf 110 – Bis Mitternacht

Ausstrahlung: Sonntag, 5. September 2021, 20:15 Uhr, Das Erste

Von Volker Schönenberger

TV-Krimi // Für ihren vierten Einsatz ist Polizeioberkommissarin Elisabeth Eyckhoff (Verena Altenberger) zur Münchner Mordkommission gewechselt (der Vorgänger „Polizeiruf 110 – Frau Schrödingers Katze“ ist noch bis zum 20. Dezember 2021 in der ARD-Mediathek verfügbar). Sie bekommt es sogleich mit einem besonders heiklen Fall zu tun: dem Verhör von Jonas Borutta (Thomas Schubert), der verdächtigt wird, in einem Studentenwohnheim eine junge Frau (Emma Jane) überfallen und mit zahlreichen Messerstichen übel zugerichtet zu haben.

Hansi Dorfmeister (r.) sucht Zeugen der Bluttat

Das Ermittlerteam kam auf Borutta, weil er drei Jahre zuvor bei einem Frauenmord der Tat verdächtigt wurde. Dem damals ermittelnden Kriminaloberrat Josef Murnauer (Michael Roll) war es seinerzeit allerdings nicht gelungen, den jungen Mann zu überführen – der Mord blieb unaufgeklärt. Die Zeit drängt: Sofern Borutta nicht bis Mitternacht gesteht, muss er auf freien Fuß gesetzt werden. Und so wird Verhörspezialist Murnauer reaktiviert – er hatte sich als Leiter der Mordkommission vom aktiven Dienst beurlauben lassen, um seine sterbenskranke Ehefrau zu betreuen.

Sechster „Polizeiruf 110“ von Dominik Graf

Für seinen sechsten „Polizeiruf 110“ seit 2005 – nach „Die Lüge, die wir Zukunft nennen“ (2019) seinen zweiten mit der jungen Ermittlerin Elisabeth Eyckhoff – musste Dominik Graf erst zum zweiten Mal auf seinen Stamm-Drehbuchautoren Günter Schütter verzichten. Nicht, dass das problematisch erscheint, aber es ist doch bemerkenswert, dass mit Tobias Kniebe ein Debütant der Reihe das Skript verfasste. Umso besser, wenn man dann gleich das Drehbuch für einen Regisseur wie Dominik Graf liefern kann.

Kriminaloberrat a. D. Josef Murnauer wird eingeflogen …

Der Plot verfolgt zwei Themenkomplexe: Da ist zum einen der naheliegende und natürlich bedeutsamste Handlungsstrang, den Beschuldigten unter höchstem Zeitdruck zu einem Geständnis zu bewegen. Für die Mordkommission erscheint der Fall klar, das ist er fürs Publikum natürlich keineswegs (oder vielleicht doch?). Graf dreht hier sehr schön an der Spannungsschraube, indem er Verzögerungen einbaut, welche die Uhr umso lauter ticken lassen. Borutta verlangt die Bestrafung des Ermittlers Bernhard Schmelzer (Thomas Wittmann), der ihn bedroht hat – das kostet Zeit. Murnauer muss per Helikopter eingeflogen werden – das kostet Zeit. Murnauer passt der Verhörraum nicht, weshalb das Büro seines Mitarbeiters Hansi Dorfmeister (Robert Sigl) umfunktioniert werden muss – das kostet Zeit.

… und zügig auf Stand gebracht

Fürs Verhör fahren die Kriminalisten einige Tricks auf, die lebensnah und realistisch wirken. Nicht gefallen hat mir allerdings Elisabeths Idee, die von Borutta mutmaßlich Überfallene als vermeintliche Schreibkraft im Verhörraum mit dem Verdächtigen zu konfrontieren, um ihm eine Reaktion zu entlocken. Ich bin mit kriminalpolizeilichen Verhörmethoden nicht vertraut, hege aber große Zweifel, dass eine solche Finte zulässig ist. Ethisch schon mal gar nicht, einem traumatisierten Verbrechensopfer so etwas zumuten zu wollen. Vielleicht ist das künstlerische Freiheit in einem Fiktionsformat, es mag andere weniger stören.

Ist Jonas Borutta der Täter?

Der Fall basiert auf einer wahren Begebenheit. Sie entstammt der Fallbeschreibung „Wolllust“ aus dem 2011 erschienenen Buch „Abgründe: Wenn aus Menschen Mörder werden“ von Josef Wilfling, einem ehemaligen deutschen Kriminaloberrat bei der Münchner Mordkommission, der seine beruflichen Erfahrungen nach seiner Verabschiedung in den Ruhestand 2009 als Autor von Sachbüchern nutzte.

Die junge Kollegin in der Männerdomäne

Beim zweiten Themenkomplex, der vornehmlich in der ersten Hälfte zum Tragen kommt, handelt es sich um die schwierige Rolle der jungen neuen Kollegin, die in eine Männerdomäne einbricht und dort bei ihrer ersten heiklen Vernehmung einen „alten Sack“ vor die Nase gesetzt bekommt, der ihren Job weitermacht. Die Kollegenkerle lümmeln sich breitbeinig in ihren Stühlen, nennen die neue Kollegin verniedlichend „Bessie“, stopfen Junk Food in sich hinein, behindern mit machohaftem Dünkel das Verhör (siehe den den Verdächtigen bedrohenden Ermittler) und anderes mehr. Den mutmaßlichen Serienmörder Borutta zu verhören, bringt Eyckhoff an ihre psychischen Grenzen – aber nicht darüber hinaus! Auch wenn sie Fehler begeht, etwa indem sie dem Verdächtigen den Stress enthüllt, unter dem sie steht, wenn sie sich die Nagelhaut eines Fingers blutig pult – sie will sich behaupten, sie muss sich behaupten und lässt deshalb auch nach ihrer Ablösung nicht locker. Der ihr zugewandte Murnauer erleichtert dies zugegeben auch. Obwohl „Bis Mitternacht“ durchaus als Ensemblefilm konzipiert ist und Eyckhoff nicht ständig im Fokus steht, bleibt sie doch jederzeit präsent. Dominik Graf zeigt, wie wichtig ihm diese Figur ist.

Murnauer kennt den Verdächtigen von früher

Etwas irritiert hat mich anfangs die Besetzung ihres Kollegen Hansi Dorfmeister mit dem Regisseur Robert Sigl („Laurin“). Grund meiner Irritation: Sigl hatte auch im ebenfalls von Graf inszenierten „Polizeiruf 110 – Die Lüge, die wir Zukunft nennen“ eine Rolle als Eyckhoffs Kollege, allerdings war dies ein anderer: Er hieß dort Roman Blöchl. Sei’s drum, wenn Graf seinen Regisseurskollegen Sigl gern erneut dabeihaben wollte, geht das schon in Ordnung, und meine Irritation ob dieses letztlich belanglosen Details verflog auch bald wieder.

Der erfahrene Kriminalist beginnt sein Verhör …

Vormals Pflichtprogramm für mich, bin ich von den Krimireihen „Tatort“ und „Polizeiruf 110“ über die Jahre etwas abgekommen. Wenn Dominik Graf auf dem Regiestuhl sitzt, werde ich allerdings hellhörig, und meine Erwartungshaltung hat sich einmal mehr bestätigt. Der erfahrene Filmemacher, aktuell mit der Erich-Kästner-Verfilmung „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ auch in den deutschen Kinos zu sehen, setzt sein Instrumentarium einmal mehr gekonnt ein, nutzt Rückblenden und setzt sogar einige Split Screens ein. Aufgrund des begrenzten Settings der Verhörsituation, den wenigen Räumen und des damit bisweilen einhergehenden Kammerspiel-Charakters hat sich bei mir diesmal weniger Kino-Feeling eingestellt, als es das sonst bei Grafs Fernsehproduktionen gern tut. Das macht aber nichts, wenn auch die TV-Atmosphäre so fesselnd gerät wie in diesem Fall. „Polizeiruf 110 – Bis Mitternacht“ wird im Übrigen sechs Monate nach der Ausstrahlung in der ARD-Mediathek verfügbar sein.

… und wechselt bald darauf den Raum

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Dominik Graf haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Fiese Finte: Die Schreibkraft ist das Opfer

Länge: 90 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Polizeiruf 110 – Bis Mitternacht
D 2021
Regie: Dominik Graf
Drehbuch: Tobias Kniebe, nach einer Vorlage von Josef Wilfling
Besetzung: Verena Altenberger, Daniel Christensen, Michael Roll, Thomas Schubert, Robert Sigl, Thomas Wittmann, Christian Baumann, Arthur Klemt, Birge Schade, Sophie Meinecke, Emma Jane, Michaela Steiger, Theresa Hanich, Maria Preis
Produktion: PROVOBIS Gesellschaft für Film und Fernsehen mbH, im Auftrag des Bayerischen Rundfunks

Copyright 2021 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2021 BR / PROVOBIS Gesellschaft für Film und Fernsehen mbH / Hendrik Heiden

 

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