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Dr. Ketel – Der Schatten von Neukölln: Dystopische Neo-Noir-Abschlussarbeit

11 Sep

Dr. Ketel – Der Schatten von Neukölln

Von Volker Schönenberger

Zur Erinnerung an Ketel Weber

SF-Thriller // Er bricht in Berliner Apotheken ein, um Medikamente zu stehlen. In den dunklen Seitengassen und schäbigen Wohnungen von Neukölln behandelt er seine Patienten – die Abgehängten einer Gesellschaft der nahen Zukunft, die sich Arzt- oder gar Krankenhausbesuche nicht leisten können. Der kantige Hüne Dr. Ketel (Ketel Weber) ist der „Schatten von Neukölln“. Als Broterwerb dient ihm sein Job als Hausmeister des Appartementgebäudes, in welchem er in einer Kellerwohnung haust, doch er vernachlässigt seine Tätigkeit. Immerhin lernt er die hübsche Apothekerin Karo (Franziska Rummel) mit betörenden Gesangskünsten kennen, beginnt sogar eine Beziehung mit ihr.

Dr. Ketel – eine Art Berliner Robin-Hood-Mediziner?

Anlässlich meiner Rezension von „A Young Man with High Potential“ (2018) stieß ich auch auf die vorherige Regiearbeit von Linus de Paoli: „Dr. Ketel – Der Schatten von Neukölln“, seine 2011er-Abschlussarbeit an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Freundlicherweise stellte mir der Filmemacher das dystopische SF-Drama zur Sichtung zur Verfügung.

Auftritt Amanda Plummer

Das in Schwarz-Weiß gedrehte Werk ist formal streng mittels Überschriften in drei Kapitel unterteilt: Auf „Ketel“ zu Beginn folgt „Louise“, in welchem Louise Llewellyn (Amanda Plummer) im Fokus steht. Die renommierte US-Profilerin ist eigens eingeflogen worden, um die Apotheken-Einbruchserie aufzuklären. Sie ist für ein multinationales Sicherheitsunternehmen tätig, da die Staatsgewalt derlei Aufgaben privatisiert hat. Dieses zweite Kapitel spielt sich nicht im Anschluss ans erste ab, sondern zur gleichen Zeit aus Louises Perspektive. Kapitel drei trägt folgerichtig den Titel „Ketel und Louise“.

Apothekerin Karo findet Gefallen an Ketel

Genre-Mischungen sind riskant, weil sie die Gefahr des Verzettelns bergen, aber sie sind auch reizvoll, weil das Sprengen von Genregrenzen zu etwas Neuem und Eigenständigem führen kann. So wie in diesem Fall. Wir haben Mystery-Elemente, dystopische Science-Fiction, dazu sozialdramatische Aspekte und eine Portion Neo-Noir. Das ist nicht immer ganz rund zusammengefügt, aber von Verzetteln kann keine Rede sein. So findet die zarte Romanze zwischen dem Apothekenräuber und der Apothekerin früh ein jähes Ende, um in der Folge komplett in Vergessenheit zu geraten (zumindest bei mir), um gegen Ende wieder zum Vorschein zu kommen. Ein erbrochener dunkler Klumpen weckt Ekel und die Frage, was er bedeutet, etwa auf metaphorischer Ebene.

Der düstere Arzt und die helle Profilerin

Innerhalb der Szenen spielt das Bild nicht allzu sehr mit dem Wechsel von Schatten und Licht, dennoch ergibt die Entscheidung fürs Schwarz-Weiß-Bild Sinn: In den auf Dr. Ketel fokussierten Szenen herrschen eher düstere Töne vor, während es bei Louise deutlich heller zugeht. Nicht umsonst haust er im Keller, während sie sich kurz nach ihrem Eintreffen sogleich in einem von Tageslicht durchfluteten Raum über den Dächern Berlins wiederfindet.

Profilerin Louise Llewellyn ermittelt

Gut gelöst ist der sprachliche Aspekt: Die deutschen Figuren sprechen untereinander deutsch, mit der US-Profilerin Louise sprechen sie allesamt ein Englisch, das bisweilen sehr deutsch klingt. Davon ausgehend, dass Deutsche in der Regel Englischunterricht genossen haben, in der englischen Aussprache aber ihre deutsche Herkunft nicht immer verbergen können, erscheint das realistisch. Amanda Plummers („Pulp Fiction“) Spiel wirkt natürlich souveräner als das der anderen, deutlich unerfahreneren Darstellerinnen und Darsteller. Insgesamt bietet die zierliche Schauspielerin aber einen reizvollen Kontrast zum sie an Körpergröße überragenden Ketel Weber. Eine ganze Weile bleibt es vage, was sie antreibt und worin Louises Rolle in der Gemengelage um Dr. Ketel besteht. Wenn sie und er im letzten Kapitel endlich miteinander interagieren (ein kurzes Aufeinandertreffen in den beiden Kapiteln zuvor zähle ich noch nicht dazu), wird „Dr. Ketel – Der Schatten von Neukölln“ auch zum Psychogramm der Titelfigur und ihrer Ambitionen.

Vom Hauptdarsteller inspiriert

Wie mir Regisseur Linus de Paoli mitteilte, inspirierte Ketel Weber ihn und seine Frau Anna sogar zu der Geschichte: Der Hüne hatte eine Komparsenrolle im unbedingt sehenswerten Kurzfilm „The Boy Who Wouldn’t Kill“ (2009), der sich im Bonusmaterial der Blu-ray von „A Young Man with High Potential“ findet. Weber befand sich in einem Zustand und Zwiespalt, der sein Vorankommen als Schauspieler stark behinderte. Dies näher auszuführen, verbieten mir Respekt und der Wille zur Vermeidung von Spoilern. Jedenfalls begann Weber seine Laufbahn unter arg hemmenden Vorzeichen. Traurigerweise starb er 2019.

Für meinen Vater
Arzt in Neukölln von 1980 bis 2009

Mit dieser Widmung endet „Dr. Ketel – Der Schatten von Neukölln“. Sie gilt Stephan Wissmann, dem Vater von Anna de Paoli, der ebenfalls als Inspiration für „Dr. Ketel – Der Schatten von Neukölln“ diente. Er konnte den Film noch zu Lebzeiten sehen, und ich bin überzeugt davon, dass er auf seine Tochter und seinen Schwiegersohn sehr stolz war. Zu Recht – den beiden ist im Team mit Aufgabenteilung (siehe unten) ein feines kleines SF-Drama mit Thrillerelementen gelungen, wahlweise auch ein SF-Thriller mit dramatischen Elementen.

Ein Klumpen gibt Ketel Rätsel auf

Weil es sich ebenfalls um ein deutsches Regiedebüt mit dystopischer Handlung aus demselben Jahr handelt, kam mir Tim Fehlbaums „Hell“ (2011) in den Sinn. Ein Vergleich bietet sich an, verbietet sich aber gleichzeitig, da Fehlbaums Regiearbeit dank eines gewissen Roland Emmerich als Executive Producer mit weitaus mehr Production Values aufwartet. Sehr gut gefallen haben mir beide.

Stephan Wissmann und Ketel Weber mögen in Frieden ruhen.

Der Schatten von Neukölln

Veröffentlichung: 23. Mai 2014 als DVD

Länge: 80 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch/Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Französisch, Portugiesisch, Spanisch
Originaltitel: Dr. Ketel – Der Schatten von Neukölln
D 2011
Drehbuch, Regie & Schnitt: Linus de Paoli
Drehbuch, Produktion & Casting: Anna de Paoli
Besetzung: Ketel Weber, Amanda Plummer, Burak Yigit, Pit Bukowski, Franziska Rummel, Lou Castel, Sema Poyraz, Hermann Beyer, Till Kleinert, Waléra Kanischtscheff, Jörg Bundschuh, Sabine Winterfeldt
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Anna und Linus de Paoli, Making-of, Trailer
Label: GM Films
Vertrieb: Indigo

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Plakat: © 2011 Schattenkante, Packshot: © 2014 GM Films / Indigo

 

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