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Blake Edwards (IV): Sam Wasson: A Splurch in the Kisser – The Movies of Blake Edwards (Buchrezension)

15 Sep

A Splurch in the Kisser – The Movies of Blake Edwards

Von Tonio Klein

Film-Sachbuch // Man kann schon den Titel nicht übersetzen: A Splurch in the Kisser – ein XXX in die Schnauze. „Splurch“ heiße, ich musste nachschlagen, etwas, das genauso klinge wie eben „splurch“, also ein Comic-Wort, das neben den Sprechblasen steht, wie etwa knuff, puff, zack, boing. Wie klingt das Auftreffen einer Torte auf ein Gesicht? Genau: splurch. Sam Wasson zeigt dann auch gleich auf dem Cover die tortenverkleisterten Gesichter aus Blake Edwards’ „Das große Rennen rund um die Welt“ (1965). Der Autor hat ganz offensichtlich ein Faible für Wortspiele – es ist beispielsweise die Rede vom „vice president“ eines Studios, bei dem „vice“ zu betonen sei, also „Laster“. Aber er nimmt sowas auch ernst, wählt „splurch“ sehr bewusst als Teil des Buchtitels und erklärt sehr genau, was er meint, nämlich eine Art Denkzettel, den es bei Filmen Blake Edwards’ häufig auf so slapstickhafte wie hintersinnige Weise gibt. Und übrigens, „slapstick“, darin stecke doch wörtlich „schlagen“ (to slap) und „stick“, also Stock. Ja, Wasson hat natürlich recht und legt das eigentlich Naheliegende, aber oftmals Übersehene dar: Slapstick war und ist, so es ihn noch gibt, ein brutaler, körperbetonter Witz, bei dem mehr als nur die Schminke durch Torten kaputtgeht. Rutscht mal auf einer Bananenschale aus, fallt in einen Gully … oder seht einen Blake-Edwards-Film, in dem als Running Gag einem Mann nacheinander alle Finger gebrochen werden („Der rosarote Panther kehrt zurück“, 1975) oder ein enttäuschter Auftraggeber einem glücklosen Detektiv den eh schon bei einem Einsatz gebrochenen Finger noch einmal mit dem Hammer zertrümmert („Victor/Victoria“, 1982). „Topping the topper“ hat Edwards’ Vorbild, der mit seinen Stan-und-Ollie-Filmen großgewordene Komödienregisseur Leo McCarey, das Prinzip des Überbietens in Wiederholungen genannt.

Spaß am Rande des Nervenzusammenbruchs

All dies kommt in dem exzellenten Buch vor, das trotz erhellender Eckdaten keine Biografie ist, sondern eher eine Detailanalyse der Filme Edwards’, die aber auch in einen Gesamtzusammenhang gestellt werden. Wie gesagt, der eigenwillig verspielte Schreibstil ist nie Selbstzweck und wirkt darum erhellend und originell statt angeberisch. Wasson sieht Edwards zu Recht als „auteur“, was ja vielleicht bei einem Drehbuchautor und Regisseur nicht ganz einfach ist, der a) eine veritable Fahrstuhlkarriere hingelegt hat, und b) als Komödienregisseur bekannt ist, aber weit mehr gemacht hat. Wassons Verdienst ist es, in allem ein geschlossenes Ganzes zu sehen, keine „Oh, der kann auch Drama und Thriller“-Ausreißer. Er nimmt Slapstick ernst und sieht im Ernsten das Komische, oder zumindest das Aberwitzige. Der Witz ist blutig und das Harte ist mitunter von so absurder Ausweglosigkeit, dass man es – auch dies ein Edwards-Motto – weglachen möchte, weil man sonst den Schmerz nicht mehr aushält („breaking the pain barrier“). Damit wird der Autor Edwards voll und ganz gerecht, der auch privat oft am Rande des Wahnsinns stand und sein Leben mitunter nur als Abfolge von galligen Pointen ertragen konnte. Wasson geht auf alles ein: die mehr oder minder reinen Komödien bis 1965 (mit vorherigen Ausflügen zum Alkoholdrama und zum Thriller), das Nachdenklichere, welches noch Komik-Elemente hat, den epischen Western „Missouri“ (1971), den tiefen Fall des Regisseurs. Hierbei analysiert er auch, warum Edwards und allgemeine Hollywood-Umbrüche ab Ende der 1960er-Jahre wie Öl und Wasser sein mussten.

Es folgte das Comeback mit Slapstick aus der Inspektor-Clouseau-Reihe. Und schließlich ab 1979 („10 – Die Traumfrau“) eine Reihe mal brachial komischer, mal galliger, mal zärtlicher Filme um Männer in der (nicht immer, aber oft auch sexuellen) Identitätskrise. In dieser Zeit bis 1991 ist vieles unterbewertet; Wasson lobt auch nicht alles über den grünen Klee, aber nimmt es ernst. Und weist neben vielem anderen darauf hin, dass gar nicht selten, auch in den Komödien, der Tod eine wichtige Rolle spielt. Clouseau, so sehr die späteren Filme an Peter Sellers’ Abwesenheit leiden, ist in der Narration nicht totzukriegen, der geprellte Regisseur in Edwards’ in Ansätzen autobiografischer Hollywood-Abrechnung „S.O.B. – Hollywoods letzter Heuler“ (1981) schon. Und obwohl Remake von François Truffauts „Der Mann, der die Frauen liebte“ (1977), kann man sich keinen trockeneren, beiläufigeren, Edwards-typischeren Tod als den von Burt Reynolds (untypische Rolle!) in „Frauen waren sein Hobby“ (1983) vorstellen. Schließlich „Switch – Die Frau im Manne“ (1991), der letzte der Reihe, den Wasson zusammen mit „Skin Deep – Männer haben’s auch nicht leicht“ (1989) als Rückkehr zur Hochform feiert, in dem der Tod gleichzeitig Bewährung und Erlösung ist – ein schöner Abschluss. Aber auch für den danach entstanden, allgemein als schwach geltenden „Der Sohn des rosaroten Panthers“ (1993) hat Wasson nicht nur Häme übrig.

Kleine Schwäche, sehr viele Stärken

Leider kümmert sich der Autor fast nur um die Kinofilme. Er lässt zum Beispiel die Broadway-Aufzeichnung von „Victor/Victoria“ (1995), Edwards letzten Film, weg. Gleiches gilt für seinen ziemlich guten Fernsehfilm „Peter Gunn – Privatdetektiv“ (1989). Der einzige Schwachpunkt. Ansonsten meinungsstark, kenntnisreich, analytisch scharf, anspruchsvoll, aber durch sehr originellen Schreibstil auch unterhaltsam. Gut in Details, nie das große Ganze vernachlässigend, und noch in den zum Teil gescheiterten Filmen, von denen Edwards einige hatte, etwas Wichtiges erkennend, ohne sie blind zu loben. Ein Muss für alle, die nicht nur Fans sind, sondern das Werk auch tiefgreifend studieren wollen, ohne dass der Spaß und die Emotionen verlorengehen.

Der Preis und die Verfügbarkeit des bislang nicht ins Deutsche übersetzten Buchs mögen hierzulande schwanken. Er lag am 27. August 2021 bei etwa 15 Euro für die elektronische und etwa 24 Euro für die Hardcoverversion, was angesichts der unten angegebenen offiziellen Dollarpreise vor allem bei Ersterem recht günstig ist. Ganz offensichtlich steht die von der renommierten Filmhistorikerin Jeanine Basinger herausgegebene Buchserie Wesleyan Film für Qualität, sodass Interessierten auch ein Blick auf die anderen Titel empfohlen sei.

Autor: Sam Wasson
Herausgeberin der Serie „Wesleyan Film“: Jeanine Basinger
Originaltitel (2009): A Splurch in the Kisser – The Movies of Blake Edwards
371 Seiten
Verlag: Wesleyan University Press
Preis (kann schwanken): 30 US-Dollar (Hardcover), 23,99 US-Dollar (elektronisch)

Copyright 2021 by Tonio Klein
Cover: © 2009 Wesleyan University Press

 

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