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Tatort Paris: Selig sind die geistig Armen?

18 Sep

125, rue Montmartre

Von Tonio Klein

Krimi // „Wenn etwas so verrückt klingt, muss es wahr sein“, so – sinngemäß – einmal der Pariser Zeitungs-Straßenverkäufer Pascal (Lino Ventura). Der Zuschauer ahnt: Ist es aber nicht. Pascal hat den (vorgeblich?) lebensmüden Didier (Robert Hirsch) aus der Seine gefischt und unter seine Fittiche genommen. Didier berichtet von einem wilden Komplott: Seine Frau Catherine (Andréa Parisy) und ihr Schwager und Geliebter Philippe (Alfred Adam) trachteten danach, ihn in die Klapse zu bringen, um sich sein Geld und seinen Grundbesitz unter den Nagel zu reißen. Schließlich willigt Pascal ein, nach Didiers Anweisungen Geld, welches ihm gehöre, aus der ehelichen Wohnung zu entwenden. Statt Didier nimmt ihn die Polizei in Empfang, und auf einmal liegt da eine Leiche, sodass Philippe nicht nur des Einbruchdiebstahls, sondern auch des Mordes verdächtig ist.

Man teilt sein Schicksal und sein Bett

Der Film nimmt sich zunächst viel (vielleicht ein bisschen zu viel) Zeit, um ins Milieu einzuführen. Sehr französisch und an Originalschauplätzen in Paris gefilmt ist das alles. Es gibt Musette-Akkordeonklänge und einen Einblick in das tägliche Leben der sogenannten einfachen Leute, die manchmal mürrisch sind, aber in einem Jeder-kennt-jeden zusammenhalten und dem gutbürgerlichen Essen und Rotwein in einem Restaurant frönen. Wer den Film völlig ohne Vorkenntnisse und Blick auf das Cover einlegt, weiß eine Weile nicht, ob dies ein Noir-Krimi oder ein völlig anderes Genre ist. Was aber höchstens minimal von Nachteil ist. Diese Milieuschilderung ist durchaus einen Blick wert und auch erfrischend offen in einer Zeit, in der in den USA die Zensur erst sehr langsam zu bröckeln begann und James Stewart in „Anatomie eines Mordes“ (1959) erstmals „slip“ (im Deutschen „Höschen“) sagen durfte und mit selbigem (der natürlich ein Damenslip ist) auch ausgiebig vor der Richterbank herumwedelt. „Tatort Paris“ hingegen nimmt es französisch selbstverständlich, dass Arbeitskollegin Germaine (die im Deutschen zu Babette wurde und von Dora Doll verkörpert wird) mit Pascal gelegentlich das Doppelbett teilt und nicht alle vier Füße auf dem Boden sind – ohne Trauschein. Das ist auch Pascals Lebensmotto: Gutes Essen und ab und an mal ’ne Frau. Er ist in seiner Schlichtheit nicht unsympathisch, auch wenn einem Germaine leidtut, die erkennbar mehr von dem Mann will als er von ihr.

Germaine wird da nicht hocken bleiben

Wenn Pascal seine Mischung aus instinktiver Aufrichtigkeit und sagenhafter Naivität in die Kalamitäten reitet, sind wir eben doch beim Film noir, nicht nur wegen der kontrast- und schattenreich fotografierten nächtlichen Hausflure. Das unsagbar perfide Komplott, der reine Tor (Ventura hat die Unbedarftheit eines Robert Cummings und die Schroffheit eines Humphrey Bogart), der zum nützlichen Idioten von Verbrechern wird, deren eine die Femme fatale ist. Das ist gute Unterhaltung und mit einem furiosen Finale Das ist gute Unterhaltung und mit einem furiosen Finale garniert. Zirkusmilieu als Metapher für Mimikry geht immer. Ob es eine direkte Verbindung gibt, ist mir nicht bekannt, aber sollte das starke Finale in Alfred Hitchcocks meisterlichem Frühwerk „Mord – Sir John greift ein“ (1930) Pate gestanden haben, wäre das nicht die schlechteste Reverenz und Referenz.

Gewisse Schwächen …

Als Krimi ist der Film indes auch nicht mehr als solide. Sehr entfernt erinnert die Konstruktion an Hitchcocks „Vertigo – aus dem Reich der Toten“ (1958), in dem eine Person ebenfalls unter falscher Identität Teil eines Mordkomplotts war. Hier wie dort ist von extremer Unwahrscheinlichkeit, dass das Verbrechen dergestalt auch nur ansatzweise klappen könnte, und im vorliegenden Film hat es etwas mehr gestört: Hitchcock, das kann man mögen oder nicht, ist zugutezuhalten, dass seine Intrigen konsequent Mittel zum Zweck des Psychologischen statt Logischen sind. Bei Gilles Grangiers „Tatort Paris“ werden die Schwächen nicht so gut überdeckt. Wie beispielsweise konnte Didier allen Ernstes davon ausgehen, dass der ihm beim Sturz in den Fluss nicht bekannte Pascal von einer Art ist, dass er sich unproblematisch einwickeln lässt und ihm noch den größten Quatsch abkauft? Wieso können sich die Verbrecher so sicher sein, dass die Polizei Pascal seine Geschichte nicht glaubt, wo doch Didier, den es laut dem Plan nie gegeben habe, Spuren hinterlassen und zwei Tage mit Pascal – auch in der Öffentlichkeit – verbracht hat? Wieso spielen sie ab einem gewissen Zeitpunkt Pascal gegenüber mit offenen Karten, obwohl sie sich noch gar nicht sicher sein können, dass diesem sowieso kein Gehör geschenkt werde? Und – etwas off topic, aber ein unnötiger Schnitzer – warum heißt der Film im Original eigentlich gemäß der Romanvorlage „125, rue Montmartre“, obwohl das titelgebende Haus nach „14, rue Mandel“ verlegt wurde? Und wieso ist der Grund, aus dem Germaine ihren Pascal schließlich entlastet, wirklich arg hanebüchen?

… und Stärken

Zumindest Letzteres immerhin lässt sich erklären, und damit kommen wir zu den Aktiva des Filmes: Germaines Erklärung ist wirklich himmelschreiend blöd, was Pascal ihr auch offen sagt – und sie in den Arm nimmt. Weil zu diesem Zeitpunkt offenkundig ist, dass Pascal selbst sich nicht minder blöde angestellt hat und er das dann auch weiß, ist der „Guck mal in den Spiegel“-Effekt der Szene sicherlich kein Betriebsunfall, sondern wohlkalkuliert. Das überzeugt: ein Plädoyer für die – nun, nicht Blödheit, aber Gutgläubigkeit, und wider die gerissene Falschheit. Das gibt es ja schon in der Bergpredigt – siehe die Überschrift dieses Textes. Wenn übrigens zwei Zirkusclowns am Ende eine Nummer aufführen, in der einer den anderen veräppelt und sie es sodann mit einem Dritten versuchen wollen, sagen sie sinngemäß: „Glaubst du, dass einer, der daherkommt, noch blöder ist als wir?“ Der dritte Clown – natürlich symbolisch für Pascal – kommt daher, scheint tatsächlich noch blöder, aber legt die beiden anderen herein. Das ist in der Krimihandlung etwas weniger überzeugend, da Pascal seine liebe lange Zeit dafür braucht und die Verbrecher erst im Taumel des Siegesgewissen Dummheiten anstellen. Gleichwohl eine schöne Metapher.

Pascal verkauft Zeitungen und lässt sich selbst für dumm verkaufen

Erfreulich ist in einem Film, in dem im Grunde nur der Kommissar (Jean Desailly) ein schlauer Kopf ist, dass er sein Lob der idealistischen Schlichtheit nicht romantisch verklärt. Pascal nimmt nämlich die Lehre mit, dass einem das Schicksal seines Umfeldes am besten piepegal sei und man sich nicht einmische. So wird er nicht nur den zum zweiten Mal vorkommenden heftigen Krach zwischen einer Nachbarin und ihrem Freund ignorieren, um ungestört die Nacht mit Germaine zu verbringen, sondern auch ansonsten (außer gegenüber Germaine) empathie- und teilnahmsloser, ja auch egoistischer sein als zuvor. „Misch dich nicht ein, dann bekommst du keinen Ärger.“ Ob die Welt besser ist, wenn man das Elend um sich herum ignoriert und (nicht nur vermeintliche) Selbstmörder einfach machen lässt? Wohl kaum, und der Film weiß das. Das letzte Bild ist sehr subtil, und eine Art Gag ist nur beim genauen Aufpassen bemerkbar, weil das Wort „fin“ da schon zum Bierholen einlädt: Anfangs haben wir erfahren, dass Pascal seinen Job derzeit nicht mit dem Fahrrad erledigen kann, weil die Kette immer rausspringt, und das könne der Mechaniker nicht sofort richten. Am Ende sehen wir erstmals, wie Pascal zurück im Job ist – mit dem Fahrrad. Ende gut, alles gut? Nein, nur ein Ruckeln und ein Stehenbleiben deuten an, dass die Kette schon wieder herausgesprungen ist.

Der Kommissar ganz oben, Pascal ganz unten und die Femme fatale noch auf komfortabler Höhe

Der Krimi liegt in hervorragender Bild- und ordentlicher Tonqualität vor; kleine Deutschfehler der alten Synchronisation („für einen wie du“) verzeihe ich gern. Wenn schon der französische Titel verrutscht ist, so ist der deutsche wenigstens nur ein nichtssagender Allerweltstitel. Das Extra (Nachdruck der „Illustrierte Film-Bühne“ 5187) zeigt, dass es den deutschen Titel schon vor der „Tatort“-Reihe gab, die sich ungebrochener Beliebtheit erfreut. Indes: Dass das DVD-Cover bei einem Film völlig ohne Schusswaffen mit einem Fadenkreuz-Logo arbeitet, ruft zusammen mit dem Wort „Tatort“ die Assoziation hervor, dass es für manche die größte Unhöflichkeit ist, wenn Menschen sie sonntags zwischen 20.15 und 21.45 Uhr anrufen. Das ist so durchschaubar wie unstimmig.

Auf die Dauer, Pascal-Schatz, ist Germaine dein Ankerplatz

Veröffentlichung: 20. August 2021 als DVD

Länge: 83 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch
Untertitel: keine
Originaltitel: 125, rue Montmartre
F 1959
Regie: Gilles Grangier
Drehbuch: André Gillois (auch Romanvorlage), Jacques Robert, Gilles Grangier
Besetzung: Lino Ventura, Andréa Parisy, Robert Hirsch, Jean Desailly, Dora Doll, Alfred Adam
Zusatzmaterial: Trailer, Nachdruck „Illustrierte Film-Bühne“, Wendecover
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2021 by Tonio Klein

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2021 Pidax Film

 

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