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Twentynine Palms – Über die Leere

20 Sep

Twentynine Palms

Von Volker Schönenberger

Drama // Mit den Regiearbeiten des französischen Autorenfilmers Bruno Dumont bin ich nicht vertraut. Sie werden teils sehr kontrovers aufgenommen, wohl nicht zuletzt aufgrund der teils drastischen, nichts beschönigenden Darstellung und Kombination von Gewalt und Sex. Eine Retrospektive beim deutsch-französischen Kultursender Arte gibt Gelegenheit, sich Dumont zu nähern. Die fünf ausgewählten Filme sind allesamt bis Ende Februar 2022 in der Arte-Mediathek verfügbar.

Ab in die Wüste

Das gilt auch für „Twentynine Palms“ von 2003, Dumonts dritten Film. Der Titel bezieht sich auf die gleichnamige Stadt, gelegen in der kalifornischen Mojave-Wüste in unmittelbarer Nähe des Joshua-Tree-Nationalparks. Dorthin bricht der Fotograf David (Davis Wissak) von Los Angeles aus mit seiner russischen Freundin Katia (Yekaterina Golubeva) im Geländewagen der Marke Hummer auf, um Fotomotive zu finden. Da sie kaum Englisch und er kein Russisch spricht, verständigen sie sich leidlich auf Französisch, wobei David immer wieder ins Englische zurückfällt. Ihre Kommunikation führt somit zu Missverständnissen.

Sex in der Wüste

Immerhin nonverbal klappt es einigermaßen, ihr Bedürfnis nach Sex stillen sie, sobald ihnen der Sinn danach steht. Auch mitten in der Wüste, wobei die Unbequemlichkeit sie innehalten lässt und Katia dabei auch nicht richtig in Stimmung kommt, ihn in sich aufzunehmen. Zu trocken. Dann lieber im Pool. Von übergroßer Zärtlichkeit sind die Sexualakte der beiden allerdings nicht geprägt. Ihr Sex ist sehr physisch (wobei ich mich beim Schreiben dieses Satzes frage, wie nichtphysischer oder kaum physischer Sex auszusehen hat, aber man versteht hoffentlich, was ich meine).

Die Leere der Wüste

Gedreht wurde an Originalschauplätzen ohne musikalische Untermalung, wenn man von etwas diegetischer Musik absieht, ein paar sperrige Countrysongs aus dem Autoradio. Auch die Dialoge beschränkt Dumont auf kurze Gespräche zwischen Katia und David. Viel im Sinne von Ereignissen entlang eines roten Handlungsfadens tut sich nicht in „Twentynine Palms“. Dennoch erreicht der Film fast die Zweistundenmarke, sprich: Etwas Durchhaltevermögen ist gefragt – oder die Fähigkeit, sich auf die spröde visuelle Kraft von Regisseur Bruno Dumont Kameramann Georges Lechaptois einzulassen, in seine Vision einzutauchen, die trotz permanent gleißender Helle Düsternis offenbart. Die Mojave-Wüste und der Joshua-Tree-Nationalpark geben faszinierende Motive her, was der Film ausgiebig einsetzt. Selbst Twentynine Palms wirkt auch tagsüber fast ausgestorben. David und Katia sind beinahe die einzigen Menschen, die auf den Straßen flanieren. Ein Supermarkt mit vor Waren überquellenden Regalen unterstreicht das. Wo sind all die Kunden für diese Produkte? Ein Detail, das zugegeben Marcus Stiglegger vor mir bemerkt hat, dem ich auch die Anregung zur Sichtung von „Twentynine Palms“ verdanke. Soll die große Leere auch eine Metapher für die innere Leere von David und Katia sein? Oder für die innere Leere ihrer Beziehung? Vielleicht beides. Ausgesprochen gefühlig im Sinne von wohlig geht es zwischen den beiden jedenfalls nicht zu. Womöglich steht die Wüste auch für die Leere des amerikanischen Traums, zu dem wir Europäer wohl schon lange nicht mehr neidisch herüberschielen.

Der bittere Höhepunkt in der Wüste

Ein Katia und David im Ort aus dem Auto heraus anpöbelnder Redneck unterstreicht die Fremde, in die sich die beiden aufgemacht haben. Sie gehören hier nicht hin. Ob sie wissen, wo sie hingehören, sei dahingestellt. Mit der Ereignislosigkeit ist es irgendwann vorbei, aber auf eine Weise, die dem Publikum einen überaus verstörenden Höhepunkt beschert. Zumal auch in einer Umkehrung des vielleicht noch gerade so Erwartbaren, die das Ganze noch schockierender geraten lässt. Am Ende Fassungslosigkeit.

„Twentynine Palms“ ist heftig, ein unangenehmer Brocken. Kein Werk, das man aus einer Laune heraus nach dem Motto „Oh, ich habe mal wieder Bock auf einen Film“ in den Player schiebt. Nach einer Erstsichtung vielleicht noch ein zweites Mal zur tiefergehenden Analyse. Vielleicht aber auch nicht. In der „Kino kontrovers“-Reihe von Legend Home Entertainment ist das Werk gut aufgehoben. Im herkömmlichen Softcase und als Mediabook ist die DVD gleichermaßen im Handel vergriffen, auf dem Sammlermarkt wird man noch fündig – nicht für Flohmarktpkurse, aber auch nicht für Mondpreise.

Weltpremiere beim TIFF, beim Sitges prämiert

Seine Weltpremiere feierte „Twentynine Palms“ im September 2003 beim Toronto International Filmfestival (TIFF). Weitere Festivalauftritte folgten, in Venedig lief das Werk im Wettebewerb um den Goldenen Löwen. Für Filmpreise wohl zu sperrig, gab es für Dumont immerhin den José-Luis-Guarner-Kritikerpreis (besondere Erwähnung) beim Sitges 2003, dem internationalen Filmfestival von Katalonien.

Bruno Dumont bei Arte

Die weiteren Beiträge der Reihe „Die Filme von Bruno Dumont“ in der Arte-Mediathek: „Das Leben Jesu“ (1997), „Humanität“ (1999), „Flandern“ (2006) und „Hadewijch“.

Hauptdarstellerin Yekaterina Golubeva starb 2011 in Paris im Alter von 44 Jahren. Über ihre Todesursache wurde nichts bekannt. Sie ruhe in Frieden.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Bruno Dumont haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet

Veröffentlichung: 10. November 2011 als DVD im Mediabook, 12. November 2007 als DVD

Länge: 114 Min.
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch/Französisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Twentynine Palms
F/D/USA 2003
Regie: Bruno Dumont
Drehbuch: Bruno Dumont
Besetzung: Yekaterina Golubeva, Davis Wissak
Zusatzmaterial: Making-of (44 Min.), WDR-Dokumentation „Die Schöne ist mein Dämon“ (44 Min.), Postergalerie, deutscher Trailer, Originaltrailer, nur Mediabook:
Label: Legend Home Entertainment
Vertrieb: EuroVideo Medien GmbH

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Packshots: © Legend Home Entertainment

 

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