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Das Haus – Wenn das Eigenheim zu smart wird

21 Sep

Das Haus

Kinostart: 7. Oktober 2021 (am 2. Oktober auch auf dem Filmfest Hamburg)

Von Volker Schönenberger

SF-Politthriller // Ganz schön smart! Das titelgebende Haus des Thrillers geht schon als Villa durch und ist vollständig vernetzt und automatisiert. Nähern sich seine Bewohner, die Eheleute Johann (Tobias Moretti) und Lucia Hellström (Valery Tscheplanowa), setzt es sich in Gang und bereitet alles vor. Türen gehen selbsttätig auf, die Saugroboter haben ihre Arbeit bereits erledigt, die Überwachungsanlagen laufen, alles funktioniert über Sprachsteuerung. Beim Duschen muss man gelegentlich etwas nachjustieren: Wärmer! Wärmer!

Johann Hellström verliert seinen Job

Auf einer kleinen Insel gelegen, lässt sich das Haus nur per Wassertaxi erreichen. Die Versorgung erfolgt über einen Kurierdienst, der seine Bestellungen bisweilen direkt vom Kühlschrank erhält. Das hier ist der sicherste Ort der Welt. So äußert es Lucia Hellström, die als Rechtsanwältin arbeitet. Wenn sie sich da mal nicht irrt. Johann Hellström ist Journalist (in einem Deutschland der nahen Zukunft, auch wenn die Insel nach schwedischer Schäre aussieht, wo auch gedreht wurde – die Redaktion liegt in Hamburg, wie gelegentlich zu erkennen ist). Mit seinem jüngsten großen Artikel ist er einigen Mächtigen auf die Füße getreten. Seine Arbeit wird öffentlich als Fälschung diskreditiert, er selbst erhält ein Berufsverbot auferlegt. Chefredakteur Joachim Paschke (Hans-Jochen Wagner) ist gezwungen, seine „Edelfeder“ Hellström zu entlassen. Die Wahl steht kurz bevor, und es steht zu befürchten, dass die rechtspopulistische Partei künftig allein regieren kann und das nutzen wird, Gesetze zur inneren Sicherheit weiter zu verschärfen und Bürgerrechte weiter einzuschränken. Lucia und Johann ziehen sich in ihr Haus zurück, das langsam ein Eigenleben zu entwickeln scheint.

Mal Politthriller, mal Science-Fiction, kaum mal beides

Mit Ausnahme einiger weniger Szenen in der Hamburger Redaktion spielt sich das gesamte Geschehen von „Das Haus“ im titelgebenden Gebäude und dessen nächster Umgebung ab. Das Haus ist stylish-modern eingerichtet, hat große Panorama-Fensterfronten, einen Keller, Pool, Sauna. Setdesign und Ausstattung fügen sich gut in die Story ein und tragen zur kühlen, nicht gerade farbenfrohen Atmosphäre des Films bei. Er erweist sich als Kombination aus Politthriller und Science-Fiction, doch leider gelingt es Regisseur Rick Ostermann („Wolfskinder“) nicht, diese beiden Elemente zu einer schlüssigen Einheit zu verbinden. Das ist umso bedauerlicher, als das Geschehen letztlich darauf hinausläuft, aber nicht ankommt, sodass ich als Zuschauer am Ende zwangsläufig unbefriedigt zurückblieb. Es reicht auch nicht für eine Aussage über Fluch und Segen moderner Kommunikationstechnik. Am Ende werden Motivation und Verhalten des Hauses offenbart, aber ich hätte die Szene fast als unbedeutend abgetan, habe sie noch einmal angeschaut und die Auflösung achselzuckend hingenommen.

Der Starjournalist und seine Ehefrau Lucia wollen zur Ruhe kommen

Hat das Haus ein eigenes Bewusstsein entwickelt? Oder wird es von jemandem gesteuert? Die Frage muss am Ende jeder für sich selbst beantworten. Einen visuellen Hinweis für die erste These bekommen wir mittels einer roten Lichtquelle geliefert, die mit der Filmgeschichte vertraute Zuschauer/innen für plump halten mögen, andere für versteckt: Die Leuchte erinnert sicher nicht zufällig an das Kameraauge von HAL 9000, dem Computer des Raumschiffs „Discovery“ in Stanley Kubricks epochalem Science-Fiction-Kunstwerk „2001 – Odyssee im Weltraum“ (1968). Über das Agieren des Computers im Haus der Hellströms will ich nichts weiter ausführen, da das ein – wenn auch nicht allzu großer – Spoiler wäre. Es trägt jedenfalls zur Spannungskurve bei, gerät am Ende allerdings vorhersehbar. Unbesorgt erwähnen kann ich aber die als Terroristen gejagten Layla Kolter (Lisa Vicari) und Alexander Roesch (Max von der Groeben), die nach einiger Zeit auf der Suche nach einem Unterschlupf bei den Hellströms vor der Tür stehen.

Entwickelt das Haus ein Eigenleben?

„Das Haus“ skizziert eine politische Zukunft, in der rechtsgerichtete Strömungen in Deutschland die Oberhand gewonnen haben und die Gesellschaft manipulieren, um einen reaktionären Staat zu errichten. Mich als Linken holt das natürlich ab, aber das empfinde ich durchaus als problematisch. Es entsteht der Eindruck, „Das Haus“ richte sich an ein Publikum, die zumindest den politischen Bestandteilen des Films sowieso zustimmen. Da der Politthriller obendrein mit öffentlichen Mitteln gefördert wurde und einige Monate nach der Kinoauswertung bei Arte und im Ersten ausgestrahlt werden soll, wird er Wasser auf die Mühlen derjenigen sein, die die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten als einseitig und ihrerseits manipulativ angreifen. Ein übergeordneter Kritikpunkt, der den Regisseur Ostermann und die Prouzenten nicht stören muss. Wenn es nun mal auf ihrer Agenda stand, den Film als politische Stellungnahme einzusetzen, dann ist ihnen das gelungen. Ostermann hat im Übrigen auch vier Folgen der zweiten Staffel der deutschen Fernsehserie „Das Boot“ (seit 2018) inszeniert.

Nach einer Kurzgeschichte von Dirk Kurbjuweit

Die „Das Haus“ zugrundeliegende Vorlage des preisgekrönten Journalisten und Schriftstellers Dirk Kurbjuweit ist 2020 in der Kurzgeschichtensammlung „2029 – Geschichten von Morgen“ veröffentlicht worden. Das bringt uns Aufschluss darüber, dass die Handlung offenbar im Jahr 2029 spielt. Eine weitere Erzählung aus dem Buch hat Sebastian Marka mit „Exit“ bereits 2020 fürs Fernsehen verfilmt.

Johann hat eine im Haus versteckte Maschinenpistole entdeckt

„Das Haus“ ist ein durchdacht inszenierter SF-Politthriller, der zu fesseln vermag, aber das große Problem hat, am Ende Science-Fiction und politisches Geschehen nicht vereint zu haben. Mit ganz viel gutem Willen kann man es als Metapher aufs politische Geschehen interpretieren, dass das Haus selbst in der Lage zu sein scheint, seine Bewohnerin Lucia und seinen Bewohner Johann zu manipulieren, aber das empfinde ich als arg konstruiert. Das Eigenleben des Hauses gibt auch Anlass zu Kritik an der Logik des Verhaltens der Eheleute: Wenn sie unmittelbar fürchten müssen, von der künstlichen Intelligenz aus- oder gar eingesperrt zu werden, wäre es hilfreich, dies zu verhindern. Eine Bank in die Öffnung der Terrassentür, eine Kiste auf die Haustürschwelle – man sollte denken, dass kluge Leute auf diesen Gedanken kommen. Fehlanzeige. Sie sind eben nicht smart genug, was sich ebenso über „Das Haus“ sagen lässt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Tobias Moretti haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Welche Ziele verfolgen Alexander und Layla?

Länge: 89 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Das Haus
D 2021
Regie: Rick Ostermann
Drehbuch: Patrick Brunken, Rick Ostermann, nach einer Kurzgeschichte von Dirk Kurbjuweit
Besetzung: Tobias Moretti, Valery Tscheplanowa, Lisa Vicari, Max von der Groeben, Hans-Jochen Wagner, Samir Fuchs, Daniel Krauss, Alexander Wipprecht, Verena Vorjohann
Verleih: notsold GmbH

Copyright 2021 by Volker Schönenberger
Filmplakat & Szenenfotos: © 2021 notsold GmbH
Foto-Credits: Andreas Schlieter, Stefan Ciupek

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2021/09/21 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Eine Antwort zu “Das Haus – Wenn das Eigenheim zu smart wird

  1. Jens

    2021/09/21 at 09:19

    Klingt tatsächlich interessant, ist aber nach dem Bericht nichts, was ich mir im Kino ansehen würde. Finde schade, dass die beiden Handlungsstränge nicht wirklich verbunden werden, glaube das hätte dem Film gut getan.

     

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