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Zum 100. Geburtstag von Yves Montand: Lieben Sie Brahms? Den Film jedenfalls kann man lieben

13 Okt

Goodbye Again

Von Tonio Klein

Drama // Wer war ursprünglich Italiener? Also fragte Günther Jauch diejenigen, die Millionär werden wollten. Ich erinnere mich nur noch an Dean Martin und Yves Montand als mögliche Antworten. Während Ersterer als Italienischstämmiger (Geburtsname Dino Crocetti) bereits US-Bürger nach Geburtsort war, war Montand die richtige Auswahl. Geboren am 13. Oktober 1921 als Ivo Livi in Monsummano Terme, Toskana, landete er mit der Familie in Marseille, die 1929 die französische Staatsbürgerschaft erhielt. Als Sänger ab 1938 nannte er sich Yves Montand. Meine biografischen Kenntnisse sind spärlich, er galt als politisch links stehender, engagierter Künstler, der mir im Französischunterricht als Interpret vertonter Jacques-Prévert-Gedichte begegnete und auch sonst ein versierter Chansonnier und Entertainer war. Ob er hauptberuflich Sänger oder Schauspieler war? Das ist Geschmacksfrage. Sieht man eher Ersteres, blickt dann aber in die Filmografie, stellt sich ein „Ach ja, der auch“-Gefühl ein, das heißt, man findet einen reichen Schatz an sehr bedeutenden Werken nicht nur französischer Provenienz – und das über Jahrzehnte sowie mit jeder Menge bedeutender Regisseure. Meine Kenntnis ist insoweit sehr punktuell, und wenn ich „Chanson der Liebe“ (1946) nicht so schlecht in Erinnerung hätte, hätte ich diesen Film, sein Debüt, für die Würdigung zum einhundertsten Geburtstag gewählt, gehört er doch dem Vergessen entrissen. Ungeachtet des kitschigen deutschen Titels ist das ein wenig bekanntes „Übergang zum Tonfilm“-Drama, „Etoile sans lumière“ (Stern ohne Licht) betitelt. Die Handlung ist sozusagen die tragische Variante von „Du sollst mein Glücksstern sein“, besser bekannt unter dem Originaltitel „Singin’ in the Rain“ (1952): Unbekannte (Edith Piaf) ist Gesangsdouble für einen Filmstar und fällt auf die Nase, als sie ihren verdienten Ruhm auch offiziell bekommen soll und ihr vor dem Mikro die Spucke wegbleibt. Nur der vormalige Freund (Montand) fängt sie, die ganz unten wieder anfangen muss, auf. Auch privat hatten die beiden eine Liebschaft.

Dies sei vorausgeschickt, weil Montand, der ganz junge, dort noch nicht eine Leinwandpersönlichkeit hatte, die sein späteres Image prägte: Er wirkte, auch als Sänger, oft wie der saucoole Macho, kantiges, zerfurchtes Gesicht mit abgeklärtem Ausdruck. Es war aber in seinen besten Filmen immer ein Mehrwert dahinter, und dies ist auch im meisterlichen „Lieben Sie Brahms?“ der Fall, zu dem es nun endlich komme. Doch zuvor:

Eine Warnung!

Meine DVD von 2008 (Carol Media) leistet sich, eine komplette Inhaltsangabe inklusive der Auflösung der Geschichte auf der Cover-Rückseite abzudrucken. Was das Label dann noch dazu getrieben hat, einen Lexikonauszug zu zitieren, laut dem der Film teilweise oberflächlich bleibe, ist das Geheimnis der Marketing„experten“. Es ist, obschon nicht mit letzter Sicherheit überprüfbar, wegen der identischen Frontcovergestaltung einer DVD von 2016 (WME Home-Entertainment) zu befürchten, dass sich das zwischenzeitlich nicht geändert hat. Das eine: nicht lesen! Das andere: nicht glauben! Denn …

Nun aber zum Film

… „Lieben Sie Brahms?“ ist ein ergreifendes, gut gefilmtes, gut gespieltes und in der psychologischen wie gesellschaftlichen Auslotung der Konflikte ganz und gar nicht oberflächliches Drama. Hier passt alles, die drei Hauptdarsteller (Ingrid Bergman, Anthony Perkins, Yves Montand), die teils glasklare, teils grau-natürliche Schwarz-Weiß-Fotografie von Paris (Hollywood meets nouvelle vague), die Charakterisierung der Hauptpersonen über auffällige Beiläufigkeiten (der träumende Anwalt Perkins mit dem schnellen Schlitten und einer kleinen vorgetäuschten Behinderung, die orientierungslose, unsichere Bergman, der ölige Montand, dessen wechselnde Liebschaften er immer „Maisie“ nenne, im Abspann sogar: „Maisie I, Maisie II, Maisie III“). Und als sei das noch nicht genug, gelingt hier dem multinationalen Team (Regisseur gebürtiger Russe mit Hollywood- und Frankreicherfahrung, Hauptdarsteller eine Schwedin, ein Amerikaner, ein Franzose bzw. gebürtiger Italiener, Schauplatz Paris, Kamera und vermutlich viele Stabmitglieder und Nebendarsteller Franzosen) eine satirisch-kritische Sicht auf die bürgerliche französische Gesellschaft, die es nicht tolerieren will, wenn ein 25-Jähriger (Perkins) etwas mit einer 40-Jährigen (Bergman) hat, obwohl ihr Lebensgefährte (Montand) ein A…loch ist, aber eben kein träumerischer Jungspund, sodass gegen diese wilde Ehe offenbar nichts einzuwenden ist …

Fünf Minuten für die Ewigkeit

Es genügt bereits eine Schilderung der ersten fünf Minuten, um die Genialität des Werkes zu offenbaren: Der berühmte Obelisk und der Springbrunnen davor in einer Morgen- oder Abenddämmerung in einem grauen Paris, wie ein Gegenstück zur verkitschten Eröffnung des quietschbunten „Ein Amerikaner in Paris“ (1951). Musik, die ein berühmtes Brahms-Stück integriert, aber auch Eigenkomponiertes einbezieht. Per Wischblenden werden die drei wichtigsten Personen gezeigt. Das alles ist in der Bewegung der Kamera und der drei Darsteller feinst ausbalancierte Choreografie, das ist Tanz, aber nie des Selbstzwecks willen. Paula (Bergman) verlässt den Laden, in dem sie arbeitet, ist heller gekleidet als die strömende Masse, versucht gegen den Strom zu schwimmen, aber eher aus Unsicherheit denn aus festem Willen, und versucht zaghaft, ein Taxi zu bekommen. Der geschäftigen Hektik ist sie offenbar kaum gewachsen, und die Tatsache, dass man in Paris wörtlich genommen Ellenbogen braucht, um sich durchzuschlagen, macht ihr sichtlich zu schaffen. Sie ist kein Ellenbogentyp, dabei aber auch nicht zu sehr auf der Mitleidsschiene, irgendwie auch geheimnisvoll, nicht mehr ganz jung, aber noch sehr attraktiv, „reif“, wie man so sagt, eine sofort interessante Frau. Roger (Montand) hat ein öliges Fischgesicht, steigt (wohl auf dem Rückweg von einer Maisie) in seinen Wagen, es gehen zwei junge Frauen vorbei, er grinst ihnen reichlich blöde nach, sie bemerken es und lassen es unerwidert, finden es wohl auch etwas peinlich – und Roger hat ein selbstgefälliges Na-und-Grinsen drauf, das alles sagt. Ist ihm schon oft passiert, wird ihm noch oft passieren, macht ihm offenbar nicht viel aus, und wenn er auf 100 Baggerblicke 95 Mal Ärger und 5 Maisies bekommt, scheint ihm das eine lohnende Bilanz. Wischblende – Philip (Perkins): Der einzig Undurchsichtige, jung, nachdenklich, sinnsuchend, undurchschaubar (er durchschaut sich wohl auch selbst noch nicht so recht), aber in einem schmucken Vehikel, reiches Söhnchen, mit allen Problemen und Erwartungsdruck, den das so mit sich bringt. Die Karten sind gemischt und verteilt, das Dreierspiel kann beginnen.

Asymmetrisches Arrangement

Roger und Paula sind ein Pärchen, das sich gegen das Heiraten entschlossen hat. Jeder soll seine Freiheit haben, Paula nutzt das gar nicht, Roger ausgiebig, und Paula leidet stumm. Die Szene nach der Dreiereröffnung muss man einfach noch schildern: Paula, wie sie in ihr Apartment und in Interaktion mit dem Hausmädchen tritt. Das ist es, was vor allem den Begriff Choreografie verdient. Sie, Paula, läuft hin und her, zick, zack, vor, zurück, gibt Anordnungen, die sie eine Sekunde später zurücknimmt, sie dreht sich im Kreis, im Leben, in der Beziehung, sie kommt nicht voran, es ist ein ewiges Hin und Her. Dann ein Anruf, dass Roger sogar am fünften Jahrestag der Beziehung wegen geschäftlicher Termine nicht mit ihr essen gehen könne (Paula weiß, was damit gemeint ist). Sie geht zum Abschminken vor den Spiegel, schaut stumm schreiend herein und legt die ganze Tragik ihrer Beziehung sich und uns schonungslos offen.

Appetitanreger …

Dies ist nur der Anfang des genialen Films, so gut geht er weiter. Durch Zufall lernt Paula Philip kennen, und nach einigem Hin und Her (immer dieses Hin und Her) entwickelt sich eine Liebesbeziehung, die von Aufs und Abs nicht ganz frei ist, aber man wird abwarten müssen, ob Roger Paula wieder rumkriegt. Der hängt nämlich durchaus an ihr – solange er bei ihr ein Ruhekissen hat, um sich von seinen Maisies zu erholen, deren mangelnde Kultiviertheit ihn sofort nervt, als ihm ernstlich droht, nicht mal ab und an in sein Paula-Nest reinschauen zu können. Das ist eine mutige, große, wahre, schonungslose Abrechnung mit einem männlichen Verhalten, das nicht allein Rogers ist (die Vorlage stammt von einer Frau, Françoise Sagan). Dass er ein Süchtiger ist, der bei seinem Lebenswandel auch nicht glücklich wird, macht es kaum besser. Immerhin zeigt es aber, dass unser Jubilar Montand mit großartigen Zwischentönen nuanciert spielt und im Schwein der Getriebene und der letztlich Schwache stecken. Ob er Paula am Ende wieder rumkriegen, sich eventuell sogar bessern wird, sei hier nicht verraten (wer es wissen will, muss das Cover lesen – empfohlen sei aber, den Film einfach zu gucken). Jedenfalls ist die Schlussszene eine kongeniale Ergänzung zur Anfangsszene, und alles dazwischen ist eben auch unglaublich gut.

… und mehr Montand

Ein (Wieder-)Sehen mit „Lieben Sie Brahms?“ macht Lust auf mehr Montand, und es gibt reichlich zu finden. Neben bekannten Werken wie „Lohn der Angst“ (1953) und den Politthrillern „Z“ (1969) und „I wie Ikarus“ (1979) trat er noch kurz vor seinem Tod in einer Hauptrolle in „IP5 – Insel der Dickhäuter“ (1992) auf. Das ist reines „Cinéma du Look“, wie es in den 1980ern und 1990ern in Frankreich populär war. Regisseur Jean-Jacques Beineix war der wohl wichtigste Vertreter dieser Richtung und schuf die 80er-Kultfilme „Diva“ (1981) und „Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen“ (1986) und eben auch „IP5“. Da sahen Menschen und Orte nicht so ganz wie von dieser Welt aus, und wer wie ich noch die alte Gauloises-Werbung kennt, erwartet in einem Beineix-Film jeden Moment, dass der Schriftzug „liberté toujours“ aufblitzt. Aber dennoch haben uns diese Filme etwas zu sagen, und Montand veredelte einen von ihnen, bevor er kurz nach den Dreharbeiten am 9. November 1991 an einem Herzinfarkt starb. Mehrfach für den wichtigsten französischen Filmpreis, den César, nominiert, konnte er die Trophäe nie entgegennehmen, dafür aber beispielsweise 1976 für „Die schönen Wilden“ (1975) den „Bambi“. Inwieweit an seinem machohaften Auftreten auch im Privaten etwas dran war, war und ist Gegenstand diverser Spekulationen. Von 1951 bis zu ihrem Tod 1985 mit der Schauspielerin Simone Signoret verheiratet, sind ein paar Affären überliefert, zum Beispiel mit Marilyn Monroe, mit der er, wie passend, „Machen wir’s in Liebe“ (1960) drehte. Er heiratete 1987 die erst 1960 geborene Carole Amiel. Gerüchte um eine uneheliche Vaterschaft wurden im Wege der Exhumierung widerlegt, Anschuldigungen der Stieftochter Catherine Allégret, er habe sie seit ihrem sechsten Lebensjahr missbraucht, blieben nebulös. Möge er nun endlich in Frieden ruhen und mögen wir seinen hundertsten Geburtstag feiern.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Ingrid Bergman haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet.

Veröffentlichung: 27. August 2016 und 24. November 2008 als DVD

Länge: 116 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Goodbye Again
F/USA 1961
Regie: Anatole Litvak
Drehbuch: Samuel A. Taylor, nach einem Roman von Françoise Sagan
Besetzung: Ingrid Bergman, Yves Montand, Anthony Perkins, Jessie Royce Landis, Pierre Dux, Jocelyn Lane, Jean Clarke, Michèle Mercier, Alison Leggatt
Zusatzmaterial: Bio- und Filmografien von Ingrid Bergman, Yves Montand und Anthony Perkins, Bildergalerie, Trailershow
Label/Vertrieb 2016: WME Home-Entertainment
Label 2008: MGM
Vertrieb 2008: Carol Media

Copyright 2021 by Tonio Klein
Packshot: © 2008 MGM

 

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