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Horror für Halloween (XXIII): Grotesque – Japanischer Torture-Porn-Exzess

17 Okt

Gurotesuku

Von Volker Schönenberger

Horrorthriller // Mit einem Hammer schlägt ein Mann (Shigeo Ôsako) das junge Paar Aki (Kotoha Hiroyama) und Kazuo (Hiroaki Kawatsure) nieder, als die beiden gerade durch einen Tunnel schlendern. Als sie aus der Bewusstlosigkeit erwachen, hat sie ihr Entführer geknebelt und auf zwei Brettern festgeschnallt. Für Aki und Kazuo beginnt ein Folter-Martyrium, das sie sich in ihren schlimmsten Albträumen nicht übler hätten ausmalen können.

Wird das erste Date auch das letzte?

In einer Rückblende erfahren wir, dass es für Aki und Kazuo ihre erste gemeinsame Verabredung war. Die beiden kennen einander erst kurz. Unmittelbar vor der Entführung fragte die junge Frau ihren Begleiter im Scherz: Würden Sie für mich sterben? Seine Antwort: Falls es so weit kommt, werde ich mein Bestes tun. Wir werden es gewahr werden, wie sein Bestes aussieht – gar nicht so schlecht. Ihr Folterknecht hat medizinisches Fachwissen und kennt die menschliche Anatomie gut. So gut, dass er genau weiß, wo er bestmöglich Schmerzen erzeugen und Verstümmelungen vornehmen kann, ohne den Tod seiner Opfer herbeizuführen.

Keine Gnade im Folterkeller

Regisseur Kôji Shiraishi („Carved – The Slit-Mouthed Woman“) verfilmte sein eigenes Drehbuch. „Grotesque“ ist Torture Porn reinsten Wassers, hier geht es einzig um die Zurschaustellung von Folter, Schmerz, Blut und Splatter; auch sexualisierte Gewalt müssen Ari und Kazuo erleiden. Lasst alle Hoffnung fahren, der „Doktor“ würde in seinem Tun einhalten – was Gorehounds ohnehin auf die Palme bringen würde. Diese können sich vielmehr an ein wenig Makita-Product-Placement erfreuen, auch wenn ich nicht glaube, dass der japanische Elektrowerkzeug-Fabrikant es goutiert, auf diese Weise cineastische Präsenz zu erhalten. In geringen Dosen kommt auch schwarzer Humor zum Tragen, was aber keineswegs durchatmen lässt. Über die gesamte geringe Spieldauer von 73 Minuten bleibt das Publikum schmerzhaft nah an dem jungen Paar und seiner Pein.

Motivation unbedeutend

Zwar bekräftigt der Doktor, Aki und Kazuo freilassen zu wollen, sofern sie ihn von seinem Überlebenswillen überzeugen, das führt aber keineswegs zu einer profunden Thematisierung der menschlichen Psyche. Anders als etwa bei „Martyrs“ (2008) spielen die Motive des Folterers keine Rolle (so verblendet die Beweggründe der Täterschar in dem meisterhaften französischen Terrorfilm auch gewesen sein mögen – es gab sie). Er quält seine Opfer, weil er es kann.

Beschlagnahme möglich

Das in etwas reduzierter Farbsättigung inszenierte Folter-Kammerspiel kommt mit einer Schauspielerin und zwei Schauspielern aus, an deren Leistung nichts auszusetzen ist. Eine Menge auszusetzen an „Grotesque“ hatte erwartungsgemäß die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, die das Werk 2010 auf Liste B indizierte. Dies ermöglicht eine gerichtliche Überprüfung auf strafrechtliche Relevanz gemäß § 131 StGB und somit die Beschlagnahme, zu der es bislang aber meines Wissens nicht gekommen ist. Eine zensierte Fassung mit FSK-Freigabe hat es in Deutschland bislang nicht gegeben. Es ergibt auch keinen Sinn, einen Film um Gewaltszenen zu kürzen, dem es einzig um eben diese Gewaltszenen geht.

Verweigerungshaltung auch beim BBFC

Selbst das gemeinhin etwas gnädiger gestimmte British Board of Film Classification (BBFC) verweigerte „Grotesque“ die Freigabe, weshalb der Film im Vereinigten Königreich nie veröffentlicht werden wird. Regisseur Kôji Shiraishi reagierte auf die seiner Ansicht nach erwartbare Nachricht erfreut. Als Reaktion darauf äußerte er, sein Film sei eine wahrhaftig gewissenhafte Arbeit, die darauf abziele, sogenannte Moralisten aufzubringen. Etwas billig, wie ich finde, aber lassen wir ihm diese Haltung. Schwarzen Humor bewies er mit seiner Empfehlung, „Grotesque“ eigne sich für Paare, um den Film in ihrer „Quality Time“ gemeinsam zu schauen. Ich würde das nicht tun (meine Frau schon mal gar nicht).

Schmerzen tun nicht weh

Es gibt gute Gründe, selbstzweckhafte Gewalt abzulehnen. Wer das tut, mache um „Grotesque“ einen großen Bogen. Unbedarft und womöglich ohne Kenntnis harter Horrorfilme auf den Film zu stoßen, kann Rezipienten nachhaltig verstören. Für Kinder und Jugendliche eignet er sich ganz und gar nicht. Einer Einordnung in „gut“ oder „schlecht“ oder irgendwo dazwischen entzieht sich das Werk. Der eine oder andere Gorehound ohne Interesse an ausgefeiltem Storytelling wird frohlocken.

Länge: 73 Min.
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Originaltitel: Gurotesuku
JAP 2009
Regie: Kôji Shiraishi
Drehbuch: Kôji Shiraishi
Besetzung: Kotoha Hiroyama, Hiroaki Kawatsure, Shigeo Ôsako

Copyright 2021 by Volker Schönenberger
Filmplakat: Fair Use

 

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