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Horror für Halloween (XXVII): Der Rabe – Duell der Zauberer: Nimmermehr!

21 Okt

The Raven

Von Volker Schönenberger

Horrorkomödie // Edgar Allan Poes im Januar 1845 in einer New Yorker Zeitung erstveröffentlichtes Gedicht „Der Rabe“ („The Raven“) hat auf unterschiedliche Weise Einzug in die Popkultur gehalten. Vertont wurde es beispielsweise 1976 unter dem Originaltitel auf dem Debütalbum „Tales of Mystery and Imagination Edgar Allan Poe“ von Alan Parsons Project veröffentlicht. Die in der National Football League spielenden Baltimore Ravens sind nach dem Gedicht benannt – Poe war 1849 im Alter von nur 40 Jahren in Baltimore gestorben. Der Rabe der Entenhausener Hexe Gundel Gaukeley – einer Gegenspielerin von Dagobert Duck in den Disney-Comics – trägt den Namen „Nimmermehr“ wie Poes Rabe, allerdings nur in den deutschen Ausgaben. Im Original heißt er mitnichten „Nevermore“ wie bei Poe, sondern „Ratface“. Nur einige Beispiele für die Spuren, die „Der Rabe“ hinterlassen hat.

Das hat das Gedicht auch im Film geschafft, etwa 1935 im gleichnamigen Horrorfilm mit Bela Lugosi und Boris Karloff, der allerdings keineswegs die Story des Gedichts nacherzählt, sondern lediglich mit diversen Poe-Reverenzen aufwartet. Im September 1962 nahm sich Roger Corman des Stoffs an und drehte seine Version von „Der Rabe“ als fünften Teil seines Edgar-Allan-Poe-Zyklus. Das Drehbuch dazu hatte kein Geringerer als Richard Matheson geschrieben, der auch schon bei Cormans drei vorherigen Poe-Filmen „Die Verfluchten“ („House of Usher“, 1960), „Das Pendel des Todes“ („The Pit and the Pendulum“, 1961) und „Der grauenvolle Mr. X“ („Tales of Terror“,1962) das Skript verfasst hatte. Lediglich „Lebendig begraben“ („The Premature Burial“, 1962) war von zwei anderen Autoren verantwortet worden.

Ein Rabe begehrt Einlass

Zu Beginn des Films hören wir Vincent Price ein paar Strophen des Gedichts rezitieren. Er spielt den Magier Dr. Erasmus Craven, der Anfang des 16. Jahrhunderts auch zwei Jahre nach ihrem Tod noch seiner geliebten Frau Lenore (Hazel Court) hinterhertrauert. Seine Tochter Estelle (Olive Sturgess) vermag seinen Schmerz kaum zu lindern. Des Abends vernimmt er ein Klopfen und bemerkt am Fenster einen Raben, der offenbar Einlass begehrt. Als Craven dem Wunsch nachkommt, bemerkt er verblüfft, dass das Tier sprechen kann. Erst verlangt es nach Wein, dann will es von dem Zauberer in seine tatsächliche Gestalt zurückverwandelt werden. Weil der Hausherr im alten Labor seines Vaters die dafür erforderlichen Ingredienzien vorfindet, gelingt das schließlich auch, und aus dem Raben wird wieder der Zauberer Dr. Adolphus Bedlo (Peter Lorre).

Bedlo berichtet seinem Retter, in einem ungleichen Duell der Zauberer dem bösen Dr. Scarabus (Boris Karloff) unterlegen gewesen zu sein. Er behauptet obendrein, bei Scarabus’ Schloss Lenore Craven umherwandeln gesehen zu haben. Kurz darauf machen sich die beiden Magier auf den Weg zum Schloss ihres fiesen Kollegen. Die liebreizende Estelle Craven und Bedlos fescher Sohn Rexford (Jack Nicholson) begleiten ihre Väter.

Humorige Horror-Hommage

An 15 oder 16 Tagen für 350.000 Dollar gedreht, entpuppte sich „Der Rabe“ als veritabler Hit für Corman, wenn auch nicht an den US-Kinokassen. Die Gruselkomödie lebt weniger von ihrer Story als von der famosen Besetzung Vincent Price, Peter Lorre und Boris Karloff, die einander gekonnt die Dialogbälle zuspielen (obgleich sich Karloff dem Vernehmen nach von Lorres Hang zu Improvisationen irritiert zeigte). Der junge Jack Nicholson kann hier als leicht linkisch wirkender Jüngling noch keine Akzente setzen. Die Studiokulissen und Kostüme sind ansehnlich geraten, Corman konnte sich auf seine Ausstatter und Kostümbildner verlassen. Auch die visuellen Effekte bei den diversen Zaubereien wissen zu gefallen, auch wenn sie nach heutigen Maßstäben natürlich altmodisch wirken. Speziell das finale Duell entpuppt sich als schöne Nummernrevue magischer Tricksereien und bereitet Freude. Der Humor lässt dabei eher schmunzeln als auf die Schenkel klopfen, selbst wenn es – selten – in Richtung Slapstick geht, aber das macht überhaupt nichts. Ein paar charmante Einfälle und Überraschungen machen Stimmung. Wer mit lateinischen Redewendungen vertraut ist, möge insbesondere auf die Zaubersprüche von Peter Lorres Dr. Bedlo achten (Asterix lässt grüßen). Als feine Hommage an Schauermären – auch Cormans eigene – und schöne Abwechslung im ansonsten recht ernsthaften Poe-Zyklus hat sich „Der Rabe“ das Prädikat Klassiker redlich verdient.

Ein weiterer Film in nur drei Tagen

Bei den Dreharbeiten bewies Corman einmal mehr seine Fähigkeit, aus wenig viel zu machen: Weil er den ursprünglichen Drehplan um drei Tage unterbot, nutzte er die Gelegenheit, an diesen drei Tagen aus der hohlen Hand mal eben einen weiteren Film zu erschaffen: „The Terror – Schloss des Schreckens“, in dem auch gleich Boris Karloff und Jack Nicholson erneut in tragenden Rollen mitwirkten.

Blick nach England

Die deutschen DVD- und Blu-ray-Veröffentlichungen von „Der Rabe“ sind im Handel fast überall nicht mehr lieferbar und anscheinend auch auf dem Sammlermarkt nicht besonders zahlreich im Angebot. Tipp: Die englische Blu-ray von Arrow Video ist nach wie vor lieferbar. Es lohnt sich!

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Roger Corman sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Boris Karloff, Peter Lorre, Jack Nicholson und Vincent Price unter Schauspieler. Roger Cormans Edgar-Allan-Poe-Regiearbeiten haben wir auch in der Rubrik Filmreihen aufgelistet.

Veröffentlichung: 29. Juli 2016 als limitiertes 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD, 3 Covervarianten à 222, 333 und 444 Exemplare), 5. Oktober 2018 als Blu-ray und DVD, 29. September 2017 als Blu-ray, 3. September 2007 als DVD in der Reihe „Große Film-Klassiker“, 11. Oktober 2003 als DVD

Länge: 86 Min. (Blu-ray), 82 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: The Raven
USA 1963
Regie: Roger Corman
Drehbuch: Richard Matheson, nach einem Gedicht von Edgar Allan Poe
Besetzung: Vincent Price, Peter Lorre, Boris Karloff, Hazel Court, Olive Sturgess, Jack Nicholson, Connie Wallace, William Baskin, Aaron Saxon
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Daniel Perée, Originaltrailer, Bildergalerie, nur Mediabook: 16-seitiges Booklet mit einem Text von Nando Rohner
Label/Vertrieb 2018: NSM Records
Label/Vertrieb 2007 und 2003: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Packshot deutsche Blu-ray: © 2017 NSM Records

 

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