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Horror für Halloween (XXXV): Die Farbe – Betörender Indie-Horror aus Deutschland

28 Okt

Die Farbe

Von Volker Schönenberger

SF-Horror // Der junge Amerikaner Jonathan Davis (Ingo Heise) begibt sich 1975 auf die Suche nach seinem Vater. Sie führt ihn nach Baden-Württemberg, wo er Armin Pierske (Michael Kausch) trifft, der ihm von beängstigenden Ereignissen in den 30er-Jahren berichtet. Damals schlug ein Meteorit in der Gegend ein, und die herbeigeilten Wissenschaftler beobachteten während ihrer Untersuchungen rätselhafte Reaktionen des Himmelskörpers.

In der Nähe der Einschlagstelle befinden sich der Brunnen und das Gehöft der Landwirts-Familie Gärtner. Deren Obstbäume tragen bald darauf übergroße Früchte, die sich aber als ungenießbar entpuppen. Flora und Fauna verändern sich auf beunruhigende Weise. Ein unheilvoller Einfluss breitet sich aus und macht auch vor den Menschen nicht halt, was sich zuerst bei der Bauersfrau Gärtner (Marah Schneider) bemerkbar macht, bald darauf auch beim Sohn Thaddäus (Jonas Zumdohme). Der kleine Marwin Gärtner (Philipp Jacobs) scheint sogar verschwunden zu sein.

Vorlage von H. P. Lovecraft

H. P. Lovecrafts 1927 geschriebene und erstveröffentlichte Kurzgeschichte „Die Farbe aus dem All“ („The Colour Out of Space“) hat einige bemerkenswerte Verfilmungen erfahren. „Die, Monster, Die! Das Grauen auf Schloss Witley“ (1965) verlegt die im US-Staat Massachusetts angesiedelte Handlung nach England und hat mit Boris Karloff eine echte Horrorikone zu bieten. „The Curse“ (1987) mit Will Wheaton („Star Trek – The Next Generation“) weist einen hohen Ekelfaktor und deftige Splattersequenzen auf. Die bislang letzte Adaption „Die Farbe aus dem All“ (2019) von Richard Stanley („Dust Devil“) belegt, dass Nicolas Cage vielleicht doch noch die Kurve gekriegt hat.

Lovecraft in Schwaben

Zwei Jahre nach der italienischen Umsetzung „Colour from the Dark“ (2008) entstand die deutsche Independent-Produktion „Die Farbe“ von Huan Vu, einem Stuttgarter. Vu verlegte zwar die Handlung der Kurzgeschichte von den USA ins Schwäbische (wo er auch drehte) und fügte ihr ein paar neue Elemente hinzu, etwa einen in der unmittelbaren Nachkriegszeit angesiedelten Nebenhandlungsstrang, er blieb aber dem Geist der Vorlage erstaunlich treu. So fungiert beispielsweise der Bericht von Armin Pierske an Jonathan Davis als Rahmenhandlung, was eng an die Kurzgeschichte angelehnt ist, in welcher der Einsiedler Ammi Pierce dem als Ich-Erzähler agierenden Landvermesser von den beängstigenden Ereignissen auf dem Hof der Gardners erzählt. Sogar der Staudamm kommt zu seinem Recht, inklusive der dräuenden Gefahr, die weit über die Umgebung des Bauernhofs hinausgeht. Im Film kommt dies in einer sehr kurzen Einstellung am Ende des Abspanns auf wunderbare Weise zum Tragen.

Schwarz-Weiß mit einem Farbtupfer

Viele Szenen entstanden mithilfe des Bluescreens. Etliche Bilder von „Die Farbe“ sind nach den Dreharbeiten zweifellos stark digital bearbeitet worden, was aber auf sehr feinfühlige und technisch versierte Weise geschehen ist. Der Film ist nahezu vollständig in Schwarz-Weiß gehalten, einzig die kosmische Bedrohung zeigt sich in einem Purpur-lila-Farbton. Eine feine visuelle Idee, welche das Gefühl der Bedrohung durch einen Fremdkörper unterstreicht. Das Ganze wirkt nicht überbordend, sondern minimalistisch, was auch für die subtile musikalische Untermalung gilt. „Die Farbe“ hat mich ebenso in ihren gruseligen Bann gezogen, wie es Lovecrafts hervorragende Kurzgeschichte bei meiner wiederholten Lektüre getan hat. Sogar die Schauspielkunst der Darstellerinnen und Darsteller geht über das hinaus, was man bei einer derartigen Low-Budget-Produktion erwarten darf.

Die Forscher stehen vor einem Rätsel

Drehbuchautor, Regisseur und Produzent Huan Vu und der Executive Producer und für die visuellen Effekte zuständige Jan Roth kennen einander von der Hochschule der Medien in Stuttgart. „Die Farbe“ sollte ihre Abschlussarbeit werden, doch weil das Projekt ungeahnte Ausmaße annahm, entschieden sich die beiden schließlich, den Film jenseits der Akademie als unabhängige Produktion zu verwirklichen. Angesichts des Ergebnisses sei die Frage erlaubt, weshalb deutsche Filmemacher wie Vu und Roth nur so kleine Filmografien aufweisen und die deutsche Filmkultur kaum einmal Genrefilme als große, gar öffentlich geförderte Kinoproduktionen hervorbringt. Ausreichend Talent ist doch vorhanden?!

Lovecraft-Blockbuster? Fehlanzeige!

Die Kurzgeschichte ist kein Bestandteil von H. P. Lovecrafts berühmtem Cthulhu-Mythos, sondern bewegt sich in einer eigenen Welt. Der Autor starb 1937 im Alter von nur 46 Jahren an Dünndarmkrebs, einer Erkrankung, die aufgrund einer Angst Lovecrafts vor Ärzten erst kurz vor seinem Tod diagnostiziert worden war. Sein Einfluss auf die Popkultur ist immens, die Zahl der filmischen Lovecraft-Adaptionen enorm. Großproduktionen aus Hollywood finden sich darunter allerdings nicht; womöglich ist das Werk des Schriftstellers dafür zu außergewöhnlich, zu sehr neben der Spur. Aber wenn der Independentsektor so herausragende Verfilmungen wie Huan Vus „Die Farbe“ hervorbringt, können wir auf auf Lovecraft-Blockbuster gut verzichten.

Auf dem Hof der Gärtners ereignet sich Beängstigendes

Huan Vu und Jan Roth haben sich für ihren seit langer Zeit geplanten nächsten Film „The Dreamlands“ erneut zusammengetan. Eine Crowdfunding-Kampagne ist bereits 2014 zu Ende gegangen, doch wer die beiden unterstützen will, kann dies beispielsweise mit einem Kauf der DVD oder Blu-ray von „Die Farbe“ direkt im Online-Shop ihrer Produktionsfirma Sphärentor erledigen. Ein paar interessante Featurettes im Bonusmaterial bringen Aufschluss über die Entstehung des Films. Für diverse Rezensenten von „Die Farbe“ ist Huan Vus Regiearbeit die beste Umsetzung von H. P. Lovecrafts Kurzgeschichte. Ich bin in der Hinsicht unschlüssig, da ich die drei anderen mir bekannten Versionen „Die, Monster, Die! Das Grauen auf Schloss Witley“, „The Curse“ und „Die Farbe aus dem All“ allesamt sehr mag. So oder so macht „Die Farbe“ aber eine hervorragende Figur, ob sie in diesem vorzüglichen Quartett nun Rang 1, 2, 3 oder 4 einnimmt. Abschließend ein Tipp: Die Ultimate Edition von „Die Farbe aus dem All“ enthält alle vier Filme.

Veröffentlichung: 8. Juni 2012 als Blu-ray, 10 Dezember 2010 als DVD

Länge: 85 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: Deutsch (komplett), Deutsch (bei den englischen Dialogen), Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Portugiesisch, Dänisch, Schwedisch, Finnisch, Vietnamesisch u. a.
Originaltitel: Die Farbe
Internationaler Titel: The Colour Out of Space
D 2010
Regie: Huan Vu
Drehbuch: Huan Vu, nach einer Kurzgeschichte von H. P. Lovecraft
Besetzung: Paul Dorsch, Jürgen Heimüller, Ingo Heise, Philipp Jacobs, Michael Kausch, Olaf Krätke, Marco Leibnitz, Ralf Lichtenberg, Patrick Pierce, Erik Rastetter, Friedrich Schilha, Leander Schmidt, Marah Schneider, Leon Schröder, Alexander Sebastian Curd Schuster, Jonas Zumdohme
Zusatzmaterial: Making-of (22:22 Min.), Featurette „Effekte und Konzepte“ (6:36 Min.), Featurette „Science Horror“ (6:42 Min.), Trailer, Teaser, verlorene Szene
Produktion/Label/Vertrieb: Sphärentor Filmproduktionen – Vu & Roth GbR

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & DVD-Packshot: © 2010 Sphärentor Filmproduktionen – Vu & Roth GbR

 
 

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Eine Antwort zu “Horror für Halloween (XXXV): Die Farbe – Betörender Indie-Horror aus Deutschland

  1. Jens

    2021/10/28 at 06:40

    Immens guter Film, hab den schon länger in der Sammlung stehen. Danke für das Review, waren noch paar interessante Fakten drin die ich nicht kannte 🙂

     

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