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Horror für Halloween (XXXVII) / Lucio Fulci (VII): Das Haus an der Friedhofmauer – Im Keller lauert das Grauen

30 Okt

Quella villa accanto al cimitero

Von Volker Schönenberger

Horror // Eine junge Frau (Daniela Doria) zieht sich in einem verlassenen und vor sich hin rottenden Haus die Bluse an. Offenbar hatte sie gerade ein Schäferstündchen mit ihrem Freund Steve, nach dem sie nun ruft. Als er endlich auftaucht, erlebt sie eine blutige Überraschung.

Auf nach Neuengland!

Die Eheleute Norman und Lucy Boyle (Paolo Malco, Catriona MacColl) aus New York City bereiten sich darauf vor, das in New Whitby (irgendwo in Neuengland) gelegene Gebäude mit ihrem Sohn Bob (Giovanni Frezza) zu beziehen. Der Knirps hat Visionen eines Mädchens, Mae (Silvia Collatina), das ihn warnt, das Haus zu betreten. Erst bemerkt er sie hinter einem Fenster auf einem Foto des Gebäudes, nach der Ankunft am neuen Wohnort auch leibhaftig.

Die Boyles planen, sechs Monate dort zu leben, die Norman für Recherche und Arbeit an seinem Buch nutzen will. Er beabsichtigt, ein Forschungsprojekt seines Kollegen Dr. Peterson fortzusetzen. Der hatte das Haus zuvor bewohnt, dann aber seine Geliebte ermordet und sich in der öffentlichen Bibliothek des Orts erhängt. Das neue Domizil der Boyles befindet sich in unmittelbarer Nähe eines Friedhofs und erweist sich als mysteriös. Unter einem Teppich entdeckt Lucy einen Grabstein, beschriftet mit dem Namen Jacob Tess Freudstein. Die Tür zum Keller ist verschlossen und vernagelt. Norman entdeckt, dass Peterson über seine historischen Forschungen hinaus das Wirken eines Dr. Freudstein untersuchte. Der unternahm um die Jahrhundertwende herum fragwürdige Experimente.

Schlusspunkt von Fulcis „Real Estate“-Trilogie

Gedreht wurde im zu den Neuengland-Staaten der USA zählenden Massachusetts, in New York City und in einem Studio in Rom. „Das Haus an der Friedhofmauer“ (1981) markiert nach den beiden Zombiefilmen „Ein Zombie hing am Glockenseil“ (1980) und „Über dem Jenseits“ (1981) den dritten Teil von Lucio Fulcis „Real Estate“-Trilogie, auch „Gates of Hell“-Trilogie und „Gothic“-Trilogie genannt. Vielleicht seine bedeutsamsten Arbeiten („Woodoo – Die Schreckensinsel der Zombies“ von 1979 muss auch dazugezählt werden). Türen spielen darin wie in etlichen anderen Regiearbeiten Fulcis eine zentrale Rolle, seien es Pforten zur Hölle oder sonstwie geartete Trennlinien zwischen dem Dasein der Protagonisten und – ja, was eigentlich? Einer tödlichen Bedrohung jedenfalls, so viel ist klar. Nicht immer übernatürlichen Ursprungs, in der „Real Estate“-Trilogie aber schon. Und selbstverständlich ist es kein Zufall, dass es sich in „Das Haus an der Friedhofmauer“ um die Tür zu einem Keller handelt. Ein Abgrund, wenn auch im Gegensatz zu den beiden Vorgängern kein höllischer – gleichwohl schlimm genug.

Es gibt einen roten Erzählfaden, er verliert sich im Verlauf des Geschehens aber ein wenig. Letztlich lässt sich die Story darauf reduzieren, dass eine Familie in einem Haus Schlimmes erlebt. Sicher ist es nicht die Geschichte, welche die Klasse von „Das Haus an der Friedhofmauer“ ausmacht, sondern wie bei „Glockenseil“ und „Jenseits“ das Verlassen der Pfade dieser Geschichte, um diverse angsteinflößende Szenerien zu präsentieren. Die faszinierenden Bilder, die Fulci einmal mehr im Verbund mit seinem Stamm-Kameramann Sergio Salvati findet, kommen mir weniger surreal-albtraumhaft vor als in den beiden Zombiefilmen, dennoch breitet sich eine mehr und mehr unwirkliche Atmosphäre aus, die in einem finalen blutigen Exzess kulminiert. Unmittelbar danach präsentiert uns Fulci eine Spalte in einem Stein, die deutlich erkennbar wie eine Vulva geformt ist, somit als Geburtsspalte (oder -kanal) fungiert. Damit entlässt uns der italienische Regisseur aus einem Geisterfilm, über dessen Ende sich vorzüglich spekulieren lässt.

Frankenstein und Freud

Sicher nicht von ungefähr kommt der Name Freudstein. Eine Kreuzung aus Freud und Frankenstein – keine gewagte These (und sicher vor mir von etlichen anderen Personen erkannt). Fulci war womöglich Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse, nicht unbedingt zugetan. Dazu mögen sich einige Untersuchungen finden, hier würde es mein Recherchepotenzial und den Rahmen meines Textes sprengen, das weiter ausführen zu wollen. Stehe man zu Fulcis diesbezüglicher Haltung, wie man will, es bleibt bemerkenswert, dass der Filmemacher diese Motive integriert hat. Angeblich wollte Fulci mit dem „Freud“ in Freudstein lediglich einen Bekannten würdigen. Aber wer weiß, ob da nicht sein Unterbewusstsein mitgespielt hat? Der Regisseur absolvierte im Übrigen in einer kurzen Szene in New York City einen Cameo-Auftritt als Normans Kollege Professor Mueller.

Die internationale Namensgebung des Films folgte stimmig dem Originaltitel „Quella villa accanto al cimitero“: Sowohl der deutsche Titel „Das Haus an der Friedhofmauer“ als auch der englische „The House by the Cemetery“ bedeuten in etwa dasselbe wie der Originaltitel. Der Film vereint Elemente des Giallos und des US-Slasherfilms mit Motiven von Spukhaus-/Geisterfilmen. Er spart dabei nicht mit Blut, Schmerz und Ekel. In Deutschland zwischen 1983 und 2013 wiederholt indiziert, erfolgte 2014 etwas überraschend die Listenstreichung durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Die Neuprüfung durch die Freiwillige Selbstkontrolle ergab 2015 eine „Keine Jugendfreigabe“-Kennzeichnung. FSK 18 erscheint auch völlig gerechtfertigt.

Minderwertig?

Klar ist: Besser wurde es im Anschluss an die „Gates of Hell“-Trilogie nicht mehr, im Gegenteil: Nach „Das Haus an der Friedhofmauer“ ging es steil bergab, auch wenn das Fans des Nachfolgers „Der New York Ripper“ (1982) anders sehen mögen. Zwar gefallen mir „Ein Zombie hing am Glockenseil“ und „Über dem Jenseits“ deutlich besser, dennoch würde ich dem dritten Film im Bunde nicht gerecht werden, würde ich ihn als schwächsten Teil der „Gothic“-Trilogie bezeichnen. Wie so oft bei Horrorfilmen lohnt sich zum Schmunzeln ein Blick auf die damalige Kritik im Lexikon des internationalen Films: Minderwertiger Horrorfilm mit blutigen Schockeffekten. Eine Meinung ist natürlich so gut wie die andere, aber „Das Haus an der Friedhofmauer“ ist alles andere als minderwertig. Ein Klassiker und ganz sicher noch kein Bestandteil des Niedergangs des modernen italienischen (Horror-)Kinos.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Lucio Fulci haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Catriona MacColl unter Schauspielerinnen.

Veröffentlichung (Auszug): 8. Oktober 2020 als Blu-ray in großer Hartbox (limitiert auf 44 Exemplare), 2. Juli 2018 als Blu-ray und DVD, 12. April 2010 als DVD in großer Hartbox „Just 84 Pieces Edition“ (zwei Covermotive à 84 Exemplare), 30. Oktober 2009 als DVD „Limited 84 Edition“ Monsterbox (limitiert auf 84 Exemplare), 7. Mai 2007 als DVD in großer Hartbox „Freudstein Edition“ (zwei Covermotive à 222 und 333 Exemplare)

Länge: 86 Min. (Blu-ray), 83 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Quella villa accanto al cimitero
Internationaler Titel: The House by the Cemetery
IT 1981
Regie: Lucio Fulci
Drehbuch: Dardano Sacchetti, Giorgio Mariuzzo
Besetzung: Catriona MacColl, Paolo Malco, Ania Pieroni, Giovanni Frezza, Silvia Collatina, Dagmar Lassander, Giovanni De Nava, Daniela Doria, Giampaolo Saccarola, Carlo De Mejo
Zusatzmaterial (variiert je nach Veröffentlichung: deutsche Nostalgieversion (81 Min.), alter deutscher Vorspann, altes deutsches Ende, entfernte Szenen, deutscher, internationaler, italienischer und US-Trailer, Diashow, Soundtrack als Hidden Feature, Wendecover
Label/Vertrieb 2020: X-Rated
Label/Vertrieb 2018: LFG
Label/Vertrieb 2010 & 2007: ’84 Entertainment

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Unterer Packshot: © 2018 LFG

 

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