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Archiv für den Monat November 2021

Kandisha – Der Fluch: Marokkanische Dämonin sucht Pariser Banlieue heim

Kandisha

Von Volker Schönenberger

Horror // Die Banlieues von Paris – seit jeher als soziale Brennpunkte bekannt, begannen dort im Oktober 2005 die Unruhen in Frankreich. Die Gewalteskalation nahm Xavier Gens 2007 als Ausgangspunkt für „Frontier(s) – Kennst du deine Schmerzgrenze?“, einem der großen Vier des neuen französischen Terrorkinos. Dies schließt den Kreis zu dem sogar hauptsächlich in einer Pariser Banlieue spielenden „Kandisha – Der Fluch“ (2020), stammt dieser doch von den Drehbuchautoren und Regisseuren Alexandre Bustillo und Julien Maury, die 2007 mit „Inside“ ebenfalls nachhaltig zu dieser Horrorwelle beigetragen hatten. Der Vollständigkeit halber seien „High Tension“ von 2003 und „Martyrs“ von 2008 als die beiden verbleibenden Filme der vier Vorreiter genannt.

Die drei Freundinnen hängen gern miteinander ab

„Kandisha – Der Fluch“ setzt seinen Fokus auf Amélie (Mathilde Lamussee), Bintou (Suzy Bemba) und Morjana (Samarcande Saadi). Weil für die Familien der Teenagerinnen natürlich kein Urlaubstrip drin ist, verbringen die drei Freundinnen den Sommer in der Hochhaussiedlung, in der sie leben. Eines Abends wird Amélie von ihrem gewalttätigen Ex-Freund Farid (Brahim Hadrami) attackiert, der nicht verwinden kann, von ihr verlassen worden zu sein. Die junge Frau kann entkommen. In ihrer Wut beschwört sie daheim im Badezimmer den Rachegeist Aisha Qandisha, einen Dschinn. Von der nur Männer aufs Korn nehmenden Dämonin aus marokkanischer Mythologie hatte ihr kurz zuvor Morjana erzählt. Wenig später ist Farid tot. Innerhalb von zwei Tagen sterben zwei weitere Freunde der drei jungen Frauen.

Amélie beschwört Aisha Qandisha

Es mag kein Zufall sein, dass Amélie eine Weiße, Morjana marokkanischstämmig und Bintou eine Schwarze ist, aber selbst wenn dies eine bewusste Diversitätsentscheidung war, fällt sie weder groß auf noch ins Gewicht. Warum auch? Das wahre gesellschaftliche Gefälle besteht ohnehin nicht zwischen unterschiedlichen Ethnien oder Nationalitäten, sondern zwischen Arm und Reich. Wobei anzumerken ist, dass die Banlieues und die prekäre Lage der darin lebenden Menschen eher als Kulisse dienen denn als sozialkritischer Kommentar. In erster Linie bekommen wir es mit einem handfesten Slasher zu tun, der zwar nur mit einer Handvoll Splattermomente aufwartet, diese aber umso gekonnter darbietet. Bei FSK 16 geht ja heutzutage einiges durch, so auch hier.

Pech, wenn die Dämonin dann auch auftaucht

Das Grundgerüst von „Kandisha – Der Fluch“ glänzt nicht unbedingt mit Originalität. Böse Geister, denen Einhalt geboten werden muss, was mal mehr, mal weniger gelingt, gibt es im Horrorgenre genug, das Handlungsmuster ist einigermaßen vorhersehbar geraten. Aber weshalb soll nicht auch mal eine marokkanische Gruselgestalt zu ihrem Recht kommen? Zum zweiten Mal immerhin nach dem marokkanischen Film „Kandisha“ von 2008, der es nie nach Deutschland geschafft hat.

Erinnerungen an „Candymans Fluch“

Aisha Qandisha wird nicht aus einer Laune heraus heraufbeschworen oder weil gerade ein Ouija-Brett zur Hand ist (nur als Beispiel, ein solches taucht nicht auf), sondern aus Amélies Zorn heraus. Das passt. Die Lokalisierung des Films und die Beschwörung des Geistes erinnern stark an „Candymans Fluch“ (1992), den Alexandre Bustillo und Julien Maury zweifellos gut kennen. Gegenüber der Legende der Aisha Qandisha nehmen sich die beiden Filmemacher einige Freiheiten heraus, was sowieso legitim ist. Die drei Protagonistinnen werden anständig eingeführt und von mir zuvor unbekannten Schauspielerinnen glaubwürdig verkörpert, sodass sich Identifikationspotenzial aufbaut. Zum Sichten lag mir lediglich die deutsche Synchronfassung vor, die sich glücklicherweise stimmig und nicht allzu billig anhört, was beim Label Tiberius Film gelegentlich der Fall ist.

Die drei wissen nicht, was sie tun sollen

„Kandisha – Der Fluch“ feierte seine Weltpremiere im Oktober 2020 beim Sitges Film Festival in Katalonien und machte im Juni 2021 bei den deutschen Fantasy Filmfest Nights Station. Nun bringt Tiberius Film das Werk als Video on Demand auf den deutschen Markt. Das Label hat vor etlichen Monaten bedauerlicherweise begonnen, seine Neuveröffentlichungen nicht mehr auf Blu-ray und DVD in die Regale zu stellen, sondern lediglich über Streamingkanäle. Überraschenderweise hat sich das bei ein paar der Dezemberfilme geändert, sodass diese zwei Monate später auch auf Disc zu kaufen sein werden, was auch für „Kandisha – Der Fluch“ gilt. Das ist speziell in diesem Fall positiv zu sehen, da der Film zu Recht seine Fans finden wird. Er gibt dem Horrorgenre zwar keine neuen Impulse, vermengt bekannte Motive des Geister- und des Slasherfilms aber zu einem stimmigen Ganzen und überzeugt mit frischen Gesichtern und einem feinen Setting. In Cannes hat im Juni 2021 Bustillos und Maurys jüngste Regiearbeit „The Deep House“ Weltpremiere gefeiert. Der Horrorfilm um einen Geist in einem unter Wasser gelegenen Haus ist hierzulande bislang lediglich als Video on Demand erhältlich. Die beiden Franzosen können wir gern auf dem Zettel behalten.

Kann das Ritual …

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Alexandre Bustillo und Julien Maury haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

… der mörderischen Schreckgestalt Einhalt gebieten?

Veröffentlichung: 2. Dezember 2021 als Video on Demand, 4. Februar 2022 als Blu-ray und DVD

Länge: 85 Min. (Blu-ray), 81 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Kandisha
F 2020
Regie: Alexandre Bustillo, Julien Maury
Drehbuch: Julien Maury, Alexandre Bustillo
Besetzung: Mathilde Lamussee, Suzy Bemba, Samarcande Saadi, Mériem Sarolie, Sandor Funtek, Walid Afkir, Félix Glaux-Delporto, Nassim Lyes, Dylan Krief, Bakary Diombera, Mariam Doumbia, Brahim Hadrami, Ayekoro Kossou, Frédéroc Nyssen, Ondine Stenuit, Maria José Cazares Godoy, Brahim Takioullah
Zusatzmaterial: Trailer, Trailershow
Label/Vertrieb: Tiberius Film

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshot: © 2021 Tiberius Film

 

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Deathcember – 24 Doors to Hell: Zweite Tranche mit gewetzten Messern

Deathcember – 24 Doors to Hell

Von Tonio Klein

Episoden-Horror // „Unter deutscher Schirmherrschaft (u. a. „Deadline“-Autor Dominic Saxl) versammeln sich internationale Fünf-Minuten-Filme zu einer Anthologie. ‚The ABCs of Death‘ (Teil 1: 2012, Teil 2: 2014) Tribut zollend, ist das Neue am Konzept, dass man die Einzelbeiträge als Adventskalendertürchen präsentiert. Also gibt es 24 Episoden, dazu zwei Extrabonbons, die sich im kilometerlangen Abspann befinden.“ Soweit das Selbstzitat aus meiner „Halbzeit beim Türchen-Experiment“ betitelten ersten Rezension, welche die Tage 1 bis 13 umfasste. Während Lisa Eckhart sich im „Literarischen Quartett“ vom 04. Dezember 2020 als devote Leserin bezeichnete, die dem Konzept des Autors folge, habe ich den Weg des devoten Guckers gewählt: wirklich nur ein Filmchen pro Tag, und dann jeweils kurze Einzelnotizen. Man hat auf diese Weise mehr vom Ganzen, aber es hat eben auch dazu geführt, diese Rezension in zwei Teile aufzusplitten (und Blogbetreiber Volker war so dreist, die Veröffentlichung dieses zweiten Teils um fast ein Jahr auf die nächste Adventszeit zu verschieben). Türchen auf und Film ab!

Neun Mal werden wir noch wach …

Tag 15: Leider ein Tiefpunkt der Anthologie! Neben vielen Jungregisseuren durfte auch Veteran Ruggero Deodato teilnehmen. Mit „Casetta sperduta in campagna“ spielt er auf seinen eigenen „Der Schlitzer“ an, italienisch „La casa sperduta nel parco“ (1980). Dieser Gewaltfilm hat seine Qualitäten, aber das Sexualisierte der Gewalt ist bisweilen auch ärgerlich. So wie das Pseudo-Moralische seines berühmt-berüchtigten „Cannibal Holocaust“ alias „Nackt und zerfleischt“ (1980), von dem im „Deathcember“-Kurzfilm ein Plakat zu sehen ist. Man merkt, Deodato und ich, das ist keine Liebe. Aber immerhin auch kein Hass, sondern Interesse, ob er sein unbestreitbares Talent doch noch einmal frei von meiner Ansicht nach mehr als fragwürdigen Geschmacksverirrungen präsentieren kann. Schon „Ballad in Blood – Nackt und gepeinigt“ (2016) gilt als schwaches Alterswerk, als „Altherrenfantasie“ (so das sonst sehr freundliche Filmmagazin „Deadline“) mit viel (weiblichem) Fleisch und Blut – allein der Blick auf das DVD-Cover schreckt (mich) ab. Hat der Mann fertig? „Casetta sperduta …“ lässt das Sexistische immerhin stecken, lebt aber wie erwähnt von Anspielungen auf die Regisseurs-Vergangenheit und kann dem nur Durchschnittsware der Gegenwart entgegenhalten. Dabei ist die Geschichte nicht mal schlecht, Scherz und Ernst fallen darin mit tödlichem Ausgang auseinander. Aber das hakt Deodato in gerade einmal zweieinhalb Minuten ab, sodass man sich selbst angesichts des „Deathcember“-Formats am Ende fragt: Wie, das war’s schon?

Produktion der Nikolaus-Episode

Tag 16: „Milk and Cookies“ von Sam Wineman ist dann wieder gelungen und schöpft die Zeit aus für eine runde und verständliche Geschichte. Man mag sie zwar als ein wenig simpel ansehen – eines Kinds Weihnachtswünsche werden erhört und richten sich gegen einen tyrannischen Vater –, aber das ist mehr als solide erzählt, und wie im Horror nicht unüblich, bekommt derjenige sein Fett weg, der es verdient.

Tag 17: Ein Höhepunkt ist der lang erwartete „Pig“ von Andreas Marschall, dessen Langfilme „Tears of Kali“ (2004, ebenfalls mit Episodencharakter) und „Masks“ (2012) ich sehr schätze – bei denen aber auch keine Schonung zu erwarten ist. Drastische Gewalt mit Köpfchen und visuellem Ideenreichtum gab es da, vor allem in „Audition for Death“ zudem eine clevere Verbeugung vor dem Giallo der 1970er und dem deutschen Expressionismus-Horror der 1920er, ohne je die Eigenständigkeit zu verlieren. Ein sehr eigenständiges und vor allem dichtes Werk gibt es auch jetzt. Die Fülle von rein visuell vermittelten Informationen auf nur fünf Minuten ist beeindruckend; wichtig sind auch kleinste Details wie die Spiegelungen in einem Augenpaar. Definitiv kein Film für das Handy! Als Anspielung ist sehr deutlich (und von Marschall eingeräumt) ein Verweis auf eine Schlüsselszene in Fritz Langs „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ (1931) zu erkennen. Des Weiteren hat mich die Szene, in der ein paar Vergewaltigungsopfer einen Mann supercool und mit High-Heel-Messer (!) fertigmachen, an Tarantinos „Death Proof“ (2007) erinnert, der wiederum von Russ Meyers (wer erfindet solche deutschen Titel?) „Die Satansweiber von Tittfield“ (1965) inspiriert ist. Das mag aber Quatsch sein, weil ich nun wahrlich weder Experte im noch Freund vom „Rape and Revenge“-Subgenre bin: Stets absurd gutaussehende Frauen (als ob das einen echten Triebtäter interessieren würde) fallen über ihren Peiniger her und wir haben ein Alibi, unseren Rachegelüsten zu frönen. Nun ist aber genau dies die Haltung, die Marschall hinterfragt und laut Interview mit dem Filmmagazin „Deadline“ auch hinterfragen wollte. Durch ein originelles, schnelles Ineinanderschneiden können wir bald kaum noch unterscheiden, wann auf die Männerpuppe im Selbstverteidigungskurs und wann auf den echten Mann eingedroschen wird – und so geht es auch den Frauen. Statt den moralischen Zeigefinger – egal in welche Richtung – zu erheben, lässt Marschall uns mit einem verstörenden Ende allein und gibt uns mit auf den Weg: Manchmal sollte man halt erst die Fakten checken. So wie er bei aller #metoo-Empathie auch vor Übertreibungen warnt und sagt, der Protest deutscher Autoren gegen das Erscheinen Woody Allens Autobiografie bei Rowohlt sei ihm Anlass gewesen, diese sofort zu kaufen. Guter Mann!

Ein Palast wird zum Haus des Grauens

Tag 18: „They Once Had Horses“ von Lucky McKee ist ein schwarzweißer Western, der die natürliche Schönheit einer nächtlichen Landschaft mit einer pointiert scharfen, kontrastreichen Expressionismusnote verbindet. Die ruhige Erzählung steht in gelungenem Kontrast zum Vorherigen und der Geist der Weihnacht kommt auch noch – oder der Ungeist?

Tag 19: Ob in „December the 19th” von Milan Todorović auch das Verhältnis zwischen Kirche und Homosexualität angesprochen werden soll, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Fest steht, dass dieses Verhältnis in des Regisseurs Heimatland Serbien ein schwieriges ist, dass eine Familienfeier am Anfang des Filmes mit christlichen wie folkloristischen Zeichen gespickt ist und dass eine junge Frau in diese Familie „eingeführt“ wird. Kamera und ihre Blicke zeigen sie noch als „Outsiderin“, die zudem sehr neugierig-irritiert auf ihre Cousine (welche „Insiderin“ ist) schaut. Wir erfahren dann, dass da ein unterdrücktes lesbisches Begehren schlummert und dass es wirklich dramatische Folgen haben kann, es herauszulassen. Diese „dramatischen Folgen“ sind blutig wie Sau und das fatalistische Ende lässt etwas ratlos zurück. Ein gerade zu Beginn äußerst stark inszenierter Film, der aber verliert, wenn er vom Andeutungsweisen zur expliziten Schlachtplatte übergeht.

Tag 20: Schrieb ich oben „Schlachtplatte“? Äääh … Pollyanna McIntosh, die mit dem Kannibalen-Horror „Darlin‘“ (2019) ihr Langfilm-Regiedebüt präsentierte, geht in die Vollen! „Getting Away from it all“ ist eigentlich eine gelungene Geschichte um einen „Weihnachtsflüchtling“. Das Resultat dessen, was eine Flucht, soweit die Füße tragen, unmöglich macht (siehe Bild), könnte noch als schwarzhumorige Einlage à la Terry Gilliams „Jabberwocky“ (1977) durchgehen. Aber wollen wir den Vorgang in allen hässlichen Details wirklich sehen? Ich nicht!

Ein Film mit Hand und Fuß

Tag 21: „Family Feast“ von Rémi Fréchette leidet ein wenig daran, zu spät dran zu sein. Die Geschichte lebt vor allem von den ersten Minuten, in denen sich eine Frau namens Rose die familiären Absonderlichkeiten, die zum Fest zusammenkommen, mit reichlich Bowle schönzusaufen versucht. Und der Film zeigt, wie das peu à peu zu immer seltsameren und bedrohlicheren Visionen führt. Gelungen! Das Ganze mündet dann aber wieder in eine „stabbing scene“, wie wir sie einfach schon zu oft hatten.

Tag 22: „Before Sundown“ von Jason A. Rostonsky ließ mich an einen Vers des Anarchisten Erich Mühsam denken: „Minister und Agrarier / Bourgeois und Proletarier / Es feiert jeder Arier / Zu gleicher Zeit und überall / Die Christgeburt im Rindviehstall / Das Volk allein, dem es geschah / Das feiert lieber Chanukka.“ Eine wirklich gute Idee ist, einmal einen dezidiert jüdischen Weihnachtsfilm zu drehen – mir bis dato nur bekannt von „The Messiah on Mott Street“ (1971) aus der Serie „Night Gallery“. „Bei uns ist nichts mehr jüdisch, es gibt nur noch Weihnachten“, sagt ein Jugendlicher, ein anderer ist mit Davidstern-Kettchen auf einer Weihnachtsparty zu sehen. Diese tritt aber zugunsten einer gruseligen jüdischen Legende zurück, die selbstredend wahr und lebensbedrohlich wird – bis sie mit einem Gegenstand besiegt wird, was besagt: Vergesst eure (hier: jüdische) Herkunft nicht. Stimmig. Und die Abwesenheit von offen gezeigtem Gemetzel tat nach den vorherigen Episoden recht gut. Die deutschen Sprecher liefern leider ihre Texte etwas monoton ab.

Tag 23: „Cracker“ von John Cook Lynch endet zwar mit einem unappetitlichen Knalleffekt, ist aber insgesamt eher satirische Komödie mit bitterem, dystopischem Unterton. Der Film ist mit sehr viel verspielter Liebe zum Detail als 1950er-Jahre-Familienidyll einschließlich quietschbunter Farben und einer Swing-Version von „We Wish You a Merry Christmas“ gestaltet. Eine der besseren Episoden, frisch und originell, bestechend statt abstechend.

Tag 24: Weihnachten in der US-Wüstenhitze mit einem wüsten Weihnachtsmann, einem langen Messer – und dann kommt alles anders, als der Anfang vermuten lässt. „Operation Dolph“ von Trent Haaga ist eine etwas an Tarantino erinnernde Gewaltgroteske mit ein paar sehr expliziten Szenen, die zeigt, dass man sich nicht mit Santa anlegen sollte. Gut und konsequent umgesetzte, originelle Idee.

… Heißa, dann ist Bonus-Tag

Sehe ich das auf dem Zeitmesser richtig? 21 Minuten Abspann? Zum Glück sind es nur rund 10, die übrigens wunderschön anzusehen sind und alle Filme mit (oft Off-Screen-)Fotos noch einmal Revue passieren lassen. Zudem zeigt Filmkomponist Andrew Scott Bell, dass er mehr kann, als John Williams’ „Harry Potter“-Thema vom 6/8-Takt in den 5/8-Takt zu transferieren, was zuvor hart am Rande des Plagiats war. Und mittendrin sowie am Ende findet sich jeweils noch ein weiterer Kurzfilm.

Bonus 1: „Christmas Corp.se“ von Annika Marx: Die junge Videoproducerin zeigt in ihrem ersten im klassischen Sinne erzählenden Film ein großes Talent! Das Grauen kommt in ein Wirtschaftsunternehmen während einer Weihnachtsfeier. Oder ist schon dieses genüsslich aufgespießte Yuppie-Gehabe der Belegschaft das Grauen? Ein Film, bei dem ich sofort wieder weiß, im öffentlichen Dienst genau richtig zu sein … Davon abgesehen wunderschön und sehr aufmerksam inszeniert in Farbgebung und Schnitten, die das Grauen peu à peu über kleine Details hereintreten lässt. Langsam, aber sicher. Obwohl der Film nicht unblutig ist, viel subtiler als manche, die gleich den Kübel ausschütten.

In Bonus 2 wird dann wieder gekübelt, mit Innereien. „They Used to Laugh and Call Him Names” von BJ Colangelo und Zach Shildwachter zeigt einen mordenden rotnasigen Rudolph – auch hier nette Gestaltung einer Familie im ländlichen Amerika früherer Jahrzehnte. Wenn der Jagd-Initiationsritus des Sohnes zu einem Horrortrip wird, weiß man aber nicht so genau, ob der Film die Rache der Beute oder die Rache des laut einem bekannten Lied und dem Filmtitel gemobbten Rentiers zeigt. Oder ob das einfach nur Quatsch mit Soße und ganz viel Einlage ist. Nicht schlecht, aber etwas wahllos auf Ekel abzielend.

José Corpas – Opfer in „Kill Santa” (Tag 11) und “Joy to the Girls” (Tag 6)

Fazit: Der überwiegend gute Eindruck bestätigt sich auch in den späteren Filmen, sowie die Tatsache, dass man mitunter einen starken Magen haben muss. Ausschläge nach unten und oben sind später vielleicht etwas deutlicher. Es bleiben aber immer noch genug spannende Entdeckungen großer Talente oder schlicht gute Filme. Was sich beim Gucken am Stück vielleicht abgenutzt hätte, bescherte mir einen knappen Monat lang jeden Tag eine kleine Wundertüte, zu der man nur sehr selten die Kotztüte brauchte. Abschließend noch ein Selbstzitat meiner Rezension der ersten Tage: „Zu den Editionen: Ich habe Amazon Prime genutzt, da alles andere erst am 4. Dezember verfügbar war, aber ich am 1. Dezember einsteigen wollte. Wie bei modernen Streifen üblich, ist an Bild und Ton nichts auszusetzen, nur ist mir eine Angabe zu den sicherlich netten Beigaben anderer Veröffentlichungen nicht möglich.“ Welche Anthologiefilme jenseits des Horrorgenres könnt Ihr empfehlen?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Barbara Crampton und Pollyanna McIntosh haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet.

Veröffentlichung: 4. Dezember 2020 als Blu-ray und DVD

Länge: 145 Min. (Blu-ray), 140 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Originalversion (Englisch, Spanisch, Koreanisch, Italienisch, Flämisch, Französisch)
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Deathcember – 24 Doors to Hell
D 2019
Regie: Dominic Saxl, Andreas Marschall, Ruggero Deodato, Pollyanna McIntosh, Lucky McKee u. v. a.
Drehbuch: diverse
Besetzung: Barbara Crampton, Pollyanna McIntosh u. v. a.
Zusatzmaterial: Making-of, Outtakes, Deathcember Suite, 2 Bonus-Episoden im Abspann, Wendecover
Label 2021: Busch Media Group
Vertrieb 2021: Al!ve AG

Copyright 2021 by Tonio Klein
Szenenfotos & Packshot: © 2020 Busch Media Group

 
 

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Wir sind keine Engel – Doch!

We’re No Angels

Von Tonio Klein

Komödie // Michael Curtiz war ein Vieldreher mit dabei beachtlicher und unterschätzter kreativer Eigenleistung, mit einer „Handschrift“, wie ich im leider vergriffenenen „Warner Bros.“-Schwerpunktheft 40 von 35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin darzulegen versucht habe. Beim späteren Curtiz hat man aber zunächst den Eindruck, da sei einer alt und ruhig geworden. Und man kann ja nicht jedes Mal, wenn ein Spiegel zu sehen ist, aufschreien und hoffen, dass der Mann der schnellen Schnitte, des hohen Tempos, der spektakulären Action und der Spiegelungen in jeglicher Hinsicht wieder der Alte sei.

Engel sehen mehr

Oder hat ihn seine Form nie verlassen? In diesem ruhig erzählten Weihnachtsfilm spielen Spiegel nur ganz am Rande eine Rolle – aber es geht (unter anderem) um das, wofür sie neben vielem anderen stehen. Sehen, wo man nicht gesehen werden kann. Ist das nicht die Position eines Allwissenden, also zum Beispiel eines Gottes? Oder die der Engel? Ja, wenn diese dann auch noch durch ihr überlegenes Sehen korrigierend in die Geschicke einiger Leute eingreifen können. Und das können sie, die drei von Humphrey Bogart, Aldo Ray und Peter Ustinov gespielten Sträflinge, die kurz vor Heiligabend des Jahres 1895 in Französisch-Guayana von der Frankreich als Knastkolonie dienenden Teufelsinsel fliehen und sich bei der Krämerfamilie Ducotel als Handwerker verdingen. Eigentlich nur, um sie auszurauben, abzumurksen und sich nach Europa abzusetzen. Aber bei ihren Dachdeckerarbeiten können sie nicht nur beobachten, wie die Schandtaten am besten auszuführen wären. Sondern auch, dass es Wichtigeres gibt, zum Beispiel den Haussegen in der potenziellen Opferfamilie wieder geradezurücken …

Lob des Altruismus

„Wir sind keine Engel“ hat gewisse Parallelen zu einem anderen Weihnachtsklassiker, Frank Capras „Ist das Leben nicht schön?“ (1946). Da gibt es ein leicht rührseliges, wegen seiner tiefen Ehrlichkeit aber auch aufrichtig berührendes Lob des Altruismus. Während bei Capra James Stewart den immer nur an andere denkenden Mr. Bailey spielte, haben wir hier den Krämer Felix Ducotel (Leo G. Carroll), der fast eine heimliche Hauptrolle bekommt, jedenfalls gehört ihm das ganze Herz des Films. Er hat für den Laden seines gierigen Vetters (Basil Rathbone richtig schön typenbesetzt) nur Verluste eingefahren, weil er es einfach nicht fertigbringt, mal mit der Faust auf den Tisch zu hauen und Leuten die Begleichung der ausstehenden Schulden abzuverlangen oder als Verkäufer auch mal jemandem etwas aufzuschwatzen, das dieser nicht braucht. Felix muss als Marionette seines Vetters den Eindruck haben, ein Totalversager zu sein, und so fühlt er sich auch. Aber wenn Joan Bennett („Suspiria“) als Filmgattin ihm sagt, dass sie ihn nicht trotzdem, sondern deswegen über alles liebt, weil er so ist, wie er ist, dann kommen mir beim Verfassen dieses Textes fast schon wieder die Tränchen, die ich beim Schauen vergossen habe. Ähnlich ist das ja auch bei Mr. Bailey. Er muss sich als Versager fühlen und der Film sagt: Gerade solche Menschen sind wertvoll. Die „Engel“ wirken also nur im Sinne einer ausgleichenden Gerechtigkeit. Humphrey Bogart, der Ducotels Bücher frisiert, äußert, er passe die Einnahmen nur Ducotels Charakter an. Recht hat er!

Irdische Tricks mit himmlischer Wirkung

So können die gar nicht himmlischen Engel sich am Ende „ihre Flügel verdienen“ (im Bild: einen Zeichentrickheiligenschein bekommen), genau wie der etwas skurrile „gefallene“ Engel dies in „Ist das Leben nicht schön?“ geschafft hat. Während dieser aber ein „echter“ Engel war und mit himmlischer Macht wirkte, arbeiten die Sträflinge mit irdischen Tricks. Engel sind sie nicht minder. Der Titel meiner Rezension mag auf den Titel des Films antworten, der den Widerspruch geradezu herausfordert. Curtiz gelingt eine höchst ungewöhnliche Kombination aus authentischem Humanismus und derben, makabren Sprüchen sowie ein paar Leichen, über die man sich – in einem Film über das Friedensfest – auch noch freuen darf! Skurriler Humor trifft Herzerwärmendes. Ein einzigartiger Film, der zudem wunderbar restauriert und in allerschönster Farbenpracht den Geist der Weihnacht ins Wohnzimmer und die Zuschauerseele bringt – alle Jahre wieder!

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Michael Curtiz haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Humphrey Bogart, Basil Rathbone, Aldo Ray und Peter Ustinov unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 10. November 2005 als DVD

Länge: 102 Min.
Altersfreigabe: FSK
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: We’re No Angels
USA 1955
Regie: Michael Curtiz
Drehbuch: Ranald MacDougall, nach dem Theaterstück „La cuisine des anges“ von
Besetzung: Humphrey Bogart, Peter Ustinov, Aldo Ray, Joan Bennett, Basil Rathbone, Leo G. Carroll, John Baer, Gloria Talbott, Lea Penman, John Smith
Zusatzmaterial: keine
Label: Paramount Pictures
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2021 by Tonio Klein
Packshot: © 2005 Paramount Pictures / Universal Pictures Germany GmbH

 

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