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Der Würgeengel – Wenn die Gäste partout nicht gehen wollen (und können)

11 Nov

El ángel exterminador

Von Volker Schönenberger

Fantasy-Drama // In einem vornehmen Anwesen in der Calle de la providencia (Straße der Vorsehung) bereiten die Bediensteten eine Dinnerparty vor, während sie gleichzeitig davon reden zu gehen. Gesagt, getan: Als die gastgebenden Eheleute Edmundo und Lucía de Nobile (Enrique Rambal, Lucy Gallardo) mit ihren hochwohlgeborenen Gästen von einem Opernbesuch kommend die Villa betreten, verlassen Teile der Dienerschaft bereits das Gebäude. Am Ende wird einzig der oberste Hausdiener Julio (Claudio Brook) geblieben sein.

Zur Zerstreuung etwas Hausmusik

Die Abendgesellschaft zieht sich bis tief in die Nacht. Als es vier Uhr vorbei ist, betten sich die Gäste nach und nach zum Schlaf – auf Sofas, Sesseln, sogar auf dem Boden, und das, obwohl keineswegs eine Übernachtungsgesellschaft auf dem Plan stand. Nicht einmal am nächsten Morgen begeben sie sich heim oder an ihr Tagwerk. Nach und nach bricht sich eine Erkenntnis Bahn: Eine unsichtbare Macht scheint alle Anwesenden am Verlassen der Villa zu hindern. Sie alle sind in einem der großen Räume des Erdgeschosses gefangen, obwohl weder Türen noch Fenster versperrt sind. Nach 24 Stunden machen sich Unruhe bis hin zur Panik breit.

Bürgertum und Christenheit

Machen wir es uns einfach: Mit „Der Würgeengel“ liefert der legendäre mexikanische Filmemacher Luis Buñuel („Ein andalusischer Hund“) einmal mehr einen beeindruckenden Kommentar zu einem in dekadenter Sinnlosigkeit erstarrten Bürgertum ab. Machen wir es uns weniger einfach: Ich habe keine Ahnung, was uns Buñuel mit diesem Film sagen wollte. Am gehobenen Bürgertum hat sich Buñuel bekanntermaßen gern abgearbeitet, etwa in seinen letzten Filmen „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ (1972), „Das Gespenst der Freiheit“ (1974) und „Dieses obskure Objekt der Begierde“ (1977). Nicht nur in „Der Würgeengel“ bekommt auch die katholische Kirche ihr Fett weg. Am Ende erweist sich die Hoffnung auf Erlösung durch den christlichen Glauben als trügerisch. Wenn sich in der letzten Einstellung des Films eine Schafherde auf die Tore des Doms zubewegt, trägt das auch nicht unbedingt zur Erhellung bei.

Schnell macht sich Wassermangel bemerkbar

Die Verwirrung beginnt aber bereits zu Beginn, wenn der Regisseur das Eintreffen der Abendgesellschaft zweimal zeigt, beim zweiten Mal aus einem etwas anderen Winkel. Was hat das zu bedeuten? Jedenfalls wird es nicht die einzige Wiederholung bleiben. In einem Raum finden sich ein paar Schafe und ein Bär, von den de Nobiles anscheinend für irgendeine Vorführung zur Zerstreuung ihrer Gäste herangeschafft, zu der es aber nie kommt, weil sich ja das Personal davongemacht hat. Soll die Absurdität der Anwesenheit der Nutztiere und des Wildtiers im Haus die Dekadenz der oberen Zehntausend illustrieren? Denkbar. Diese absurden Elemente machen den surrealen Charakter des Werks aus, ohne dass surrealistische Elemente in die Bildgestaltung einfließen. Selbst die Blockade der Menschen im Innern wird nicht mittels irgendwelcher visueller Effekte thematisiert. Sie gehen einfach nicht hinaus, begründen dies eine Weile mit unbestimmten Motiven, bis sie erkennen, dass es offenbar eine unsichtbare Gewalt gibt, die Macht über sie ausübt.

Roger Ebert findet erst spät eine Erklärung

Der US-Kritikerpapst Roger Ebert schrieb zweimal über „Der Würgeengel“: einmal im Januar 1968, nachdem das Werk im August 1967 seine US-Premiere gefeiert hatte, und einmal im Mai 1997 im Rahmen von Eberts „Great Movies“-Rezensionsreihe. War er 1968 noch überzeugt, es sei unmöglich zu sagen, was der Film bedeute, sah das für Ebert 1997 schon ganz anders aus: Die Dinnergäste würden offensichtlich die herrschende Klasse im Spanien der Franco-Diktatur repräsentieren, die sich das Bankett selbst bereitet habe, indem sie im Spanischen Bürgerkrieg die Arbeiter besiegte. Das ist natürlich eine legitime Interpretation, allerdings konnte ich gar nicht feststellen, ob „Der Würgeengel“ tatsächlich in einer spanischen Metropole wie etwa der Hauptstadt Madrid spielen soll oder vielleicht doch eher in Mexiko-Stadt, wo er gedreht wurde.

Der Schrecken bleibt nicht greifbar …

Während der Sichtung von „Der Würgeengel“ kam mir Ben Wheatleys SF-Drama „High-Rise“ (2015) mit Tom Hiddleston und Luke Evans in den Sinn. Ob sich Romanautor James Graham Ballard beim Schreiben seines 1975 veröffentlichten Romans „High-Rise“ von Buñuels Werk inspirieren ließ? Nicht auszuschließen. Beiden Filmen ist gemein, dass sie den Verfall von Sitte und Anstand und das Abblättern der Zivilisationstünche in begrenzten Räumlichkeiten abbilden.

… und greift gleichwohl weiter um sich

„El ángel exterminador“, so der Originaltitel, feierte seine Weltpremiere im Mai 1962 beim Filmfestival in Cannes, wo der Film im Wettbewerb um die Goldene Palme gezeigt wurde (die allerdings an Anselmo Duartes „Fünfzig Stufen zur Gerechtigkeit“ ging). Dort gewann er den FIPRESCI-Preis, den Preis der internationalen Filmkritik. Verdienter Lohn für ein beeindruckendes Werk, das sich herkömmlichen Versuchen einer Erklärung entzieht und in seiner Narration weit jenseits des Mainstreamkinos angesiedelt ist.

In der arte-Mediathek verfügbar

Die deutsche Blu-ray von „Der Würgeengel“ weist laut Eintrag in der Online-Filmdatenbank auf dem Cover einige Ungereimtheiten auf. So seien die Angaben zu Ton- und Bildformat falsch, auch die angegebene Laufzeit von 98 Minuten entspreche nicht der tatsächlichen Länge des Films auf der Disc. Auf dem Cover findet sich der Aufdruck „Wendecover“, tatsächlich gebe es keines. „RC 2“ auf einem Blu-ray-Cover ist natürlich auch falsch, da Regionalcodes von Blu-rays nicht mit Zahlen, sondern Buchstaben angegeben werden. Obendrein lasse sich die Tonspur nicht über das Menü wechseln, sondern nur während des laufenden Films. Eine sonderbar schlampige Arbeit, da lobt man sich die TV-Ausstrahlung des deutsch-französischen Kultursenders arte im Oktober 2021. Bis zum 5. Dezember 2021 kann das Fantasy-Drama in der arte-Mediathek gesichtet werden.

Gibt es ein Entkommen?

Veröffentlichung: 23. Juni 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 93 Min. (Blu-ray), 89 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Spanisch
Untertitel: keine
Originaltitel: El ángel exterminador
Internationaler Titel: The Exterminating Angel
MEX 1962
Regie: Luis Buñuel
Drehbuch: Luis Buñuel
Besetzung: Silvia Pinal, Jacqueline Andere, Enrique Rambal, José Baviera, Augusto Benedico, Luis Beristáin, Antonio Bravo, Claudio Brook, César del Campo, Rosa Elena Durgel, Lucy Gallardo, Enrique García Álvarez, Ofelia Guilmáin, Nadia Haro Oliva, Tito Junco, Xavier Loyá, Xavier Massé, Ofelia Montesco
Zusatzmaterial: Originaltrailer
Label/Vertrieb: Endless Classics

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshot: © 2017 Endless Classics

 

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