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Flandern – Gefühlskälte und Verrohung

22 Nov

Flandres

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // In dem Kaff in der belgischen Region Flandern geht alles seinen gewohnten Gang. Landarbeiter André Demester (Samuel Boidin) dreht gelegentlich seine Runde mit seiner Freundin Barbe (Adélaïde Leroux), die ihn an irgendeiner geschützten Ecke kurz mal ranlässt, damit er in ihr abspritzen kann. Ihre Lust spielt dabei keine Rolle, was später auch für den Sex mit anderen zu bemerken sein wird. Ist sie überhaupt seine Freundin? Er bestreitet das beim Bier in der Kneipe, woraufhin sie mit Blondel (Henri Cretel) abzieht.

Flämische Dörfler ziehen in den Krieg

Einige junge Männer, darunter auch André und Blondel, schließen sich der Armee an und ziehen in den Kampfeinsatz in einem (unbenannten) Land im Mittleren Osten. Dort werden sie mit dem Grauen und den Gräueln des Krieges konfrontiert, was bei ihnen selbst zu Verrohung führt. Oder sind sie von vornherein bereits verroht?

Auch bei Kindern gibt es keine Gnade

Bruno Dumont setzt in seinem Kriegsdrama auf Laiendarsteller. Lediglich Hauptdarstellerin Adélaïde Leroux hat eine nennenswerte Filmografie vorzuweisen, aber auch für sie markierte „Flandern“ das Schauspieldebüt. Samuel Boidin hat außer Flandern auch in Dumonts Regiedebüt „Das Leben Jesu“ (1997) mitgewirkt, für die übrigen Darstellerinnen und Darsteller war „Flandern“ ihre bislang einzige Schauspielerfahrung.

Zwischenmenschliche Leere

Allzu viele Dialoge mussten sie nicht auswendig lernen, damit hat es Dumont offenbar nicht so, wie auch seine vorherige Regiearbeit „Twentynine Palms“ (2003) belegt. In beiden Filmen verzichtet er obendrein komplett auf musikalische Untermalung. Die Unverbrauchtheit und das teils linkische Gebaren passt gut zu den Figuren, die wir in „Flandern“ kennenlernen, wenn wir sie denn überhaupt kennenlernen. So wenig wie sie reden, so wenig interagieren sie auch menschlich miteinander. Ob man freudlos gemeinsam ein Bier trinkt oder freudlos eine feindliche Soldatin vergewaltigt, scheint hier keinen großen Unterschied zu ergeben. Manchmal können Freunde oder Paare gemeinsam in aller Harmonie schweigen, weil sie einander kennen. Hier werden ein paar Gesprächsfetzen ausgetauscht, aber niemand hat einander wirklich etwas zu sagen. Leere spielt hier wie auch schon in „Twentynine Palms“ und womöglich weiteren von Dumonts Arbeiten eine große Rolle.

Der Krieg – sicher kein fröhliches Männerspektakel

Fans handfester Kriegsszenen kommen sicher nicht auf ihre Kosten. Ein paar fragmentarisch aneinandergereihte Sequenzen illustrieren, wie übel es ist, in den Krieg zu ziehen, und wie schnell man Teil einer tödlichen Kriegsmaschinerie wird. Für herkömmliche Vorstellungen von Ethik und Moral ist dort kein Platz. Ob man lebt oder stirbt, ist ohnehin Zufall. Wer zur falschen Zeit am falschen Ort ist, bekommt eine Kugel in den Kopf, so einfach ist das.

Stets in Gefahr, zur Zielscheibe zu werden

Zwar spielen sich die Kriegsgräuel im fernen Asien ab, aber frei vom Krieg ist Flandern sicher nicht, war es doch in beiden Weltkriegen Schauplatz militärischer Auseinandersetzungen. Genannt seien beispielhaft die Flandernschlachten im Ersten Weltkrieg mit ihren unfassbaren Opferzahlen. Ob Bruno Dumont den flämischen Schauplatz danach ausgewählt hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Es mag Zufall sein, andererseits ist manches ja doch kein Zufall.

Großer Preis der Jury in Cannes

Ich liebe dich. Einer der schönsten Sätze, die man zu hören bekommen kann. Eigentlich. Wenn er hier am Ende erklingt und sogar ein Ich dich auch. als Erwiderung folgt, kann von schön keine Rede sein. Mit einer Offenbarung tiefer Gefühle hat das nicht das Geringste zu tun, denn nichts spricht dafür, dass solche Gefühle in die Leere der Figuren vorgedrungen sind. Wenn sie denn überhaupt je möglich waren, so hat das Geschehen daheim und im fernen Kriege sie unmöglich gemacht. Für mich ist „Flandern“ ein zutiefst pessimistischer Film. Sehr traurig, schwer zu schauen. In Cannes gab es dafür dennoch – oder gerade deswegen? – 2006 den Großen Preis der Jury, den Bruno Dumont dort bereits 1999 für seine zweite Regiearbeit „Humanität“ errungen hat.

Bei Arte: „Die Filme von Bruno Dumont“

Der deutsch-französische Kultursender Arte hat das Kriegsdrama in der Reihe „Die Filme von Bruno Dumont“ im Fernsehen ausgestrahlt. In der Mediathek ist das Werk noch bis Ende Februar 2022 verfügbar, außer im Original sogar auch mit deutscher Synchronisation. Wer es auf Blu-ray oder DVD erwerben will, möge nach Frankreich schauen, eine deutsche Heimkino-Veröffentlichung existiert nicht.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Bruno Dumont haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Flucht

Veröffentlichung (Frankreich): 6. Januar 2015 als Blu-ray und DVD, 7. Dezember 2010 und 10. Mai 2007 als Doppel-DVD

Länge: 91 Min. (Blu-ray), 88 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Französisch
Untertitel: Französisch
Originaltitel: Flandres
F 2006
Regie: Bruno Dumont
Drehbuch: Bruno Dumont
Besetzung: Adélaïde Leroux, Samuel Boidin, Henri Cretel, Jean-Marie Bruveart, David Poulain, Patrice Venant, David Legay, Inge Decaesteker, David Dewaele
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb 2015: Blaq Out
Label/Vertrieb 2010/2007: Lancaster

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshot Blu-ray: © 2015 Blaq Out, Packshot DVD: © 2007 Lancaster

 
 

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2 Antworten zu “Flandern – Gefühlskälte und Verrohung

  1. Christoph Wolf

    2021/11/22 at 09:13

    Der Text enthält einen Fehler. „Genannt seien beispielhaft die Flandernschlachten im Zweiten Weltkrieg mit ihren unfassbaren Opferzahlen.“ Es muss natürlich „[…] im Ersten Weltkrieg […]“ heißen. Ansonsten Danke für die Rezi und den Hinweis auf die Mediathek, werde mir den Film dort sicher ansehen.

     
    • V. Beautifulmountain

      2021/11/22 at 09:22

      Danke für den Hinweis, ist korrigiert. Mensch, da hatte ich mir den eigens verlinkten Artikel über die Flandernschlachten sogar durchgelesen und trotzdem den falschen Weltkrieg genannt.

       

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