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Shiri – Wuchtiger Startschuss für die Renaissance des südkoreanischen Kinos

24 Nov

Swiri

Von Volker Schönenberger

Actionthriller // „Shiri“ startete am 13. Februar 1999 in den südkoreanischen Kinos und avancierte dort zum bis dato größten Erfolg, ließ mit 6,5 Millionen Zuschauern den mit 4,3 Millionen bisherigen Rekordhalter „Titanic“ (1997) deutlich hinter sich. Damit leitete der Actionthriller die Renaissance des südkoreanischen Films ein. Das Werk bedeutete auch für mich eine der ersten Berührungen mit dem Filmland Südkorea, wenn nicht die erste. Die Special Edition in der Tin Box kaufte ich 2004 oder 2005 eher beiläufig.

Im Trainingscamp für Killer

Immer wieder thematisiert das südkoreanische Kino die schmerzhafte Teilung Koreas nach dem Zweiten Weltkrieg, die mit dem Koreakrieg (1950–1953) zementiert wurde. So auch „Shiri“: Die Handlung setzt 1992 in einem nordkoreanischen Ausbildungslager ein, wo Soldatinnen und Soldaten unter der Leitung von Park Mu-young (Choi Min-sik) ein brutales Training durchlaufen. Jegliches Mitgefühl wird ihnen ausgemerzt, Gefangene dienen als Kanonenfutter, die zu Übungszwecken getötet werden. Eine junge Frau zeigt besonderes Talent in Gnadenlosigkeit und Beherrschung der Waffen. Lee Bang-hee, so ihr Name, wird der achten Spezialeinheit als Scharfschützin zugeteilt. Im Verlauf der folgenden Jahre sterben in Südkorea diverse wichtige Persönlichkeiten, die Taten werden Lee Bang-hee zugeschrieben.

Jagd auf die Mörderin

Im September 1998 sind die beiden südkoreanischen Agenten Yu Jong-won (Han Suk-kyu) und Lee Jang-gil (Song Kang-ho) mit der Jagd auf Lee Bang-hee betraut worden. Die Killerin hatte ein Jahr lang ihr tödliches Tun eingestellt, tritt nun aber mit dem Mord an einem Waffenhändler wieder auf den Plan. Der wollte den von der südkoreanischen Regierung entwickelten Sprengstoff CTX kaufen, eine hochentzündliche, farb-, geruch- und geschmacklose Flüssigkeit, deren Detonation schon in kleinen Mengen gewaltige Zerstörungen auslöst. Yu Jong-won ist mit Lee Myung-hyun (Yunjin Kim) verlobt, einer trockenen Alkoholikerin, die ein Geschäft für Zierfische führt. Über seine gefährliche Tätigkeit muss er ihr gegenüber schweigen. Als ein Wissenschaftler des Labors ermordet wird, in welchem CTX entwickelt wurde, kommt Lee Jang-gil der Gedanke, dass es einen Maulwurf in der Abteilung gibt, der Informationen an die Killerin weitergibt.

Nicht kleckern, sondern klotzen. „Shiri“ haut an Action einiges raus und muss sich vor vergleichbaren Hollywood-Produktionen nicht verstecken. Die Story kommt wenig subtil daher, im Konflikt zwischen dem Norden und dem Süden des Landes ist viel Schwarz-Weiß-Malerei angesagt, und eine zentrale Enthüllung ist unschwer zu erahnen. Vielleicht verständlich angesichts des nordkoreanischen Regimes. Immerhin gilt es im Verlauf auch innere Konflikte zu überwinden, hier zeigt „Shiri“ durchaus einige Facetten und Emotionen. Große Gefühle, möchte ich anfügen.

Trotz viel Gewalt nur FSK 16

Gestorben wird von Beginn an so blutig, dass mich die Altersfreigabe ab 16 Jahren etwas überrascht hat. Über FSK 18 hätte sich niemand beschweren können. Das südkoreanische Kino im Allgemeinen und Regisseur Kang Je-kyu („Brotherhood“, „Prisoners of War“) haben seit 1999 viel dazugelernt. „Shiri“ liegt heute im Actionsegment des Landes nicht mehr ganz vorn, das ändert aber nichts daran, dass der Actionthriller mit seinen Armlehnenkraller-Qualitäten bis zum so bleihaltigen wie explosiven Herzschlagfinale nach wie vor zu fesseln vermag.

„Shiri“ versammelt eine namhafte Besetzung, darunter Choi Min-sik („Oldboy“, „I Saw the Devil“) und Song Kang-ho, der gern für Regiearbeiten von Bong Joon-hoo gebucht wird, darunter auch dessen Oscar-Film „Parasite“ (2019). Hauptdarstellerin Yunjin Kim wurde einige Jahre später für eine permanente Rolle in der US-Erfolgsserie „Lost“ (2004–2010) engagiert. Der Filmtitel „Shiri“ verweist laut deutscher Tonspur auf eine in koreanischen Gewässern heimische Fischart – den https://en.wikipedia.org/wiki/Coreoleuciscus_splendidus, auch als Swiri bekannt.

Kinofassung länger als Director’s Cut

Vom Film existieren zwei Schnittfassungen, wobei in diesem Fall ausnahmsweise die Kinofassung länger ist als der für die koreanische DVD angefertigte Director’s Cut – um 53 Sekunden (siehe Schnittbericht). Tatsächlich machen die beiden entfernten Szenen den Film runder, da sie in der Kinofassung ein paar Handlungslücken offenbaren, die nicht erklärt werden. Es wirkt, als sei hier ein kleiner Nebenstrang um einen zuvor angeschossenen hochrangigen Polizeibeamten entfernt worden, wobei die beiden Szenen versehentlich im Film verblieben sind. Ob sich das nach all den Jahren noch klären lässt, darf bezweifelt werden.

DVD auch in Tin Box noch günstig zu finden

Die DVDs von 2004 und 2005 sind im Handel vergriffen, auf den einschlägigen Marktplätzen aber überraschenderweise zu günstigem Kurs problemlos zu finden. Die Bildqualität ist solide, lässt aber Luft nach oben. 15 Jahre nach der letzten deutschen Veröffentlichung wird es höchste Zeit, „Shiri“ auch HD-Ehren angedeihen zu lassen. Es überrascht, dass es noch keine Blu-ray gibt. Womöglich scheuen deutsche Publisher aufgrund der vielen billig auf dem Gebrauchtmarkt angebotenen DVDs das unternehmerische Risiko oder sie schließen daraus auf eine zu geringe Nachfrage. Vielleicht ist im Zuge der Insolvenz des Publishers E-M-S seinerzeit auch die Lizenz für den deutschen Markt in einer hinteren Schublade gelandet. So oder so – bedauerlich, denn „Shiri“ hat auch heute noch Aufmerksamkeit verdient.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Kang Je-kyu haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Song Kang-ho unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 5. Januar 2006 als DVD, 30. Juli 2004 als als 2-Disc Special Edition DVD, 15. Juli 2004 als 2-Disc Special Edition DVD in Tin-Box

Länge: 126 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Koreanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Swiri
KOR 1999
Regie: Kang Je-kyu
Drehbuch: Kang Je-kyu
Besetzung: Han Suk-kyu, Choi Min-sik, Yunjin Kim, Song Kang-ho, Johnny Kim, Jang Hyo-seon, Jang Hyun-sung, Hwang, Jung-min, Kim Soo-ro, Lee Seung-shin, Park Young-woo
Zusatzmaterial: Trailershow, nur Special Edition: Making-of Shiri (31 Min.), Die Stunts & Spezialeffekte (9 Min.), Beschwörung guter Geister (35 Sek.), Hinter den Kulissen (41 Min.), Musikvideo „When I Dream“ (5 Min.), Original-Trailer, Original-TV-Spot, japanischer TV-Spot, Slideshow mit internationalem Artwork (2 Min.), nur Tin-Box: Poster
Label/Vertrieb: E-M-S

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

 

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