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Wir sind keine Engel – Doch!

28 Nov

We’re No Angels

Von Tonio Klein

Komödie // Michael Curtiz war ein Vieldreher mit dabei beachtlicher und unterschätzter kreativer Eigenleistung, mit einer „Handschrift“, wie ich im leider vergriffenenen „Warner Bros.“-Schwerpunktheft 40 von 35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin darzulegen versucht habe. Beim späteren Curtiz hat man aber zunächst den Eindruck, da sei einer alt und ruhig geworden. Und man kann ja nicht jedes Mal, wenn ein Spiegel zu sehen ist, aufschreien und hoffen, dass der Mann der schnellen Schnitte, des hohen Tempos, der spektakulären Action und der Spiegelungen in jeglicher Hinsicht wieder der Alte sei.

Engel sehen mehr

Oder hat ihn seine Form nie verlassen? In diesem ruhig erzählten Weihnachtsfilm spielen Spiegel nur ganz am Rande eine Rolle – aber es geht (unter anderem) um das, wofür sie neben vielem anderen stehen. Sehen, wo man nicht gesehen werden kann. Ist das nicht die Position eines Allwissenden, also zum Beispiel eines Gottes? Oder die der Engel? Ja, wenn diese dann auch noch durch ihr überlegenes Sehen korrigierend in die Geschicke einiger Leute eingreifen können. Und das können sie, die drei von Humphrey Bogart, Aldo Ray und Peter Ustinov gespielten Sträflinge, die kurz vor Heiligabend des Jahres 1895 in Französisch-Guayana von der Frankreich als Knastkolonie dienenden Teufelsinsel fliehen und sich bei der Krämerfamilie Ducotel als Handwerker verdingen. Eigentlich nur, um sie auszurauben, abzumurksen und sich nach Europa abzusetzen. Aber bei ihren Dachdeckerarbeiten können sie nicht nur beobachten, wie die Schandtaten am besten auszuführen wären. Sondern auch, dass es Wichtigeres gibt, zum Beispiel den Haussegen in der potenziellen Opferfamilie wieder geradezurücken …

Lob des Altruismus

„Wir sind keine Engel“ hat gewisse Parallelen zu einem anderen Weihnachtsklassiker, Frank Capras „Ist das Leben nicht schön?“ (1946). Da gibt es ein leicht rührseliges, wegen seiner tiefen Ehrlichkeit aber auch aufrichtig berührendes Lob des Altruismus. Während bei Capra James Stewart den immer nur an andere denkenden Mr. Bailey spielte, haben wir hier den Krämer Felix Ducotel (Leo G. Carroll), der fast eine heimliche Hauptrolle bekommt, jedenfalls gehört ihm das ganze Herz des Films. Er hat für den Laden seines gierigen Vetters (Basil Rathbone richtig schön typenbesetzt) nur Verluste eingefahren, weil er es einfach nicht fertigbringt, mal mit der Faust auf den Tisch zu hauen und Leuten die Begleichung der ausstehenden Schulden abzuverlangen oder als Verkäufer auch mal jemandem etwas aufzuschwatzen, das dieser nicht braucht. Felix muss als Marionette seines Vetters den Eindruck haben, ein Totalversager zu sein, und so fühlt er sich auch. Aber wenn Joan Bennett („Suspiria“) als Filmgattin ihm sagt, dass sie ihn nicht trotzdem, sondern deswegen über alles liebt, weil er so ist, wie er ist, dann kommen mir beim Verfassen dieses Textes fast schon wieder die Tränchen, die ich beim Schauen vergossen habe. Ähnlich ist das ja auch bei Mr. Bailey. Er muss sich als Versager fühlen und der Film sagt: Gerade solche Menschen sind wertvoll. Die „Engel“ wirken also nur im Sinne einer ausgleichenden Gerechtigkeit. Humphrey Bogart, der Ducotels Bücher frisiert, äußert, er passe die Einnahmen nur Ducotels Charakter an. Recht hat er!

Irdische Tricks mit himmlischer Wirkung

So können die gar nicht himmlischen Engel sich am Ende „ihre Flügel verdienen“ (im Bild: einen Zeichentrickheiligenschein bekommen), genau wie der etwas skurrile „gefallene“ Engel dies in „Ist das Leben nicht schön?“ geschafft hat. Während dieser aber ein „echter“ Engel war und mit himmlischer Macht wirkte, arbeiten die Sträflinge mit irdischen Tricks. Engel sind sie nicht minder. Der Titel meiner Rezension mag auf den Titel des Films antworten, der den Widerspruch geradezu herausfordert. Curtiz gelingt eine höchst ungewöhnliche Kombination aus authentischem Humanismus und derben, makabren Sprüchen sowie ein paar Leichen, über die man sich – in einem Film über das Friedensfest – auch noch freuen darf! Skurriler Humor trifft Herzerwärmendes. Ein einzigartiger Film, der zudem wunderbar restauriert und in allerschönster Farbenpracht den Geist der Weihnacht ins Wohnzimmer und die Zuschauerseele bringt – alle Jahre wieder!

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Michael Curtiz haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Humphrey Bogart, Basil Rathbone, Aldo Ray und Peter Ustinov unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 10. November 2005 als DVD

Länge: 102 Min.
Altersfreigabe: FSK
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: We’re No Angels
USA 1955
Regie: Michael Curtiz
Drehbuch: Ranald MacDougall, nach dem Theaterstück „La cuisine des anges“ von
Besetzung: Humphrey Bogart, Peter Ustinov, Aldo Ray, Joan Bennett, Basil Rathbone, Leo G. Carroll, John Baer, Gloria Talbott, Lea Penman, John Smith
Zusatzmaterial: keine
Label: Paramount Pictures
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2021 by Tonio Klein
Packshot: © 2005 Paramount Pictures / Universal Pictures Germany GmbH

 

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