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Prisoners of the Ghostland – Nicolas Cages wildester Film?

08 Dez

Prisoners of the Ghostland

Von Volker Schönenberger

SF-Abenteuer // Zwei Bewaffnete überfallen eine Bank. Der eine (Nicolas Cage) brüllt laut herum, verlangt von der Angestellten hinter dem Tresen mit vorgehaltener Pumpgun die Herausgabe des Geldes. Der andere (Nick Cassavetes) sagt kein Wort, überwacht die Szenerie und richtet sogar seine Waffe auf einen kleinen Jungen, der ihm Bonbons anbietet. Ein abrupter Szenenwechsel führt uns in ein altertümlich japanisch wirkendes Stadtviertel. Frauen – Geishas? Prostituierte? – sitzen hinter Gittern oder stehen auf Balkonen. Erwarten sie Kunden oder Freier? Drei Frauen schleichen durch die Gasse, durchqueren ein Tor und setzen sich in ein Auto. Sie scheinen auf der Flucht zu sein. Eine von ihnen, Bernice (Sofia Boutella, „Star Trek – Beyond“), erwacht kurz darauf aus unruhigem Schlaf, steht von ihrer Pritsche auf, schreit verzweifelt auf: I’m not a prisoner! Offenbar doch!

Ein Banküberfall läuft aus dem Ruder

In was für ein verrücktes Werk hat es Nicolas Cage denn nun schon wieder verschlagen? Auf den Covern der Heimkino-Veröffentlichung von „Prisoners of the Ghostland“ zitiert das Label die Seite „filmstart.de“ mit Das ist Nicolas Cages wildester Film. Dumm nur, dass die Seite nicht existiert, da falsch geschrieben. Auf „filmstarts.de“ findet sich immerhin eine ausführliche Rezension des Films, in welcher der Autor Björn Becher eingangs schreibt, Nicolas Cage selbst bezeichne das Werk als seinen wildesten Film. Das hat der Oscar-Preisträger („Leaving Las Vegas – Liebe bis in den Tod“) tatsächlich gesagt, zu finden bei „Screen Anarchy“. Sei’s drum, „Prisoners of the Ghostland“ kann sich durchaus mit Cages jüngsten Wildheiten wie „Mandy“ (2018), „Die Farbe aus dem All“ (2019) und „Willy’s Wonderland“ (2021) messen.

Welch sonderbare Geisha-Gasse

Als namenloser „Hero“ wird Cage auf Geheiß des „Governors“ (Bill Moseley, „Haus der 1000 Leichen“) von Samurai Town aus dem Knast geholt, in den er nach dem missratenen Banküberfall geworfen wurde – der Raubzug hatte sich zum Massaker entwickelt. In einer nach einem erst später spezifizierten Nuklearunfall zur postapokalyptischen Ödnis gewordenen Region Japans hat sich der Governor zum Herrscher aufgeschwungen, der sich „granddaughters“ (Enkelinnen) hält – wohl als Sexsklavinnen. Eine davon, besagte Bernice, hat es in die „Ghostland“ genannten Außenbezirke dieser Gegend verschlagen, wo noch mehr Gesetzlosigkeit herrschen als unter dem Joch des Governors. Der beauftragt unseren Helden, Bernice zurückzuholen. Damit er keine Fisimatenten macht oder sich Bernice gegenüber gar unzüchtig verhält, bekommt er einen Spezialanzug mit ein paar Sprengsätzen verpasst, die gegebenenfalls detonieren – oder dann, wenn er nicht innerhalb von fünf Tagen mit der Verschwundenen zurückkehrt. Ein Himmelfahrtskommando sondergleichen.

Der stets ganz in Weiß gekleidete Governor will seine …

Seit 1984 als Filmemacher aktiv, hat es Regisseur Sion Sono bis dato auf 58 Regiearbeiten gebracht. Vielfilmer kann man ihn wohl nennen, auch wenn er bei Weitem nicht an seinen japanischen Kollegen Takashi Miike heranreicht, der seit 1991 satte 111 Filme inszeniert hat. Für „Prisoners of the Ghostland“ durfte Sono erstmals mit amerikanischem Geld hantieren. Ich gebe zu, mit seinem Schaffen bislang nahezu gar nicht vertraut zu sein, auch wenn ich kürzlich zufällig seinen irrwitzigen „Tag – A High School Splatter Film“ (2015) geschaut habe (Rezension folgt). Der 1961 Geborene scheint mir aber ein ähnliches Faible für bizarre Stoffe zu haben wie sein anderthalb Jahre jüngerer Kollege Miike.

… „Granddaughter“ Bernice zurückbekommen

Und bizarr fällt „Prisoners of the Ghostland“ auf jeden Fall aus. Sono fügt Elemente des Samuraifilms, des Italowesterns und von Endzeitfilmen wie „Mad Max“ zu einer wilden (in der Tat also) Mischung zusammen. Beim ersten Gedanken an diese Kombination mag man denken, das gehe überhaupt nicht zusammen, beim zweiten jedoch: Doch, warum eigentlich nicht? Die mit „eigenwillig“ recht verharmlosend beschriebenen Kostüme, Ausstattung und Szenenbild sind zwar angetan, bei einem unbedarften Publikum Stirnrunzeln und Kopfschütteln auszulösen, erfahrene Filmguckerinnen und -gucker lassen sich davon aber nicht beirren. Von Nicolas Cage sowieso nicht mehr – und der lässt sich von derlei sonderbaren Sujets schon gar nicht mehr abschrecken. Gut so! Sion Sono greift unterschiedliche Themen auf, etwa das nukleare Trauma Japans, das nach Hiroshima/Nagasaki mit Fukushima 2011 erneuert wurde. Auch Schuld und Sühne erhalten ihren Raum.

Er soll sie holen …

Ursprünglich sollte in Mexiko gedreht werden, mit Imogen Poots („Green Room“) als Bernice und Ed Skrein („Midway – Für die Freiheit“) als Cages psychopathischer Bankraubkomplize. Doch dann erlitt der Regisseur einen Herzinfarkt, und um die Rekonvaleszenz nicht zu gefährden, wurden die Dreharbeiten nach Japan verlegt. Vermutlich ging damit auch ein Wechsel des Settings von mexikanisch zu japanisch einher. Ein angenehmer Nebeneffekt, denn ein mexikanisches Szenario hätte den Italowestern-Anteilen womöglich mehr Gewicht verliehen, als dem Film gutgetan hätte. Ein paar Schießereien gibt es sowieso, und aufgrund des Samurai-Anteils bekommen wir nun auch fein choreografierte Schwertkämpfe zu sehen. In dem Kontext sei noch auf des Governors Leibwächter Yasujiro (Tak Sakaguchi, „Versus“) verwiesen, eine schillernde Figur, so virtuos wie gnadenlos mit dem Schwert unterwegs und seinem Herrn treu ergeben (gleichwohl differenziert charakterisiert).

… bekommt ein paar Probleme …

Ist das nun Nicolas Cages wildester Film? Das möge jede Zuschauerin und jeder Zuschauer selbst entscheiden. Solche Superlative geben gute Werbeslogans her, belassen wir es dabei. Wild genug ist „Prisoners of the Ghostland“ allemal ausgefallen, sodass man sich nach dem Abspann fragt, was zum Teufel man da gerade gesehen habe. Sogar mehr noch als „Tag – A High School Splatter Film“ weckt „Prisoners of the Ghostland“ Lust, etwas tiefer in Sion Sonos Regisseurs-Œuvre einzutauchen.

… aber findet Bernice sogar

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Sofia Boutella haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Nicolas Cage und Bill Moseley unter Schauspieler.

Showdown mit des Governors Bodyguard

Veröffentlichung: 10. Dezember 2021 als UHD Blu-ray, Blu-ray und DVD

Länge: 103 Min. (Blu-ray), 99 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Prisoners of the Ghostland
USA/JAP 2021
Regie: Sion Sono
Drehbuch: Aaron Hendry, Reza Sixo Safai
Besetzung: Nicolas Cage, Sofia Boutella, Nick Cassavetes, Bill Moseley, Tak Sakaguchi, Young Dais, Charles Glover, Cici Zhou, Louis Kurihara, Tetsu Watanabe, Takato Yonemoto, Shin Shimizu, Matthew Chozick, Constant Voisin, Yuzuka Nakaya, Lorena Kotô, Canon Nawata
Zusatzmaterial: keins
Label/Vertrieb: Falcom Media

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshot: © 2021 Falcom Media

 
 

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2 Antworten zu “Prisoners of the Ghostland – Nicolas Cages wildester Film?

  1. Thomas Hortian

    2021/12/11 at 17:34

    Auf PRIONERS OF THE GHOSTLAND freu ich mich auch schon sehr, nach Deine Besprechung sogar noch ein bisschen mehr.
    Aber die Frage sei nochmals erlaubt: Wo hast Du die 111 Filme bei Takashi Miike her? Ich komme, je nach Zählung (Episoden von TV-Serien, Mini-Serien und das Musikvideo außen vor gelassen) auf 92 (ohne Kurzfilme), 93 (mit den drei Kurzfilmen der KUNAMOTO STORIES als einen Film), 95 (mit KUNAMOTO STORIES, THREE… EXTREMES & IMPRINT), 97 (mit allen Kurzfilmen in Einzelzählung) oder 98 (mit allen Kurzfilmen in Einzelzählung UND der Kurz-Doku MAKING OF GEMINI)…
    … aber ich bin ja auch manchmal ein vermaldeiter Klugscheißer, sorry.

     

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