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Carne – Früher Kurzfilm von Gaspar Noé um einen Menschenfeind

31 Dez

Carne

Von Volker Schönenberger

Kurzfilmdrama // Erst wollte ich das Adjektiv „verstörend“ in der Überschrift dieses Textes unterbringen, doch dann fiel mir ein, dass es sich auf jeden Film von Gaspar Noé anwenden lässt – sei es sein erster Langfilm „Menschenfeind“ (1998), sein rückwärts erzähltes Vergewaltigungsdrama „Irreversibel“ (2002), das Liebesdrama „Love“ (2015) oder sein jüngster Film, das Demenzdrama „Vortex“ (2021). „Carne“ (zu deutsch: Fleisch) markierte 1991 Noés dritte Regiearbeit, seinen dritten Kurzfilm, und gab bereits einen Ausblick darauf, dass sich von dem 1963 in Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires geborenen Filmemacher einiges erwarten lässt, nur kein Mainstreamkino.

Der Rossschlachter zieht seine Tochter …

Schon die ersten Bilder von „Carne“ sind angetan, ein ahnungsloses Publikum nachhaltig zu verstören – Vegetarier, Veganer und Pferdefreunde erst recht, denn wir bekommen in allen Einzelheiten die reale Schlachtung eines Pferdes zu sehen. Das Tier mag nicht eigens zum Zweck des Films getötet worden sein, sondern das Filmteam wird vermutlich einfach bei einer ohnehin geplanten Schlachtung mit der Kamera draufgehalten haben, gleichwohl wird das bei vielen Ablehnung und Abscheu hervorgerufen haben. Kurz darauf wird ein (menschliches) Baby entbunden, auch dies ist in aller Deutlichkeit zu sehen.

Von 1965 ins Jahr 1979

In 38 Minuten bekommen wir die Geschichte eines Pferdeschlachters und alleinerziehenden Vaters (Philippe Nahon) serviert. Die Handlung setzt überraschend exakt am Abend des 23. März 1965 ein, springt dann aber innerhalb von knapp fünf Minuten bis in den Januar 1979. Die Weihnachten 1965 geborene Schlachterstochter Cynthia (Blandine Lenoir) ist zur Teenagerin geworden, die kein Wort spricht und sich von ihrem Vater weiterhin duschen, waschen und abtrocknen lässt. Während ihr Vater seinem Handwerk nachgeht, sitzt sie meist vor dem Fernseher, während ein Kindermädchen auf sie aufpasst. Abends serviert er zum Essen vorzugsweise Pferdefleisch.

… recht freudlos auf

Der Fleischer bemerkt durchaus, dass seine Tochter langsam zumindest körperlich zur Frau wird. Ihn plagen Gelüste, doch er hält sich zurück. Eines Tages liefert ein Nachbar Cynthia mit einem Blutfleck auf dem Rock bei ihrem Vater ab, wohl von ihrer ersten Menstruation – sie hatte sich kurz zuvor in Krämpfen gewunden. Da der Nachbar berichtet, dass Cynthia von einem Arbeiter belästigt worden ist, rastet der Schlachter aus und lässt sich zu einem brutalen Akt der Gewalt hinreißen. Das besiegelt seinen mentalen und gesellschaftlichen Abstieg.

Vorläufer von „Menschenfeind“

Das Ende lässt uns unbefriedigt mit einem Aufbruch zurück (das gemeinhin positiv besetzte Wort Aufbruch mag hier nur unzulänglich passen). Aber das passt zu einem Kurzfilmdrama, das Gaspar Noé ohnehin nicht gedreht hat, um unseren Drang nach Unterhaltung zu befriedigen. Ob der Filmemacher von vornherein vorhatte, die Geschichte weiterzuerzählen? Er tat es jedenfalls acht Jahre später mit seinem Langfilmdebüt „Menschenfeind“, in welchem die drei zentralen Rollen des Metzgers, seiner Tochter und der späteren Freundin des Metzgers identisch besetzt wurden: mit Philippe Nahon, Horrorfreunden spätestens seit „High Tension“ (2003) ein Begriff, Blandine Lenoir und Frankie Pain.

Metzger und Menschenfeind

Gedankenspiel: Wie würde das Ergebnis aussehen, würde jemand Gaspar Noé einen Blankoscheck in die Hand drücken und ihn auffordern, nach seinem Gusto einen Wohlfühlfilm zu inszenieren? Würde er scheitern? Oder würde er von vornherein ablehnen? Jedenfalls dreht der Argentinier ganz offenkundig gern Filme, die das Gegenteils eines Wohlfühlfilms darstellen. „Carne“ ist natürlich ein solches Exemplar („Menschenfeind“ ebenfalls). Es ist unangenehm anzuschauen, wie sich die Geschichte um den missmutigen Metzger entwickelt. Er ist einfach ein Unsympath, dem Zärtlichkeit, Lebensfreude und Optimismus gänzlich abgehen. Was ihm widerfahren ist, das ihn so werden ließ, erfahren wir nicht (in „Menschenfeind“ ein wenig). Seine Wohnung ist auch nicht gerade anheimelnd eingerichtet. Noé wählt ab und zu ungewöhnliche Kameraperspektiven, was den garstigen Charakter dieser Charakterstudie betont. So sieht man in ein paar Einstellungen die Köpfe der Figuren nicht, da sie oben aus dem Bild herausragen. Alles wirkt durchdacht, so auch das Fernsehprogramm, mit dem sich Cynthia und ihr Vater berieseln lassen. Irgendein Prediger haut über die Glotze seine dogmatischen Lehren raus, und ein Maskierter namens „Carne“ kämpft gegen miese Gesellen. Sicher ist es auch kein Zufall, dass Noé hier ein Leben in bedürftigen Verhältnissen skizziert, etwas, das wir heute Prekariat nennen. Selbiges ist Nährboden für Misanthropie und deshalb auch nach 30 Jahren brandaktuell.

Famos: Philippe Nahon

Philippe Nahon trägt „Carne“ (wie auch „Menschenfeind“) als zentrale Figur, und das macht er ganz vorzüglich. Der Regisseur kann das markante Antlitz seines Hauptdarstellers völlig unbesorgt wiederholt in Großaufnahme ins Bild bringen, denn Nahon verkörpert den Misanthropen mit jedem Gesichtsmuskel. Nach 38 Minuten war ich erleichtert, diese finstere Seele verlassen zu können. „Carne“ feierte im Mai 1991 beim Film Festival in Cannes Weltpremiere und gewann dort den SACD Award als bester Kurzfilm. Im selben Jahr erhielt Noé auch den Prix Tournage bei Avignon Film Festival, 1992 dem International Fantasy Film Award beim Fantasporto. Philippe Nahon wurde im selben Jahr beim Clermont-Ferrand International Short Film Festival mit dem Darstellerpreis prämiert.

In der Mediathek von arte

„Carne“ kann bis zum 27. April 2022 in der Mediathek des deutsch-französischen Kultursenders arte angeschaut werden. Ein unangenehmes filmisches Erlebnis, so niederdrückend wie pessimistisch. Wer Kino nur als Unterhaltung – neudeutsch: Entertainment – begreift, wird seine Probleme damit haben (zugegeben: Die hatte ich ebenfalls). Aber als nicht nur auf wohliges Zurücklehnen erpichter Filmgucker mit breitgefächerten Interessen und dem Wunsch, auch abseitiges Kino zu entdecken, kommt man an Gaspar Noé nicht vorbei.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Philippe Nahon haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung (Frankreich): 18. Februar 2003 als DVD (im Bonusmaterial der „Menschenfeind“-Disc der Doppel-DVD „Irrevérsible / „Seul contre nous“ [„Menschenfeind“])

Länge: 38 Min.
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen arte-Stream: Französisch
Untertitel arte-Stream: Deutsch
Originaltitel: Carne
F 1991
Regie: Gaspar Noé
Drehbuch: Gaspar Noé
Besetzung: Philippe Nahon, Blandine Lenoir, Frankie Pain, Marie Berto, Hélène Testud, Frédéric Bodson, Roland Guéridon, Roger Lerain
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb DVD: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Filmplakat: Fair Use

 

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