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Moonfall – Der Master of Disaster flippt total aus

05 Feb

Moonfall

Kinostart: 10. Februar 2022

Von Volker Schönenberger

SF-Action // Gleich zum Auftakt dieses Textes die Warnung: Wer erwartet, Roland Emmerich veranstalte mit „Moonfall“ überdimensionalen Unfug, liegt völlig richtig. Wer es nicht nur erwartet, sondern gar befürchtet, möge die neueste Regiearbeit des 1955 in Stuttgart Geborenen meiden wie der Teufel das Weihwasser. Es wäre ein grober Fehler, all das ernst zu nehmen, was der Master of Disaster hier veranstaltet. Tut man das, kommt man aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus, Filmgenuss wird sich nicht einstellen. Dann lässt man es lieber. Wer jedoch bereit ist, die Absurdität der Story und vieler Bilder von „Moonfall“ zu akzeptieren, kann an diesem auf die Spitze getriebenen Kintopp seinen Spaß haben. Vertrautheit mit Emmerichs Filmografie hilft dabei allerdings nur begrenzt, da der Gute diesmal einige Schippen drauflegt, was den einen oder anderen „Hä?“-Moment mit sich bringt.

Eine Routinemission in der Erdumlaufbahn …

Die Handlung des von Februar bis August 2020 in Kanada gedrehten Katastrophen-Blockbusters lässt sich denkbar kurz zusammenfassen: Als der Mond seine Umlaufbahn verlässt und Kollisionskurs auf die Erde nimmt, versuchen eine Astronautin und ein Astronaut im Verbund mit einem als Spinner und Verschwörungstheoretiker belächelten Schlaumeier, das Ende der Menschheit zu verhindern.

Der Retter wird zum Schuldigen

Aber natürlich geht es auch etwas ausführlicher, ohne zu spoilern: Die Handlung setzt im Januar 2011 in der Erdumlaufbahn ein, wo die Astronauten Brian Harper (Patrick Wilson) und Alan Marcus (Frank Fiola) gerade mit Wartungsarbeiten an einem Satelliten beschäftigt sind. Von Bord einer Raumfähre aus überwacht Astronautin Jo Fowler (Halle Berry) das Geschehen, als sich unvermittelt eine mysteriöse dunkle Wolke von undefinierbarer Beschaffenheit nähert und Satellit wie Raumfähre umhüllt und in Mitleidenschaft zieht. Das kostet Marcus das Leben, Harper gelingt es mit Müh und Not, die Raumfähre zu besteigen und sie mit der bewusstlosen Fowler im manuellen Betrieb auf die Erde herunterzubringen. 18 Monate später jedoch ist er durch einen finalen Gerichtsspruch endgültig als der Schuldige des tragischen Zwischenfalls diskreditiert.

… endet katastrophal

Weitere zehn Jahre später lebt Harper mehr schlecht als recht vor sich hin, kann nicht mal seine Miete bezahlen. Er ist geschieden und von seinem Sohn Sonny (Charlie Plummer) entfremdet. Derweil entdeckt der sich mit Aushilfsjobs durchschlagende KC Houseman (John Bradley) als erster Mensch das Unvorstellbare: Der Mond hat seine seit ewigen Zeiten unveränderte Umlaufbahn um die Erde verlassen und einen Kurs eingeschlagen, der eine Kollision auf der Erde unausweichlich erscheinen lässt. Kurz darauf erfährt auch die ebenfalls geschiedene Fowler davon, die es als alleinerziehende Mutter immerhin zur stellvertretenden Direktorin der NASA gebracht hat. Berechnungen ergeben, dass der Menschheit bis zum Zusammenprall von Erde und Erdtrabant nur noch drei Wochen bleiben.

Der Mond und die Gezeiten

Weil KC Houseman seine Beobachtung zügig im Internet veröffentlicht hat, macht die Nachricht von der bevorstehenden Apokalypse umgehend die Runde. Hamsterkäufe und Plünderungen offenbaren zügig, wie schnell die Zivilisationstünche bei vielen Menschen abblättert. Die sich permanent steigernde Anziehungskraft des Mondes hat obendrein alsbald katastrophale Auswirkungen auf die Erdoberfläche. Dass ganze Küstenstriche überflutet werden, ist erst der Anfang.

Gehör findet KC Houseman meist nur bei den falschen Leuten

Nach „The Day After Tomorrow“ (2004) und „2012 – Das Ende der Welt“ (2009) hat Roland Emmerich erneut wissenschaftliche Theorien weiter gesponnen, als die Polizei erlaubt, und damit ein gigantisches Katastrophenszenario entworfen. Nun kann man apokalyptische Ereignisse nicht unbegrenzt steigern – viel mehr als der Untergang der Menschheit oder allen Lebens auf der Erde ist nicht drin. Was Emmerich aber steigern konnte und auch gesteigert hat, ist der Wahnwitz der Ideen, mit denen er das Ende unserer Tage heraufbeschwört. Der Mond auf Kollisionskurs mit der Erde ist schon eine Hausnummer, aber wenn wir glauben, nun habe der Regisseur bei der Frage, was dahintersteckt, die Katze aus dem Sack gelassen, kommt plötzlich eine weitere, noch größere Überraschung hervor. Das kann man mit Fug und Recht belächeln (in der Hamburger Pressevorführung von „Moonfall“ kam es immer wieder auch in ernsthaften Szenen zu Gekichere unter den anwesenden Filmjournalisten), aber man muss Emmerich für diese Chuzpe auch Respekt zollen.

Was sind Megastrukturen?

Anhand der Person des von John Bradley (Samwell Tarly aus „Game of Thrones“) verkörperten liebenswerten Spinners KC Houseman erfahren Brian Harper und wir einiges über theoretische Megastrukturen und die sogenannte Dyson-Sphäre. Weil der Mond vor vielen Jahren mal geklungen habe wie eine Glocke, müsse er ein künstlich erschaffener Hohlkörper sein. Sicher, das! Verschwörungstheoretiker aller Länder, vereinigt euch! Jedenfalls führen uns diese Thesen bis zu den Ursprüngen der Menschheit zurück. Darunter geht eben nichts, nicht kleckern, sondern klotzen, heißt die Devise. Das Recht muss man Filmemachern zugestehen, die Blockbuster produzieren.

Der Mond ist aufgegangen

Die Bildgewalt aus dem Computer sieht erwartungsgemäß schick aus. Allerdings hat sich der Wow-Effekt zumindest für mich doch spürbar abgenutzt, kennen wir manche Einstellungen doch schon, etwa aus den beiden oben erwähnten Katastrophenfilmen von Emmerich selbst und auch von anderen Filmen wie „San Andreas“ (2015). Ein paar visuelle Neuerungen sind dank der sich peu à peu steigernden Schwerkraft des Mondes zu bestaunen. Und wie immer bei diesen Filmen gilt auch hier: Zwar sterben Millionen und Abermillionen von Menschen, zu sehen bekommen wir diese Tode aber nicht. Man will ja nicht die jugendgerechte Altersfreigabe riskieren, weil ja insbesondere Teenagerinnen und Teenager die Kinos stürmen sollen.

Die „Family Values“

Wie so oft in Filmen dieser Art liegt bei den Figuren ein großer Schwerpunkt auf familiären Aspekten. KC Houseman hat eine demente Mutter, die bisweilen ihren Sohn nicht mehr erkennt, ihm aber in einem lichten Moment den Rücken stärkt. Der von Patrick Wilson („Conjuring”-Reihe) gespielte verkrachte Astronaut Brian Harper muss sich – natürlich – aufmachen, um die Welt zu retten, und sorgt sich gleichzeitig um seinen Sohn, der ihm entglitten ist. Brians Ex-Frau hat einen Autohändler (Michael Peña, „Shooter“) geheiratet und mit ihm zwei Töchter (Ava Weiss, Hazel Nugent), auch das bringt Emotionen mit sich. Das gilt auch für die von Oscar-Preisträgerin Halle Berry („Monster’s Ball“) verkörperte NASA-Vizechefin Jo Fowler, die ihren neunjährigen Sohn Jimmy (Zayn Maloney) und die auf ihn aufpassende chinesische Austauschstudentin Michelle (Kelly Yu) in Sicherheit wissen will. Mit ihrem Ex-Mann Doug Davidson (Eme Ikwuakor) muss sie sich ebenfalls auseinandersetzen, weil er als hochrangiger Offizier beim US-Militär an Planungen für andere Lösungen beteiligt ist. Einen denkbar kurzen Auftritt hat Donald Sutherland („Die Tribute von Panem“-Reihe) als NASA-Geheimniskrämer mit Futter für Verschwörungstheoretiker.

Können KC Houseman, Jo Fowler und Brian Harper (v. l.) die Welt retten?

Zwischendurch lockern immer wieder kleine humorige Einlagen und menschelnde Szenen den Ernst der Lage auf. So läuft zu Beginn während der Satellitenmission der Hit „Africa“ von Toto, ein echter Gassenhauer, den Brian Harper so leidenschaftlich wie falsch mitträllert: I miss the rains down in Africa, woraufhin ihn Kollegin Jo Fowler korrigiert, es laute I bless the rains down in Africa. All jenen, die es nicht wissen wollen, gestehe ich hiermit, bis vor wenigen Jahren I guess the rain’s down in Africa herausgehört zu haben und mich dabei zu fragen, was uns Toto damit wohl sagen wollen. Agathe Bauer eben.

Einfach mal wirken lassen

Die Figurengemengelage birgt Potenzial für weitere Gefahrensituationen, was Emmerich weidlich ausreizt. Das mag alles im Bereich „Larger than Life“ angesiedelt sein, aber wenn man sich zurücklehnt und das Geschehen einfach ohne kritischen Blick auf sich wirken lässt, können einen sowohl die Action als auch die emotionalen Elemente in ihren Bann ziehen. Wenn man das nicht kann oder will – auch gut.

Mit Raumfähre durch ein Trümmerfeld – nichts leichter als das

Emmerich-Fans werden dem Regisseur in Bezug auf „Moonfall“ weiterhin die Treue halten, Emmerich-Verächter sich bestätigt sehen. Es geht also alles seinen gewohnten Gang. Fazit: Roland Emmerich hat mit „Moonfall“ hanebüchenen Unsinn verzapft. Aber auch dafür wurden große Kinosäle erfunden.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Roland Emmerich haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Halle Berry unter Schauspielerinnen, Filme mit Michael Peña, Donald Sutherland und Patrick Wilson in der Rubrik Schauspieler.

Wo sind wir denn hier gelandet?

Länge: 132 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Moonfall
GB/CHN/USA 2022
Regie: Roland Emmerich
Drehbuch: Spenser Cohen, Roland Emmerich, Harald Kloser
Besetzung: Halle Berry, Patrick Wilson, John Bradley, Michael Peña, Donald Sutherland, Charlie Plummer, Wenwen Yu, Eme Ikwuakor, Carolina Bartczak, Zayn Maloney, Ava Weiss, Hazel Nugent, Maxim Roy, Stephen Bogaert, Josh Crudass, Katy Breier
Verleih: Leonine

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2022 Leonine

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2022/02/05 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Eine Antwort zu “Moonfall – Der Master of Disaster flippt total aus

  1. Christoph Wolf

    2022/02/14 at 16:11

    Der Film ist keine Katastrophe, kommt in der Rezension aber meinem Empfinden nach zu gut weg. Denn neben der Tatsache, dass uns mal wieder „hanebüchener Unsinn verzapft“ wird (was Emmerich auch schon besser getan hat), ist der Film erzählerisch einfach nicht wirklich rund geworden.

     

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