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Dario Argento (XII): Giallo – Wer schön sein will, muss leiden

16 Feb

Giallo

Von Tonio Klein

Horrorthriller // Ein Killer, dessen Neugeborenengelbsucht nie richtig behandelt wurde und der seither als „Gelber“ gemobbt wird; als Erwachsener ein entstelltes Schattenwesen mit fäulnisgelber Haut. Schönheit zerstört er; seine Opfer findet er in Turin unter schönen jungen Frauen, und er fügt ihnen vor dem Exitus Entstellungen zu, die seine eigenen bei Weitem übertreffen. Als das US-Model Céline (Elsa Pataky) in seine Fänge gerät, raufen sich ihre Schwester Linda (Emanuelle Seigner) und der Profiler Enzo (Adrien Brody) zusammen und ermitteln, zumal Céline mutmaßlich noch gerettet werden könnte.

Linda, Enzo und der Tod

Alfred Hitchcock and Brian De Palma meet torture porn? Diese späte Arbeit des Kult-Regisseurs Dario Argento wird von den Fans wenig geliebt. Zu Unrecht, wie ich finde! Argento erzählt in spannender Parallelmontage (Leiden von Céline / Ermittlungen) eine gleichsam unwahrscheinliche wie psychologisch spannende Geschichte. Man kann darüber streiten, ob Argento die Leiden der Opfer nicht ein wenig zu detailverliebt vor uns ausbreitet; gerade eine „Hammer auf den Kopp“-Szene ist dann doch unnötig drastisch ausgefallen. Ansonsten aber ist völlig stimmig dargestellt, wie sozusagen „jede Wunde eine Narbe zurücklässt“.

Es gibt nicht nur den Hammer, sondern auch gute alte Giallo-Stichwaffen

Die Zerstörung von Schönheit hat durchaus eine Entsprechung in der Geschichte und in der Psyche des Täters, und sie wird oft genug gezeigt, indem der Film bei aller Drastik dann eben doch im entscheidenden Moment abblendet und der Fantasie der Zuschauer das Feld überlässt. Dies gilt beispielsweise für das Aufschneiden der Lippen mit einer Gartenschere. Im Übrigen lässt sich Argento nie so sehr von der Brutalität vereinnahmen, dass alle Zwischentöne übertüncht sind. Céline beispielsweise – ja, sie ist schön und sexy, sehr sogar; ein Top Model eben. Aber wenn sie in Gefangenschaft ist, sehen wir nicht nur das Martyrium, das im wahrsten Sinne des Wortes UNTER die Haut geht, sondern sehen auch, wie dies die ganz normalen kleineren Unreinheiten AUF der Haut freilegt; jenseits von Schminke und Laufsteg. Dieser Verlust des Model-Schutzpanzers berührt um einiges mehr als die ganzen Wunden, auch wenn es deren so einige gibt.

Manchmal geht’s zur Sache, Schätzchen

Davon abgesehen erweist sich Argento als ein Meister der „Drehung der Schraube“: Immer wieder bricht er die Killer-Handlungslinie ab, sodass wir zunächst denken, dass es das jetzt war – dann aber steigert er sich durch eine konsequente Parallelmontage und kommt immer wieder darauf zurück, bis wir uns die Steigerung des Schreckens immer schon zuvor ausmalen. Man sage mir nicht, dieser Film überlasse nichts mehr der Fantasie! Irgendwann kulminiert das Hin und Her in einem spannenden Aufeinander-Zulaufen der Stränge (der Killer quält / der Ermittler schleicht sich heran …); und der Trick wird noch ein bisschen länger verschleiert als bei einer Parallelszene in „Das Schweigen der Lämmer“ (1991).

Das Profil des Profilers: beunruhigend!

Alles Genannte wäre immer noch nichts Besonderes, wenn man die Aussage auf die Plattheit „hässlicher Mann killt aus Neid schöne Frauen“ reduzieren müsste; das schaffen durchschnittliche Folterpornos und Backwood-Slasher auch. Argento, der immer schon ein Faible für grausame Tode schöner junger Frauen hatte, gelingt aber mehr als eine plumpe Selbstparodie mit dem Holzhammer. Entscheidend sind nicht seltsame Szenen, in denen Céline ihren Peiniger auch noch mobbt und unsere sadistischen niederen Instinkte ankurbelt, nach dem Motto, „die arrogante Céline hat es aber auch verdient“. Entscheidend ist die Rolle des Profilers Enzo. Am Ende ist sehr deutlich, dass er eine abgründige Figur ist, die mit dem Killer viel gemeinsam hat.

Mit ihm geht’s eher in die Hölle statt nach oben

Argento steuert aber von Anfang an darauf hinaus, und das macht er geschickt. Hier ist der Film auf vielschichtige Art sehr böse und stellt mal wieder die Frage, ob ein guter Polizist ist, wer Killer versteht, weil in ihm selbst einer schlummert. Oder ob in Menschen, die sich mit dem Dunklen beschäftigen und die uns schützen sollen, nicht selbst etwas sehr Dunkles schlummern muss, sodass wir ihnen miss- statt vertrauen sollten. Enzo ist damit eine Quasi-Fortsetzung der von Asia Argento verkörperten abgründigen Polizistin in ihres Vaters „Das Stendhal-Syndrom“ (1996). Und wie Argento das darstellt! Am Anfang sehen wir einmal den Schatten des Killers an der Wand; das Bild wird sich bei Enzo später wiederholen.

Die dunkle Seite des Ermittlers

Der Killer ist mit der Farbe Gelb assoziiert, einem Fäulnisgelb, der Farbe der Ausgestoßenen und Verfolgten (vgl. Susanne Marschall, „Farbe im Kino“; ein Beispiel ist auch der „Judenstern“ des NS-Regimes). „Giallo“ (ital. für gelb) hat hier viel mehr mit Farbpsychologie als mit einer Reverenz an Argentos frühere Thriller des „Giallo“-Genres zu tun. Und es gibt hier nicht nur gelb: Des Killers Taxi, in dem er die Frauen entführt, ist erstaunlicherweise von unschuldigem Weiß; der Ermittler hingegen wird durchgängig (Kleidung, Auto) mit der Farbe Schwarz assoziiert. Beide hausen in kellerartigen Gewölben bei fahlem Licht.

„Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?“ mal anders

Enzo hat eine Hintergrundgeschichte, die es zugegebenermaßen einigermaßen hirnrissig erscheinen lässt, dass er bei der Polizei überhaupt genommen wurde. Gleichwohl kommt auf den Punkt: Die beiden trennt nur ein Zufall. Der eine ist der Mörder und der andere der Ermittler, der eine hatte eine zweite Chance, der andere nicht – aber es hätte auch umgekehrt kommen können. Genauer gesagt, man kann sich sogar fragen, ob Enzo wirklich der bessere Mensch ist, ob die Trennung Mörder/Ermittler nicht eigentlich fragil ist.

Die 1000 Augen des Dario Argento

Argento lässt den Killer übrigens ebenfalls von Brody spielen, der unter dem Anagramm Byron Deidra auftritt. Von der Rollenzeichnung her perfekt – und vielleicht hat Argento zudem seinem Idol Fritz Lang gehuldigt, der in „Die 1000 Augen des Dr. Mabuse“ (1960) mit „Wolfgang Preiss“/„Lupo Prezzo“ (!) ebenfalls eine Doppelbesetzung nur mühsam kaschierte. Eine weitere Anspielung: Ein Mann hat ein Plakat des Sergio-Leone-Westerns „The Good, the Bad and the Ugly“ (1966) an seinem Arbeitsplatz hängen, der in der Bundesrepublik mit dem deutschen Titel „Zwei glorreiche Halunken“ verhunzt wurde. Nicht nur hatte Argento selbst einmal für seinen Landsmann Leone gearbeitet – wobei Argentos Anteil am Drehbuch von „Spiel mir das Lied vom Tod“ (1968) umstritten ist – und wollte ihm, so wie eventuell Fritz Lang, vielleicht eine kleine Reverenz erweisen. Auch ist der Titel (ebenso wie der Inhalt des Filmes) bezeichnend: Wer ist gut, wer böse, wer hässlich, wer schön? Darum geht es doch auch in „Giallo“.

Ästhetisierung des Schreckens, aber fesselnd

Wie das bei Argento so ist, sind die Hobbydetektive den berufsmäßigen Ermittlern um Lichtjahre voraus; auch in diesem Gespann haben wir eine starke Frau und einen zunächst stark scheinenden Mann, der aber im Grunde Opfer seiner Obsessionen ist. Adrien Brodys apathischer Blick am Ende sagt alles; sein von vielen als arg teilnahmslos empfundenes Spiel mit dauerhaften Anspannungs-Stirnfalten (siehe Bilder) ist für die Rolle perfekt. Sagenhafte Kameraarbeit, wenn er auf uns zugeht, zu uns (aber eigentlich in eine totale Leere) blickt, der Tiefenschärfegrad zurückgenommen wird, alles um ihn herum verschwimmt und er mit seiner verkorksten Psyche völlig allein, völlig außerhalb der Realität, völlig isoliert ist. Argento ist ein Meister der Spiegelungen und Blicke, zeigt uns auch immer etwas über das Sehen und unzählige Sichtweisen, verunsichert uns – aber bietet nun nicht einmal mehr eine Pseudo-Auflösung.

Irr’ lichternder Cop

Danach kommt noch eine Szene; sie mag ein wenig an Brian De Palmas böse Schlussszenen erinnern, auch wenn hier Hoffnung angedeutet wird. Nur ist diese – nach einem geschickten Spannungsmoment – völlig zufällig und alles andere als auf Enzos Arbeit zurückzuführen. Dann endet der Film sehr plötzlich, wie man es von vielen Argentos, Hitchcocks und De Palmas kennt. Er hallt daher noch etwas länger nach, als wenn es einen Epilog und/oder eine weitschweifige Erklärung gäbe; wunderbar! Summa summarum: ein gelungener, brutaler Thriller, dessen Hang zum Exzessiv-Expliziten nur gelegentlich überzogen wirkt. Bei uns bereits 2011 ungeschnitten mit FSK-18-Freigabe erschienen.

Eine blutrote Konstruktion

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Dario Argento haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Adrien Brody unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 8. September 2011 als Blu-ray und DVD

Länge: 92 Min. (Blu-ray), 89 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Giallo
IT 2009
Regie: Dario Argento
Drehbuch: Jim Agnew, Sean Keller, Dario Argento
Besetzung: Adrien Brody, Emmanuelle Seigner, Elsa Pataky, Robert Miano, Valentina Izumi, Sato Oi, Luis Molteni, Linda Messerklinger, Taiyo Yamanouchi, Daniela Fazzolari, Giuseppe Lo Console
Zusatzmaterial: Originaltrailer, Trailershow
Label/Vertrieb: Sony Pictures Entertainment

Copyright 2022 by Tonio Klein

Szenenfotos & Packshot: © 2011 Sony Pictures Entertainment

 

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