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Zum 100. Geburtstag von Pier Paolo Pasolini: Die 120 Tage von Sodom – Der kontroverse Brocken

05 Mrz

Salò o le 120 giornate di Sodoma

Von Volker Schönenberger

Der folgende Text enthält Spoiler.

Drama // Ihr, die ihr euch anschickt, diesen Film erstmals zu schauen, lasst alle Hoffnung fahren! Die letzte Regiearbeit von Pier Paolo Pasolini bereitet kein Vergnügen. „Die 120 Tage von Sodom“ ist im Gegenteil ein abstoßendes Werk, bei dem seinerzeit zweifellos etliche arglose Kinogängerinnen und Kinogänger verstört vorzeitig den Saal verlassen haben. Und wer will es ihnen verdenken?

In Mussolinis Italienischer Sozialrepublik

Der Originaltitel „Salò o le 120 giornate di Sodoma“ lässt den deutschen Titel als wörtliche Übersetzung erkennen, dem lediglich das vorangestellte „Salò oder“ fehlt. Salò lautet der Name einer Gemeinde in der italienischen Provinz Brescia in der Lombardei. Der am Westufer des Gardasees gelegene Ort war Hauptstadt der von Benito Mussolini geführten Repubblica Sociale Italiana, der Italienischen Sozialrepublik. Dieser faschistische Marionettenstaat existierte von 1943 bis 1945, war offiziell unabhängig, hing de facto aber an der Kandare des Deutschen Reichs, das ähnlich einer Besatzungsmacht auftrat. Mussolini war zu diesem Zeitpunkt eben kein ebenbürtiger Bündnispartner Hitlers mehr.

Demütigungen ohne Ende

Die Handlung am Gardasee setzt 1944 ein, eine Texttafel betitelt den ersten Abschnitt als Vorhölle. Pasolini orientierte sich in der Struktur seines Films somit an Dantes Inferno aus der Göttlichen Komödie. Vier Männer von Rang und Reichtum treffen eine gar sonderbare Vereinbarung: Fürst Blangis (Paolo Bonacelli), der Bischof (Giorgio Cataldi), der Gerichtspräsident (Uberto Paolo Quintavalle) und schließlich Präsident Durcet (Aldo Valletti), wobei offen bleibt, worin Durcets Präsidentschaft besteht oder bestand. Sie beschließen: Alles, was maßlos ist, ist gut. Im Auftrag dieses verkommenen Quartetts kidnappen Nazi-Schergen in der Umgebung eine Schar junger Leute – Mädchen und Jungen im Teenageralter. Ein Flüchtender wird ohne viel Federlesens erschossen.

Fürst Blangis hat das Sagen

Alle vier Herren sind Väter von Töchtern, und sie kommen überein, diese jeweils mit einem der anderen zu verheiraten, wobei Fürst Blangis die Verteilung vornimmt – er erweist sich ohnehin als dominanter Führer. Wichtige Bedienstete in dem hochherrschaftlichen Anwesen, in welchem sich das grausame Spektakel abspielen wird, sind vier gealterte Prostituierte, die die Aufgabe übernehmen, morgens im sogenannten Orgiensaal tabulose Geschichten aus den Erinnerungen ihres Daseins als Huren vorzutragen (ob diese Berichte im Rahmen des Geschehens wahr sind oder von den Frauen erstunken und erlogen, bleibt offen, was auch irrelevant ist). Eine Pianistin (Sonia Saviange) spielt dazu. Die Erzählungen sollen die vier Führer zu den ausgefallenen „Lustbarkeiten“ anregen, die sie sich wünschen. Außer üblichem Dienstpersonal gibt es zusätzlich eine Schar junger Männer, die als Aufseher – Kapos – fungieren.

Den Gekidnappten bleibt nichts erspart

Was folgt sind Vergewaltigungen, Erniedrigungen, Demütigungen, Mord. Penetriert wird vorzugsweise anal. Auf das Kapitel Höllenkreis der Manien folgt der Höllenkreis der Scheiße, in welchem die bedauernswerten Geiseln zur Koprophagie gezwungen werden (die dazugehörigen Bilder bahnen sich auf ekelerregende Weise schmerzhaft langsam an). Hoffnung gibt es keine, denn im Höllenkreis des Blutes werden sie alle dahingemetzelt – auf sadistische Weise, versteht sich, bis der Tod schließlich Erlösung bringt.

Empörung, ohne den Film gesehen zu haben

„Die 120 Tage von Sodom“ ist schwer zu deuten, will man mehr als das naheliegende „Faschismus ist pervers“ hineininterpretieren. Manch ein Filmgucker will das Werk ohnehin nicht deuten, sondern lediglich als extremen Vertreter des Torture Porns goutieren. Anderen dient entweder ihre Sichtung oder gar die Verweigerung der Sichtung dazu, sich darüber zu empören, wie man so etwas drehen oder schauen könne.

Sadismus

Das Zuschauen schmerzt. Filmischer Genuss sieht anders aus – ganz anders. Wer während des Films wiederholt vor Abscheu oder Ekel das Gesicht verzieht, muss sich nicht grämen, sondern darf dies als Beleg werten, menschlich geblieben und nicht völlig verroht zu sein. Pasolini erspart uns nichts – was sich abspielt, wird gezeigt, wenn auch nicht in pornografischer Deutlichkeit. Das mag voyeuristisch sein, fällt aber ausgesprochen unerotisch und alles andere als antörnend aus. Die betont kühlen, nüchternen Bilder mit vielen statischen, Gemälden oder Theaterarrangements ähnlichen Einstellungen intensivieren das cineastische Erlebnis.

Faschismus und Sex

All diese heftigen Bilder werfen die Frage nach einem Zusammenhang zwischen Faschismus und sexualisierter Gewalt auf. Ein heikles Thema, das ich im Rahmen dieses Textes sicher nicht ausufernd abhandeln kann. Es ist bekannt, dass es Vergewaltigern keineswegs immer in erster Linie um die Befriedigung ihres Sexualtriebs geht (vielleicht nicht einmal mehrheitlich), ebenso, dass Täter im Straftatbestand des Kindesmissbrauchs mehrheitlich eben keine Pädophilen sind. Die Vergewaltigung eines Menschen dient somit also oft der Ausübung absoluter Macht über das Opfer, teils gepaart mit größtmöglicher Demütigung/Erniedrigung (grob vereinfacht dargestellt). Macht wiederum ist ein Kernelement totalitärer Systeme und Strukturen. Diese absolute Machtausübung mittels sexualisierter Gewalt demonstriert „Die 120 Tage von Sodom“ anhand der vier Machthaber und ihrer bedauernswerten Opfer. Die Täter sind Libertins – Freigeister, die jeglicher Moral abgeschworen haben und herkömmliche sexuelle Normen ablehnen, um hemmungslos ihren abartigen Ausschweifungen zu frönen. Diese vier Herren sind zu Blümchensex jedenfalls nicht mehr in der Lage. Zu Zärtlichkeiten vielleicht schon, aber es sind Zärtlichkeiten, vor denen man schreiend davonrennen will. Sex und Gewalt sind bei ihnen untrennbar verbunden.

Ein grausamer Exzess

Außer Pier Paolo Pasolini haben weitere Filmemacher diesen Kontext zwischen Faschismus und Sex / sexualisierter Gewalt hergestellt, etwa Luchino Visconti in seinem Historiendrama „Die Verdammten“ (1969). Bereits in diesem Film wird sexuelle Perversion und Dekadenz mit nationalsozialistischem Despotentum in Zusammenhang gebracht, so Marcus Stiglegger im Booklet der mir vorliegenden DVD von „Die 120 Tage von Sodom“ (dazu später mehr). Liliana Cavani lässt in „Der Nachtportier“ (1974) einen ehemaligen SS-Offizier und KZ-Wachmann (Dirk Bogarde) und eine ehemalige KZ-Insassin (Charlotte Rampling) im Wien der Nachkriegszeit ihre sadomasochistische Beziehung aus dem Konzentrationslager wieder aufleben (im Oktober 2021 in vorbildlicher Edition als Mediabook mit UHD Blu-ray und Blu-ray der Wicked Vision Distribution GmbH veröffentlicht, seit Februar 2022 auch als Blu-ray und DVD im herkömmlichen Softcase von Weltkino lieferbar). Stiglegger erkennt bei Cavani eine mythische Ebene (…), die als Transgression in Georges Batailles Sinne gewertet werden muss: Das Paar lässt alle moralischen Grenzen hinter sich (…). Auch Tinto Brass’ kurz vor Beginn und während des Zweiten Weltkriegs spielender „Salon Kitty“ (1976) um ein Bordell in Berlin sei erwähnt.

Abgesang auf alle humanen Werte

Heutzutage herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass Hitler-Deutschland die Welt (im Verbund mit Mussolinis Italien und dem japanischen Kaiserreich) in die Barbarei gestürzt hat. Pasolinis „Die 120 Tage von Sodom“ stellt einen so bissigen wie erschütternden Kommentar dazu dar, wobei unbenommen ist, dass der Filmemacher damit womöglich auch etwas über seine Zeit aussagen wollte. Insbesondere das exzessive Ende lässt uns völlig hoffnungslos zurück, zumal die vier Täter ungeschoren bleiben (am Ende der Romanvorlage kehren sie schlicht nach Paris zurück). Ein Abgesang auf alle humanen Werte und ein nihilistisches Manifest, so Stiglegger in erwähntem Booklettext. Die Weltgeschichte ist voll von brutalsten Exzessen, zu denen Menschen fähig sind. Wer meint, sich von „Die 120 Tage von Sodom“ – ob Buch oder Film – abwenden zu können, um im realen Leben Erholung zu finden, könnte ein böses Erwachen erleben.

Roman im Schutzumschlag

Ein Vergleich zwischen Film und dem in der mir vorliegenden Fassung mehr als 550 Seiten starken Buch des Marquis de Sade fällt schwer, beschränken wir uns auf einige Aspekte: Der berüchtigte französische Adlige hatte „Die 120 Tage von Sodom“ ab Oktober 1785 an 37 Tagen in der Pariser Bastille geschrieben, wo er von 1784 bis 1789 einsaß. Das Geschehen siedelte er vage etwa im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts an, die Haupthandlung spielt sich in einem abgelegenen, zugemauerten Schloss ab, das sich irgendwo in Süddeutschland oder der Schweiz befindet. Mit der Zahl der Figuren nahm de Sade es sehr genau: Seinen vier Führern stellte er vier Töchter an die Seite, die zu Ehefrauen wurden, hinzu kamen unter anderem die vier liederlichen Damen mit ihren obszönen Geschichten, je acht Sexsklavinnen und Sexsklaven im Alter von 12 bis 15 Jahren, obendrein acht sogenannte Ficker – junge Männer mit prächtigen Gemächten, die den vier Herren Lust spenden sollten. Aus diesen Figuren machte Pasolini im Film wohl die Aufseher, und einer von ihnen „darf“ in einer Szene Präsident Durcet anal beglücken, als dieser danach verlangt. Auf diese Weise wird vieles, was im Buch breit ausgewalzt wird, im Film in kurzen Sequenzen aufgegriffen. Die entführten jungen Leute wurden im Roman anders als in Pasolinis Filmadaption nicht kurz vor Beginn der „Lustbarkeiten“ in der näheren Umgebung gekidnappt, sondern über Monate hinweg gezielt in ganz Frankreich, wobei es sich durchweg um Kinder aus gutem Hause handeln musste.

Roman

Wer sich von der Bewegtbildumsetzung angeekelt abwendet, sollte das Buch gar nicht erst aufschlagen, da es vor all diesen Perversionen strotzt und Seite um Seite eine Abartigkeit an die andere reiht, von denen es etliche überhaupt nicht in den Film geschafft haben (wer es liest, weiß immerhin, weshalb sich das Wort Sadismus von de Sade ableitet). Das gilt auch für den Missbrauch Minderjähriger, bei dem sich Pasolini aus gutem Grund etwas zurückgehalten hat. Für mein Empfinden waren die Entführten im Film eher an der Obergrenze von de Sades erwähntem Altersspektrum, wirkten wenigstens jugendlich und anders als im Roman nicht mehr kindlich. In den Geschichten der Erzählerinnen im Roman finden sich zudem unter anderem Erlebnisse einer Neunjährigen mit widerwärtigen Geistlichen – eine in Kombination mit anderen Abschnitten des Buchs deutliche Attacke de Sades auf den Klerus, die Pasolini in seiner Adaption weitgehend außen vor gelassen hat. Nicht ganz so deutlich kommt im Film obendrein die Verachtung der vier Führer für das weibliche Geschlechtsteil Vagina (und somit wohl per se für das weibliche Geschlecht) zum Tragen, die de Sade zum Ausdruck gebracht hat und die mit der Bevorzugung des Anus einhergeht. Ein Film muss Romaninhalte zwangsläufig kürzen und straffen, und hier ist doch Erleichterung angesagt, dass Pasolini nicht alles umsetzen konnte oder wollte, was de Sades verstörter Geist in der Gefangenschaft ersonnen hat.

Höchstrichterlich bestätigt: Beschlagnahme aufgehoben

Was Pasolini umgesetzt hat, reichte gleichwohl locker, um weltweit Jugendschützer und Moralwächter auf die Palme zu bringen und die Staatsmacht auf den Plan zu rufen (siehe dazu einen Text in „Der Spiegel“ von 2016). In der Bundesrepublik Deutschland wurde „Die 120 Tage von Sodom“ von diversen Amtsgerichten beschlagnahmt, im Februar 1976 verfügte das Amtsgericht Saarbrücken die bundesweite Beschlagnahme. Aber: Im Juni 1977 hob das Landgericht Saarbrücken dieses Urteil auf, und der Bundesgerichtshof bestätigte diese Entscheidung letztinstanzlich im April 1978 (siehe dazu diese Linksammlung). Das bewahrte den Film nicht vor der Indizierung durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (heute: Medien) im Jahr 1987, die turnusmäßige Neuprüfung 25 Jahre später führte 2012 zur Folgeindizierung.

Romanseiten

Für viele der Darstellerinnen und Darsteller, insbesondere die jungen Leute, blieb ihr Mitwirken an „Die 120 Tage von Sodom“ die einzige Filmrolle, andere hatten nur wenige weitere Filmauftritte. Am meisten Leinwand- und Fernsehpräsenz kann wohl Fürst-Blangis-Darsteller Paolo Bonacelli vorweisen, der seit 1961 in mehr als 120 Filmen mitwirkte und heute noch aktiv ist. Zu seinen bekanntesten Filmen zählen Alan Parkers „12 Uhr nachts – Midnight Express“ (1978), „Caligula“ (1979) von Tinto Brass und Anton Corbijns „The American“ (2010). Unter den Darstellerinnen der gealterten Prostituierten seien Hélène Surgère mit immerhin 80 und Caterina Boratto mit 64 Filmrollen erwähnt. Diese beiden und Bonacelli sind die mit weitem Abstand erfahrensten Mitglieder der Besetzung.

Produziert von Alberto Grimaldi

Anders verhält es sich mit dem Personal hinter der Kamera: Angesichts dessen, dass es sich um eines der umstrittensten Werke der Kinogeschichte handelt, überrascht es fast, dass Mitglieder der Crème de la Crème des seinerzeitigen italienischen Kinos beteiligt waren. So fungierte Alberto Grimaldi als Produzent, der nicht nur wiederholt Pasolini produzierte, sondern auch Bernardo Bertolucci („Der letzte Tango in Paris“, 1972), Federico Fellini („Fellinis Satyricon“, 1969), Sergio Leone („Zwei glorreiche Halunken“, 1966), Sergio Corbucci („Mercenario – Der Gefürchtete“, 1968), Sergio Sollima („Der Gehetzte der Sierra Madre“, 1966) und sogar Martin Scorsese („Gangs of New York“, 2002). Die Kamera bediente Tonino Delli Colli, Golden-Globe-Preisträger für „Das Leben ist schön“ (1997), für den er auch einen seiner vier italienischen Filmpreise David di Donatello gewann. Er war unter anderem auch für „Es war einmal in Amerika“ (1984) und „Der Name der Rose“ (1986) als Kameramann tätig.

Ennio Morricone

Fürs Produktionsdesign zuständig war Dante Ferretti, vielfach prämiert, unter anderem mit drei Oscars fürs Szenenbild („Art Direction“) von „Aviator“ (2004), „Sweeney Todd – Der teuflische Barbier aus der Fleet Street“ (2007) und „Hugo Cabret“ (2011). Als musikalische Untermalung sind in „Die 120 Tage von Sodom“ vornehmlich diegetische Klänge zu hören, sprich: die Klavierstücke der Pianistin im Film. Es handelt sich dabei um Kompositionen von Bach, Chopin, Orff, Puccini und anderen. Die wenigen, eher jazzigen Pianoklänge der Originalmusik stammen von keinem Geringeren als Ennio Morricone, der mit Pasolini befreundet war.

Pier Paolo Pasolini

Mit „Decameron“ (1971), „Pasolinis tolldreiste Geschichten“ (1972) und „Erotische Geschichten aus 1001 Nacht“ (1974) hatte der am 5. März 1922 in Bologna geborene Pier Paolo Pasolini zuvor seine „Trilogie des Lebens“ begonnen und vollendet. „Die 120 Tage von Sodom“ bildete den Auftakt der „Trilogie des Todes“. Auf die beiden Folgeteile wäre ich gespannt gewesen, wenn auch angesichts des verstörenden Charakters des ersten Films mit einigen Befürchtungen, aber dazu kam es nicht mehr: Der kontroverse Filmemacher wurde in der Nacht vom 2. auf den 3. November 1975 ermordet, am Strand von Ostia offenbar mehrfach von seinem eigenen Auto überfahren. Vier Jahre später wurde ein zum Tatzeitpunkt 17-jähriger (und 2017 verstorbener) Strichjunge für den Mord verurteilt. Der Geständige saß ein Drittel seiner neunjährigen Haftstrafe ab, wiederrief sein Geständnis allerdings 2005. Die Tatumstände und Ermittlungen werfen auch heute noch Fragen auf, Gerüchte und Thesen zu dem Mord gibt es einige. Im Rahmen dieses Textes hat es keinerlei Sinn, mich hier in Spekulationen zu ergehen, daher belasse ich es dabei, zumal ich sie doch nur abschreiben könnte, ohne eigene Erkenntnisse beizusteuern. Dem letzten Tag im Leben des Filmemachers widmete sich 2014 Abel Ferrara in „Pasolini“ mit Willem Dafoe in der Titelrolle.

Schon fürs Regiedebüt prämiert

Pasolini war nicht nur Filmemacher, sondern auch Lehrer und Dichter, Romanautor und Zeitungskolumnist. Seine früh bekannte Homosexualität kostete ihn den Lehrerjob und die Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei Italiens. Zum Film kam er Anfang der 1960er-Jahre, das Zuhälterdrama „Accattone – Wer nie sein Brot mit Tränen aß“ bildete 1961 sein Regiedebüt, für das er ein Jahr später beim Internationalen Filmfestival von Karlovy Vary gleich den Hauptpreis gewann. Mit dem Nachfolger „Mamma Roma“ (1962) blieb er dem Rotlichtmilieu verhaftet, als Prostituierte ist Anna Magnani zu sehen. Als Linker blieb Pasolini Zeit seiner Karriere sozial- und gesellschaftskritischen Themen treu, nahm dabei unterschiedliche bürgerliche Schichten in den Fokus.

Gewinner des Goldenen Bären

Als wichtigste Auszeichnung nahm er 1972 den Goldenen Bären der Berlinale für „Pasolinis tolldreiste Geschichten“ entgegen. Ein Jahr zuvor hatte er dort für „Decameron“ als Spezialpreis der Jury einen Silbernen Bären gewonnen. In Cannes hatte Pasolini erstmals 1958 einen Preis gewonnen – als Ko-Drehbuchautor fürs Skript von „Liebe hat kurze Beine“. Den Großen Preis der Jury von Cannes gewann er 1974 für „Erotische Geschichten aus 1001 Nacht“. Auch in Venedig war Pasolini wiederholt erfolgreich, erstmals 1962 mit dem Italian Cinema Clubs Award für „Mamma Roma“. 1964 folgten dort der OCIC Award und der Spezialpreis der Jury für „Das 1. Evangelium – Matthäus“. Um der Chronistenpflicht Genüge zu tun, sei der Venezia Classici Award für „Die 120 Tage von Sodom“ genannt, den die restaurierte Fassung des Films 2015 gewann.

Kino kontrovers

Hierzulande hat Legend Home Entertainment das Werk erstmals 2005 in seiner Reihe „Kino kontrovers“ auf DVD veröffentlicht (zuvor hatte es ein paar gekürzte VHS-Auflagen gegeben). Der Erstauflage fehlt angeblich eine Monologszene (siehe dazu hier und hier). Im Schnittbericht ist diese Szene zeitlich präzise benannt und vollständig zitiert, und die mir vorliegende DVD enthält sie, obwohl meine Edition meines Erachtens ein Exemplar der Erstauflage ist. Sie enthält im Übrigen auch ein Booklet mit einem ausführlichen Text von Marcus Stiglegger, der sich mit der Gemengelage von Sex und Faschismus/Nationalsozialismus im Film bestens auskennt (der Schlingel). Unabdingbare Lektüre, will man sich „Die 120 Tage von Sodom“ analytisch nähern.

Britische Edition des BFI

Die 2014 von EuroVideo veröffentlichten Blu-ray und DVD sind geschnitten. Das im selben Jahr erschienene „Kino kontrovers“-Mediabook wiederum enthält die unzensierte Fassung auf Blu-ray (in der Reihe ist im Übrigen auch der oben erwähnte „Salon Kitty“ als Mediabook erschienen). Ich hatte es nie in der Hand, gehe aber von einer vorbildlichen Edition aus. Empfehlenswert sind zweifellos auch die englischen Veröffentlichungen des Films durch das British Film Institute. Üblicherweise ist auch das US-Label The Criterion Collection bei der Frage nach Referenz-Editionen ganz vorn dabei, in diesem Fall allerdings fehlt den Blu-rays und DVDs eine 25-sekündige Szene, wohl ein technischer Fehler, und die Bildqualität reicht dem Vernehmen nach nicht ganz an die vom British Film Institute heran.

US-Edition von The Criterion Collection

Wer sich aufgrund dessen, was man über „Die 120 Tage von Sodom“ zu lesen bekommt, entscheidet, dieses Werk niemals schauen zu wollen, hat dazu jedes Recht und darf das guten Gewissens tun. Pasolinis letzte Regiearbeit bleibt aber ein wichtiges Werk der Filmgeschichte, eine bemerkenswerte Umsetzung eines Skandalromans und ein bedeutsames Fanal gegen den Faschismus. Sie als Gewaltexzess und Exploitation abzukanzeln, wird ihr nicht gerecht. Will man sich mit großen Kontroversen der Filmgeschichte befassen, führt an der Radikalität von „Die 120 Tage von Sodom“ kein Weg vorbei. Kino darf auch wehtun, Kunst darf auch abstoßen.

Veröffentlichung: 13. November 2014 als Blu-ray im Mediabook, 25. September 2014 als Blu-ray und DVD, 11. Februar 2005 als DVD

Länge: 117 Min. (Blu-ray), 112 Min. (DVD), 110 Min. (fehlerhafte Erstauflage der 2005er-DVD)
Altersfreigabe: FSK ungeprüft, SPIO/JK: strafrechtlich unbedenklich
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Salò o le 120 giornate di Sodoma
Alternativtitel: Salò oder Die 120 Tage von Sodom
IT/F 1975
Regie: Pier Paolo Pasolini
Drehbuch: Pier Paolo Pasolini, Sergio Citti, Pupi Avati
Besetzung: Paolo Bonacelli, Giorgio Cataldi, Uberto Paolo Quintavalle, Aldo Valletti, Caterina Boratto, Elsa De Giorgi, Hèléne Surgère, Sonia Saviange, Sergio Fascetti, Bruno Musso, Antonio Orlando, Claudio Cicchetti, Franco Merli, Umberto Chessari, Lamberto Book, Gaspare Di Jenno, Giuliana Melis, Faridah Malik, Graziella Aniceto, Renata Moar, Antiniska Nemour, Olga Andreis, Ines Pellegrini
Zusatzmaterial Mediabook: „Der sanfte Radikale – Pier Pablo Pasolini: Ein Porträt (35:25 Min.) „Open your Eyes! Pasolini und seine Schauspieler am Set von Salò“ (21:12 Min.), „Das Höllentor von Salò oder die 120 Tage von Sodom: Deleted Scenes“ (29:04 Min.), deutscher Trailer, italienischer Trailer, Booklet mit einem Essay von Dr. Stefan Volk
Zusatzmaterial DVD: Doku zum Film: „Salò – gestern und heute“ (31:55 Min.), „Die Kinder von Salò – Vier Filmemacher im Gespräch“ (18:29 Min.), Fotos von den Dreharbeiten (2:36 Min.), deutscher Trailer, italienischer Trailer, 20-seitiges Booklet mit einem Essay von Prof. Dr. Marcus Stiglegger
Label/Vertrieb Mediabook: MGM / LFG / EuroVideo Medien GmbH
Label/Vertrieb 2014: EuroVideo Medien GmbH
Label DVD 2005: Legend Film
Vertrieb DVD 2005: Universum Film

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Geschnittene DVD von EuroVideo

Szenenfotos & Packshot FSK-Fassung: © 2014 EuroVideo Medien GmbH

 
 

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Eine Antwort zu “Zum 100. Geburtstag von Pier Paolo Pasolini: Die 120 Tage von Sodom – Der kontroverse Brocken

  1. steffelowski

    2022/03/06 at 09:44

    Schöner Beitrag 👍

     

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