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Archiv für den Monat April 2022

Tag – A High School Splatter Film: Wenn der Wind den Bus abdeckt

Riaru onigokko

Von Volker Schönenberger

SF-Horror-Action // Nach dem blutigen japanischen Spektakel „Tag – A High School Splatter Film“ lechzten deutsche Gorehounds bereits frühzeitig. Das lag zum einen an der im Netz kursierenden Szene, in der einem Reisebus voller Schülerinnen das Dach abgedeckt wird, was nahezu alle Fahrgäste im Rumpf zerteilt, zum anderen daran, dass der Film 2016 ohne Umweg über Deutschland ohne Zensurkürzungen sogleich in Österreich als Mediabook veröffentlicht wurde. Überraschenderweise zeigte sich die FSK ein Jahr später gnädig und verpasste dem Werk eine Freigabe ab 16 Jahren. Das wiederum war dem deutschen Lizenzinhaber I-On New Media offenbar zu wenig, weshalb das Label ein wenig Etikettenschwindel betrieb und die Blu-ray und DVD mit FSK-18-Logo veröffentlichte, um die erwähnten Gorehounds bei der Stange zu halten.

Wenn Lehrerinnen sauer werden

Im Mittelpunkt der Handlung steht die Schülerin Mitsuko (Reina Triendl), die den grauenvollen Reisebusunfall als Einzige überlebt, weil sie in dem Moment am Boden ihren heruntergefallenen Kugelschreiber aufnimmt. Nach dem Ausrollen verlässt sie in Schockstarre den Bus. Ein mysteriöser, tödlicher Wind scheint sie zu verfolgen, der weitere Teenager auf dieselbe Weise das Leben kostet. Nach einiger Zeit des Herumtorkelns erreicht Mitsuko eine ihr unbekannte Schule, wo sie als Mitschülerin begrüßt wird. Doch Mitsuko kennt Aki (Yuki Sakurai), Sur (Ami Tomite), Taeko (Aki Hiraoka) und all die anderen gar nicht! In der Folge durchlebt die Schülerin weitere entsetzliche Ereignisse. Um aus der tödlichen Spirale der Gewalt zu entkommen, muss sie das Geheimnis um den Wind entschlüsseln.

Männerfantasien

„Tag – A High School Splatter Film“ erweckt eine Weile den Eindruck, es vornehmlich auf die Zurschaustellung heftiger Splattereffekte und japanischer Fetischfantasien abgesehen zu haben. Die blutigen Tricks sind dabei eine Mischung aus CGI und praktischen Effekten, was manchmal billig aussieht, aber nicht immer. Junge Japanerinnen in Schuluniform sind im Land der aufgehenden Sonne offenbar gern genommenes Objekt männlicher Begierde, erst recht, wenn ab und zu ein Höschen unter dem Rock oder ein BH unter der Bluse hervorblitzt. Damit muss man umgehen können (oder selbst diesen Fetisch pflegen). Wer hinter diese bisweilen etwas trashig wirkenden Schauwerte und den schwarzen Humor blickt, entdeckt ein fesselndes Mysterium, in welchem multiple Universen eine Rolle zu spielen scheinen und Mitsuko durch bizarre Situationen stolpert, in denen sie bisweilen sogar ihre Identität gewechselt hat, was sie selbst erst merkt, wenn sie mit anderem Namen angesprochen wird.

Welchen Sinn ergibt das?

Was dahintersteckt, entwirrt sich mit dem nicht minder bizarren Finale, in welchem ein skurriler Alter mit langen weißen Haaren (Takumi Saitô) einen sonderbaren Auftritt hinlegt. Ich bin nicht sicher, ob all das komplett zu Ende gedacht ist und auf stimmige Weise Sinn ergibt, aber vielleicht kommt es darauf auch gar nicht an. Jedenfalls können einige Aspekte des Films auch als Kommentar zur Situation von Frauen und speziell jungen Frauen in Japan verstanden werden. Was insgesamt bleibt, ist ein außergewöhnliches cineastisches Erlebnis vom japanischen Vielfilmer Sion Sono, der mit Filmen wie „Suicide Circle“ (2001), „Strange Circus“ (2005) und „Cold Fish“ (2010) von sich reden machte und jüngst in der US-japanischen Produktion „Prisoners of the Ghostland“ (2021) mit Nicolas Cage als Hauptdarsteller zusammengearbeitet hat, der in den vergangenen Jahren ja ein Faible für bizarre Stoffe offenbarte.

Wie komme ich hier nur wieder raus?

Nach seiner Weltpremiere in Japan im Juli 2015 ging „Tag – A High School Splatter Film“ auf Festivaltour, welche das Werk im Dezember jenes Jahres auch zu den Fantasy Filmfest White Nights nach Deutschland führte. Die eingangs erwähnten Blu-ray und DVD mit FSK-18-Logo sind im Handel problemlos zu finden, kommen leider ohne jegliche Untertitel daher. Wie es sich mit den österreichischen Mediabooks verhält, kann ich nicht einschätzen. Wer obskuren japanischen Fantasien und Funsplatter etwas abgewinnen kann, sollte ein Auge riskieren.

My Big Fat Japanese Wedding

Veröffentlichung: 28. Juli 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 85 Min. (Blu-ray), 79 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18 (Film FSK 16)
Sprachfassungen: Deutsch, Japanisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Riaru onigokko
JAP 2015
Regie: Sion Sono
Drehbuch: Sion Sono
Besetzung: Reina Triendl, Mariko Shinoda, Erina Mano, Yuki Sakurai, Aki Hiraoka, Ami Tomite, Mika Akizuki, Misaki Amano, Urara Aryû, Mao Asou, Nanami Hidaka, Rin Honoka, Hikaru Horiguchi, Rika Hoshina, Sayaka Isoyama, Takumi Saitô
Zusatzmaterial: Trailer, Wendecover
Label: I-On New Media GmbH
Vertrieb: WVG Medien GmbH

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshot: © 2017 I-On New Media GmbH

 

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Zum 65. Geburtstag von Daniel Day-Lewis: There Will Be Blood – Die Schauspielkunst eines Giganten

There Will Be Blood

Von Volker Schönenberger

Drama // Er ist fürwahr ein Gigant. Werden die größten Schauspieler der vergangenen Jahrzehnte diskutiert, fällt zügig der Name Daniel Day-Lewis. Das liegt nicht nur, aber auch an den Oscars: Für seine Hauptrollen in „Mein linker Fuß“ (1989), „There Will Be Blood“ (2007) und „Lincoln“ (2012) trug er den Academy Award von dannen, so viele wie bei den Männern nur noch Walter Brennan und Jack Nicholson (bei beiden waren anders als bei Day-Lewis auch Nebenrollen-Oscars darunter). Bei den Frauen war einzig Katharine Hepburn mit vier Trophäen erfolgreicher, Ingrid Bergman, Frances McDormand und Meryl Streep sind mit drei Schauspielerinnen-Oscars ebenso erfolgreich wie Day-Lewis, wobei McDormand als Produzentin von „Nomadland“ (2020) sogar noch den Oscar für den besten Film abgeräumt hat.

Bühnenzusammenbruch als Hamlet

Es versteht sich von selbst, dass der am 29. April 1957 im Londoner Stadtteil Greenwich geborene Daniel Day-Lewis zahlreiche weitere bedeutsame Filmpreise gewonnen hat, darunter zwei Golden Globes und vier British Film Academy Awards (BAFTA Awards). Seine Filmografie erweist sich dabei mit nur 30 Einträgen als recht überschaubar. Klasse statt Masse ist definitiv Day-Lewis’ Devise gewesen. Seine Laufbahn begann er beim Theater, parallel zum Film blieb er der Bühne bis 1989 treu, als er während einer Aufführung von „Hamlet“ in London als Titelheld einen Nervenzusammenbruch erlitt. Seitdem hat er nie wieder Theater gespielt, was er verschmerzen konnte, da nun erst seine erfolgreichste Phase im Film ihren Anfang nahm, beginnend mit seiner Rolle des spastisch gelähmten Malers und Schriftstellers Christy Brown im Biopic „Mein linker Fuß“.

Der vermeintliche Witwer und sein Sohn …

Als Method Actor hat sich Daniel Day-Lewis seinen Rollen stets mit Haut und Haaren verschrieben, was ihn wohl auch sehr wählerisch machte und seine kurze Filmografie erklären mag. Einen anderen Grund dafür nannte er selbst im Februar 2008 in einem Interview während der Promotion-Tour zu Paul Thomas Andersons „There Will Be Blood“ (2007): Wenn ich mich längere Zeit von der Arbeit fernhalte, liegt das an meinem eigenen Rhythmus, und der ist nun mal von Faulheit geprägt. In meinem Leben gibt es auch andere Dinge zu tun. (…) Wenn ich mein Arbeitstempo erhöhen würde, dann würde ich die Freude an der Arbeit verlieren. Eine bewundernswerte Einstellung, die man sich als berufstätiger Mensch natürlich leisten können muss. Ein hervorragend bezahlter Schauspieler der A-Liga kann das (das sei ohne jeden Neid festgestellt und Day-Lewis von Herzen gegönnt).

Ruhestand nach „Der seidene Faden“

Dass er seine Schauspielkarriere 2017 nach seiner Hauptrolle als Londoner Modeschöpfer in Andersons Drama „Der seidene Faden“ an den Nagel hing, ist bedauerlich, aber konsequent. Wenn er nun mal das Gefühl hatte, schauspielerisch alles gesagt zu haben, ist der Ruhestand für einen Method Actor folgerichtig. Seine Glanztaten bleiben uns ja erhalten. Man denke nur an seine intensive Verkörperung des Justizirrtums-Opfers Gerry Conlon im IRA-Drama „Im Namen des Vaters“ (1993) von Jim Sheridan und seine beängstigende Darstellung des Gangsterbosses „The Butcher“ („Der Metzger“) in Martin Scorseses gewalthaltigem Historienkrimi „Gangs of New York“. Am 29. April 2022 feiert Daniel Day-Lewis seinen 65. Geburtstag. An sich für einen Schauspieler kein Anlass, in Rente zu gehen (man denke nur an Clint Eastwood), aber die Entscheidung nötigt Respekt ab.

… geben sich auch schon mal als Wachteljäger aus, wenn es der Sache dient

„There Will Be Blood“, für den der Gute seinen mittleren Oscar, den ersten Golden Globe, den dritten BAFTA Award und etliche andere Preise gewann, gehört auch zu den Meisterwerken, die man immer wieder schauen kann (auch wenn ich gestehen muss, dass es sich bei der Sichtung anlässlich dieser Würdigung um meine erste handelt). Die Handlung setzt im Jahr 1898 in New Mexico ein. Day-Lewis spielt Daniel Plainview, der ein einsames Leben führt und in einer abgelegenen Mine nach Silber schürft. Bei einem Sturz im Schacht bricht er sich das Bein, doch mit eiserner Willenskraft gelingt es ihm, sich samt seines Silberfundes aus der Grube emporzuarbeiten und in den nächsten Ort zu schleppen, wo er seinen Claim sichert, der ihm als Entdecker das Recht verschafft, auf öffentlichem Grund Bodenschätze zu gewinnen.

Vom Erdöl in Kalifornien

Vier Jahre später hat der nach seinem Beinbruch humpelnde Plainview auf Erdöl umgesattelt und beschäftigt sogar einige Angestellte. Als einer von ihnen von einem herabstürzenden Balken erschlagen wird, adoptiert Plainview dessen Sohn (als Baby gespielt von den Zwillingsbrüdern Harrison und Stockton Taylor). 1911 stellt er den Waisenjungen sogar als seinen Partner H. W. Plainview (nun Dillon Freasier) vor. Als vermeintlicher Witwer gewinnt er das Vertrauen argloser Grundbesitzer, unter deren Boden er Erdölvorkommen vermutet, und lässt sich gegen eine geringe Gewinnbeteiligung der Leute die Förderrechte überschreiben. Gerade erst ist er in Signal Hill im Los Angeles County auf Öl gestoßen (tatsächlich wurde das unter dem Ort befindliche gewaltige Long Beach Oil Field erst 1921 entdeckt – dort wird bis heute Öl gefördert), da erhält er Besuch von Paul Sunday (Paul Dano). Der verlangt 500 Dollar für einen Tipp, berichtet von Erdöl auf der Ranch seiner Eltern und zieht von dannen.

Wenn Öl so verbrennt, muss viel davon vorhanden sein

Plainview besorgt sich eine Camping-Ausrüstung und wandert mit seinem Sohn los. Auf der Sunday-Ranch eingetroffen, täuscht er der Familie vor, Wachteln jagen zu wollen. Als sich Pauls Zwillingsbruder Eli (erneut Paul Dano) zeigt, sind Vater und Sohn Plainview ob der Ähnlichkeit verblüfft, verraten aber nicht, Paul zu kennen. Der überaus religiöse Eli durchschaut die Absichten des „Oil Man“ Plainview dennoch schnell und mischt sich ein, als dieser Elis Vater Abel Sunday (David Willis) die Ranch für einen Apfel und ein Ei abluchsen will. Und während es Daniel Plainview mit List und wohlklingenden Verheißungen einer reichen Zukunft gelingt, sein Unternehmen in der Gegend als Ölförderbetrieb zu verankern, etabliert sich Eli als Prediger der Gemeinde und Widersacher des Öl-Tycoons.

Paul Dano stellt sich Daniel Day-Lewis

Respekt, Paul Dano! Sich schauspielerisch in einigen Szenen mit dem großen Daniel Day-Lewis zu messen, ist eine Herausforderung, vor der manch einer vielleicht zurückschrecken würde (obwohl es für jeden Darsteller mit einem Funken Ehrgeiz Motivation genug sein sollte). Und Dano macht das gut! Sein Potenzial bewies er später unter anderem in „Love & Mercy“ (2014), dem Biopic über den Beach-Boys-Mastermind Brian Wilson, und „Swiss Army Man“ (2015), einer skurril-grotesken Tragikomödie um einen Schiffbrüchigen und einen von Daniel „Harry Potter“ Radcliffe verkörperten Leichnam mit Dauerblähungen. In „There Will Be Blood“ liefert sich Dano einige intensive Szenen mit Daniel Day-Lewis (dass diese mich aufgrund ihrer religiösen Schlagseite etwas befremden, liegt an meiner grundsätzlichen Haltung zur Religion und ist nicht Dano anzulasten).

Das Inferno muss gestoppt werden

Geld allein macht nicht glücklich! Eine Binsenweisheit, keine Frage, und ganz sicher lässt sich „There Will Be Blood“ nicht darauf reduzieren. Aber sie spielt doch hinein, und nicht zu knapp. Glücklich wirkt Daniel Plainview zu keinem Zeitpunkt, selbst auf der Höhe seines Erfolges nicht. Dabei liegt ihm viel an seinem Ziehsohn, und er könnte seine beträchtlichen Möglichkeiten dafür einsetzen, ihm und sich einfach ein gutes Leben zu bereiten. Aber das gelingt ihm nicht, ob aus dem Wunsch, immer mehr Geld zu scheffeln, oder aus einem Arbeitsethos heraus. In einer schmerzhaften Szene täuscht er dem nach einem Unfall gehörlosen Jungen im Eisenbahnabteil kurz vor der Abfahrt vor, ein Wort mit dem Schaffner wechseln zu wollen, um tatsächlich den Zug zu verlassen – Plainviews Mitarbeiter Fletcher (Ciarán Hinds in nur wenigen Szenen unter Wert) soll H. W. fortbringen, in ein Internat. Als der Junge bemerkt, dass der Mann, den er für seinen Vater hält, nicht ins Abteil zurückkehren wird, ist es zu spät. Ist Daniel Plainview böse? Er tut Böses, sogar sehr Böses. Aber wir lernen ihn auch anders kennen, immerhin. Auch wenn er sicher stets zu viel arbeitet, ist er dem Ziehsohn über Jahre doch ein fürsorglicher Vater. Und als er mitbekommt, dass Abel Sunday seine mit H. W. befreundete Tochter Mary (Sydney McCallister) körperlich züchtigt, wenn sie nicht betet, stellt er das ohne jeden Aufwand ab. Eine zwiespältige Figur ist dieser Daniel Plainview also. Am Ende ist er gebrochen, zerbrochen, natürlich. Man konnte es zuvor ahnen: Ein glücklicher Lebensabend im Ruhestand wird ihm nicht beschieden sein.

Daniel Day-Lewis ist Daniel Plainview

Was soll man sagen oder schreiben über diese Schauspielkunst, das nicht schon gesagt oder geschrieben wurde? Daniel Day-Lewis verkörpert Daniel Plainview nicht, er ist Daniel Plainview – mit jeder Faser seines Körpers (sicher stand das seinerzeit zum Kinostart von „There Will Be Blood“ wörtlich oder sinngemäß auch schon anderswo geschrieben). Plainview stellt seine Absichten über alles, lässt damit Moral und letztlich die Gesellschaft hinter sich. Um das zu visualisieren, braucht Daniel Day-Lewis keine großen Gesten oder Taten. Der intensive, bisweilen stechende Blick des Getriebenen reicht da völlig aus.

John Huston und Upton Sinclair

Regisseur Paul Thomas Anderson zufolge diente ihm John Hustons Klassiker „Der Schatz der Sierra Madre“ (1948) als Inspiration für seine Arbeit an „There Will Be Blood“. Inhaltlich bediente er sich bei Upton Sinclairs 1926/1927 erstveröffentlichtem Roman „Oil!“, in Deutschland 1927 unter dem Titel „Petroleum“ und 2013 in Neuauflage als „Öl!“ erschienen. Anderson hat aber geäußert, lediglich die ersten etwa 150 Seiten des mehr als 500 Seiten dicken Buchs für den Film verwendet zu haben. Eine der Hauptfiguren des Romans wiederum basiert auf dem US-Ölmagnaten Edward L. Doheny, der somit als Vorbild für Daniel Plainview gesehen werden kann.

Score vom Radiohead-Gitarristen Johnny Greenwood

„There Will Be Blood“ kommt in vielen Szenen ohne jede musikalische Untermalung aus. Zwischendurch unterbrechen immer wieder die teils dissonanten Tonfolgen der Originalmusik des Radiohead-Gitarristen Johnny Greenwood die Stille. Sie durchdringen das Publikum geradezu und verstärken die eigentümliche Stimmung von „There Will Be Blood“, die sich schwer greifen lässt. Einiges stößt uns ab, insbesondere im Verhalten von Daniel Plainview; und dennoch entfaltet das Geschehen eine Sogwirkung, die zu keinem Zeitpunkt auch nur von einem Anflug von Humor durchbrochen wird. Ein unbequemes Werk, aber in jedem Moment sehenswert, da kein Detail zufällig wirkt, sei es das völlige Fehlen jeglicher Dialoge in der Anfangsviertelstunde oder die Rätselhaftigkeit bezüglich der Zwillingsbrüder Paul und Eli Sunday (Paul tritt nur ein einziges Mal in Erscheinung, als er Daniel Plainview den Tipp verkauft, und bis zum Ende des Films fragen wir uns, ob es ihn überhaupt gibt oder Eli ihn nur vorgetäuscht hat, erhalten darauf aber keine endgültige Antwort).

Eli Sunday ist ein echter Prediger geworden

Die zahlreichen Preise hat sich „There Will Be Blood“ verdient, nicht nur die bereits erwähnten für Daniel Day-Lewis, sondern beispielsweise auch der Oscar für Paul Thomas Andersons Stamm-Kameramann Robert Elswit und die beiden Silbernen Bären der Berlinale 2008 für Regisseur Anderson und die Musik Johnny Greenwoods (im Wettstreit um den Goldenen Bären unterlag „There Will Be Blood“ dem brasilianischen Krimidrama „Tropa de Elite“). Auch an den Kinokassen stellte sich Erfolg ein – sein Budget von 25 Millionen Dollar verdreifachte der Film.

Inspiriert von uralten Fotos

Blu-ray und DVD sind hierzulande problemlos zu finden, wobei die Blu-ray-Veröffentlichungen in puncto Bonusmaterial etwas üppiger bestückt zu sein scheinen. Die 25-minütige Stummfilm-Doku „The Story of Petroleum“ beispielsweise stammt von 1923 und gibt einen feinen Einblick in die Frühzeit der Erdölförderung. Ebenso interessant ist das viertelstündige Featurette „15 Minuten Inspiration“, das eine Vielzahl zeitgenössischer und noch älterer Abbildungen inklusive einiger Bewegtbilder aus dieser Ära der Erdölgewinnung in den USA enthält. Sehr sehenswert, weil diese Aufnahmen als – genau – Inspiration für die visuelle Umsetzung des Sujets und des Zeitkolorits dienten. Und so wirkt „There Will Be Blood“ auch optisch wie aus einem Guss. Meisterhaft.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Paul Thomas Anderson haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Paul Dano, Daniel Day-Lewis und Ciarán Hinds unter Schauspieler.

Glücklichsein ist keine Option

Veröffentlichung: 3. Mai 2012 als „Blu Cinemathek“-Blu-ray im Digipack mit Schuber, 19. Januar 2012 als DVD im Steelbook, 22. November 2011 als DVD, 22. September 2011 als Blu-ray, 7. August 2008 als Blu-ray und DVD

Länge: 158 Min. (Blu-ray), 152 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: There Will Be Blood
USA 2007
Regie: Paul Thomas Anderson
Drehbuch: Paul Thomas Anderson, nach Motiven von Upton Sinclairs Roman „Öl!“
Besetzung: Daniel Day-Lewis, Paul Dano, Ciarán Hinds, Dillon Freasier, Paul F. Tompkins, Sydney McCallister, David Willis, James Downey, Hope Elizabeth Reeves, Kevin J. O’Connor, Harrison Taylor, Stockton Taylor
Zusatzmaterial: „15 Minuten Inspiration“, nicht in allen Veröffentlichungen: „Die Geschichte des Öls“ (26 Min.), zusätzliche Szenen (12 Min.), Trailer, Teaser, Wendecover
Label/Vertrieb: Studiocanal, Arthaus, Miramax, Buena Vista

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & untere Packshots: © Studiocanal, Arthaus, Miramax, Buena Vista

 

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Yakuza Princess – Japanische Gangster suchen Brasilien heim

Yakuza Princess

Von Volker Schönenberger

Actionthriller // Eine Familienfeier im japanischen Osaka: Gerade will der Fotograf losknipsen, da bekommt er einen Kopfschuss verpasst. Bei dem Überfall sterben alle Anwesenden, lediglich das kleine Mädchen überlebt das Massaker.

Wehrhaft: Waisenmädchen Akemi

20 Jahre später erwacht in São Paulo ein Ausländer (Jonathan Rhys Meyers) im Krankenhaus aus der Bewusstlosigkeit. Er ist verstört, greift die Pflegekräfte an, bevor ihn eine Beruhigungsspritze außer Gefecht setzt. Der Mann weiß nicht, wer er ist und woher er kommt. Er wurde verwundet aufgegriffen und trug lediglich ein japanisches Katana-Langschwert bei sich. Bald darauf gelingt ihm die Flucht aus dem Krankenhaus.

Japanisches Waisenmädchen in Brasilien

Derweil übt sich in der japanischen Gemeinde der brasilianischen Metropole die junge Akemi (Masumi) kurz vor ihrem 21. Geburtstag im traditionellen Schwertkampf Kendō. Sie tut sich schwer, hadert mit bösen Erinnerungen, vermisst ihren verstorbenen Großvater, der das Waisenmädchen nach São Paulo brachte, als Akemi sechs Jahre alt war.

Was umtreibt den Fremden?

In Osaka erhält der eiskalte Yakuza-Gangster Takeshi (Tsuyoshi Ihara) eine bedeutsame Information. Sie verleitet ihn, ein Flugzeug nach São Paulo zu besteigen.

Wer ist die „Yakuza Princess“?

Die brasilianische Produktion „Yakuza Princess“ nimmt sich Zeit, also nehmt Ihr sie euch ebenfalls! Erklärungen werden nicht mit dem Holzhammer serviert oder in ausschweifenden Dialogen vermittelt, wir müssen sie uns selbst erschließen. Aber keine Sorge, so schwer fällt das auch wieder nicht, auch wenn nicht alles so klar ersichtlich ist wie der Umstand, dass es sich bei Akemi um die Überlebende des Massakers 20 Jahre zuvor handelt und sie die titelgebende „Yakuza Princess“ ist.

Der Yakuza Takeshi …

Der betont ruhige Erzählfluss wird bisweilen unterbrochen von harschen Gewaltspitzen, die die FSK-18-Freigabe der ungeschnittenen Fassung des Films durchaus rechtfertigen. Dazu gehören auch ein paar Martial-Arts-Einlagen, die allerdings nicht ausgesprochen ausgefeilt inszeniert sind, sondern schnell und brutal. Vieles spielt sich abends und nachts ab, wobei die Düsternis vom Neonlicht des Nachtlebens von São Paulo unterbrochen wird. Den unbedingten Stilwillen dunkler Bilder in betont gemächlichen Szenen behält „Yakuza Princess“ konsequent bei, er war offenbar wichtiger als die Absicht, eine komplexe Geschichte zu erzählen. Diese Absicht ist zwar erkennbar, indem mit Akemi, dem namenlosen Fremden und dem Yakuza Takeshi drei Figuren aus verschiedenen Richtungen zusammengeführt werden; letztlich verbinden sich diese drei Erzählfäden aber einfach irgendwann, ohne dass die Verbindung der drei Figuren einen Wow-Effekt hat. Bedauerlich ist obendrein, dass der Zusammenprall unterschiedlicher Kulturen überhaupt keine Rolle spielt. In Brasilien befindet sich die größte japanische Gemeinschaft im Ausland, und so spielt sich eben nun auch eine Yakuza-Geschichte dort ab. Immerhin, aber ausgereizt wird dieses Potenzial nicht, auch wenn die Original-Sprachfassung erfreulicherweise aus den drei Sprachen Japanisch, Portugiesisch und Englisch besteht.

Sängerin Masumi als Hauptdarstellerin

Die Hauptrolle spielt die in Kalifornien geborene japanische Sängerin Masumi, die zu Beginn von „Yakuza Princess“ auch eine Gesangseinlage in einer Karaoke-Bar absolviert. Sie spielt Akemi mit kühler Zurückhaltung, was den Zugang zu ihr etwas erschwert. Wie eine Laiendarstellerin wirkt sie nicht, aber auch nicht wie der nächste große Stern am Himmel der Sängerinnen, die sich am Schauspiel versuchen. Die vom erfahrenen Iren Jonathan Rhys Meyers verkörperte männliche Hauptfigur wiederum bleibt lange Zeit rätselhaft. Allerdings erweckt er den Eindruck, als würden die ihm im Krankenhaus verabreichten Medikamente weiterhin wirken. Einen Namen erhält er übrigens erst ganz am Ende, und es ist nicht mal sein echter. Das Finale deutet im Übrigen die Möglichkeit einer Fortsetzung an.

… beschafft sich Informationen

So ist die Adaption einer brasilianischen Graphic Novel visuell recht ansehnlich geraten, die Story kann da nicht ganz mithalten. Das Mediabook von capelight pictures ist visuell ebenfalls ansehnlich geraten und enthält im Booklet sogar einige Seiten mit Auszügen aus der Graphic-Novel-Vorlage. Statt der Kombination Blu-ray und DVD enthält die Veröffentlichung sogar UHD Blu-ray und Blu-ray, was die 4K-Fraktion der Filmfans frohlocken lassen wird. Wer weiterhin das vermeintlich ausgemusterte Format DVD bevorzugt, kann auf eine Einzelveröffentlichung zugreifen, ebenso ist eine Blu-ray im Softcase erschienen. „Yakuza Princess“ geht nicht als großes Highlight ins Ziel, aber als stilvoller Actionthriller in ansprechender Veröffentlichung.

Kann Akemi Takeshi trauen?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jonathan Rhys Meyers haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Die junge Frau greift zur Waffe

Veröffentlichung: 15. April 2022 als 2-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (UHD Blu-ray & Blu-ray), Blu-ray und DVD

Länge: 111 Min. (Blu-ray), 107 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch/Japanisch/Portugiesisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Yakuza Princess
BRA 2021
Regie: Vicente Amorim
Drehbuch: Fernando Toste, Kimi Lee, Tubaldini Shelling, Vicente Amorim, nach einer Graphic Novel von Danilo Beyruth
Besetzung: Masumi, Jonathan Rhys Meyers, Tsuyoshi Ihara, Eijiro Ozaki, Kenny Leu, Toshiji Takeshima, Mariko Takai, Nicolas Trevijano, Iuri Saraiva, Ricardo Gelli, Nduduzo Siba, Charles Paraventi, André Ramiro
Zusatzmaterial: Making-of (15:48 Min.), Trailer, Trailershow, nur Mediabook: 32-seitiges Booklet mit einem Geleitwort des Regisseurs, einem Kurzinterview mit der Produzentin Tubaldini Shelling, Biografien von Beteiligten und Auszügen aus der Graphic Novel „Samurai Shir?“
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & gruppierter Packshot: © 2022 capelight pictures

 

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