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Kin-dza-dza! Ku!

10 Apr

Kin-Dza-Dza!

Von Andreas Eckenfels

SF-Abenteuer // Der Moskauer Vorarbeiter Wladimir (Stanislav Lyubshin) kommt gerade von der Baustelle nach Hause, da schickt ihn seine Frau (Galina Danelija-Yurkova) zum Einkaufen gleich noch einmal los: Er soll Brot und Nudeln besorgen. Auf dem Weg wird Wladimir vom Studenten Gedevan (Levan Gabriadze) angesprochen. Ein Obdachloser (Anatoliy Serenko) benötige Hilfe. Man müsse den Rettungswagen rufen, der Mann sei barfuß und würde sich bei dieser Eiseskälte bestimmt erkälten. Wladimir begutachtet den Mann, der offensichtlich leicht verwirrt ist und von einer „Tentur-Nummer“ und „Spiral-Nummer“ faselt. Er hätte sich verwählt und würde nun nicht mehr nach Hause finden. Gedevan drückt dem Obdachlosen ein Paar Socken in die Hand. Sie wollen gerade nach einer Telefonzelle suchen, um einen Krankenwagen zu rufen, da zieht der Obdachlose ein merkwürdiges Gerät mit einigen Lichtern aus der Tasche. Dieses würde den Ort seines Heimatplaneten zeigen. Er wisse aber einfach nicht, welche Nummer er drücken müsse, um dorthin zurückzukehren. Als Wladimir zufällig einen Knopf auf dem Gerät drückt, finden sich er und Gedevan plötzlich in einer riesigen menschenleeren Wüste wieder.

Gestrandet auf einem fernen Planeten

Von den zwei Musikanten Bi (Juri Wassiljewitsch Jakowlew) und Uef (Jewgeni Leonow), die in einem seltsamen Fluggerät mitten in der Einöde neben ihnen einige Zeit später landen, erfahren die unfreiwilligen Touristen, dass sie sich nicht wie von Wladimir vermutet in der Karakum, sondern auf dem Planeten Plük in der fernen Galaxie Kin-dza-dza befinden. Allerdings verstehen Wladimir und Gedevan das Kauderwelsch der beiden erst, nachdem sie sich kleine Glöckchen in ihre Nasenlöcher gehängt haben, die bei der Übersetzungsarbeit zusammen mit den telepathischen Fähigkeiten der Bewohner behilflich sind.

Wladimir (l.) und Gedevan landen auf dem Wüstenplaneten Plük

Von ihnen erfahren sie auch mehr über die Sprache und Rituale, die auf Plük vorherrschen. Wörter gibt es nicht viele: Mit „Ku“ ist im Großen und Ganzen jeder bekannte Begriff abgedeckt. Bis auf wenige Ausnahmen wurden alle weiteren Wörter aus der Sprache gestrichen. „Kyu“ bezeichnet etwa ein Schimpfwort. Es gibt bestimmte Begrüßungsformeln, die eingehalten werden müssen, bevor zwei Parteien miteinander sprechen dürfen. Der wertvollste Rohstoff nennt sich „Ketse“. Wenn jemand viel „Ketse“ besitzt, darf er eine andere Hosenfarbe tragen, die seinen sozialen Stand kennzeichnet. Himbeere ist das absolute Nonplusultra! Somit gibt es auf Plük auch ein sehr hierarchisch konstruiertes Gesellschaftssystem. Übrigens: „Ketse“ sind Streichhölzer, mit denen man Treibstoff herstellen kann. Zum Glück hat Wladimir ein paar davon in der Tasche!

Die Musikanten Uef (l.) und Bi begrüßen die Neuankömmlinge

Wladimir und Gedevan schwirren bei den ganzen Regeln und Informationen schon mächtig die Köpfe. Dabei haben sie bei ihrem ungeplanten Ausflug eigentlich nur einen Wunsch: Sie wollen so schnell wie möglich wieder nach Hause!

Einmal übersetzen bitte!

Monty Python meets „Per Anhalter durch die Galaxis“ – auf Russisch! Mit diesem Werbespruch, der auf dem abnehmbaren Cover-Umschlag der „Kin-dza-dza!“-Veröffentlichung des Labels Bildstörung prangt, ist eigentlich schon alles gesagt: In diesem sowjetischen Science-Fiction-Abenteuer aus dem Jahr 1986 von Regisseur Georgi Danelija (1930–2019) geht es ähnlich absurd-komisch zu wie bei den Sketchen der legendären britischen Comedy-Truppe oder wie im Kultroman von Douglas Adams. Allerdings nicht mit so einem hohen Tempo oder extremer Gagdichte. Dennoch: Treffender könnte ein Vergleich nicht sein! Tatsächlich sehen einige Leute auch Parallelen mit solch auf den ersten Blick unterschiedlichen Werken wie „Mad Max“ (1979) sowie den Arbeiten von Andrei Tarkowski (1932–1986) und David Lynch. Terry Gilliams „Time Bandits“ (1981) kam mir ebenfalls in den Sinn.

Ein Glöckchen in der Nase hilft beim Übersetzen

Der intergalaktische Reiseführer aus „Per Anhalter der Galaxis“ könnte zum Nachschlagen der Gepflogenheiten für den Planten Plük auch durchaus hilfreich sein. Denn viele Antworten auf die Ereignisse bietet der Film nicht. Alles bleibt rätselhaft und frei interpretierbar – sicher auch ein Grund dafür, warum „Kin-dza-dza!“ als Kultfilm gilt. Angeblich begrüßen sich auch die Fans weltweit mit Verbeugungen und einem herzlichen „Ku!“.

Immerhin werden die Übersetzungen der Wörter im zweiten Teil des Films kurz eingeblendet und die Begriffe mehrmals von den Figuren wiederholt, wenn Wladimir und Gedevan – und somit auch dem Publikum – Dinge erklärt werden. So versteht man einigermaßen den Sinn dahinter und sie prägen sich ein. Doch noch nicht mal die komplett menschlichen Bewohner von Plük wissen genau, wie einzelne elektrische Gerätschaften wie etwa der „Visator“ funktionieren. Mit dieser Technik soll man herausfinden können, ob eine Person zur herrschenden Klasse der „Tschatlan“ oder zur niederen der „Patsak“ gehört.

Welche Botschaft steckt dahinter?

Bi, Uef und die anderen Plükianer hinterfragen auch gar nicht erst, was sie da tun und nehmen alles als gegeben hin. Weshalb man bei einem Film aus der Sowjetunion auch genauer hinsehen muss, welche Haltung dieser denn einnimmt. Übt Georgi Danelija mit „Kin-dza-dza!“ westliche Kapitalismuskritik oder wagt er es sogar, den Sozialismus infrage zu stellen? Offensichtlich beides. Geld regiert auch in Plük die Welt, allerdings herrscht auch Tauschwirtschaft vor und es gibt Mangelwirtschaft. Die Oberen herrschen über das Fußvolk. Einige Polizisten, genannt „Ecilop“ (rückwärts gelesen: „Police“) dürfen handgreiflich werden, doch offenbar sind auch verdeckte Ermittler unterwegs.

Seltsame Maschinen und Objekte säumen die Wüste

Die zwei Autoren der Booklettexte, Gleb Albert und Daniel Wagner, setzen sich auf lesenswerte Weise ebenfalls mit dieser Frage, dem vorherrschenden Gesellschaftssystem und der tieferen Botschaft von Georgi Danelijas Werk auseinander. Ist es eine „schwarze Satire auf die spätsowjetische Gesellschaft?“ Oder ist es eine Auseinandersetzung zwischen dem Verhältnis von Kommunismus und Religion? Hat der Film überhaupt eine politische Botschaft? Steckt hinter dem ganzen vordergründigen Irrsinn vielleicht sogar ein durchdachtes System?

Immerhin gab der Regisseur 2012 in einem von Albert zitierten Interview selbst eine Einordnung zu „Kin-dza-dza!“ und verneinte darin, dass es eine zeitgenössische Abhandlung über das Leben in der Sowjetunion sei: „Der Film handelt davon, wohin die Menschheit treibt. Deswegen gibt es natürlich Übereinstimmungen mit meinem Heimatland. Schließlich lebt dort die Menschheit auch.“ Und solche Beobachtungen und Vergleiche stellt man am besten an und legt sie offen, wenn man zwei völlig unterschiedliche Kulturen aufeinandertreffen lässt.

Den Bewohnern von Plük sind ihre Rituale wichtig

Ein universelles Thema also, über welches sich stundenlang philosophieren lässt und eben auch bis heute zahlreiche Lesarten für diesen außergewöhnlichen Film zulässt. Man kann „Kin dza-dza!“ aber auch ganz ohne großen politischen Subtext anschauen und sich über diesen ganzen Unsinn, der hier stoisch-grotesk präsentiert wird, köstlich amüsieren.

Ein Mann vom Planeten Plük

„Kin-dza-dza!“ ist als Nummer 39 der herausragenden „Drop Out“-Reihe von Bildstörung auf Blu-ray und DVD erschienen und fügt der Auswahl ein weiteres im Westen bislang recht unbekanntes Werk aus Osteuropa hinzu.

Ob Gedevan (l.) und Wladimir (M.) jemals wieder nach Hause kommen?

Im Bonusmaterial der Bonus-DVD spricht Georgi Danelija in einem Archivinterview ausführlich über die Dreharbeiten, wie der seltsame Titel entstanden ist, welchen Ärger es mit den metallischen Flugmaschinen, den Bauten und den Spezialeffekten gab, warum das Wort „Ku!“ plötzlich für Probleme sorgte und weshalb aus einer Flasche Alkohol, eine Flasche Essig werden musste.

Ein knapp 40-minütiger Dokumentarfilm blickt zudem auf das gesamte Schaffen und Wirken des Regisseurs. Eine weitere Doku „Ein Mann vom Planeten Plük“ – erstausgestrahlt 2010 auf dem russischen Staatssender Rossija 1 – beschäftigt sich mit der Historie des Films und verknüpft dies mit einem Blick auf die Arbeiten an dem 2013 veröffentlichen Animationsfilm „Ku! Kin-dza-dza“, der eine Variante der Geschichte für ein jüngeres Publikum mit teils anderen Figuren erzählt, an dem Georgi Danelija ebenfalls künstlerisch beteiligt war.

Auf diese Veröffentlichung ein dreifaches „Ku!“.

Die Filme der „Drop Out“-Reihe von Bildstörung haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet. Ein lesenswerter Beitrag zu „Kin-dza-dza!“ findet sich auch im Filmforum Bremen.

Veröffentlichung: 29. Oktober 2021 als 2-Disc Special Edition Blu-ray (inkl. Bonus-DVD) und 2-Disc Special Edition DVD (inkl. Bonus-DVD)

Länge: 133 Min. (Blu-ray), 128 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Russisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Kin-dza-dza!
UdSSR 1986
Regie: Georgi Danelija
Drehbuch: Georgi Danelija, Revaz Gabriadze
Besetzung: Stanislav Lyubshin, Levan Gabriadze, Yuriy Yakovlev, Evgeniy Leonov, Olga Mashnaya, Irina Shmelyova, Lev Perfilov, Anatoliy Serenko, Aleksandra Dorokhina
Zusatzmaterial: „Ein Mann vom Planeten Plük“ (44:06 Min.), „Georgi Danelija – Zwischen Fiktion und Realität“ (39:03 Min.), Interview mit Regisseur Georgi Danelija (14:28 Min.), 28-seitiges Booklet mit Texten von Gleb Albert und Daniel Wagner
Label: Bildstörung
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2022 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos: © 1986 Mosfilm, unterer Packshot & Trailer: © 2021 Bildstörung

 

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