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The Northman – Erst die Hexe, dann der Leuchtturm, nun der Wikinger

17 Apr

The Northman

Kinostart: 21. April 2022

Von Volker Schönenberger

Historien-Abenteuer // Man braucht einen Master-Abschluss in der Geschichte der Wikinger, um bei diesem Film überhaupt etwas zu verstehen. Dies schrieb ein Besucher einer der Testvorführungen von „The Northman“, wie Regisseur Robert Eggers im Gespräch mit der Zeitschrift „The New Yorker“ berichtete. Nach meinem Besuch der Hamburger Pressevorführung des Films und ohne Kenntnis der Unterschiede zwischen der in die Kinos gelangenden Schnittfassung und der Testvorführungsfassung kann ich beruhigend konstatieren: So schlimm ist es nicht! Die nicht den Erwartungen des Produktionsstudios New Regency Productions entsprechenden Reaktionen des Testpublikums verlangten Eggers aber offenbar einiges ab – eben die Anfertigung einer neuen Schnittfassung. Derlei Einflussnahme durch das Produktionsstudio war sicher Neuland für den Indie-Arthouse-Filmemacher. Nun bekomme er Sätze zu hören wie Wenn das nicht „Gladiator“ oder „Braveheart“ wird, sind wir gefickt! Auch hier kann ich beruhigend konstatieren: So schlimm ist es nicht! Bei allem Respekt vor den Qualitäten von Ridley Scotts Rom-Abenteuer und Mel Gibsons Schottland-Ausflug – mit beiden hat „The Northman“ nicht allzu viel zu tun.

König Aurvendil kehrt siegreich heim …

Die Corona-Pandemie mit ihren Verzögerungen und verschärften Sicherheitsauflagen hievte das Budget des Films von schon nicht geringen 65 Millionen auf stattliche 90 Millionen Dollar. Eine üppige Summe für einen Filmemacher, der mit seinen bisherigen Kino-Regiearbeiten „The Witch“ (2015) und „Der Leuchtturm“ (2019) zwar beeindruckt, aber nicht gerade Mainstream-kompatibel vorgelegt hatte. Als Berater wirkte der englische Archäologe Neil Price an der Produktion von „The Northman“ mit, Inhaber einer Professur am Institut für Archäologie und Alte Geschichte der Universität Uppsala (Schweden). Der Historiker äußerte sich enthusiastisch (siehe oben erwähnten, in seiner ganzen Länge überaus lesenswerten Text in „The New Yorker“): Das ist wie ein Traum für mich. Ich bezweifle, dass ich jemals wieder jemandem begegne, der dafür ein solches Auge und Interesse hat wie Robert. So Price über den Filmemacher.

Des brandschatzenden Königs Heimkehr

Die Handlung von „The Northman“ setzt im Jahr 895 nach Christus im Nordatlantik ein: König Aurvandil (Ethan Hawke) und sein Bastard-Halbbruder Fjölnir (Claes Bang) kehren von einem erfolgreichen Beutezug ins kleine Inselreich Hrafnsey zurück – zurück in die Arme seiner treu ergebenen Gemahlin Königin Gudrún (Nicole Kidman). Doch der auch Rabenkönig und Kriegsrabe genannte Aurvandil ist verwundet – ein Gegner hat seine Leber im Kampf schwer in Mitleidenschaft gezogen. Das macht dem Regenten seine Sterblichkeit bewusst, und mit einem von Heimir, dem Narren (Kurzauftritt für Willem Dafoe) ausgeführten Ritual will er seinen minderjährigen Sohn Amleth (Oscar Novak) auf die Last der Königswürde vorbereiten. Doch diese Last wird der Knirps nie tragen müssen: Kurz darauf muss Sohnemann mit ansehen, wie sein Vater von Meuchelmördern niedergestreckt wird. Als Rädelsführer entpuppt sich ausgerechnet Aurvandils Bruder Fjölnir, Amleths Onkel. Der ordnet konsequenterweise sofort an, auch seinen Neffen zu entleiben. Mit Müh und Not gelingt Amleth die Flucht, während Fjölnir die Früchte seiner ruchlosen Tat genießt und die verwitwete Königin Gudrún zu seiner Frau macht.

… und lässt sich feiern

Jahre später (wir schreiben nun wohl das Jahr 914) ist aus Amleth (Alexander Skarsgård) ein stattlicher Recke geworden. Von einer anderen Wikingersippe großgezogen, hat er sich zum unbezwingbaren Kämpfer entwickelt, der sich auf den Raubzügen seines Clans als so furcht- wie gnadenlos hervortut. Doch nie hat er seinen Schwur vergessen, den Vater zu rächen, die Mutter zu retten und Fjölnir zu töten. Im Anschluss an eine erfolgreiche Plünderung erfährt Amleth, dass sich sein Onkel mittlerweile auf Island niedergelassen hat. Mit einer (etwas konstruiert und nicht gerade plausibel wirkenden) List gelingt es Amleth, sich dorthin einzuschiffen. Die Gelegenheit zu blutiger Vergeltung naht …

Von Amletus über Hamlet zu Amleth

Amleth? Wer bei dem Namen an William Shakespeares berühmte Tragödie „Hamlet“ denkt, liegt völlig richtig, denn die vom dänischen Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus überlieferte altdänische Sage von Amletus diente dem britischen Barden als Inspiration seines Bühnenstücks. Amleths filmischer Vater König Aurvandil beruht demnach auf Aurvandill, einer Nebenfigur der altisländischen Sagensammlung Edda, bei Saxo Grammaticus Amletus’ Vater Horwendillus. Robert Eggers arbeitete die Sage mit vielen Freiheiten zusammen mit dem Isländer Sjón zu einem Drehbuch um. Der Lyriker und Romanautor Sjón hatte zuletzt am Drehbuch des isländischen Horrordramas „Lamb“ (2021) mit Noomi Rapace mitgeschrieben und ist in der Vergangenheit als Songtexter für Björk in Erscheinung getreten (Björk wiederum hat in „The Northman“ einen Kurzauftritt als blinde Seherin).

Des Königs Vertrauter: Narr Heimir

Wer bei Wikinger-Epen eher auf launig-bunten Hollywood-Kintopp à la Richard Fleischers „Die Wikinger“ (1958) mit Kirk Douglas und Ernest Borgnine hofft, wird mit „The Northman“ womöglich ein böses Erwachen erleben. Wenn man Robert Eggers’ dritten Kinofilm unbedingt in einem Koordinatensystem der Wikingerfilme verorten will, dann vielleicht irgendwo zwischen Nicolas Winding Refns so elegischem wie meditativem „Walhalla Rising“ (2009) mit Mads Mikkelsen und dem Action-Abenteuer „Northmen – A Viking Saga“ (2014) von Claudio Fäh, das allerdings vielen nicht gefallen hat (mir schon). Letztlich ist „The Northman“ ein eigenständiges Werk, bei dem es hilft, wenn man „The Witch“ und „Der Leuchtturm“ und somit die Handschrift von Robert Eggers kennt.

Lässt Rachsucht Raum für die Liebe?

Protagonist Amleth kennt einzig Kampf, Tod und Düsternis. Seine ganze Willenskraft setzt er für seinen Vergeltungsplan ein (wobei offen bleibt, was ihn all die im Film übersprungenen Jahre angetrieben hat, als er keinen Anlass zu der Annahme hatte, jemals eine Gelegenheit zur Rache zu erhalten). Ins Wanken gerät er auch dann nicht, als er während der Überfahrt nach Island die verschleppte Olga aus dem Birkenwald (Anya Taylor-Joy, „The Witch“) kennenlernt und sich zwischen beiden ganz langsam zarte Gefühle entwickeln. Aber es bringt ihn schon zum Nachdenken, dass nach und nach die Hoffnung aufkommt, mit ihr eine wie auch immer geartete Zukunft zu haben. Später erfährt er von Umständen, die ihn in einen großen Zwiespalt geraten lassen. Alexander Skarsgård („Godzilla vs. Kong“) verkörpert das nuanciert und mit großer Präsenz. Sein Amleth hat sich zu einem echten Nordmann entwickelt, der nicht viel Federlesens macht und sich an Beutezügen und dem Niedermetzeln argloser Dörfler beteiligt, weil es das ist, was er kann. Mitleid und moralische Bedenken sind ihm fremd, dennoch taugt er als Identifikationsfigur (auch wenn ich kein Bedürfnis verspüre, Schwert und Axt zu schwingen). Filmkritiker Peter Debruge von „Variety“ warf dem Hauptdarsteller in seiner Rezension vom 11. April 2022 vor, es mangle ihm an Charisma, um einen Film dieser Dimension zu tragen, aber damit tut er Stellan Skarsgårds Sohn Alexander meines Erachtens Unrecht. Amleths Persönlichkeit und sein vordergründig simples Dasein als von Rachsucht Getriebener müssen „The Northman“ gar nicht allein tragen, auch wenn der Filmtitel den Fokus auf ihn legt. Nicht nur verfolgen wir den Weg dieses Nordmanns, wir beobachten auch seine Welt, in kleinen Details und kurzen Szenen sogar das Alltagsleben. Über weite Strecken will der wortkarge Amleth außerdem unauffällig bleiben, um nicht aufzufliegen. Überbordendes Charisma wäre hier kontraproduktiv. Sein gestählter Körper ist da fast schon zu viel des Guten. Um diese beeindruckende Muskulatur zu entwickeln, sicherte sich Skarsgård die Dienste des renommierten Fitnesscoaches Magnus Lygdback, der den Schauspieler auch schon vor den und während der Dreharbeiten von „Legend of Tarzan“ (2016) trainiert hatte. Im Übrigen gilt Alexander Skarsgård als eine der treibenden Kräfte hinter „The Northman“, zu dessen Produzententeam er ebenso wie Robert Eggers auch gehört. Dem Vernehmen nach hatte Skarsgård die Idee zur Story. Er gehörte übrigens zum festen Ensemble der Vampirserie „True Blood“ (2008–2014) und trug dort den Namen Eric Northman.

Der Tod naht

Der zuvor erwähnte „Variety“-Rezensent fühlte sich hauptsächlich an Alejandro González Iñárritus Survival-Abenteuer „The Revenant – Der Rückkehrer“ (2015) erinnert, das Leonardo DiCaprio endlich den lang ersehnten Oscar eingebracht hatte. Das ist nicht von der Hand zu weisen, die kalte und grimmige Stimmung beider Filme ähneln einander. Da wir gerade bei Ähnlichkeiten sind. Ein vulkanischer Schwertkampf erinnerte mich kurioserweise an die mitreißende finale Auseinandersetzung zwischen Obi-Wan Kenobi (Ewan MacGregor) und Anakin Skywalker (Hayden Christensen) in „Star Wars: Episode III – Die Rache der Sith“ (2005). Kurios deshalb, weil beide Filme ansonsten kaum etwas miteinander zu tun haben. Ob das Zufall ist oder Robert Eggers sich tatsächlich davon inspirieren ließ? Auch ein paar Parallelen zu John Milius’ „Conan – Der Barbar“ (1982) mit Arnold Schwarzenegger in der Titelrolle sind nicht zu übersehen, am augenfälligsten beim vom Sohn beobachteten Tod des Vaters.

Glaube und Aberglaube

Beginnend mit dem erwähnten königlichen Initiationsritual, das Aurvandil nach seiner Heimkehr mit seinem Sohn Amleth vollzieht, werden wir Zeugen einiger „heidnischer“ Riten der Wikinger. So führen die Krieger um Amleth vor ihrem Sturm auf ein Dorf der Rus einen nächtlichen Krafttanz um ein hoch loderndes Feuer aus. Glaube und Aberglaube (wo liegt eigentlich der Unterschied?) sind ohnehin von großer Bedeutung. Nicht nur Aurvandil hofft darauf, den Tod in der Schlacht zu finden, um als gefallener Krieger Einherjer in Walhall in Odins Burg Gladsheim in Asgard aufgenommen zu werden. Kurz wird auch das Christentum aufgegriffen, als christliche Sklaven einer Missetat verdächtigt werden, aber das Vordringen des christlichen Glaubens in nordische Gefilde spielt letztlich keine Rolle.

Amleth (3. v. l.) zieht furchtlos in den Kampf …

„The Northman“ ist weder Schlachtengemälde noch Kampf um ein Königreich, sondern Rachefeldzug eines Einzelnen. Die Gewalt ist brutal, ohne ins Exploitative abzugleiten. Sehr gut zu sehen an dem auf beeindruckende Weise in einem Take gedrehten Angriff aufs Dorf der Rus. Respekt vor menschlichem Leben – erst recht dem fremder Völker – ist nicht vorhanden. Die Rachegeschichte könnte schlicht sein, ist es aber nicht, weil Robert Eggers großes Interesse sowohl an seinem Protagonisten als auch an dessen meist feindseliger Umwelt demonstriert. Ob all das authentisch dargestellt ist, kann ich mangels Kenntnis der Historie nicht beurteilen, aber die bislang zu findenden Stimmen und insbesondere die oben erwähnte Aussage des Archäologen und Historikers Neil Price sprechen dafür. Letztlich zählt bei einem ja vornehmlich Unterhaltungszwecken dienenden Film ohnehin die Illusion, und in der Hinsicht ist zu vermelden: Ja, Robert Eggers verschafft uns eine Illusion über das Leben und Sterben der Wikinger, die wir gern für bare Münze nehmen, weil wir auf diese Weise tief ins Geschehen eintauchen. Dass Wikingerhelme keine Hörner haben, gehört heute glücklicherweise zum Wissensstandard der Ausstatter und Kostümdesigner von Wikingerfilmen und -serien (wer dennoch Wert darauf legt, möge ein Torfrock-Konzert besuchen). „The Northman“ erweckt den Eindruck, dass seine Macher in Ausstattung, Szenenbild und Kostümen im besten Sinne detailverliebt zu Werk gegangen sind. So erzeugt man Stimmung, die Sogwirkung entfacht und das Publikum tief in eine fremde Welt eintauchen lässt. Das geht bis hin zu einigen in Runen gehaltenen Zwischentiteln und bis hin zum Soundtrack, für den Robert Eggers die britischen Musiker Robin Carolan und Sebastian Gainsborough zur Verwendung zeitgenössischer Instrumente drängte.

Nordirland als Island

Mit seinem für „Der Leuchtturm“ bereits Oscar-nominierten Stamm-Kameramann Jarin Blaschke drehte Robert Eggers ab August 2020 in Irland und Nordirland. Ursprünglich wollte er „on location“ in Island drehen, das wäre aber zu teuer gewesen, daher wich das Produktionsteam auf die Grüne Insel aus. Die düstere Atmosphäre lässt die beeindruckenden Landschaftspanoramen etwas in den Hintergrund treten, aber die Bilder vermitteln die nordische Rauheit auch im Kinosaal auf fast schon körperlich nachfühlbare Weise (als verweichlichter Mensch der Moderne frage ich mich immer, ob die Menschen in puncto Kälteempfinden tatsächlich so abgehärtet waren, zumal sie ab und zu triefnass aus dem Wasser kommen). Mit „The Northman“ beweist Robert Eggers, dass er auch Produktionen mit großem Budget seine eigene Handschrift aufdrücken kann. Einer der interessantesten neuen Regisseure, der mit seinem dritten abendfüllenden Spielfilm die Messlatte hoch hält. Ist der Spagat zwischen Arthouse und Mainstreamkino geglückt, den Eggers gewagt hat, als er sich von New Regency Productions mit einem für seine Verhältnisse enormen Budget ausstatten ließ? Nach einmaliger Sichtung von „The Northman“ resümiere ich: Er ist es. Nicht auszuschließen, dass der Film beim zweiten oder dritten Mal noch gewinnt. Oder verliert, wir werden sehen.

Willem Dafoe als Graf Orlok?

Bleibt abzuwarten, ob ihm die Verwirklichung seines Traums gelingt, Murnaus Vampir-Meisterwerk „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ (1922) neu zu verfilmen. Jüngste Berichte von den diesbezüglichen Absichten des Regisseurs deuten an, dass es eine schwere Geburt wird. Auch wenn Originalstoffe zu bevorzugen sind, würde ich ein solches Werk begrüßen. Womöglich mit Willem Dafoe als Graf Orlok?

… und kennt keine Gnade

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Robert Eggers haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Nicole Kidman und Anya Taylor-Joy unter Schauspielerinnen, Filme mit Willem Dafoe, Ethan Hawke und Alexander Skarsgård in der Rubrik Schauspieler.

Rachsucht beherrscht ihn, aber für Olga empfindet Amleth dennoch viel

Länge: 137 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Northman
USA 2022
Regie: Robert Eggers
Drehbuch: Robert Eggers, Sjón
Besetzung: Alexander Skarsgård, Anya Taylor-Joy, Nicole Kidman, Ethan Hawke, Willem Dafoe, Claes Bang, Björk, Elliott Rose, Phill Martin, Eldar Skar, Olwen Fouéré, Edgar Abram, Jack Gassmann, Ingvar Sigurdsson, Oscar Novak
Verleih: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2022 Universal Pictures Germany GmbH

 
3 Kommentare

Verfasst von - 2022/04/17 in Film, Kino, Rezensionen

 

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3 Antworten zu “The Northman – Erst die Hexe, dann der Leuchtturm, nun der Wikinger

  1. Christoph Wolf

    2022/05/13 at 10:03

    Für mich ist ‚The Northman‘ Eggers bisher schwächster Film. Aber schwach ist hier relativ, andere Regisseure wären froh, wenn ihr bestes Werk nur halb so gut wäre, wie es ‚The Northman‘ Geworden ist.

     
  2. Marcus

    2022/04/22 at 09:18

    Wir haben den Film gestern im Kino gesehen. Er wird es schwer haben, das Budget von 90 Millionen Dollar wieder einzuspielen…

     
  3. Dirk Busch

    2022/04/20 at 11:24

    Okay,auf Hörner lege ich nicht unbedingt wert…aber ein Torfrock Konzert würde ich gerne mal besuchen. 😅

     

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