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Freaks – Missgestaltete: Bald eindringliches, bald kurioses Kuriositätenkabinett

20 Apr

Freaks

Von Tonio Klein

Horrordrama // „Ein solcher Umgang mit Menschen ist herabwürdigend und trägt nicht zuletzt das beachtliche Risiko des Abbaus von Hemmschwellen im Umgang mit anderen Menschen in sich.“ Also sprach das Verwaltungsgericht Neustadt an der Weinstraße und erklärte die Entscheidung der zuständigen Behörde, die Erlaubnis eines „Zwergenweitwurfs“ zu versagen, für rechtmäßig. Die Würde des Menschen ist eben unantastbar. Und der vorliegende Film lässt keine Sekunde aus den Augen, dass die „Freaks“ genau dies sind: Menschen. Deutlich wird dies, und vor allem der schon an den NATO-Grundsatz gemahnende Ehrenkodex der Außenseiter, im Prolog des Filmes: Ein Angriff auf einen ist ein Angriff auf alle!

We are Family

In einer an den späteren Film noir (mit dem „Freaks – Missgestaltete“ aber nichts zu tun hat) gemahnenden Rückblende sehen wir den Schock des Publikums einer Kuriositätenshow, als es in einen Kasten guckt, und nun können wir uns eine knappe Stunde lang fragen, was sie da sehen (die Auflösung ist übrigens himmelschreiend blödsinnig). Der Ansager gibt bekannt, dass es sich um die ehemals bildschöne Trapezkünstlerin Cleo(patra) handelt, die wir anschließend in Aktion sehen (Olga Baclanova). Der kleinwüchsige Hans (Harry Earles) ist mit Frieda (seine Schwester Daisy Earles) verlobt, aber auch vom Blick auf die Riesenfrau Cleo angetörnt, die sich jedoch fortwährend über ihn lustig macht. In der ersten Begegnung zwischen Hans und Cleo zeigt sich, was in dem Film über weite Strecken zugleich Stärke und Schwäche ist: Die rohe Grausamkeit ist sagenhaft und für das Glamourstudio Metro-Goldwyn-Mayer im Jahre 1932 unerhört, aber zum Preis plakativ eindeutiger Charakterisierungen erkauft. Da lässt Cleo also ihren Umhang fallen, Hans hebt ihn eilfertig auf und Cleo beugt ein wenig die Schulter, auf dass er ihn ihr umhänge – aber eben nur ein wenig, sodass er den Gefallen unmöglich leisten kann. Es mag ja sein, dass Kerle triebgesteuert sind und auch mal völlig verblöden können, wenn das Hirn in die Hose gerutscht ist – aber das alles ist in „Freaks“ zu offensichtlich gestaltet, als dass Hans’ Verzückung glaubwürdig wirkt.

Short Cuts

An dieser Stelle folge die in allen Dokus, Onlinequellen und Filmbüchern identische Information: Der Film wurde von 90 auf gut 60 (hier wegen fehlenden Prologs und der etwas höheren DVD-Laufgeschwindigkeit 60) Minuten gekürzt, weil die Grausamkeiten zu heftig gewesen seien; dem mag auch eine sorgfältige Darstellung und Entwicklung der Charaktere zum Opfer gefallen sein. Die Langfassung ist nicht mehr existent oder auffindbar; der vorliegende Film muss sich leider den Vorwurf des Stereotypen gefallen lassen. Dies zwar nicht mehr in aller Schärfe gegen Ende, aber zuvor haben wir geradezu überpointierte Gut-böse-Zuordnungen. Beispielsweise trennt sich Kraftprotz Herkules (Henry Victor, böse), der später mit Cleo den Wohnwagen und die Schurkereien teilt, anfangs von Venus (Leila Hyams, gut). Man kann beim besten Willen nicht verstehen, warum Venus überhaupt mal mit Herkules zusammen war! Das mag wieder so eine Opfer-der-Schere-Geschichte sein, aber wenn das schon sein musste, wäre es besser gewesen, die Trennungsszene ebenfalls herauszuschneiden.

Die Helden sind die Titelhelden

Wesentlich besser sind da schon die Freaks selbst und des Filmes humanistische Haltung ihnen gegenüber; das war damals nicht selbstverständlich (wenn es das heute überhaupt ist), und in einer Szene spricht das der Film auch direkt an: Der Freund eines Gutsbesitzers, auf dessen Grund sich die Freaks idyllische Pausen abseits ihrer Showeinsätze gönnen, meint direkt, es müsse Programme geben, die verhinderten, dass solche Leute überhaupt geboren würden. Interessanterweise etwas, das es sowohl bei Sterilisationen im NS-Regime als auch im heutigen Abtreibungsrecht tatsächlich gab/gibt, bei Letzterem natürlich nicht gegen den Willen der (potenziellen) Eltern.

Der Film des Regisseurs Tod Browning, der selbst einen Zirkus geleitet hatte, wartet mit einer Besonderheit auf. Damals hatten „Dracula“ und „Frankenstein“ (beide 1931) aus Carl Laemmles „Universal“-Studios für Furore gesorgt. Browning, ein Stummfilmveteran, der auch schon „Dracula“ inszeniert hatte, bekam vom genialen jungen MGM-Produzentenmaverick Irving Thalberg den Auftrag, etwas noch Schockierenderes zu erschaffen. Dies gelang ihm, indem er einen völlig anderen Ansatz wählte: Hier gibt es keine Maske, Spezialeffekte, falsche Eckzähne und dergleichen, hier ist alles echt (außer das himmelschreiend blödsinnige Ende). Es gibt, und das sind noch nicht alle: Kleinwüchsige, einen Mann ohne Unterleib, Siamesische Zwillinge, eine Gruppe von „Pinheads“ – hierbei handelt es sich um Menschen, die an Mikrozephalie leiden, was zu geringerer Körpergröße, einem fehlgebildeten Kopf und der Behinderung der geistigen Entwicklung führt.

Mikrozephalie

Browning hat sie alle im Zirkus- und Sideshow-Milieu aufgetrieben oder kannte sie von einer vorherigen filmischen Zusammenarbeit. Gerade in der hochaktuellen Debatte um kulturelle Aneignung, und Jahrzehnte, bevor im Hollywoodfilm amerikanische Ureinwohner auch von solchen gespielt wurden, bemerkenswert! Gelegentlich aber auch zwiespältig, denn der Film setzt in mancher Szene stark auf den Wow-Effekt: Es ist ja, um ein Beispiel zu nennen, wirklich erstaunlich, wie sich der Mann ohne Arme und Beine selbst eine Zigarette anzünden kann. Aber schon ist die Szene wieder vorbei, ein Kontext zur Gesamthandlung wird nie hergestellt werden, es ist lediglich ein weiteres Beispiel dafür, was sich dort alles für Menschen finden. Da hat „Freaks“ selbst ein wenig vom dem, was er eigentlich anprangert, da wird er selbst zum Kuriositätenkabinett: „Meine Damen, meine Herren, kommen Sie, sehen Sie, staunen Sie – der unglaubliche Zigarettentrick!“

Er raucht ganz ohne Hilfe

Wobei dieser Vorwurf relativiert werden muss; es ist ja auch befreiend und schön, zu sehen, wie die Herrschaften ihr Leben bis zum Alltäglichen meistern. Im Hollywood-A-Film erst wieder in William Wylers „Die besten Jahre unseres Lebens“ (1946) zu sehen, in dem ein Kriegsversehrter ohne Unterarme von einem ebensolchen (Harold Russell) gespielt wird. Dort indes besser in die Handlung eingebunden; das Fragmentarische in „Freaks“ lässt eben auch den Showeffekt hervortreten. Aber nicht immer; am besten ist die Darstellung, wenn sie das Natürliche statt des Sensationsheischenden betont. Gelungen ist dies bei den Siamesischen Zwillingen (Daisy und Violet Hilton). Was Günter Giesenfeld als Problem sieht (Reclam Filmklassiker I, 1995), erscheint im Gegenteil als Vorteil: Die beiden haben unterschiedliche Männer, eine ist bereits verheiratet, eine wird sich verloben, und die doch naheliegende Frage, wie auch nur ansatzweise Privat- oder gar Intimsphäre möglich ist, interessiert den Film kaum. Nicht nur die Würde des Zwillings, sondern auch die zweier Individuen ist unantastbar. Bemerkenswert ist zudem, dass einer der Männer ein „Stotterer“, der andere ein „Nichtbehinderter“ ist; man versteht sich wie selbstverständlich und hinterfragt die wechselseitigen Barrieren nicht. Dito bei den Menschen mit Mikrozephalie: Sie sind einfach da, gehören zur „Familie“ und werden von Madame Tetrallini (Rose Dione), einem Mitglied der Zirkustruppe, als „meine Kinder“ bezeichnet. Es ist schon gelungen, dass „Freaks“ entgegen dem Klischee die Rollenverteilung umdreht und den Gemeinsinn bei den sogenannten Missgestalteten und einigen anderen verortet, erstere zudem nicht unter sich lassend. Wohingegen speziell bei Herkules und Cleo Egoismus, Zynismus und Niedertracht walten.

Höhepunkt ist der Höhepunkt

Erzählerisch holpert der Film ein wenig: Einzelszenen der Freaks und anderer Beteiligter, Aufblende, Abblende, manchmal Mosaiksteine, die sich zunächst nicht ins Ganze einzufügen scheinen. Vielleicht gilt auch hier, dass die Langfassung besser gewesen wäre. Aber zum Ende hin wird „Freaks“ ungemein stark. Der Zynismus Cleos und Herkules’ schlägt um in Schwerkriminalität, wenn sie erfahren, dass Hans eine Riesensumme geerbt hat, denn diese wollen sie sich durch Cleos Heirat mit Hans sowie dessen anschließende Vergiftung unter den Nagel reißen. Schwer beeindruckend und bedrückend ist die Hochzeitsszene, in der Cleo so viel getrunken hat, dass alle noch vorhandenen Ansätze, ihre wahren Gefühle zu verdecken, verpuffen und in expressive Verachtung übergehen. Wenn die Freaks einen Trinkpokal kreisen lassen, um Cleo „als eine von uns“ willkommen zu heißen, wird deutlich, wer hier die wirklich (emotional) Missgestalteten sind, und diesen Druck hält auch Cleo nicht mehr aus, woraufhin sie die Gruppe so wüst wie aus ihrer Sicht ehrlich beschimpft. In der Bildsprache nehmen wir die Freaks hier auch als Bedrohung wahr, und dies wird sich fortsetzen. Sie treten nicht mehr auf, kommen nicht mehr ins Bild, sondern sind immer schon da. An allen Orten sehen wir sie, unter Wohnwagentreppen beispielsweise: lauernd, vereint, immer engere Kreise ziehend, Cleo und Herkules einkreisend.

Belauert und umzingelt: Cleo

Es kommt zur dramatischen und gewalttätigen Eskalation, die wirkmächtig mit einer Actionszene in peitschendem Regen inszeniert wird. Aber sie endet per Abblende, bevor wir ganz genau wissen, was passiert ist oder noch passieren wird. Die Rückblende ist zu Ende, und nun dürfen wir endlich in den Kasten sehen. Nein, nein und nochmals nein: Was wir dort sehen, ist purer Fantasy-Horror und dem vormaligen Ansatz, nur reale „Fehlbildungen“ zu zeigen, diametral entgegengesetzt.

Aber wehe, wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe

Es folgt ein seltsamerweise nicht restaurierter Schluss (im Übrigen ist die Bild- und Tonqualität hervorragend). Er wirkt angeklatscht, und man kann – auch in einer beigefügten Kurzdoku über alternative Endfassungen – erfahren, dass er dies auch war. Aufgrund von Testvorführungen wurde dem Publikum in einer nachgedrehten Szene eine Identifikationsmöglichkeit mit Hans und Frieda geboten, denn insbesondere Hans schien nach dem vormaligen Schluss genau wie alle anderen Freaks zum Rachsüchtigen geworden zu sein. In sehr offenkundig manipulierender Weise gibt es einen Dialog, laut dem Hans keine Mitschuld an der finalen Gewalttat gehabt habe; dies ist durch nichts, aber auch gar nichts von den zuvor gesehenen Bildern gedeckt. Schrecklich! Aber offenbar in einem Film, der 1932 und Jahrzehnte darüber hinaus ein veritabler Skandalfilm war, nicht zu vermeiden – in noch unversöhnlicherer Form wäre er dem Publikum nicht zuzumuten gewesen. Was mehr über dieses Publikum als über „Freaks“ aussagt. Er hat in seiner Grausamkeit mit humanistischem Anliegen eine immens große Kraft und ist mit Recht ein Meilenstein der Filmgeschichte, aber so ganz reinwaschen von Kritik kann man ihn auch nicht. Eine Szene vor dem angefügten Ende, die als unzumutbar entfernt wurde, zeigte, dass Herkules offenbar von den Freaks entmannt wurde und nun Falsett singt. Das ist genauso schwachsinnig wie das nicht zu verratende Schicksal Cleos, denn wie zum Beispiel Opernfreunde durch die Figur des Haremswächters Osmin aus „Die Entführung aus dem Serail“ wissen: Wer zu spät kastriert wird, den bestraft nicht die Fistelstimme.

Wohlgestaltete DVD

Pidax hat diesmal ganze Arbeit geleistet und bietet verschiedene lohnende Extras. Nostalgiefans können sich an der „Hildes wilde Horrorshow“-Version des Films erfreuen. 1992 moderierte Hilde (Christine Oedigen) zehnmal auf RTL eine Horrornacht mit jeweils zwei Filmen. Am 24. Juli waren „Die Rückkehr der reitenden Leichen“ (1973) und eben „Freaks – Missgestaltete“ dran; Letzterer, wie Hilde betont, erstmalig deutsch synchronisiert. Bei Ausdrücken wie „Schlampe“ merkt man in der Tat, dass der Text nicht mehr Keuschheiten früherer Jahrzehnte geschuldet ist. Präsentationen wie die von Hilde hatten ihre internationalen Vorbilder – herrlicher Trash, den man aus der Geburtsstunde des Kabelfernsehens von der „Deadly Earnest Horror Show“ auf Sky Channel kennt. Oder von noch älteren ähnlichen Formaten aus den USA, die Ed Wood so gut gefallen haben, dass er Präsentatorin „Vampira“ (Maila Nurmi) für seinen „Plan 9 aus dem Weltall“ (1959) engagierte. Den Zusammenhang gibt es auch in Tim Burtons „Ed Wood“ (1994) zu sehen. Zudem können wir uns auf der Pidax-DVD über einen Audiokommentar und eine lange Dokumentation „Freaks – The Sideshow Cinema“ freuen. Sowie über die deutsche und englische Version. Dies ist natürlich Standard, aber hier interessant, weil die Stimmen von Hans und Frieda im Original tatsächlich kindlich sind und die Dialoge immer mal wieder ins Deutsche wechseln; entsprechend der Herkunft der Darsteller. Dieser Effekt geht natürlich verloren, wenn alle Deutsch sprechen, und man kann nur noch an den Rollenvornamen erahnen, dass das Deutschstämmige in die Handlungsebene herübergezogen wurde. Dass die Synchronisation das Kindliche der Stimmen deutlich zurückgenommen hat, ist eine sehr gute Entscheidung, könnte man doch ansonsten in Unkenntnis der Hintergründe tatsächlich denken, dass Kinderdarsteller verpflichtet wurden. Wobei ein genaueres Hinsehen diese Irritation durchaus zu beseitigen geeignet ist.

Abschließend sei auf den 2016er-Text über „Freaks“ von Blogbetreiber Volker verwiesen.

Veröffentlichung: 6. Mai 2022 und 29. Oktober 2004 als DVD

Länge: 60 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch (nur 2022), Englisch
Untertitel (nur 2004): Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Schwedisch, Türkisch, Griechisch
Originaltitel: Freaks
USA 1932
Regie: Tod Browning
Drehbuch: Clarence Aaron „Tod“ Robbins
Besetzung: Wallace Ford, Leila Hyams, Olga Baclanova, Roscoe Ates, Henry Victor, Harry Earles, Daisy Earles, Josephine Joseph, Schlitze, Johnny Eck, Frances O’Connor
Zusatzmaterial 2022: Audiokommentar von David J. Skal, „Hildes wilde Horrorshow“-Version (65:40 Min.), „Freaks – The Sideshow Cinema“ (63:24 Min.), 3 alternative Endszenen (5:57 Min.), Prolog (2:34 Min.), Originaltrailer, Wendecover
Zusatzmaterial 2004: Audiokommentar von David J. Skal, „Freaks – The Sideshow Cinema“ (63:24 Min.), Prolog (2:34 Min.), 3 alternative Endszenen (5:57 Min.)
Label 2022: Pidax Film
Vertrieb 2022: Al!ve AG
Label/Vertrieb 2004: Warner Home Video

Copyright 2022 by Tonio Klein

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2022 Pidax Film

 
 

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Eine Antwort zu “Freaks – Missgestaltete: Bald eindringliches, bald kurioses Kuriositätenkabinett

  1. SmileySmile77

    2022/04/21 at 19:50

    An die Ausstrahlung bei RTL kann ich mich noch erinnern, und dass die Moderatorin müde Scherze darüber machte das man zum Film Freakadellen oder ein paar Pommes Freaks essen könne.

     

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