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Die sieben Todsünden (1961) – Manchmal zum Totlachen

12 Mai

Les 7 péchés capitaux

Von Tonio Klein

Komödie // Anthologien haben gelegentlich etwas Zusammengewürfeltes, diese jedoch geht auf. Sieben französische Regisseure (in einem Film wird ein weiterer als „unter Beteiligung von“ genannt) haben sich in Kurzfilmen je einer der Todsünden der katholischen Kirche angenommen, und herausgekommen ist eine Schatzkiste. Eine, deren Wert sich im Laufe der Jahrzehnte gesteigert hat, denn es ist eine hochinteressante Entdeckungsreise in das filmische wie dargestellte Frankreich 1961.

Die beginnenden 1960er waren in Frankreich eine spannende filmische Zeit, in der kurz zuvor die Nouvelle Vague für Furore gesorgt hatte und noch munter brandete. Aber auch abseits der Bewegung tummelten sich vielversprechende Regisseure. Hier vertreten ist die damals jüngere Generation, was den Film gerade in der Rückschau interessant macht, denn viele sind erst später zum Höhepunkt ihres Ruhmes gekommen. Entgegen dem Backcover-Text der DVD ist das Etikett „Nouvelle Vague“ aber deutlich zu eng.

Erstmals fürs deutsche Heimkino

Pidax Film ist zu danken, dass es diesen Schatz nun erstmalig für den deutschen Heimkinomarkt gehoben hat. Die Bild- und Tonqualität ist gut und das scharfe, kontrastreiche Schwarzweißbild der DVD hat mich eine Blu-ray überhaupt nicht vermissen lassen. Dass Pidax die Ausstattung wie meist spartanisch hält, lässt sich für mich verschmerzen, manch anderer Filmfan wird insbesondere den Verzicht auf Untertitel bedauern.

„Die sieben Todsünden“ gelingt es, die Eigenständigkeit der Einzelteile zu wahren und dennoch vom allzu Uneinheitlichen Abstand zu nehmen. Hierzu trägt zum einen die scheinbar banale Tatsache bei, dass die Länge der Episoden ähnlich ist – von 12 bis 18 Minuten. Wer den nicht nur insoweit arg disparaten „Hexen von heute“ (1967) sieht (Besprechung demnächst in diesem Blog), wird dies nicht für nebensächlich halten. Alle Episoden sind mehr als kurze Sketche, aber weniger als halblange oder gar klassisch dreiaktige Filme. Verbindend ist zudem einiges an der äußeren Form. Es gibt animierte Vorspänne, eine burleske, symphonische Filmmusik, und die meisten Episoden enden mit einem Off-Kommentar, der manchmal auch indirekt zum Folgenden überleitet. Und obschon vier Kameraleute beteiligt waren und als Schauplätze sowohl Paris als auch das platte Land vertreten sind, gibt es gewisse Übereinstimmungen in der Bildgestaltung – gerade an den Schnittstellen.

Was für eine Freude, was für eine Entdeckung, und zwar auch angesichts der Tatsache, dass nicht jedes Segment komplett überzeugen kann. Sie schwanken von okay bis herausragend, und es gibt viel zu lachen. An dieser Stelle bietet sich ein Blick auf jede einzelne Sünde an.

Zorn

Das Drehbuch dieser vierzehnminütigen Satire von Sylvain Dhomme und Max Douy („La colère“) stammt von niemand Geringerem als Eugène Ionesco, dem bekannten Autor des absurden Theaters. Der Film geht in die Vollen wie danach nie mehr. Was natürlich zunächst einmal die Aufmerksamkeit zu fesseln vermag. Dabei ist die ganze Angelegenheit gestalterisch und erzählerisch ungestüm wie nur was, aber gar nicht einmal „absurd“ im Sinne von „sinnlos“. In Parallelmontage sehen wir in einer kleinstädtischen Gemeinde eine schon übertrieben harmonische Freundlichkeit der Menschen am Sonntag, bevor sich alle ins Heim begeben und wir Szenen von Ehen oder anderen Beziehungen (in einem Falle auch eine Frau und zwei Männer) serviert bekommen. Komik entsteht zunächst dadurch, dass irrealerweise bei allen das Gleiche passiert. Und dann kommt es zu fatalen Auswirkungen der Chaostheorie. Ob in China ein Sack Reis umfällt, ein Schmetterling einen Flügelschlag tut oder wie hier – ein uraltes Witz-Klischee – eine Fliege in der Suppe ist: Was daraus mit jeder Menge Zorn wird, muss man einfach gesehen haben.

Schatz, was ist denn da in der Suppe?

Der Irrsinn ist stellenweise saukomisch, herrlich übertrieben und am Ende nur noch eine wilde Collage der Eskalation bis … sagen wir mal, der damals allgegenwärtige Kalte Krieg könnte so heiß werden wie die Fliegensuppe. Filmisch delirierend mit Mehrfachbelichtungen, kurz eingefrorenen Bildern, wilden Montagen und einem hübschen Akustikeinfall: Wenn alle Frauen zugleich ihren Männern ein paar zünftige Ohrfeigen verpassen, wächst dies zu einer immer schnelleren Kakophonie an, bis es wie Applaus klingt. Gallig, grandios, Applaus für diesen Film.

Neid

Nach dem vorherigen Feuerwerk fällt „L’envie“ von Edouard Molinaro (15 Min.) ein wenig ab, was zunächst schade ist. Rückschauend indes ist der Furor von „Zorn“ tatsächlich nur für einen Kurzfilm gut und wäre über die ganze Strecke die Dosis gewesen, die das Gift macht. In einem Hotel ist das Stubenmädchen Rosette (Dany Saval) neidisch auf Ruhm, Reichtum und Liebhaber einer dort logierenden Hollywoodschauspielerin (Geneviève Casile). Interessanterweise, obwohl der Kerl ein relativ alter Sack ist und Rosette sich mit dem jungen Riri (Claude Brasseur) vergnügt. Hierbei ist ein Running Gag, dass Riri fortwährend reichlich offensiv mit Rosette schäkert und dies im Hotel niemand zu bemerken oder jedenfalls niemanden zu stören scheint. Zudem haben die beiden dabei durchaus Spaß – und der Zuschauer auch. Doch gerade dies wirft die „Was beklagt sich Rosette eigentlich?“-Frage zu deutlich auf, und das Ende ist auf eine etwas flache Weise moralisch. Hier ist der ansonsten oft doppelbödige, pointierte, satirische finale Off-Kommentar einfach nur eine Wiederholung dessen, was man schon sieht. Die Kirschen in Nachbars Garten schmecken immer ein bisschen süßer, egal, wo man sich befindet. Ganz am Ende verbirgt sich übrigens das spätere Bond-Girl Claudine Auger („Feuerball“, 1965) in einem Winz-Auftritt. Insgesamt immer noch nette Unterhaltung, der aber der Biss fehlt. Interessant ist, dass ein finales Bild einer langgestreckten Landstraße im Nebel narrativ nicht nötig ist, aber eine Verbindung zum ersten Bild des nächsten Filmes knüpft.

Völlerei

Dieses Bild wird in „La gourmandise“ von Philippe de Broca (18 Min.) wieder aufgegriffen. Auf einer Landstraße fährt ein Postbote mit dem Mofa, und wenn er auf dem Hofe einer Bauersfamilie ankommt, trifft er sie – wo sonst? – beim Essen. Schon der Blick auf den Tisch ist exorbitant und herrlich altmodisch in einer Episode, in der man zunächst nicht weiß, ob sie in einem vergangenen Jahrzehnt spielt oder ob auf dem Lande die Zeit einfach stehengeblieben ist (es wird sich herausstellen: letzteres). Von low fat haben die Bauersleut’ noch nie gehört, einen Vegetarier hielten sie vermutlich für einen Außerirdischen, und dass man heute die Gänsestopfleber als Resultat von Tierquälerei ansieht, käme ihnen höchst seltsam vor. Wobei die ganze Angelegenheit hohes Vergnügen bereitet. Krankhaft aufgedunsene Menschen wie das adipöse Mordopfer im Todsünden-Thriller „Sieben“ (1995) sehen wir nicht, zum Glück auch nicht den Vorgang des Gänsestopfens – aber getafelt und Rotwein getrunken wird reichlich und ständig. Auch gefühlte 95 Prozent des Dialogs drehen sich ums Fressen, wenngleich die Protagonisten gar nicht extrem fett sind. Und saturiert sind sie auch nicht, stattdessen – vive la France! – in ihrer Begeisterung für la bouffe äußerst agil und lebendig. Ausgerechnet „lebendig“, wo doch das Telegramm dem Hofherrn Valentin (Georges Wilson) vom Tod seines Vaters kündet. Da muss sofort jede Menge Wegzehrung für die sofort anzutretende Reise zur Beerdigung eingepackt werden! Diese findet zwar erst am folgenden Tag statt, aber man habe schließlich auch 30 Kilometer zu überbrücken – wohlgemerkt, im Auto! Man merkt hier, und es wird sich bestätigen: Dieser Film strotzt vor einem solchen Übermaß an Übertreibung, dass es herrlich konsequent und im Übrigen ein Riesenspaß ist. Obwohl das Auto eine angejahrte Klapperkiste ist und schon mal von einem Fußgänger überholt wird, treten die Zeitverluste vor allem durch absurd häufige Futterpausen ein. Und der Leichenschmaus erst …

Philippe de Broca war alles andere als ein Nouvelle-Vague-Regisseur, eher ein Eskapismus-Spezialist, bei dem etwa Jean-Paul Belmondo in Kostümfilmen („Cartouche, der Bandit“, 1962) und Agentenabenteuern („Abenteuer in Rio“, 1964) den (Frauen-)Helden geben durfte. Nun eben Lebenslust als Fresslust. Gerade die Tatsache, dass es diesmal um wenig anderes geht und sowohl die Boshaftigkeit von „Zorn“ als auch die Moral von „Neid“ fehlen, macht den Film zu einem wunderbar überspitzten Vergnügen. Wobei man eine gewisse Boshaftigkeit darin sehen mag, dass die Völlerei eben auch tödlich sein kann. Es heißt, Papa sei gestorben, weil er sich den Magen verdorben habe, und beim „Gedenken“ ist ausschließlich von seinen Künsten bei der Herstellung und dem Genuss von Speisen die Rede. Man ahnt also, dass seine Magenverstimmung eher quantitativ als qualitativ bedingt war. Ob sich das Schicksal wiederholen wird? Es gibt eine Andeutung, aber wichtiger ist: Alles ist Nahrungsaufnahme, weil das Leben damit nicht nur aufhört, sondern schon anfängt. „Ich esse, also bin ich“ (Bud Spencer). Essen ist Leben, und dazu gehört, dass es tödlich ist. Denn niemand, der je gegessen hat, ist nicht gestorben. Also kann man auch in die Vollen gehen.

Den Beginn des „Circle of Food“ illustriert die Episode mit einem Bild, das niemals in einen US- oder deutschen Film dieser Zeit gekommen wäre: ein an der Mutterbrust säugendes Baby. Und das ist nur ein Vorgeschmack auf die Nacktheit, die im Folgenden zu sehen sein wird.

Wollust

Der Backcover-Text der DVD benennt diese Episode mit „Lust“ (und verwechselt sie mit „Neid“). Offizielle deutsche Einzeltitel scheinen nicht zu existieren; „La luxure“ lässt sich mit „Wollust“ oder „Lüsternheit“ übersetzen. Die deutsche Synchronisation schwankt bei der Episode von Jacques Demy (14 Min.) zwischen beidem. Sie ist übrigens insgesamt sehr gut und kennt beispielsweise in Episode 3 noch den korrekten Konjunktiv „brauchten“ statt des neumodischen „bräuchten“. Hier beißt sie sich aber an der Unübersetzbarkeit notgedrungen die Zähne aus, wenn das Französische mit der sprachlichen Nähe von „luxure“ und „luxe“ (Luxus) spielt.

Zwei Bohemiens in Paris. Jacques (Laurent Terzieff) geht jedem Rock nach, Bernard (Jean-Louis Trintignant) scheint zurückhaltender. Bei einem Gespräch berichtet Bernard – durch eine Rückblende illustriert – von einem kolossalen kommunikativen Missverständnis: Er habe nicht verstanden, was „luxure“ eigentlich sei, sodass er den Luxus für eine Todsünde gehalten habe. Hier taucht der Film ins erzkatholische traditionelle Frankreich ein, in dem der Pfarrer den Erstkommunionskindern die Gefahr der Todsünden eintrichtert, ohne sie zu erklären. Auch in Bernards spießiger Familie scheint es die größte Sünde, über die Wollust überhaupt nur zu reden, statt sie zu verstehen oder gar zu praktizieren. Die daraufhin schuldlos absurden Gedankengänge des kleinen Bernard sind eine Klasse für sich, da sie von falschen Annahmen ausgehend absolut konsequent sind – dazu gibt’s reichlich dionysisch-fellinieske Bilder einer Luxushölle mit Feuer, Skeletten und jeder Menge Nackter. In der Jetzt-Zeit imaginierte reale Frauen als nackte Figuren nach dem Maler Hieronymus Bosch kommen hinzu – der Film ist eine Orgie an kunstvollen „Set Pieces“, die sich bei allem Gewagten gleichwohl nie anbiedern.

Bosch oder Bilder der eigenen Wollust?

Am Ende hat Bernard verstanden, was „luxure“ ist, aber das reine Wissen scheint ihm zu genügen. Oder nicht? Das Finale gefällt mit zurückhaltender Ambivalenz, was das ansonsten expressiv bebilderte Segment zusätzlich aufwertet.

Trägheit

Bei „La paresse“ (12 Min.) hat einer der wichtigsten Vertreter und Mitbegründer der Nouvelle Vague Regie geführt: Jean-Luc Godard. Eddie Constantine, der später für Godard in „Lemmy Caution gegen Alpha 60“ (1965) die Titelrolle übernahm, spielt sich selbst. Eine Schauspielkollegin (Nicole Mirel laut IMDb als sie selbst, obwohl nie ein Rollenname genannt wird) möchte den offenbar ungleich berühmteren Constantine aufreißen. Und nach Mainstream-Maßstäben sieht sie verdammt scharf aus und hat, als es schließlich zum Liebesakt kommen soll, eine erst mit Unterwäsche und dann gar nicht mehr bekleidete Traumfigur. Sie serviert sich ihm quasi auf dem Silbertablett – wenn er nur nicht so faul wäre … Dass die Dame es dem Herrn extrem leicht macht und alle Klischees einer Männerfantasie maximal bedient, ist natürlich Programm zwecks Herstellung des größtmöglichen Kontrasts zur titelgebenden Todsünde. Darum ist diese Farce so gelungen wie lustig statt sexistisch. Und dann erst die Auflösung! Ist es nicht geradezu moralisch, wenn eine der angeblichen Todsünden alle anderen zu verhindern in der Lage ist? Dies fragt der Film, und anders als die ebenfalls moralische Episode „Neid“ tut er es mit Augenzwinkern, Ironie und ohne definitive Antwort. Daher im Vergleich die bessere Episode.

Ohne Godard-Kenner zu sein, fällt auf, dass der noch junge Mann mit dem „Wir spielen uns selbst“-Kniff seine späteren Durchbrechungen der vierten Wand vorwegnimmt – so enthält „Die Verachtung“ (1963) beispielsweise Reflexionen über das Medium Film, vorgetragen von niemand Geringerem als Fritz Lang. Und ein paar scheinbar geradezu amateurhaft schlechte Kadrierungen illustrieren wohl nur die Gleichgültigkeit Constantines. Was ist an einem sich ins Straßenbild schiebenden Armaturenbrett während einer Autofahrt eigentlich interessant, zumal es große Teile der Straße verdeckt, aber auch nicht umgekehrt komplett in den Fokus rückt? Wir wissen es nicht, aber das ist eben der Blick Constantines, und er weiß es auch nicht. Ihm ist alles egal, so ist die Trägheit. Aber der Zuschauer weiß etwas oder fühlt es zumindest: Das ist eine der besten Episoden.

Hochmut

Roger Vadim, durch „Und immer lockt das Weib“ (1956) mit seiner damaligen Ehefrau Brigitte Bardot immens berühmt geworden, inszeniert in „L’orgueil“ (17 Min.) einen herrlich verwickelten Affärenreigen. Soviel sei verraten: Eine Frau, die selbst eine Affäre hat, verzeiht ihrem Mann die seine nicht. Ähnlich der vorherigen Episode gibt’s einen Hinweis auf die Moral von der Geschicht’, in der die ironischen Zweifel bereits enthalten sind.

Er hat keine Frau, aber sie einen Mann und dieser eine Geliebte

Dies ist ein in der Mise en Scène ausgezeichneter Kurzfilm, in dem die Kamera die Breitwand nutzt, wie das sonst in keiner Episode zu finden ist. Gegenstände, das Sich-verstecken-müssen, das in jeder Hinsicht Separierende von natürlichen vertikalen Bildtrennungen, die Film-noir-artig und leicht von unten fotografierte Fluchtperspektive eines nächtlichen Zuges, der den außerehelich Liebenden die Flucht ermöglichen könnte. Ein Liebesakt im Hinterzimmer eines Kaufhauses, in dem mit jeder Menge Symbolik die Schaufensterpuppen für das reale Pärchen stehen, inklusive full frontal nudity. Aber die Puppen sind auch kaputt: Die Arme fehlen, und die Puppenfrau wird tatsächlich den Kopf verlieren, wenn die echte Frau dies metaphorisch von sich sagt. So kann man sich nicht liebend in den Arm nehmen … Von Bildgestaltung und filmischem Raum versteht die Episode enorm viel, und die Geschichte drängt sich nicht auf, sondern wirkt nach.

Geiz

Schade! Ohne ein schlechter Film zu sein, lässt „L’avarice“ (17 Min.) Wünsche offen, und das bei einem Regisseur wie Claude Chabrol. Wie Godard gehörte er der Kritikerclique der legendären französischen Filmzeitschrift „Cahiers du cinéma“ an, die Ende der 1950er-Jahre selbst Filme zu drehen begann – die Nouvelle Vague war geboren. Wobei Chabrol vielleicht ein etwas untypischer Vertreter war, der spätestens ab ca. 1968 mit großer Hochachtung vor klassischen Meistern wie Alfred Hitchcock meist die Abgründe des gehobenen französischen Bürgertums auslotete. Er hatte selbst gesagt, dass dann erst sein Hauptwerk begann. Vorher war er noch in einer Findungsphase, wirkt sein Werk inkohärent. Das muss gar kein Nachteil sein und manche seiner frühen Filme sind grandios, aber diese Episode wirkt halbgar. In der Interview-Sammlung der „Conversations With Filmmakers“-Serie (Claude Chabrol: Interviews, hrsg. v. Christopher Beach, 2020) findet man dann auch wenige Worte des Regisseurs zu ihr: Er hätte lieber „Neid“ gewollt, aber „Geiz“ bekommen. Und er schätzte die Hauptdarstellerin Danièle Barraud, die die Prostituierte Suzon spielt. So 1963, und leider hatte Mademoiselle Barraud weder davor noch danach je eine Filmrolle. Chabrol hat aber schon recht, dass sie eine Wahrhaftigkeit und Anständigkeit transportiert, die bei einer „Professionellen“ zunächst überraschen mag und die das andeutungsweise romantische Ende glaubwürdig erscheinen lässt. Das kann man schätzen, aber man ist vom Regisseur Gemeineres gewohnt. Auch gemessen an den sechs vorherigen Episoden wäre ein Plus an Komik, Bitterkeit, Sarkasmus oder einer Kombination nicht schlecht gewesen.

Vor allem aber: Was, bitte schön, hat das Folgende mit Geiz zu tun? Ein paar Jungspunde von der Ecole Polytechnique sehen eine Prostituierte im Cadillac, die 50.000 Francs koste. So viel haben sie nicht, aber man könne sie täglich an derselben Stelle wiedertreffen.

Oh là là, was kosten Sie denn?

Nun legen 25 Studenten je 2.000 Francs auf den Tisch und losen aus; den „Hauptgewinn“ zieht der Unschuldigste von allen, der schüchterne Antoine (Jacques Charrier). Der Fortgang gestaltet sich warmherzig, aber das hat nichts mit Geiz zu tun, den man sich entgegen unserer Clique ja erst leisten können muss. Dass Chabrol eine andere Todsünde verfilmen wollte, lässt sich leicht vorstellen.

Dies trübt den Blick auf „Die sieben Todsünden“ aber kaum. Der Gesamtfilm offenbart ein Füllhorn von interessanten und mitunter äußerst lustigen Einblicken, dabei von Wagemut und innovativem Erzählen junger französischer Filmkünstler zeugend.

Abschließend mein Ranking, wobei die ersten fünf Plätze recht eng beieinanderliegen und ich, wie oben ersichtlich, nur bei „Neid“ und „Geiz“ Einwände nicht völlig unerheblichen Gewichts erhoben habe.

Platz 1: Zorn (Episode 1)
Platz 2: Trägheit (Episode 5)
Platz 3: Völlerei (Episode 3)
Platz 4: Hochmut (Episode 6)
Platz 5: Wollust (Episode 4)
Platz 6: Neid (Episode 2)
Platz 7: Geiz (Episode 7)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Claude Chabrol haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Jean-Louis Trintignant unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 20. Mai 2022 als DVD

Länge: 109 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch
Untertitel: Deutsch bei einer nicht synchronisierten Szene
Originaltitel: Les 7 péchés capitaux
F/IT 1961
– Zorn (La colère): Regie: Sylvain Dhomme und Max Douy, Drehbuch: Eugène Ionesco, Besetzung: Marie-José Nat, Perrette Pradier, Dominique Paturel, Jean-Marc Tennberg, Nane Germon
– Neid (L’envie): Regie: Edouard Molinaro, Drehbuch: Cualde Mauriac, Besetzung: Dany Saval, Claude Brasseur, Geneviève Casile, Jean Murat, Jacques Monod
– Völlerei (La gourmandise): Regie: Philippe de Broca, Drehbuch: Daniel Boulanger, Besetzung: Georges Wilson, Marcelle Arnold, Paul Préboist, Magdeleine Berubet
– Wollust (La luxure): Regie und Drehbuch: Jacques Demy, nach einer Idee von Roger Peyrefitte, Besetzung: Jean Desailly, Micheline Presle, Laurent Terzieff, Jean-Louis Trintignant
– Trägheit: Regie und Drehbuch: Jean-Luc Godard, Besetzung: Eddie Constantine, Nicole Mirel
– Hochmut: Regie und Drehbuch: Roger Vadim, Besetzung: Marina Vlady, Sami Frey, Jean-Pierre Aumont, Michèle Girardon
– Geiz (L’avarice): Regie: Claude Chabrol, Drehbuch: Félicien Marceau, Besetzung: Daniele Barraud, Jean-Pierre Cassel, Jacques Charrier, Claude Rich, Sacha Briquet, Jean-Claude Brialy
Zusatzmaterial: Booklet mit einem Nachdruck der Illustrierten Film-Bühne, Trailershow, Wendecover
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2022 by Tonio Klein

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2022 Pidax Film

 

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