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Black Cinema Collection (4): Ghetto Busters – Jack Spade gegen Mr. Big

01 Jun

I’m Gonna Git You Sucka

Von Andreas Eckenfels

Komödie // In einem „x-beliebigen Ghetto in den USA“ wird die Leiche von Junebug Spade gefunden. Für die Polizei ist die Todesursache des jungen Mannes klar: „schwere Goldvergiftung“! Ein weiterer Süchtiger, den das Goldfieber gepackt hat. Schließlich sprechen die massig um seinen Körper baumelnden Goldketten eine deutliche Sprache.

Kaum haben seine Frau Cheryl (Dawnn Lewis) und seine Mutter Belle (Ja’net DuBois) ihren Mann beziehungsweise Sohn unter die Erde gebracht, erhalten sie in ihrer Wohnung Besuch von zwei Ganoven. Leonard (Damon Wayans) und Willie (Kadeem Hardison) fordern von den Trauernden 5.000 Dollar ein, die ihnen Junebug angeblich geschuldet habe. Zum Glück kann die schlagkräftige Belle die zwei tumben Handlanger des Unterweltbosses Mr. Big (John Vernon) in die Flucht schlagen. Kurz darauf trifft auch Junebugs Bruder Jack (Keenan Ivory Wayans) ein. Der Veteran will das Recht in die eigene Hand nehmen. Er beschließt, gegen Mr. Big zu Felde zu ziehen, der das Viertel mit seinen funkelnden Goldketten überschwemmt. Jack gelingt es sogar, eine echte Legende aus dem Ruhestand zu holen und als Mitstreiter zu gewinnen: John Slade (Bernie Casey) hatte die Nachbarschaft bereits vor ein paar Jahrzehnten vom Verbrechen gesäubert. Slade trommelt zusätzlich noch seine alten Kameraden Hammer (Isaac Hayes), Slammer (Jim Brown) und Kung Fu Joe (Steve James) zusammen, die ebenfalls bereit sind, Mr. Big und seinen Schergen den Krieg zu erklären.

Beliebte Parodien

Wie bitte? Schwere Goldvergiftung? Das können die doch nicht ernst meinen? Richtig! Bei „Ghetto Busters“ (1988) sollte man rein gar nichts ernst nehmen – es handelt sich schließlich um eine handfeste Parodie, neuerdings auch „Spoof“ genannt, auf das Blaxploitation-Kino der 1970er-Jahre – also auch bestens in der „Black Cinema Collection“ von Wicked Vision aufgehoben. Inszeniert wurde die Komödie von dem damaligen Regiedebütanten und Hauptdarsteller Keenen Ivory Wayans, der 2000 und 2001 mit den ersten zwei „Scary Movie“-Teilen Erfolge feiern konnte, welche wiederum die Mitte der 1990er-Jahre Horror-Retrowelle persiflierte, die mit „Scream – Schrei“ (1996) begann.

Bei weitem nicht die erste, aber dennoch eine der bekanntesten Filmparodien ist „Abbott und Costello gegen Frankenstein“ (1948) bei dem das Comedy-Duo unter anderem auf Frankensteins Monster, Dracula, den Wolfsmenschen und den Unsichtbaren treffen. Die „Universal Monster“ wurden sogar von den damaligen Stars Glenn Strange („Frankensteins Haus“, 1944), Bela Lugosi („Dracula“, 1931), Lon Chaney Jr. („Der Wolfsmensch”, 1941) dargestellt – zudem lieh im Original kein Geringerer als Vincent Price dem „Unsichtbaren“ seine Stimme.

Jack Spade erklärt Unterweltboss Mr. Big den Krieg

Von 1958 bis 1978 zog die britische „Ist ja irre“-Reihe (im Original „Carry On“) diverse bekannte Filmgeschichten durch den Kakao. Inklusive des 1992 entstandenen Nachzüglers „Mach’s nochmal, Columbus“ wurden nach einer Idee von Gerald Thomas 30 Parodien produziert. Anfang der 1980er-Jahre dekonstruierte das Trio David Zucker, Jim Abrahams und Jerry Zucker, kurz „ZAZ“, höchst erfolgreich gängige Genrekonventionen, darunter den Katastrophenfilm mit „Die unglaubliche Reise in einem verrücken Flugzeug“ (1980), den Agentenfilm mit „Top Secret!“ (1984) und natürlich den Polizeifilm mit der „Die nackte Kanone“-Trilogie (1988–1994) mit dem unvergessenen Leslie Nielsen († 2010) als trotteliger Lieutenant Frank Drebin. Zu erwähnen sind außerdem „Tote tragen keine Karos“ (1982) von Carl Reiner und die „Star Wars“-Persiflage „Spaceballs“ (1988) von Mel Brooks.

In Deutschland machten sich Oliver Kalkofe, Oliver Welke und Bastian Pastewka mit „Der Wixxer“ (2004) und „Neues vom Wixxer“ (2007) über die Edgar-Wallace-Krimis der 60er- und 70er-Jahre liebevoll lustig. Ebenso lockte Michael „Bully“ Herbig mit „Der Schuh des Manitu“ (2001) und „(T)Raumschiff Surprise – Periode 1“ (2004) die Massen zum Lachen in die Kinos.

Vorbild Richard Pryor

At a young age, watching Richard Pryor guest star on the „Dinah Shore Show“ confirmed my love of comedy. It was in that moment, that I became fascinated that this guy could take this horrible moment and make it funny and I knew that I had to be like him. It was my dream. It was my dream to be a comedian. – Als ich in jungen Jahren Richard Pryor als Gaststar in der „Dinah Shore Show“ gesehen habe, bestätigte dies meine Liebe für die Komödie. Es geschah in diesem Moment, dass ich von diesem Typen fasziniert wurde, dass er diesen schrecklichen Moment nehmen konnte und daraus etwas Lustiges machte. Und ich wusste, dass ich wie er sein musste. Es war mein Traum. Es war mein Traum, ein Komiker zu sein!“ So Keenen Ivory Wayans rückblickend über sein großes Vorbild Richard Pryor († 2005) und seinen Traum, ein Stand-up-Comedian zu werden.

Auf den Bühnen seiner Heimatstadt New York City ist ihm wenig Erfolg beschieden, in den 1980ern zieht es Wayans daher nach Hollywood. Zunächst erhält er Miniauftritte in populären TV-Serien wie „Cheers“ oder „CHiPs“, dann gehört er zur Stammbesetzung der kurzlebigen Militärserie „For Love and Honor“ mit Yaphet Kotto. Als er Richard Townsend kennenlernt, geht es für Wayans langsam bergauf. Er schreibt mit ihm das Drehbuch zu „Hollywood Shuffle“ (1987). Eine Satire darüber, wie afroamerikanische Schauspieler in Hollywood behandelt werden. Townsend übernimmt Regie und Hauptrolle.

Allzeit kampfbereit: Kung Fu Joe

Wayans nächstes Projekt führt ihn mit dem damaligen Superstar Eddie Murphy zusammen. Townsend führt bei dem Stand-up-Comedy-Special „Eddie Murphy Raw“ (1987) die Regie und Wayans produziert und schreibt den Opening-Sketch. Danach ist es für ihn an der Zeit, endlich seinen ersten Film zu drehen. Angeblich gibt ihm Eddie Murphy nicht nur die Idee für eine Parodie auf die Blaxploitation-Ära mit auf den Weg. Auch der Originaltitel entspringt einem Einfall des „Beverly Hills Cop“-Stars: „I’m Gonna Git You Sucka“. Dagegen stinkt der deutsche Titel „Ghetto Busters“ natürlich mächtig ab.

Gags am laufenden Band

Ich frag’ mich nur, wie er mit dem ganzen Geklimper aufs Klo gegangen ist? So lautet einer der ersten Running Gags des Films, als Junebug Spade mit seinen zahlreichen Goldketten gefunden wird. Der Fiesling Mr. Big streichelt nicht wie Bond-Widersacher Ernst Blofeld eine Katze, sondern er krault stattdessen liebevoll einen Klumpen Gold, welchen er auf seinem Schoß bettet. Das Suchtmittel, mit dem er die Jugend kaputt macht, Gold statt Drogen. Bei einem Jugendbandenwettbewerb müssen die Gangs in kürzester Zeit einen Wagen zerlegen oder mit ihrer Beute vor der Polizei fliehen. Und wie Mutti Spade den Ganoven die Leviten liest, später in einer Kneipe die bösen Buben verprügelt – dabei in den Kampfszenen voller Absicht sichtbar von einem männlichen Stuntman gedoubelt wird –, ist ein großes Vergnügen. Und wenn sich am Ende John Slade und seine Männer kurz vor dem Showdown die Taschen mit hochkalibrigen Waffen jeder Größe vollstopfen, darf natürlich dazwischen auch ein leckeres Sandwich nicht fehlen – falls der Rachetrip mal wieder länger dauert. Ich will nicht noch mehr witzige Szenen nacherzählen, am besten, ihr schaut sie euch selbst an.

Ein weiterer Pluspunkt: Ähnlich wie in „Abbott und Costello treffen Frankenstein“ konnten auch einige große Stars des Blaxploitationkinos gewonnen werden. Bernie Casey („Visum für die Hölle“, 1972), Isaac Hayes (Musik zu „Shaft“, 1973) und Jim Brown („Slaughter“, 1972) hatten offensichtlich großes Vergnügen daran, ihre damaligen Rollen zu persiflieren. Dazu darf Antonio „Huggy Bear“ Fargas („Straße zum Jenseits“, 1972) extravagante „Pimp“-Klamotten tragen, passend dazu Schuhe samt Aquarium mit einem Goldfisch darin! Auch der früh verstorbene Steve James („American Fighter“, 1985) sorgt als Möchtegern-Bruce-Lee für einige schräge Momente.

Albernheiten, Slapstick-Einlagen und Dialogwitz – alles befindet sich im Regiedebüt von Keenen Ivory Wayans in bester Balance. Man merkt, dass er das Blaxploitation-Kino mitsamt seiner Stereotypen und Konventionen sehr gut kennt und wunderbar mit diesen spielt und sie ausschlachtet. Gleichzeitig gelingt ihm aber auch das, was eine gute Parodie ausmacht: Der Film ist eine schöne Hommage an diese besondere Filmära und die Generation der 70er-Jahre. Wayans „Ghetto Busters“ steckt voller kreativer Ideen. Hier musste er noch nicht wie später in „Scary Movie“ (2000) oder „White Chicks“ (2004) auf lahme Furz- oder Ekel-Gags zurückgreifen, um dem Publikum ein paar billige Lacher abzuringen.

Auch Slammer (l.) und Hammer (r.) stehen Jack Spade zur Seite

„Ghetto Busters“ kann fraglos mit den oben genannten Parodie-Klassikern in einem Atemzug genannt werden. Ein großer Spaß! Dabei soll nicht unterschlagen werden, dass einige Jahre später ein ebenfalls gelungener Spoof auf die Blaxploitation-Ära entstanden ist, der mehr auf den Retro-Charme und Action setzt: „Black Dynamite“ (2009) von Scott Sanders mit Michael Jai White in der Titelrolle.

Familienbande

Die Liebe zur Komödie gab Keenan Ivory Wayans an seine Familie weiter. Von 1990 bis 1994 hatten die Wayans’ mit „In Living Color“ eine eigene Sketch-Comedy-Show bei der unter anderem auch Jamie Foxx und Jim Carrey regelmäßig im Ensemble dabei waren. Bruder Damon hatte bereits in „Ghetto Busters“ eine kleine Rolle, nach „Last Boy Scout – Das Ziel ist überleben“ (1991), „Meh’ Geld“ (1992) und „Auf Kriegsfuß mit Major Payne“ (1995) war er wohl der bekannteste Vertreter der Sippschaft. Die weiteren Brüder Shawn und Marlon wirbelten mit Schwester Kim durch „Hip Hop Hood – Im Viertel ist die Hölle los“ (1996), eine Parodie auf die Bandenfilme der 1990er-Jahre wie „Boyz n the Hood“ (1991) und „Menace II Society“ (1993). Mit Shawn und Marlon in den Hauptrollen inszenierte Keenan Ivory Wayans später „White Chicks“ (2004) und „Little Man“ (2006). Beide Machwerke erreichten bei weitem nicht die hohe Dichte gelungener Scherze von „Ghetto Busters“. Auch Keenan Ivorys Neffen Damon Jr. („New Girl“, „Let’s be Cops – Die Party Bullen”) und Damien Dante sind im Filmgeschäft tätig.

1991 konnte Keenan Ivory Wayans im TV-Special „A Party for Richard Pryor“ seinem großen Vorbild Richard Pryor persönlich erzählen, was er ihm bedeutet hat. Die Moderation für die Tributshow übernahm damals Eddie Murphy. Beide Stars und sein eigenes Talent waren maßgeblich für Wayans’ Comedy-Karriere verantwortlich.

Die Filme der „Black Cinema Collection“ der Wicked Vision Distribution GmbH haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt.

Veröffentlichung: 23. April 2021 als 2-Disc Special Edition (Blu-ray & DVD, limitiert auf 1.500 Exemplare)

Länge: 88 Min. (Blu-ray), 84 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: I’m Gonna Git You Sucka
USA 1988
Regie: Keenen Ivory Wayans
Drehbuch: Keenen Ivory Wayans
Besetzung: Keenen Ivory Wayans, Bernie Casey, Antonio Fargas, Steve James, Isaac Hayes, Jim Brown, Ja’net DuBois, Dawnn Lewis, John Vernon, Clu Gulager, Damon Wayans, Kadeem Hardison
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Dr. Gerd Naumann und Christopher Klaese, Featurette „Blaxploitation Legacy“ mit PD Dr. Andreas Rauser, Behind the Scenes #1 (4:35 Min.), Behind the Scenes #2 (5:36 Min.), Originaltrailer, Bildergalerie, 32-seitiges Booklet mit einem Text von Christoph N. Kellerbach, Wendecover
Label/Vertrieb: Wicked Vision Distribution GmbH

Copyright 2022 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2021 Wicked Vision Distribution GmbH

 

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