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Zum 75. Geburtstag von Robert Englund: Phantom der Oper (1989) – In Freddy Kruegers Schatten

06 Jun

The Phantom of the Opera

Von Volker Schönenberger

Pray for them who giveth their immortal soul unto Satan… For each is damned to relive that wretched life… through all times. – Betet für die, welche ihre unsterbliche Seele Satan überantwortet haben … Denn jede ist verdammt, das elendige Leben wieder und wieder zu leben … bis in die Ewigkeit. (Texteinblendung zu Beginn des Films, laut dieser von „St. Jean Vitius of Rouen“ am 7. März 1544 niedergeschrieben, dem Tag seiner Exekution. Tatsächlich eine fiktive Figur.)

Horror // Wer Robert Englund sagt, muss auch Freddy Krueger sagen. Englund verkörpert den entstellten Wüterich mit Klingenhandschuh, Schlapphut und Ringelpulli erstmals 1984 in Wes Cravens „Nightmare – Mörderische Träume“ und bis 1991 in fünf Fortsetzungen. In der sechsten, „Freddy’s New Nightmare“ (1994) betitelten, wirkt der am 6. Juni 1947 im kalifornischen Glendale Geborene sogar in einer Doppelrolle mit: Er spielt zum einen natürlich Freddy Krueger, zum anderen aber sogar sich selbst, da Craven den Film als ironische Reflexion der Reihe konzipierte, in der das Kino in die Realität herüberschwappt. Von 1988 bis 1990 spielt Englund den Schlitzer auch in der Anthologie-Serie „Freddy’s Nightmares“. Nach dem Crossover „Freddy vs. Jason“ (2003) mit der „Freitag, der 13.“-Reihe ist für ihn aber Schluss. Englund bleibt jedoch so untrennbar mit Freddy verbunden, dass Jackie Earle Haleys Neuinterpretation im Reboot „A Nightmare on Elm Street“ (2010) bei den Fans durchfällt und trotz Erfolgs an den Kinokassen keine Fortsetzungen folgen.

Komponist Erik Destler will sein …

Robert Englunds Filmografie ist mit 170 IMDb-Einträgen durchaus beachtlich. Seine Karriere läuft Mitte der 1970er-Jahre mit kleinen Rollen an, wobei Tobe Hoopers „Eaten Alive – Im Blutrausch“ (1976) auch gleich eine erste Berührung mit dem Horrorgenre bedeutet. Diesem bleibt er stets verbunden, spielt nach dem Freddy-Krueger-Ruhm beispielsweise in den Fanlieblingen „Wishmaster“ (1997) und „Hatchet“ (2006). Eine bedeutsame Rolle hat Englund in den Science-Fiction-Fernsehserien „V – Die außerirdischen Besucher kommen“ (1984) und „V – Die außerirdischen Besucher kommen zurück“ (1984–1985). Auch zum Trash hat er keine Berührungsängste, wie sein Mitwirken in „Zombie Strippers!“ (2008), „Strippers vs Werewolves“ (2012) und „Lake Placid vs. Anaconda“ (2015) belegt. Weit übers Rentenalter hinaus ist er weiterhin vor der Kamera aktiv. Am 6. Juni 2022 feiert Robert Englund seinen 75. Geburtstag.

… entstelltes Antlitz verbergen

Auf der Höhe seines Freddy-Krueger-Ruhms übernahm er 1989 die Rolle eines anderen entstellten Meuchelmörders: der Titelfigur des 1909 und 1910 in Fortsetzungen in einer französischen Zeitung veröffentlichten Romans „Das Phantom der Oper“ von Gaston Leroux (1868–1927). Die berühmteste Verfilmung ist zweifellos die von 1925 unter der Regie von Rupert Julian (mit ungenannter Unterstützung von Lon Chaney, Ernst Laemmle und Edward Sedgwick) mit Lon Chaney („Der Glöckner von Notre Dame“) als Phantom. Terence Fisher adaptierte das Buch 1962 für die englische Produktionsfirma Hammer Films, der deutsche Titel lautet „Das Rätsel der unheimlichen Maske“, als Phantom trat Herbert Lom („Der Schatz im Silbersee“) in Erscheinung. 1998 nahm sich Dario Argento des Stoffs an, Julian Sands („Warlock – Satans Sohn“) gab das Phantom.

Martin Barton umsorgt die Diva La Carlotta

Die Handlung von „Phantom der Oper“ (1989) von Dwight H. Little („Tekken“) setzt im New York City der Entstehungszeit des Films ein. Die junge Sängerin Christine Day (Jill Schoelen) hofft auf eine Karriere am Broadway. Für ein Vorsingen sucht sie nach einem außergewöhnlichen Musikstück, das sie aus der Masse hervorstechen lässt. In den Archiven der New Yorker Bibliothek entdeckt ihre Freundin und Managerin Meg (Molly Shannon) eine alte Partitur mit dem Titel „Don Juan Triumphant“ des unbekannten Komponisten Erik Destler. Genau das Richtige fürs Vorsingen, das jedoch anders als erwartet verläuft: Während Christine gerade ihre Arie darbietet, wird sie von einem Gegengewicht des Bühnenvorhangs getroffen. Als sie aus der Bewusstlosigkeit erwacht, befindet sie sich im viktorianischen London des 19. Jahrhunderts, wo sie am dortigen Opernhaus ein Engagement als Zweitbesetzung der weiblichen Hauptrolle der Oper „Faust“ von Charles Gounod innehat. Christine ahnt nicht, dass sie ins Blickfeld des Komponisten Erik Destler (Robert Englund) geraten ist, der mit entstelltem Gesicht in den Katakomben des Opernhauses haust. Destler will Christines Karriere vorantreiben, und das mit allen Mitteln, auch mörderischen. So gilt es, Christine von der Zweit- zur Erstbesetzung zu machen und die vom Opernhausdirektor Martin Barton (Bill Nighy, „Tatsächlich … Liebe“) präferierte Diva La Carlotta (Stephanie Lawrence) aus dem Weg zu räumen.

Im Garderobenschrank verbirgt sich etwas

Produziert von Menahem Goland und Harry Alan Towers, überzeugt „Phantom der Oper“ mit üppiger Ausstattung und Kostümierung. Das viktorianische London wird lebendig, in einigen schaurigen Szenen meint man gar, gleich komme Jack the Ripper um die Ecke. Als Kind seiner Zeit und mit diesem Hauptdarsteller musste sich die Titelfigur allerdings zwangsläufig mit Freddy Krueger messen, und daran scheitert sie ebenso zwangsläufig. Englund gibt sich alle Mühe, Erik Destler mit geschliffenen Dialogen Profil zu verleihen und das Phantom nicht nur als eindimensionalen Bösewicht erscheinen zu lassen. Destler hat Stil, es mangelt ihm aber an der hemmungslosen Bösartigkeit Freddy Kruegers. Die braucht der Film an sich zwar gar nicht, aber Ende der 80er-Jahre erwarten wir sie nun mal von einem entstellten Mörder, den Robert Englund spielt. Das Freddy-Krueger-Erbe kann eben manchmal auch eine Last sein.

Mit Leidenschaft bis hin zum Mord fördert das Phantom die Karriere …

Das Mediabook von capelight pictures kommt einmal mehr wertig daher, wenn auch mit Ausnahme des Audiokommentars von Regisseur Dwight H. Little ohne nennenswertes Bonusmaterial auf den Scheiben. Dafür gibt es im Booklet einen überaus unterhaltsamen Text des renommierten englischen Filmjournalisten und -dozenten Calum Waddell, der darin seine diversen Gespräche mit Robert Englund Revue passieren lässt. Das passt gut zum 75. Geburtstag des Freddy-Krueger- und Erik-Destler-Darstellers. „Phantom der Oper“ war an den Kinokassen kein Erfolg beschieden, weshalb aus einer geplanten Fortsetzung nichts wurde. Das Werk erreicht nicht den Klassikerstatus der besten „Nightmare“-Filme oder gar der besten Verfilmungen von Leroux’ Roman, macht in Englunds Filmografie aber keine miese Figur.

… der jungen Christine Day

Die als „Limited Collector’s Edition” von capelight pictures veröffentlichten Filme haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Robert Englund und Bill Nighy haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Mit dem Phantom legt man sich besser nicht an

Veröffentlichung: 6. Mai 2022 als 2-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD) und DVD, 9. Oktober 2012 als Blu-ray und DVD

Länge: 93 Min. (Blu-ray), 89 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: The Phantom of the Opera
USA/GB/UNG 1989
Regie: Dwight H. Little
Drehbuch: Duke Sandefur, Gerry O’Hara, nach dem Roman von Gaston Leroux
Besetzung: Robert Englund, Jill Schoelen, Alex Hyde-White, Bill Nighy, Stephanie Lawrence, Terence Harvey, Nathan Lewis, Peter Clapham, Molly Shannon, Emma Rawson, Mark Ryan, Yehuda Efroni, Terence Beesley
Zusatzmaterial 2022: Audiokommentar von Regisseur Dwight H. Little, deutscher und englischer Trailer, nur DVD: Wendecover, nur Mediabook: 24-seitiges Booklet
Label 2022: capelight pictures
Vertrieb 2022: Al!ve AG
Label 2012: Infopictures
Vertrieb 2012: Ascot Elite Home Entertainment

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Doppel-Packshot: © 2022 capelight pictures

 

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